Anja Stahmann

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Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist nicht so leicht, zu einem abstrakten Thema, das jetzt hier im Haus eine gewisse Abstraktionsstufe erreicht hat, noch einmal einen Bogen zu schlagen, der auch von draußen verstanden wird.
Worum geht es eigentlich an dieser Stelle? Herr Rohmeyer fordert mit dieser Anfrage, dass der Senat sich dafür einsetzt, dass ein Kanon verabredet wird. Ein Kanon soll dazu dienen festzulegen, welche Bildungsinhalte zu welchen Zeitpunkt in einem Schülerleben in sein oder ihr Leben treten sollen, also wann wird Heine gelesen, wie viel Heine wird gelesen? Soll ein Hauptschüler so viel Heine lesen dürfen wie ein Gymnasiast? Soll überhaupt „Der Fänger im Roggen“ in der Hauptschule gelesen werden, oder ist das eher Literatur, die für Gymnasiasten oder Realschüler vorgesehen ist?
Ich finde, darüber kann man trefflich streiten, wenn man sich aufmacht, selbst definieren zu wollen, was die Inhalte sind, die die jungen Menschen von heute brauchen, um morgen im Jahr 2020 oder 2015 auf dem Arbeitsmark zu bestehen, die sie brauchen, um selbst, was Sie als Anspruch formuliert haben, lebenslanges Lernen zu können. Die Sachen, die ich gelernt habe, interessieren meine Kinder heute teilweise schon herzlich wenig. Natürlich lege ich als Mutter Wert darauf, dass Kinder wissen, welche die berühmten Dichter in Deutschland sind, die Lehrer achten genauso darauf.
Herr Rohmeyer, Sie haben hier in gewisser Form meinen ehemaligen Klassenlehrer beleidigt, den ich am Gymnasium hatte. Da kann man nicht von „Billig-Gymnasium“ reden oder „ in Bremen wird einem das Abitur hinterhergeworfen“. Das möchte ich mir an dieser Stelle verbitten! Ich habe mir notiert, was wir alles gelesen haben, das kommt im Kanon der CDU, der Konrad-Adenauer Stiftung nicht vor. Wir haben „Das Totenschiff“ von Traven gelesen, „Das Leben der Anne Frank“. Wir haben Bücher von Ibsen und Schiller gelesen, und wir haben Kleist gelesen. Wir haben „Die Aula“ von Hermann Kant in der elften Klasse gelesen. Da kann man nicht sagen, dass es an Bremens Schulen ein Bildungsunbewusstsein oder eine große Dunkelheit gibt. Das muss man hier auch einmal zurückweisen.
Das gaukelt ja ein bisschen vor, dass wir keine Bildungsrahmenpläne haben und dass die Lehrer nicht wüssten, was sie in Klasse sieben oder acht ihren Schülerinnen und Schülern beibringen sollen. Das, was Sie hier anzetteln, ist eine verstaubte Debatte. Das geht zurück auf die Bildungstheorie des 19. Jahrhunderts, als man gedacht hat, welches Wissen muss ––––––– *) Von der Rednerin nicht überprüft.
die Gesellschaft gemeinsam erwerben, um miteinander in Kommunikation treten zu können. Das, was die CDU hier macht, ist alter Wein, nicht in neuen Schläuchen, sondern das ist alter Wein in alten Schläuchen.
Schulen sind keine staatlichen Wärmehallen, Schulen sind keine Lernfabriken, sondern Schulen haben ein Interesse daran, Kindern und Jugendlichen Wissen beizubringen. Sie haben ein Interesse daran, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeit zu fördern. Da treffen wir uns dann auch wieder an dieser Stelle, Claas Rohmeyer. Natürlich muss ein Klassenlehrer merken und auch Kenntnis darüber haben, welches Kind sich besonders für Musik interessiert. Das ist doch auch die Kunst eines Deutschlehrers, Jugendliche zur Literatur hinzuführen, sie zu verführen und zu merken, bei diesem Jugendlichen müssen wir etwas ganz anderes lesen als bei seiner Banknachbarin, die sich für ein ganz anderes Thema interessiert.
Ich finde, darum muss es doch gehen, dass Lehrer individuell erkennen, mit welcher Literatur sie Jugendliche zum Lesen, zum Lernen und zum Weiterlernen bewegen. Das leistet diese Große Anfrage an keiner Stelle. Da kann ich keinen Nutzen in dem Kanon erkennen. Wir müssen doch dahin kommen, dass wir den Schulen sagen, und da treffen wir uns auch wieder, folgende Lernziele müssen erreicht werden, die müssen mit Vergleichsarbeiten am Ende von Klasse vier und Klasse neun auch überprüft werden.
Aber wir können doch nicht vorschreiben, dass donnerstags um elf Uhr oder im Jahr 2007 in der achten Geografiestunde Alaska gelernt wird.
Wie bei Honecker, ruft Frau Hövelmann! Das würde ich nicht sagen.
