Der Lehrermangel, von dem alle reden, ist verglichen mit diesem Kernproblem ein vernachlässigbares Randproblem. Die herrschende Bildungspolitik diskutiert nur noch Randprobleme, während von dem Kernproblem kaum jemand redet - eine Blindheit, an der sich die ganze existenzielle Tiefe dieser Krise ermessen lässt.
Immer, wenn wir, die AfD, in diesem Hohen Haus darauf hinweisen, werden wir von den Vertretern der Altparteien regelrecht verspottet. Die Lippmanns, Tullners und Feußners dieser Welt machen dann dumme Witze
oder sagen etwas in der Art, dass die jungen Leute heute eben andere Dinge können. Frei nach Habeck: Wir haben gar kein Bildungsdefizit. Schulabsolventen können heute nur viel schlechter lesen, rechnen und schreiben als noch vor 20 Jahren.
Die Reaktionen der Vertreter der Altparteien auf unsere Anträge sind uns mittlerweile, offen gestanden, herzlich egal; denn wir richten uns gar nicht so sehr an Sie, deren Ohren für Argumente der Vernunft versiegelt sind, sondern wir richten uns durch Sie hindurch an die Bürger draußen, an die Handwerksmeister, die Lehrlinge einstellen, mit denen sich nichts mehr anfangen lässt, an die Hochschullehrer, die sich Jahr für Jahr darüber wundern, dass
die Erstsemester immer weniger können, und sich fragen, wie lange das noch gehen soll, an die Lehrer, die sich ohnmächtig fühlen, weil sie den Abwärtstrend sehen, ihn aber - von der Politik allein gelassen - nicht aufhalten können, und schließlich auch an die aufgeweckten und leistungsbereiten Schüler, die unzufrieden sind, weil die Schule sie nicht so fordert, wie sie es gern hätten.
Die Vertreter der Altparteien verdrängen diese Probleme oder ergehen sich in oberflächlicher, untauglicher Symptombekämpfung. So wird der Fachkräftemangel zwar durchaus anerkannt; anstatt aber dafür zu sorgen, dass Fachkräfte in Deutschland gebildet werden, nutzen sie den Fachkräftemangel als billige Begründung für ihre Einwanderungspolitik, die dazu führt, dass alles nach Deutschland kommt, nur keine Fachkräfte, während sie die eigentliche Ursache des Fachkräftemangels, nämlich den Bildungsverfall, konsequent ignorieren.
Jeder, der mit Schulabsolventen zu tun hat, weiß, dass das Bildungsniveau schon seit Jahrzehnten kontinuierlich abfällt. Das wird aber nicht sofort sichtbar und spürbar, weil es noch genug ältere Menschen gibt, die den Laden am Laufen halten. Der Bildungsverfall kann, wenn man sich nur Mühe gibt, ignoriert werden. Genau das tun Sie mit aller Kraft.
Ein Detail aber, an dem der zunehmende Niveauverlust greifbar wird, an dem er sich schwarz auf weiß abzeichnet und woran darüber hinaus auch noch ablesbar wird, dass die Altparteien den Bildungsverfall selbst voran- treiben, ist die Absenkung des Bewertungsschlüssels, der festlegt, welcher Anteil einer
Dieser Bewertungsschlüssel wurde 2012 ruckartig abgesenkt. Vor 2012 gab es eine Zwei erst ab 81 von 100 Punkten. Ab 2012 reichten 75 Punkte. Eine Drei gab es vor 2012 ab 66 Punkten, ab 2012 bereits ab 60 Punkten. Diese Absenkung jeweils um sechs Punkte ist schon Ausdruck einer gewissen Noteninflation. Für weniger Leistung gibt es bessere Zensuren. Die Qualität steht zunehmend nur noch auf dem Papier.
Der eigentlich katastrophale, wirklich katastrophale Schritt aber liegt darin, dass man vor 2012 mindestens 51 von 100 Punkten erreichen musste, um eine Vier zu erhalten, um also die Prüfung mit ausreichend geradeso zu bestehen. Dieser Wert wurde 2012 um ganze elf Punkte auf 40 Punkte abgesenkt. Während man bis 2012 mindestens mehr als die Hälfte des abgeprüften Stoffes wissen musste, um die Prüfung zu bestehen - ein sinnvoller Grundgedanke -, reichen jetzt 40 %. Wer 60 % des abgefragten Stoffes nicht weiß, wer also deutlich mehr als die Hälfte, also beinahe zwei Drittel der Punkte verfehlt, der erhält trotzdem eine Vier und kommt durch. Nur 40 % des Stoffes gewusst ist aber nicht ausreichend; nur 40 % des Stoffes gewusst ist mangelhaft.
