Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Werte Gäste! Ihnen liegt unser Antrag zu einem Aktionsplan Lehrkräftegewinnung und Sicherung von gutem Unterricht an unseren Schulen und in allen Regionen unseres Landes vor. Der Antrag beinhaltet 13 Punkte, die aus unserer Sicht dringend notwendig sind, um in den nächsten Jahren die beiden eben genannten Schwerpunkte setzen zu können.
Schauen wir uns kurz die bundesweite Situation an: Dass es in Deutschland an Lehrkräften fehlt, ist kein Geheimnis mehr. Wenn ausgebildete Lehrkräfte fehlen, leidet am Ende die Qualität des Unterrichts. Auf das deutsche Bildungssystem kommt eine große Herausforderung zu. Warum sage ich das?
Erstens: Laut Bertelsmann-Studie fehlen im Jahr 2025 mindestens 26 000 Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer.
Zweitens: Die KMK prognostiziert einen durchgängigen Engpass bei Sekundarstufe-I-Lehrkräften, also bei denjenigen, die in den Klassenstufen 7 bis 10 unterrichten. Im Schnitt werden pro Jahr 1 950 Lehrkräfte allein für diese Schulform fehlen.
Drittens: In den nächsten zehn Jahren fehlen laut KMK deutschlandweit jährlich 780 Berufsschullehrer.
Viertens: An den Gymnasien sieht die Lage hingegen anders aus. Hier rechnen die Experten mit einem deutlichen Überangebot an Lehrkräften, und zwar von mehr als 3 000 Lehrerinnen und Lehrern jährlich.
Fünftens: Hinzu kommen die Disparitäten zwischen den Bundesländern und den Regionen. Im Osten ist der Bedarf oder der Mangel am größten, in den urbanen Gebieten ist der Mangel dagegen nicht so groß, während ländliche Schulen extrem leiden. In der Wichtung der Zahlen trifft das auch auf Brandenburg zu. Gründe sind unter anderem die größer werdende Anzahl von Schülerinnen und Schülern durch eine steigende Geburtenrate und Zuwanderung. Bis 2024 werden uns einfach nicht genügend Lehr
amtsabsolventen zur Verfügung stehen, weil wir zu wenig ausgebildet haben. Des Weiteren kommt eine große Pensionierungswelle auf uns zu. Bundesweit wurde versäumt, in den Bildungssektor insgesamt zu investieren. Zudem hat man sich zu lange auf eine falsche Kalkulation bezüglich der Entwicklung der Schülerzahlen bezogen.
Alle Bundesländer versuchen jetzt, alle offenen Stellen im Schulsystem zu besetzen. Hierfür ergreifen sie ganz unterschiedliche Maßnahmen. Aber eines fehlt: ein gemeinsames Vorgehen. Meine Fraktion hat im Bundestag dazu einen Antrag eingebracht, nach dem Bildung als Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz verankert werden soll, und zwar verbunden mit einer gemeinsamen Bildungsstrategie; denn der Wettbewerb zwischen den Bundesländern muss aufhören. Wir brauchen mehr Geld und ein abgestimmtes Vorgehen. Das muss Grundlage für alle Bundesländer sein. Sonst ist ein Bildungsnotstand nicht aufzuhalten.
Im Übrigen wurde der Antrag im November 2019 abgelehnt. Nun, so ist das - weiter nach dem Motto: Irgendwie geht das schon.
Kommen wir zu Brandenburg: Wir haben in der letzten Legislaturperiode gemeinsam unter Rot-Rot die A 13 für alle grundständig ausgebildeten Lehrkräfte in allen Schulformen eingeführt, die Referendarplätze verdoppelt, die Ausbildungszahlen an der Universität erhöht, das Lehrerbildungsgesetz angepasst und flexibler gestaltet, ein Seiteneinsteigerprogramm auf den Weg gebracht und die grundständige Ausbildung von Kunst- und Förderschulpädagogik ermöglicht. Die Umsetzung dessen durch die zuständigen Ministerien war aber eher mangelhaft.
Sehr geehrte Frau Ministerin Ernst und Frau Ministerin Schüle - sie ist heute leider nicht anwesend -, wir brauchen dringend ein gemeinsames Vorgehen und einen abgestimmten Aktionsplan, und zwar erarbeitet mit allen relevanten Akteuren der Aus-, Fort- und Weiterbildung und der Schulpraxis sowie den Lehrergewerkschaften. Wenn ich „runder Tisch“ sage, meine ich kein großes Ding, sondern vielmehr: Reden Sie an einem Tisch mit den Verantwortlichen und besprechen Sie gemeinsam, wie wir die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen sinnvoll einsetzen. Sie laden alle nacheinander ein. Das kann man sicherlich machen, bringt aber weniger. Es kostet mehr Zeit, sorgt nicht für Transparenz und noch weniger für Verständnis für nicht so schnell lösbare Probleme, die ich hier nicht in Abrede stellen will.
Erstens: Lehrermangel. Wir wissen, wir brauchen in Brandenburg Lehrkräfte an den Grund-, Ober- und Förderschulen. Dafür müssen wir keine Lehrerbedarfsrechnung abwarten, sondern Sie brauchen nur bei den Schulämtern anzurufen, die Ihnen ganz genau sagen können, wann die Kollegen in Rente gehen.