Aber ich finde, damit führen wir auch Debatten, die wir hier über Eigenständigkeit von Schule geführt haben, ad absurdum und nehmen uns selbst nicht mit unseren Beschlüssen ernst.
Meinen die Verfasser der Fragen, dass man festlegen kann, welche Inhalte eine Persönlichkeit bilden, habe ich mir notiert! Meinen wir wirklich, definieren zu können, welche Inhalte sich bei allen gleich zur Persönlichkeitsbildung eignen? Diese Idee liegt
ja dem Kanon zugrunde, dass man schulartbezogen Inhalte definiert. Heißt das dann, dass ein Hauptschüler nichts von Berthold Brecht oder eben nur die Kalendergeschichten und nicht die Dreigroschenoper und überhaupt gar nichts von Gottfried Benn wissen sollte? Das fände ich nämlich sehr schade, denn Gottfried Benn, finde ich, hat tolle Gedichte geschrieben, die sich auch für Jugendliche prima eignen, egal, ob sie nun in der Hauptschule, in der Realschule oder auf dem Gymnasium sind.
Was, wenn gerade der gute Berthold Brecht bei dem Hauptschüler mit der Dreigroschenoper, mit dem Mackie Messer zur Bildung der Persönlichkeit wichtig ist und er mit dem „Fänger im Roggen“ so wie ich überhaupt nichts anfangen kann? Also, bei diesem Buch habe ich mich in der Schule zu Tode gelangweilt.
Es kommt darauf an, dass Jugendliche motiviert werden zum Lesen. Das ist nicht nur Sache des Deutschunterrichts, das muss auch Sache vom Politikunterricht sein. Den Senat, der sich hier in dieser Anfrage auch ein bisschen lobt und sagt, Politik ist wichtig, möchte ich doch daran erinnern, dass Politikunterricht in Bremen in der Sekundarstufe I leider sehr selten stattfindet. Das wäre ein Punkt, bei dem nach meiner Meinung der Senat mehr machen kann. Wenn wir wollen, dass junge Menschen sich engagieren, etwas lernen über Demokratie, wie funktioniert ein Parlament, wie funktioniert ein Staatswesen, dann muss es doch auch möglich sein, dass der Politikunterricht in der Sekundarstufe I in Klasse sieben, acht, neun und zehn durchgeführt wird. Das ist bisher nicht der Fall.
Dann lobt sich der Senat und sagt, Sport ist wichtig. Da fasse ich mir auch ein bisschen an den Kopf. Zurzeit gibt es eine große Diskussion im Bundesland Bremen, dass der Senat und auch die Universität sagen, keiner will es so richtig gewesen sein, auf den Sportstudiengang werden wir in Zukunft verzichten.
Das hat sehr viel damit zu tun, Kollege Strohmann. Wir brauchen doch gut ausgebildete Sportlehrer, wenn wir sagen, dieses Fach ist wichtig, um jungen Menschen etwas anderes beizubringen, als stumpf Wissen herunterzubeten. Sport ist das einzige Bewegungsfach in der Schule, bei dem Jugendliche mehr lernen, als Wissen zu reproduzieren, wo sie mit ihrem Körper und ihrem ganzen Wesen Erfahrungen machen. Wenn das wichtig ist, müssen wir doch auch sagen, dann brauchen wir eine wichtige Lehrerausbildung in diesem Bereich. Dann muss der Senat einmal eine schlüssige Position an dieser Stelle ha
ben, und das hat er eben nicht. Ich finde, da redet der Senat an dieser Stelle auch ein bisschen mit gespaltener Zunge.
Das ist kein Wahlkampfthema! Frau Busch, ich bin Mutter von zwei Töchtern. Wenn diese in der Schule künftig keine gut ausgebildeten Sportlehrer mehr haben, dann werden sich viele Eltern auch Gedanken darüber machen, was an Qualität an dieser Stelle angeboten wird.
Es zeigt ja, wie Sie hier reagieren, dass wir da auch einen wunden Punkt bei Ihnen getroffen haben.
Herr Rohmeyer, Ihre Initiative eignet sich nicht, die Rahmenpläne an Schulen weiterzuentwickeln. Die Initiative eignet sich nicht, eine gemeinsame Verständigung über Bildungsinhalte zu definieren. Herr Senator, das mit den Sportlehrern, das sage ich gern gleich auch noch einmal in einer zweiten Runde, halte ich für einen ganz großen Fehler. Wenn wir über Persönlichkeitsbildung reden, und von Ihnen habe ich einige schöne Zitate, warum Sport wichtig ist und warum wir gut ausgebildete Sportlehrer brauchen, dann kann ich diese hier gern auch noch einmal an dieser Stelle vorbringen. Der Senat sagt ja selbst, Sport ist wichtig, und da würde ich gern wissen, was denn nun? Wichtig oder nicht wichtig? – Danke schön!