Das ist nur die Spitze des Eisbergs; denn was der Bewertungsschlüssel nicht erfassen kann, weil es ihm voraus liegt, ist die Vergabe der Punkte selbst. Parallel zur Verringerung der Punktzahl, die für eine bestimmte Zensur erreicht werden muss, dürfte nämlich dem herrschenden Ungeist folgend auch die Vergabe der Punkte großzügiger geworden sein. Für weniger an tatsächlicher Leistung werden mehr Punkte vergeben. In den seltensten Fällen, etwa bei Mathematikaufgaben, kann mechanisch
korrigiert werden. Zumeist herrscht schon bei der Vergabe der Punkte ein gewisser Beurteilungsspielraum, der im Geiste von Kuschelpädagogik und Leistungsfeindlichkeit deutlich ausgeweitet wurde.
Dieses Feld entzieht sich dem Zugriff normierter Bewertungsschlüssel. Insofern ist die Wirkung der von uns geforderten Verschärfung der Maßstäbe schon eingeschränkt. Sie kann durch eine laxe Punktvergabe zumindest bis zu einem gewissen Grad unterlaufen werden. Trotz solch gegenläufiger Tendenzen aber bliebe die Rückkehr zu den Bewertungsmaßstäben, die vor 2012 gegolten haben, nicht ganz ohne Wirkung. Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, der natürlich auf flankierende ergänzende Maßnahmen angewiesen ist. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf unseren Antrag, den wir vor der Sommerpause eingebracht haben, mit dem wir erreichen wollten, dass die Versetzungsmaßstäbe angehoben werden.
Es werden auch noch weitere Anträge folgen, die ganz konkret aufzeigen, was getan werden müsste, um den Niveauverlust zu bekämpfen. So werden wir im Landtag im Laufe der nächsten Monate Schritt für Schritt ein Strauß von Maßnahmen entfalten, der in der Gesamtschau einen echten Ausweg aus der Krise weist.
Wir tun das nicht, weil wir noch glauben würden, es käme der Tag, an dem Sie uns zustimmen - diesbezüglich machen wir uns mittlerweile gar keine Illusionen mehr -, sondern wir tun das, um den Bürgern draußen zu zeigen: Die ungebildete Bildungspolitik der Altparteien ist nicht alternativlos.
verlust sei nicht rückgängig zu machen. Das sei ein Ansinnen so Erfolg versprechend wie der Versuch, die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken.
Ich bin in dieser Frage Optimist. Durch die richtigen Akzentsetzungen, die nicht nur mechanisch wirken, sondern auch eine Botschaft vermitteln und auf die Atmosphäre an Schulen einwirken, können wir die Mängel heilen. Die Anhebung der Bewertungsschlüssel würde eben nicht nur die Bewertungsschlüssel anheben, sondern auch signalisieren: Schaut her, wir wollen, dass ihr euch anstrengt. Wir fordern mehr von euch, eure Leistung wird aber auch besser anerkannt; denn die Noten werden wieder mehr wert sein. So fügt sich dieses unser Ansinnen in eines der Grundprinzipien unserer Politik, das da lautet: Leistung muss sich wieder lohnen.
Der Zug fährt in die falsche Richtung. Es wäre aber nicht zu spät, die Weichen umzustellen. Die Zustimmung zu unserem Antrag wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie werden ihm aber nicht zustimmen, sondern ihn ablehnen und damit machen sie sich mitschuldig an der kommenden Katastrophe. - Vielen Dank.
Wir steigen in die Dreiminutendebatte ein. Bevor wir das allerdings tun, will ich kurz einen Zettel verlesen. Es scheint so, als hätten sich die Parlamentarischen Geschäftsführer darauf geeinigt, was wir heute noch so machen, und
zwar werden wir nach dem Tagesordnungspunkt 20, den wir jetzt behandeln, den Tagesordnungspunkt 19 und dann den Tagesordnungspunkt 27 und danach den Tagesordnungspunkt 26 ableisten. Dann sind wir wahrscheinlich in unserem vorgesehenen Zeitplan.
Dann können wir fortfahren, und zwar mit der Dreiminutendebatte. Für die Landesregierung spricht die Ministerin Frau Feußner. - Sie haben das Wort.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Nachdem letztens der Versuch, durch die Verschärfung aller relevanten Verordnungen in das Schulsystem einzugreifen, sachgerecht erfolglos blieb, wird nur der Versuch unternommen, dies mit denselben Begründungen allein durch eine Verschärfung der Bewertungsschlüssel für die Leistungsbewertung in allen Schulformen zu bewirken.
Über Ansätze der Leistungsbewertung kann man gewiss diskutieren, insbesondere auch über die Rolle und die Vielfalt. Sie sind aber nie das Haupt-, sondern sie sind eigentlich nur das Begleitprogramm der schulischen Arbeit.
