Protokoll der Sitzung vom 30.01.2013

Das Problem ist einfach, dass uns viele Lehramtsstudierende fragen, wieso der Praxisbezug eigentlich so spät kommt und wieso sie nicht zu einem frühen Zeitpunkt im Studium Gelegenheit haben, an den Schulen für einen längeren Zeitraum Erfahrungen dazu zu sammeln, was es bedeutet, diesen herausfordernden Beruf des Lehrers und der Lehrerin an unseren Schulen auszuüben. Es wird gefragt, warum sie nicht die Chance haben, praktische Erfahrungen zu machen und mit diesen Erfahrungen wieder an die Hochschulen zurückzugehen, um sich das theoretische Rüstzeug zu holen, das sie für ihre praktische Arbeit brauchen.

Deshalb ist es richtig und sinnvoll, dass wir beide Phasen der Lehrerausbildung – die theoretische und die praktische – nicht mehr strikt trennen und nacheinander machen, sondern sie verzahnen und zu einem frühen Zeitpunkt im universitären Studium ein Praxissemester einführen, meine Damen und Herren.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Clemens Reif (CDU))

So schaffen wir es, dass junge Menschen sehr früh Erfahrungen dazu machen können, was es bedeutet, Lehrer zu sein. Sie machen sehr früh Erfahrungen dazu, was sie noch

brauchen. Sie können aber auch sehr früh die Erfahrung machen, dass es vielleicht doch nicht der richtige Beruf für sie ist – die Anforderungen sind vielleicht zu hoch oder nicht so, wie man sie sich vorgestellt hätte –, sodass sie vielleicht noch wechseln können und nicht erst nach vielen Jahren am Ende ihrer universitären Ausbildung feststellen: Hätte ich lieber etwas anderes studiert. – Das ist gut für die angehenden Lehrerinnen und Lehrer. Vor allem ist es sehr gut für die Lehrerinnen und Lehrer, die wir anschließend an unseren Schulen haben.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Dr. Frank Blechschmidt (FDP))

Genau aus diesen Gründen haben wir GRÜNE seit Jahren in diesem Haus die Einführung eines Praxissemesters gefordert. Deshalb ist es auch gut, dass sich nach Jahren in diesem Thema auch bei Schwarz-Gelb etwas tut.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Nun sind Sie bereits seit 14 Jahren an der Regierung. Da sei der Hinweis gestattet: Wenn sich alle Expertinnen und Experten seit Jahren einig sind, wie sinnvoll so ein Praxissemester ist, und Sie schon 14 Jahre an der Regierung sind, muss man auch einmal fragen, was Sie in diesen 14 Jahren eigentlich zu diesem Thema gemacht haben. Diese Frage sei dann auch erlaubt.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zu- ruf des Abg. Clemens Reif (CDU))

Nun könnte man ganz hoffnungsvoll sein, als eine Ankündigung von Schwarz-Gelb kam, jetzt ein Praxissemester einführen zu wollen. Da dachte man: Mensch, nach 14 Jahren, in denen sie nichts gemacht haben, wollen sie es jetzt aber schnell nachholen. – Da lohnt aber der Blick ins Kleingedruckte. Es ist mitnichten so, dass die Einführung des Praxissemesters jetzt beschlossen sei. Was steht wirklich im Gesetzentwurf von Schwarz-Gelb, nach 14 Jahren des Nichtstuns?

In dem Gesetzentwurf steht, dass dieses Jahr gar nichts an unseren Hochschulen passiert. Zum Sommersemester 2014 passiert gar nichts an unseren Hochschulen. Zum Wintersemester 2014/2015 passiert an drei von fünf Universitäten in einigen Fachbereichen ein bisschen etwas. Das heißt, erst 14 Jahre nichts tun und dann im Schneckentempo weitermachen. Ein solches Tempo können wir uns in der Bildungspolitik wirklich nicht leisten.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zu- ruf der Abg. Judith Lannert (CDU))

Ich will das noch einmal verdeutlichen. Dieser Landtag hat schon vor über einem Jahr mit den Stimmen von CDU, FDP und GRÜNEN beschlossen, dass wir endlich ein Konzept für die Einführung eines Praxissemesters bekommen. Das Konzept gibt es bis heute nicht. Auch der Gesetzentwurf ist kein Konzept für die Ausgestaltung des Praxissemesters. Dieser Gesetzentwurf sagt, dass in eineinhalb Jahren das Praxissemester an einigen wenigen Hochschulen und für einige wenige Lehrämter erprobt werden soll.

