Protokoll der Sitzung vom 27.02.2020

Weil ich jetzt zum Ende kommen muss, noch einen Satz: Wenn Sie nur ein Fünkchen Anstand haben, Herr Galau, und den Opfern tatsächlich zeigen wollen, dass Sie es verstanden haben, dann nehmen Sie Ihren Hut, treten Sie zurück! Sie haben Ihr Amt missbraucht und gehören nicht mehr auf den Posten des Vizepräsidenten des Landtages Brandenburg. - Vielen Dank.

(Starker Beifall DIE LINKE sowie Beifall SPD und B90/GRÜNE)

Es gibt eine Kurzintervention des Abgeordneten Freiherr von Lützow. Bitte schön.

(Beifall AfD)

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Gäste! Sehr geehrte Abgeordnete! Wir reden hier über Hanau. Es ist auch richtig, dass man über Hanau redet. Aber eigentlich soll es dazu dienen, nicht zu instrumentalisieren. Genau das hat Herr Walter aber gerade wieder einmal getan - nicht nur Herr Walter, aber ich darf ja nur zu Herrn Walter reden. Herr Redmann und Herr Stohn haben es genauso gemacht.

(Baaske [SPD]: Damit hat Herr Kalbitz angefangen!)

- Sie können sich mal ein bisschen zusammenreißen da hinten. Sie können sich einfach mal zusammenreißen, Herr Baaske. Das ist meine Kurzintervention. Wenn Sie etwas zu sagen haben, kommen Sie nach vorne und reden Sie von hier aus!

(Zuruf von der Fraktion DIE LINKE)

Das ist der richtige Weg.

(Beifall AfD)

Hier wird von Hass und Hetze geredet. Aber gerade Sie, Herr Walter, stellen uns hier im Parlament ständig als Nazis hin. Gestern redeten wir hier im Parlament über das Ehrenamt, wie toll doch Feuerwehrleute sind. Ich bin seit 20 Jahren bei der Feuerwehr. Ich bin auch gedienter Soldat. Ich habe auf diese Verfassung einen Eid geschworen - wie viele andere aus meiner Fraktion. Wir sind Arbeiter, ganz normale Arbeiter, die zum ersten Mal hier sitzen - nicht so wie einige andere, die seit fast 25 Jahren hier sitzen und genau das verzapft haben, was hier im Land los ist. Sie sind die Spalter, niemand anderes! - Danke.

(Beifall AfD - Zuruf der Abgeordneten Dannenberg [DIE LINKE])

Herr Walter, Sie haben die Möglichkeit, zu erwidern. Bitte.

Wenn Sie einen Eid auf die Verfassung geschworen haben, frage ich mich, was Sie in dieser Fraktion zu suchen haben;

(Beifall DIE LINKE, SPD und B90/GRÜNE sowie des Abge- ordneten Bretz [CDU] - Zurufe von der AfD)

denn dann begehen Sie hier Eidbruch.

Es ist meine Pflicht und Schuldigkeit, wenn ich an die Opfer und deren Angehörige denke, dass ich hier in diesem Parlament zu jeder Tageszeit, zu jeder Nachtzeit, zu jeder Gelegenheit Ihrer Hetze und Ihren Worten widerspreche. Sie sind die Brandbeschleuniger! Sie sind die Brandstifter, die sich mehr schlecht als recht als Biedermänner tarnen! Sie sind es, die die Stichwortgeber sind. Deshalb ist es doch kein Wunder, dass bei jedem rechtsterroristischen Anschlag der letzten Wochen und Monate immer wieder die Nähe zur AfD festgestellt wird.

(Zuruf von der AfD)

Deshalb an der Stelle: Sie haben nur ein Ziel: Sie wollen alle aus dieser Gesellschaft entfernen, die nicht in Ihr Weltbild passen.

(Frau Bessin [AfD]: Das ist doch gar nicht wahr!)

Das wollen Sie! Sie haben ein Ziel: Sie wollen diese Demokratie, die Basis unseres Zusammenlebens, unsere Lebensweise zerstören. Das ist der Kern der AfD.

