Protokoll der Sitzung vom 01.06.2023

Auch die, die keinen Schutzstatus zuerkannt bekommen haben,

(Zuruf von der AfD)

können nicht einfach abgeschoben werden. Lösungen für all das hat der Flüchtlingsgipfel nicht geliefert.

(Beifall bei der LINKEN)

Was dringend nötig gewesen wäre, wären mehr Ministerpräsidentinnen, die - wie Bodo Ramelow - Humanität und Realismus mit- einander verbinden und Menschen, die seit

Jahren hier leben, die echte Chance zu einem „Spurwechsel“ geben wollen.

Was dringend nötig gewesen wäre, wäre eine Bundesregierung, die ihr Versprechen, für einen progressiven Paradigmenwechsel in der Asyl- und Migrationspolitik zu sorgen, auch hält. Was sie geliefert hat und was der Gipfel, der zwar „Flüchtlingsgipfel“ heißt, an dem aber nicht ein Geflüchteter beteiligt war, geliefert hat, ist ein Paradigmenwechsel - das schon -, aber einer, der mit dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung nichts zu tun hat und der das ohnehin ausgehöhlte Grundrecht auf Asyl infrage stellt.

(Beifall bei der LINKEN)

Genau hierin sehen wir den Erfolg der extremen Rechten. Denn was die Bundesregierung als Lösung für die hausgemachten Probleme bei Unterbringung, Behördenüberlastung und Finanzierungslücken verkauft, ist selbst Ausdruck des Rechtsrucks. Und: Es befeuert ihn weiter.

Die Pläne bedeuten Abschottung und Abwehr, die Exterritorialisierung des Flüchtlingsschutzes und die massive Einschränkung des individuellen Rechtes auf Asyl durch Grenzverfahren, die mit Internierungs- und Haftlagern verbunden sein werden,

(Zuruf: Mein Gott!)

auch durch die Fiktion der Nichteinreise.

Die pauschale Einstufung von weiteren Ländern als sogenannte sichere Herkunftsländer, z. B. Moldau und Georgien - wir haben es gehört, auch auf Initiative unserer Innenministerin -, wo Folter und Diskriminierung umfassend dokumentiert sind,

(Zuruf von der AfD)

innereuropäische Grenzkontrollen als Grundlage für Pushbacks ohne Gerichtsentscheidung, ohne Beratung für die Betroffenen, im Ermessen der Bundespolizei, Migrationspartnerschaften mit despotischen Regimen, damit man Menschen leichter dorthin zurückschicken kann - all das könnte direkt aus dem Hause Seehofer kommen und entspricht den Kernforderungen der extremen Rechten.

(Beifall bei der LINKEN - Zurufe von der AfD)

Alle Erfahrungen und auch die Empirie

(Zuruf von der AfD: Das sagt nichts!)

in Sachen Migration zeigen:

(Zuruf von der AfD)

Restriktionen und Abschreckung sorgen dafür, dass es Menschen schlechter geht. Sie sorgen nicht dafür, dass Menschen nicht fliehen. Wer will, dass weniger Menschen fliehen müssen, muss Fluchtursachen wie den Klimawandel bekämpfen.

(Beifall bei der LINKEN - Unruhe und Lachen bei der AfD)

Wer weniger Flucht will, muss dafür sorgen, dass Kriege wie der Putins gegen die Ukraine beendet werden.

(Beifall bei der LINKEN - Unruhe bei und Zu- rufe von der AfD)

Wer weniger irreguläre Migration will und bessere Planbarkeit,

(Zurufe bei der AfD)

der muss legale Fluchtwege schaffen und Asylersuchen regulär ermöglichen.

(Zurufe von der AfD: So ist es! - Dann machen Sie es noch!)

Der sogenannte Flüchtlingsgipfel hilft weder Kommunen noch Betroffenen. Über 700 Jurist*innen und Anwält*innen appellieren angesichts dessen

(Zuruf von der AfD)

mit dem Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein an die Bundesregierung und an den Gesetzgeber und fordern - ich zitiere -:

„Diese Politik wird die Entrechtung und das Leid an den Außengrenzen eskalieren. Sie macht die Ausgrenzung von Geflüchteten in Deutschland und deren Inhaftierung und Abschiebung zu ihrem Markenkern. Statt ernsthaft Fluchtursachen zu bekämpfen, werden die Schutzsuchenden zum Problem erklärt.“

(Zuruf von der AfD)

Statt an dieser Spirale mitzudrehen, muss dem rechten Diskurs eine Politik der Menschenrechte entgegengesetzt werden.

(Beifall bei der LINKEN - Zurufe von der AfD)

Das hätte der Flüchtlingsgipfel leisten müssen.

Es stünde Sachsen-Anhalt gut zu Gesicht, sich angesichts der zweifellos enormen Herausforderungen, vor denen insbesondere die Kommunen aufgrund der eben nicht gelösten Aufgaben in Sachen Infrastruktur, Finanzierung

und Integration stehen, ein Beispiel an Thüringen zu nehmen,

(Zurufe)

das den Kommunen die fehlenden 30 % der Kosten der Unterkunft für die Ukrainerinnen und Ukrainer erstatten wird.

(Zurufe von der AfD)

Bodo Ramelow macht konkrete Vorschläge, die eigentlich die einer Koalition sein müssten, die sich „Fortschrittskoalition“ nennt,

(Zurufe von der AfD)

z. B. einen einfacheren „Spurwechsel“ zwischen Asyl und Arbeitsmigration.

(Unruhe bei der AfD)

Unser Ministerpräsident fabuliert lieber über den Zusammenhang der Härte staatlichen Vorgehens und der gesellschaftlichen Akzeptanz von Zuwanderern und Migration und fordert die härtere Gangart.

(Zuruf von der AfD: Das ist richtig! - Weitere Zurufe von der AfD)

Meine Damen und Herren! Es gibt diesen Zusammenhang zwischen staatlichem Handeln und gesellschaftlicher Reaktion, aber nicht so, wie der Ministerpräsident ihn behauptet.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir führen diese Debatte fast exakt 30 Jahre nach dem sogenannten Asylkompromiss aus dem Jahr 1993 und auch am vierten Jahrestag der Ermordung von Walter Lübcke.

(Unruhe bei der AfD)