Herr Kollege Irmer, während die anderen Bundesländer, die Sie in Ihrer Rede richtig erwähnt haben, sich mutig auf den Weg machen, das Praxissemester eingeführt haben, wollen Sie hier eine Erprobung beschließen, die in eineinhalb Jahren beginnt. Deutlicher kann man nicht machen, dass diese Regierung erschöpft und verbraucht ist und keine Kraft mehr für die notwendigen Reformen hat.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dieser Gesetzentwurf setzt leider eine unglückliche Tradition fort, die wir von dem Gesetz zur Einführung des Landesschulamtes kennen, nämlich dass dieser Hessische Landtag eine Hülle beschließen soll, deren Ausgestaltung völlig unklar ist. Die wesentlichen Fragen des Praxissemesters, wie es ausgestaltet werden soll, wie die Betreuung der Lehramtsstudierenden an der Schule sein soll, was eine wichtige Frage ist, auch für die Schulen, die sich um die angehenden Lehrerinnen und Lehrer kümmern sollen, all diese Fragen sind völlig unbeantwortet nach 14 Jahren in der Regierung. Meine Damen und Herren, so kann man Bildungspolitik nicht machen.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Diese Fragen sind nicht einfach zu lösen. Viele der Hinweise, die die Kolleginnen und Kollegen der SPD, was die praktische Umsetzung angeht, geben, sind richtig. Aber wir hätten erwartet nach 14 Jahren in der Regierung und über ein Jahr nach dem Beschluss des Landtags, dass es ein solches Konzept geben soll, dass man dann als Regierungsfraktionen nicht nur eine Hülle vorlegt, sondern tatsächlich etwas vorlegt, wie man es umsetzen kann.

Deshalb sagen wir GRÜNE: Gut, dass sich endlich etwas tut. Das ist besser als das Nichts, das wir in den vergangenen 14 Jahren hatten. Aber von der Geschwindigkeit her müssen Sie noch einen Zacken zulegen. Ansonsten bleibt es dabei: Diese Landesregierung ist erschöpft und verbraucht.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zu- ruf des Abg. Alexander Bauer (CDU))

Vielen Dank, Herr Kollege Wagner. Auch das war eine Punktlandung. – Als nächster Redner hat sich Herr Kollege Döweling von der FDP-Fraktion zu Wort gemeldet. Bitte schön, Herr Kollege, Sie haben das Wort.

(Alexander Bauer (CDU): 14 Jahre Opposition sind noch nicht genug für Herrn Wagner!)

Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich glaube, das Einzige, was hier erschöpft ist, ist unsere Geduld mit den Sprüchen des Kollegen Wagner, es würde sich hier nichts tun.

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Der Blick zeigt, diese Landesregierung handelt deutlich und entschlossen mit der Einführung des Praxissemesters. Er zeigt auch noch etwas: Wir haben nicht die Arroganz der GRÜNEN, hier zu sagen, dieser Wege sei der allein selig machende.

(Janine Wissler (DIE LINKE): Das sagt jemand, der Wolfang Greilich zum Vorsitzenden hat!)

Wir nehmen die Bedenken und die Anregungen, die von den Hochschulen in diesem Bereich kommen, durchaus ernst. Deswegen führen wir das als Modellversuch an drei hessischen Hochschulen ein und schauen dann, wie wir es in die Fläche transferieren können. Wir sind sehr guten Mutes, dass das gelingen wird. Wir sagen ganz klar: Der Weg, den wir wählen, ist ein sehr guter Weg dafür.

(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU)

Der Blick zeigt auch eines ganz klar, obwohl Sie sagen, es tut sich nichts. Schauen Sie doch einmal in den Haushaltsplan. Darin stehen schon Mittel zur Vorbereitung und zur Einführung des Praxissemesters. Das ist auch dort, wo es hingehört. Ihr Vergleich zum Landesschulamt hinkt an allen Ecken und Enden. Er zeigt eines: Bei den GRÜNEN gibt es keine hochschulpolitische Kompetenz mehr; denn die Feinheiten der Ausgestaltung des Praxissemesters haben nicht wir von diesem Pult hier vorne aus zu entscheiden, sondern unsere Hochschulen – Hochschulautonomie – im Benehmen mit dem Kultusministerium, wie das in der gesamten Lehrerausbildung in Hessen schon jetzt der Fall ist.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich sage ganz klar: Der höhere Praxisanteil ist ein Anliegen, das uns schon lange umtreibt. Ich will nicht die Annalen gehen und 14 Jahre, oder was weiß ich wie lange, zurückschauen. Ich glaube, das war zu einer Zeit, als noch nicht einmal Herr Kollege Irmer in der Funktion als schulpolitischer Sprecher tätig war und ich schon gar nicht. Deswegen wollen wir hier nicht in der Vergangenheit wühlen.