(Zurufe der Abgeordneten Bessin und Hohloch [AfD])

- Dann lesen Sie doch mal die Reden von Herrn Kalbitz! Hören Sie doch mal richtig zu, wenn Sie intellektuell dazu in der Lage sind!

Und im Übrigen: Wenn Sie davon reden, dass es psychisch kranke Menschen sind, dann frage ich Sie: Wissen Sie, was Faschismus ist?

(Zurufe von der AfD)

Faschismus ist der nach außen getragene Selbsthass. Und jetzt schaue ich einmal in Ihre Fraktion. Wenn das nicht ein Zeichen ist! Das sage ich Ihnen ganz deutlich; das ist wichtig.

Eins muss aus dieser Debatte hier klar hervorgehen: Um den Rechtsterrorismus und den von Ihrer Seite aufkeimenden Faschismus in diesem Land zu bekämpfen,

(Zuruf des Abgeordneten Dr. Berndt [AfD])

müssen wir hier alle zusammenstehen. Dann heißt es tatsächlich: Alle zusammen gegen den Faschismus. - Vielen Dank.

(Starker Beifall DIE LINKE, SPD und B90/GRÜNE)

Wir setzen die Debatte fort. Das Wort erhält der Abgeordnete Raschke für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Bitte schön.

(Beifall B90/GRÜNE)

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Sehr geehrte Gäste! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ferhat. Gökhan. Hamza. Said Nesar. Mercedes. Sedat. Kaloyan. Fatih. Vili Viorel. - Sie und die Mutter des Täters sind die Opfer des schrecklichen Anschlags in Hanau. Sie alle waren Teil unserer Gesellschaft: Sie lachten, sie weinten, sie liebten, sie waren Anlagenmechaniker oder selbstständig, sie spielten Fußball, sie hörten Rapmusik. Nun sind sie alle tot, grausam ermordet, weil sich Rassismus und Hass in diesem Land ausbreiten - und das nicht etwa zufällig, sondern weil rechtsextreme Kräfte hier systematisch den Nährboden dafür schaffen, weil sie den Alltagsrassismus schüren, weil sie gezielt Netzwerke aufbauen und weil sie ihre Macht in den Parlamenten missbrauchen

(Beifall B90/GRÜNE, SPD, CDU und DIE LINKE)

- etwa wenn der Vizepräsident versucht, die Debatte zu unterbinden. Auch im Rechtsausschuss: Seit Jahren hat die AfD im Rechtsausschuss nur ein einziges Thema, nämlich Themen auf die Tagesordnung zu setzen, bezüglich derer sie Schlagzeilen über vermeintlich Nichtdeutsche, die vermeintliche Straftaten begangen haben sollen, gelesen haben. Vorbereitung, Fragen, inhaltliche Befassung - Fehlanzeige! Darum geht es auch gar nicht. Es geht immer nur darum, Vorurteile zu schüren.

Diese Netzwerke - von der AfD bis zur Kampfsportgruppe - arbeiten seit Jahren daran, unsere Gesellschaft zu spalten, daran, diejenigen herauszudrängen, die vermeintlich anders oder fremd sind.

Sie führen einen Feldzug gegen das Dazugehören und damit gegen unsere weltoffene, lebendige, vielfältige Gesellschaft. Sie wollen - und das ist das Schlimmste -, dass sich gerade diejenigen unter uns wieder fürchten, die nicht in Ihr rassistisches und faschistisches Weltbild passen. Das, liebe Demokratinnen und Demokraten, können und werden wir nicht zulassen!

(Beifall B90/GRÜNE, SPD, CDU, DIE LINKE und BVB/FW)

Die Anschläge etwa in Kassel, Hanau und Halle sind nur die Spitze des gesellschaftlichen Eisbergs.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin es leid, dass wir hier Gedenkminute nach Gedenkminute abhalten müssen - so würdig unsere Präsidentin das auch gestaltet und so gut es dann tut, hier zusammenzustehen. Aber ich bin es leid; und wenn wir solche Angriffe - zumindest soweit es nur irgendwie geht - verhindern wollen, dann reicht es nicht, zu trauern und unserem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Dann müssen wir konkret etwas tun, dann müssen wir an die Ursachen gehen. Auch und gerade das - das erwarte ich von uns - muss Teil der heutigen Aktuellen Stunde sein.