Schon die Ausgangsbewertung des AfD-Antrages, es gelte einen Bildungsverfall zu stoppen, teile ich nicht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht immer Optimierungsmöglichkeiten gibt. Die Landesregierung nimmt die Aufgabe, allen Schülerinnen und Schülern eine gute Bildung anzubieten, allerdings weit vielschichtiger wahr, als dieser Antrag diese Aufgabe überhaupt
auslegt. Aber schon hinsichtlich der Leistungsbewertung selbst ist der Antrag nicht sachgerecht, da er das Wechselverhältnis von vorausgegangenem Unterricht zum Anspruch der Aufgabenstellung und dann zum Bewertungsschlüssel nicht beachtet.
Selbst mit schärfstem Bewertungsschlüssel bleiben bewertete banale Aufgaben zum Schluss banal. Wichtig ist es also, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Anspruch der Aufgaben und den jeweiligen Bewertungen zu finden. Darüber, Herr Tillschneider, verliert der Antrag kein Wort.
Da nur bei Klassenarbeiten und Klausuren entsprechende Grundnormative gesetzt sind, gilt der Bewertungsschlüssel im Übrigen auch nur für diese. In allen anderen Leistungserhebungen obliegt er den Lehrkräften. Das bliebe dann wohl auch nach Ihrem Antrag so, wenn er beschlossen werden sollte, wovon ich natürlich nicht ausgehe.
Sehr geehrte Abgeordnete! Die Leistungsbewertung ist ein sehr sensibler Bereich. Die geltenden Normative der Leistungsbewertungen und auch der Bewertungsschlüssel sind daher nicht am grünen Tisch erstellt worden, sondern sie sind Ergebnis einer ausführlichen Erarbeitung und Beratung mit Schulpraktikern. Sie sind im Übrigen nicht neu, sondern sie sind schon seit beinahe zehn Jahren etabliert. Damals war der Ausgangspunkt die gebotene Anpassung der Regelung für die Sekundarstufe II an die geltende Vereinbarung der KMK.
Damit bin ich auch gleich bei dem diesen Bereich betreffenden Aspekt des Antrags. Eine Änderung des Bewertungsschlüssels für die Sekundarstufe II wäre eine Abweichung von der bundesweiten Vereinbarung. Im Land Sachsen-Anhalt bilden wir diese nämlich derzeit eins zu eins ab.
Es ist weder ersichtlich, warum wir unsere Schülerschaft schlechter stellen sollten als die Schülerschaft in anderen Ländern, noch ist zu erwarten, dass sich die anderen Länder eine derartige Änderung wünschen. Wie gesagt, Ansprüche sichert man zunächst über die Aufgabenstellungen und nicht allein über einen Bewertungsschlüssel. Man hat sich bewusst auf die Bewertungsstandards in den Kernfächern verständigt. Wie Sie vielleicht wissen, erarbeiten wir jetzt die Standards darüber hinaus. Damit sind wir bezüglich einer Vereinheitlichung auf einem guten Weg. - Vielen Dank.
Frau Feußner, es gibt eine Frage von Herrn Tillschneider. Diese sollten Sie - ob gern oder nicht, das ist egal - beantworten. - Herr Tillschneider, bitte.
Gut, Sie halten von unserem Ansinnen nicht viel, dabei wollen wir doch einfach nur auf den Stand vor dem Jahr 2012 zurück. Ich würde gern einmal von Ihnen wissen: Weshalb wurden im Jahr 2012 die Bewertungsschlüssel abgesenkt?
Weshalb hat man das getan? Worauf hat man reagiert? Was hat man damit bezweckt? Das würde ich gern einmal wissen.
Sehr geehrter Herr Tillschneider, darüber müsste ich sehr lange erzählen, aber ich versuche mich kurz zu halten. Man hat auf Grundlage von Standards - die Standards sind die Bildungsansprüche, die Aufgabenstellungen, die gestiegen sind - gemeinsam mit Schulpraktikern und Vertretern aus der Wissenschaft einen Bewertungsschlüssel erarbeitet, um das in Einklang zu bringen. Das bedeutet - ich habe es eben vorgetragen -, dass die Aufgabenstellung entscheidend ist - also, welche Aufgabe ich den Schülern stelle. Daran mache ich den Bewertungsmaßstab fest.
Ich kann natürlich auch sagen: Ich gebe euch eine schöne leichte Aufgabe. Dann bekommt man für 99 % die Note 1. Das ist doch aber nicht unser Anspruch. Unser Anspruch ist ein ganz anderer. Ein weiterer Punkt, der hierbei eine ganz wesentliche Rolle spielt, ist, dass wir mittlerweile nach Kompetenzen und nicht nur nach linearen Abfragen bewerten.