Ursula Doppmeier
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Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir haben Ihnen heute einen überfraktionellen Antrag dreier Fraktionen vorgelegt, da uns dieses Thema zu wichtig ist, als es im Parteiengezänk untergehen zu lassen.
Es geht uns nämlich um die Gesundheit von Tausenden von Frauen. Wie meine Vorrednerin schon betonte, haben wir in einzelnen Gutachten, die die Enquetekommission vergeben hat, den Nachweis erhalten, dass die Hormonersatztherapie in und nach den Wechseljahren erhebliche Gesundheitsrisiken mit sich bringt. Doch noch immer verschreiben Ärzte im Kampf gegen das Klimakterium Östrogene und Gestagene.
Unser Anliegen: Ein Umdenken muss an der Stelle schneller erfolgen. Der Bremsweg ist uns noch zu lang.
Lange Zeit war die Hormontherapie für Frauen in den Wechseljahren der medizinisch anerkannte Standard. Ärzte versprachen sich davon eine Lin
derung klassischer Wechseljahrsbeschwerden wie z. B. Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Schlafstörungen. Außerdem setzten sie viele Jahre darauf, dass mit der Gabe von Hormonen nach der Menopause verschiedene Erkrankungen - beispielsweise koronare Herzkrankheiten und altersbedingte Hirnleistungsstörungen - zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern wären.
Außerdem erhoffte man sich günstige Wirkungen auch bei Depressionen, Schlafstörungen und Hautalterung. Viele Beobachtungsstudien damals hatten diese positiven Effekte einer Hormonsubstitution auch beschrieben. Es lagen zur damaligen Zeit noch keinerlei Langzeitstudien über Nutzen und Risiken der Hormontherapie vor. Somit setzte sich bei den Ärzten die Lehrmeinung durch, alle Frauen würden von einer langjährigen Hormonsubstitution profitieren.
Die Folge davon war: Die Östrogenverordnungen stiegen in den 90er-Jahren stark an. Lag die Zahl der verordneten Tagesdosen an Östrogen/Gestagen-Kombinationspräparaten 1991 noch bei knapp 600 Millionen, so erreichte sie 1999 ihren Höhepunkt mit 1 Milliarde verordneten Tagesdosen. Somit verdoppelte sich binnen zehn Jahren auch die Zahl der Frauen, die Hormone nahmen.
Die große Warnung kam dann 1998, als die erste Langzeitstudie zur Hormonersatztherapie die Begeisterung für diese Therapie schon gewaltig dämpfte. Sie war zu dem Ergebnis gekommen, dass Hormone nach bzw. in den Wechseljahren zur Prophylaxe koronarer Herzerkrankungen keinen Effekt hatten. Im Gegenteil: Zu Beginn der Therapie war eine Zunahme der Herzerkrankungen zu beobachten, die ja eigentlich verhindert werden sollte.
Erste Auswirkungen auf das Verschreibungsverhalten waren in Deutschland schon zwei Jahre später zu erkennen, wo die Zahl der verordneten Tagesdosen erstmals geringfügig abnahm.
Dann kam der Sommer 2002 und damit die große Verunsicherung. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein Teil der weltweit umfangreichsten Studie, der WHI-Studie, vorzeitig beendet. Als Grund hierfür stellte sich heraus, dass die Gesundheitsrisiken einer kombinierten Östrogen/Gestagen-Therapie deutlich höher waren als ihr präventiver Nutzen. Die Hormone erhöhten bei sonst gesunden Frauen das Thrombose-, Herzinfarkt-, Schlaganfall- und Brustkrebsrisiko. Dieses Ergebnis wurde im August 2002 auch noch durch die britische Studie unterstützt.
Wie sieht die heutige Situation aus? - Ärzte haben angefangen umzudenken. Dies zeigen die Verordnungszahlen. Vergleichen wir diese Zahlen für Deutschland allerdings mit dem amerikanischen und britischen Ausland, so fällt auf, dass der Rückgang der Verschreibungen bei uns mit knapp 20 % deutlich geringer ausfällt als in den Nachbarländern.
Die somit immer noch weit verbreitete Anwendung der Hormonersatztherapie, und dieses vor allen Dingen über lange Zeiträume hinweg, muss angesichts der nachgewiesenen Risiken nachdenklich stimmen.
Angesichts der wissenschaftlichen Ergebnisse und der aktuellen Therapieempfehlungen liegt es nun auch an den niedergelassenen Ärzten, diese möglichst schnell im therapeutischen Alltag umzusetzen, um möglichen Schaden von den Frauen abzuwenden.
Hier möchte ich noch einmal hervorheben, dass die bis vor kurzem geübte Praxis der Hormonverschreibung den damals bekannten Stand der Wissenschaft dokumentierte. Den behandelnden Ärzten, die Frauen in den 90er-Jahren dazu geraten haben, Hormone zu nehmen, wenn sie über Wechseljahresbeschwerden klagten, ist kein Vorwurf zu machen. Es galt damals ja schon fast als Kunstfehler, keine Hormone zu verschreiben. Es wurde außerdem ein regelrechter Bedarf bei den betroffenen Frauen geweckt.
Unser Anliegen ist es nun - wie in dem Antrag dargestellt -, eine möglichst weitgehende breite Basis des Informationsflusses herzustellen. Hier gilt es, nicht nur Ärzte zu informieren, die ihr Wissen weitergeben, sondern es gilt vor allen Dingen auch die Frauen zu informieren und ihnen durch diese Information die Kompetenz zu geben, die Risiken und den Nutzen einer Hormonverschreibung abzuwägen, um somit wirklich eine eigene, verantwortungsvolle Entscheidung für sich und ihre Gesundheit zu treffen.
Hierzu soll unser Antrag dienen. Ich bitte Sie um Zustimmung.