Deswegen ist es richtig, dass bundesweit besonders gefährdete Orte wie Moscheen und Synagogen jetzt besonders geschützt werden sollen. Es ist richtig, dass das Waffenrecht wieder in der Diskussion ist, dass wir darüber reden, wie man an Waffen und Munition kommt. Und es ist besonders richtig und wichtig, dass der Verfassungsschutz jetzt wieder Abgeordnete der AfD ins Visier nimmt, auch - und ganz besonders - den Vorsitzenden der hiesigen Fraktion, Andreas Kalbitz.

(Beifall B90/GRÜNE, SPD, CDU und DIE LINKE)

Aber so richtig das ist, so kurz greift es auch, denn die Antwort auf diesen fortwährenden Angriff auf unsere Demokratie und unsere Werte kann nicht allein in der Androhung der vollen Härte des Rechtsstaats liegen. Nein, sie muss auch darin liegen, aufzuklären, zu stärken, Beteiligungen auszubauen, Menschen einzubeziehen.

Deshalb ist es so wichtig, dass unser Koalitionsvertrag viel davon vorsieht. Ein Bekenntnis zur Stärkung der direkten Demokratie, der elektronischen Beteiligung: Wir wollen hier neue Formen der Bürgerbeteiligung einführen, eine umfassende Beteiligungsstrategie wird erarbeitet. Ich könnte das jetzt lange fortführen, denn die Spaltung und den Hass zu verringern ist eine der erklärten Hauptaufgaben der Koalition. Im Koalitionsvertrag finden sich entsprechend viele Maßnahmen, und ich weiß die Fraktionen der Freien Wähler und der Linken an unserer Seite.

Das wird immer noch nicht reichen. Aber wir nehmen damit viel von dem vorweg, was Experten gerade als Vorschlag für einen „Masterplan gegen Rechtsextremismus in Deutschland“ vorgestellt haben. Diese Experten rund um den Verein „DeutschPlus - Initiative für eine plurale Republik“ - allein der Name spricht schon Bände - loben dabei ausdrücklich unser Bundesland Brandenburg für seine Antirassismusklausel in der Verfassung, weil damit der wichtigste Schritt schon getan ist: anzuerkennen, dass es hier nicht um Einzeltäter und ein zufälliges Phänomen geht, sondern

dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, das nicht totgeschwiegen werden darf.

(Beifall B90/GRÜNE, SPD, CDU, DIE LINKE und BVB/FW)

Brandenburg ist kein rassistisches Land, aber natürlich gibt es auch bei uns Rassismus. Ich erinnere nur an den Fall, der gerade durch die Presse ging: der Fall des „Bayerischen Hofs“ hier in der Landeshauptstadt, wo es dem Betreiber trotz wiederholter Bemühungen nicht gelungen ist, eine Mitarbeiterin zurückzugewinnen, die gekündigt hatte, weil sie rassistisch beleidigt wurde. Deswegen: Auch wir hier in Brandenburg können und sollten diesem Expertenvorschlag wertvolle Anregungen entnehmen.

Zwei dieser zwölf dort aufgeführten Punkte will ich besonders hervorheben. Erstens: Antidiskriminierung durch gesetzliche Grundlagen, Beauftragte, Leitbilder, Schulungen. Zweitens: Ausbau der Demokratieförderung; wir sollten unser Landesprogramm „Tolerantes Brandenburg“ ausbauen und uns zugleich im Bund dafür einsetzen, dass das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gestärkt wird. Über 120 Vereine und Initiativen fordern eine Aufstockung der Mittel für dieses Programm, und dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist es jetzt wirklich höchste Zeit.

(Beifall B90/GRÜNE, SPD, CDU, DIE LINKE und BVB/FW)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Taten sind schrecklich, aber nehmen wir sie wenigstens zum Anlass, unsere eigenen guten Programme und Gegenmaßnahmen noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, unsere wehrhafte und lebendige Demokratie in Brandenburg noch wehrhafter zu machen. Ein Ausruhen auf dem schon Erreichten können und werden wir uns nicht leisten. - Vielen Dank.