Für uns gilt der Koalitionsvertrag, den wir zu Beginn dieser Legislaturperiode vereinbart haben. Darin haben wir klar festgelegt: Wir wollen die Lehrerausbildung in Hessen reformieren. Wir wollen das aber mit Bedacht anpacken. Ein erster Schritt war die Reform des Lehrerbildungsgesetzes, was die Länge und Struktur des Referendariats angeht. Das haben wir schon seit geraumer Zeit erledigt.

Ein weiterer Schritt war das von uns allen in diesem Hause so empfundene Anliegen, die Lehrerausbildung besser zu verzahnen, was die erste und zweite Phase angeht, um genau das zu verhindern, was wir entsprechend beklagt haben, was Herr Kollege Irmer aus der Praxis berichtet hat, was viele Studien und wieder jüngst eine Allensbach-Studie festgestellt haben: dass viele junge Lehrerinnen und Lehrer sich beim Eintritt in den Beruf unzureichend vorbereitet fühlen, dass sie sagen, sie bräuchten eine bessere Verzahnung der Phasen in der Praxis, einen stärkeren Praxisbezug.

Um dieses Anliegen anzugehen, haben wir, wie sich das gehört, eine Vielzahl von Gesprächen mit den Hochschulen, mit Lehrerverbänden, mit ganz verschiedenen Experten geführt und sind so zu dem Schluss gekommen, dass wir es auf diesem Wege machen werden, dass wir das Modell des Praxissemesters einführen werden.

Ich glaube, es ist richtig, das so zu tun. Schauen Sie sich die Hochschullandschaft in Hessen an. Es ist nun einmal so, dass die Hochschulen – wir haben sehr gute Hochschulen in dem Bereich, das sage ich auch gleich, die Gutes in der Lehrerausbildung leisten – nicht gleichmäßig in der Fläche verteilt sind. Das führt zu gewissen Problemen in der Praxis. Deswegen ist es richtig, sich die Situation in Nord-, in Mittel- und in Südhessen, im Rhein-Main-Gebiet anzuschauen.

Mit der Goethe-Uni Frankfurt für das Lehramt an Gymnasien, der Liebig-Universität Gießen für das Lehramt an Förderschulen und der Universität Kassel für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen haben wir drei Universitäten gefunden, die gerne an diesem Pilotprojekt teilnehmen werden. Es wäre unseriös, jetzt schon von konkreten Zahlen zu sprechen, die wir im Wintersemester 2014/2015 erwarten können. Aber schauen Sie sich jetzt die Zahlen

auf der Basis von 2011 an. Da hatten wir ungefähr 900 Studierende, die in diesem Bereichen angefangen haben. Das ist bei 4.000 Lehramtsstudierenden in Hessen gut ein Viertel. Das ist eine gute Basis, um entsprechend flächendeckend vorzugehen.

Es ist schon richtigerweise gesagt worden: Wir haben lange darum gerungen und darüber diskutiert, ob man das Praxissemester so justiziabel machen kann, dass man einem jungen Menschen sagen kann, ob er nach dem Praxissemester in den Lehrerberuf gehen kann, oder dass man wirklich ungeeignete Bewerber, die es leider auch immer wieder gibt, ausschließen kann. Wir haben sehr lange darüber diskutiert und sehr viel Expertise eingeholt und sind zu dem Schluss gekommen, dass dies leider nicht justiziabel sein wird.

Aber wir sind eine Koalition, die auf die Erkenntnis der Menschen setzt, die nicht alles vorschreiben möchte. Deswegen setzen wir auf Beratung, auf Ausbildung, auf Mentorinnen und Mentoren, die, wie Kollege Irmer es gesagt hat, die Lehramtskandidaten mit in die Schule nehmen, sie in allen Bereichen des Unterrichts einsetzen, im angeleiteten Unterricht, bei Konferenzen, bei Elternabenden. Ich glaube, das ist ein Weg, der ganz klar dazu führen wird, dass sie, wenn sie unter erfahrenen Fachleuten angeleitet noch einmal darüber nachdenken, möglicherweise sagen: Okay, es ist doch nicht mein Traumberuf, ich hatte es mir in Erinnerung an die Schulzeit anders vorgestellt. – Es kann auch sein, dass sie sagen: Okay, ich kann es mir sehr gut vorstellen, aber ich muss vielleicht noch üben, vor einer Gruppe zu stehen, ich muss meine Sozialkompetenzen noch ein wenig schärfen. – Dann hat der Studierende zu diesem Zeitpunkt zwischen dem 2. und 4. Semester noch alle Zeit, die er dazu benötigt, und kann die weitere Lehrerausbildung erfolgreich bestreiten.

Ich sage Ihnen auch eines ganz klar: Für uns wird es nicht die Experimente geben, die wir gleich sicherlich von der linken Seite dieses Hauses hören werden. Wir wollen weder den Einheitslehrer, noch wollen wir die Einheitslehrerausbildung; denn die Menschen sind nicht gleich. Die Schülerinnen und Schüler sind nicht gleich. Deswegen brauchen wir weder die Einheitsschule noch den Einheitslehrer in Hessen. Das wird dabei bleiben. Genauso werden wir keinen Bachelor- und Masterstudiengang in dieser Legislaturperiode zwangsverpflichtend einführen.

Alles das haben CDU und FDP in Hessen versprochen. Das haben sie gehalten. Das Praxissemester ist einer der letzten Punkte aus unserem Koalitionsvertrag im Bereich Schulpolitik. Daran lassen wir uns von den Menschen in Hessen gern messen. Ich glaube, sie werden das auch anerkennen und gegen Einheitsschule, Einheitsblock und sozialistische Einheit hier in diesem Hause stimmen.

(Beifall bei der FDP und der CDU)

Vielen Dank, Herr Kollege Döweling. – Als nächste Rednerin hat sich Frau Cárdenas von der Fraktion DIE LINKE zu Wort gemeldet. Bitte schön, Frau Kollegin, Sie haben das Wort.

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Zunächst einmal finde ich es löblich, dass die Damen und Herren von CDU und FDP nun doch erkannt haben, dass bei der Lehrerbildung nachgebessert werden muss. Letztes Jahr wurde das Lehrerbildungsgesetz zwar novelliert, aber schon damals sagten wir, dass dies unzureichend geschehen ist.

Löblich ist im Grunde auch der Gedanke, der hinter dieser Änderung steckt. Natürlich sollen Studierende so früh wie möglich Praxiserfahrungen sammeln. Und es stimmt auch, dass ein Teil der Studierenden erst in der Referendariatszeit erkennt, dass der Lehrerberuf nichts für sie ist. Daher begrüßen wir, Studierende früh Lehrerfahrungen machen zu lassen.

Was wir allerdings nicht begrüßen, ist dieser völlig undurchdachte und offensichtlich nicht mit Gewerkschaft und Lehrervertretungen kommunizierte Gesetzentwurf. Frau Ministerin, hier haben Sie im Hinblick auf das Wahljahr wieder einmal in einer Hauruckaktion etwas aus dem Ärmel zaubern wollen.

Unklar ist auch, wie die bessere Verzahnung von Theorie und Praxis mithilfe eines Praxissemesters ausgestaltet werden soll, denn eines der zentralen Probleme in der jetzigen Lehrerbildung ist doch, dass zu wenig auf individuelle Möglichkeiten und Qualifikationserfordernisse der Einzelnen eingegangen wird.

Dieses geplante Praxissemester wirft eine Menge Fragen auf. Zunächst ist es doch so, dass nicht einmal alle jetzigen Studierenden einen Platz im sogenannten Vorbereitungsdienst erhalten haben, sondern teilweise bis zu zwei Jahre auf einen solchen warten müssen. Die Referendariatsplätze haben Sie in den letzten Jahren immer weiter zusammengekürzt, meine Damen und Herren der Landesregierung. Wie wollen Sie denn da jedem und jeder jetzt plötzlich einen Praxissemesterplatz garantieren?

Dies sind nicht die einzigen Fragen. Uns ist überhaupt nicht klar, wie Sie den enormen Umsetzungsaufwand stemmen wollen, und Ihnen ja anscheinend auch nicht. Von dem finanziellen Aufwand, der mit einem solchen Vorhaben einhergeht, haben Sie sich ja noch nicht einmal ein Bild gemacht. Zahlen wollten und vor allem konnten Sie bisher nicht nennen.

Das Einzige, was Sie diesbezüglich verlauten ließen, war, dass die Mentorinnen und Mentoren eine Entschädigung erhalten sollen. Und da sind wir bei einem weiteren Problem. Eine finanzielle Entschädigung alleine reicht nicht aus.

(Allgemeine Unruhe)