Mit dem Ausbau der Lehramtsausbildung an der Uni Potsdam werden die schon vorhandenen Ungleichgewichte zwischen den Lehrämtern noch verstärkt. Das Lehramt Gymnasium dominiert und wächst an der Universität. In der Antwort auf meine Kleine Anfrage aus dem Jahr 2019 wurde deutlich, dass wir kaum Lehrkräfte für unsere Oberschulen ausbilden. Nur die Studierenden von LER und WAT müssen den Schwerpunkt für die Sekundarstufe I wählen; das sind gerade einmal 15 %. Das ist lächerlich. Dazu haben wir unter den Punkten 7 und 8 des Antrages eine Lösung angeboten, und zwar: Die bedarfsgerechte Ausbildung
Zweitens: Berufsschullehrkräfte. Wir haben das Thema im Ausschuss benannt. Perspektivisch müssen wir angesichts des bundesweiten Mangels selbst ausbilden. Ich habe vorhin die Zahlen genannt: Knapp 70 % der Brandenburger Berufsschullehrkräfte sind über 50 Jahre alt. Jährlich brauchen wir ca. 100 Berufsschullehrkräfte. Bis zum dritten Quartal sollte es möglich sein, ein Konzept für eine eigene universitäre Ausbildung vorzulegen. Die Zeit drängt.
Wer keine Lehrkräfte hat, setzt auf Seiteneinsteiger. Das ist auch richtig so. Wir haben keine andere Wahl. Absehbar ist aber, dass wir in nur wenigen Jahren über 2 000 Lehrkräfte unbefristet beschäftigen werden, die kein Hochschulstudium abgeschlossen haben. Hinzu kommt die Einstellungspraxis. Entgegen aller Zusagen erfolgt in fast keinem Fall eine dreimonatige Vorabqualifizierung. So war das Seiteneinsteigerprogramm nicht gedacht. Die meisten werden ins kalte Wasser geworfen und unterrichten oft drei oder vier Fächer - das muss man sich einmal vorstellen. Dazu kommt teilweise sogar noch eine Klassenleitertätigkeit. Die GEW spricht von einem Experiment an unseren Kindern, und das ist auch der Fall. Auch ein 500-Stunden-Programm reicht nicht aus, welches ohnehin nicht alle Kollegen absolvieren.
Sie müssen dieses Programm dringend bearbeiten, die Vorqualifizierung stringent durchsetzen und langfristige Fortbildungsprogramme als Module über mehrere Jahre ermöglichen, und zwar angepasst an die Schulform - Punkte 4 und 5 unseres Antrages.
Eine wachsende Zahl von Schulen im Ländlichen wird in den kommenden Jahren eine Seiteneinsteigerquote von über 50 % und mehr erreichen. Diese Schulen können Seiteneinsteiger nicht mehr allein begleiten. Deshalb brauchen sie dringend eine externe Unterstützung durch die Studienseminare - Punkt 3 unseres Antrages.
Zum Schluss zu den Anreizen: eine gute Werbestrategie, ein transparentes Bewerberportal - unseres ist im Übrigen eine Katastrophe -, die Sicherung von Fahrt- und Unterkunftskosten für Praxissemestler, ein Stipendienprogramm für Bachelor-Studenten, die in den ländlichen Raum gehen wollen, verbunden mit einer Landeskinderregelung. Fangen Sie mit einer Kohorte an, das kostet nicht so viel Geld, und dann kann man schauen, ob es wirkt. Dessen bin ich mir allerdings sicher.
Ganz kurz zum Entschließungsantrag der AfD: Dieser stellt in zwei Punkten lediglich eine Neuformulierung unseres Antrages dar. Was unter Punkt 3 aufgeführt ist, haben wir unter Minister Baaske schon einmal probiert. Nicht ein einziger Lehrer hat sich mit einer Zulage überreden lassen, ins Ländliche zu gehen. Von daher fällt dieser Punkt aus und Ihr Entschließungsantrag ist somit überflüssig.
Vielen Dank. - Wir setzen mit dem Beitrag der Abgeordneten Poschmann fort, die für die SPD-Fraktion spricht.
Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Liebe Gäste! Liebe Frau Dannenberg, heute ist Kinderspieltag. Wissen Sie, was der Kinderspieltag ist?
„Es ist ganz einfach, diesen Tag zu feiern, denn alles ist auf einmal wie ein Kinderspiel. Reifen wechseln, Schrank aufbauen, Kurvendiskussion in Mathe: alles plötzlich gar kein Problem - alles ein Kinderspiel.“
So sieht es anscheinend auch die Opposition: ein Kinderspiel - wenn ich Ihren Antrag so lese. Schnell alle Ideen untereinander aufgeführt und - schwupp! - sind die neuen Lehrkräfte da. Aber Sie wissen ganz genau: So einfach ist es eben nicht. Wir stehen - wie Sie gerade auch gesagt haben - im Wettbewerb um die weniger gewordenen jungen Menschen und wir stehen im Wettbewerb mit anderen Bundesländern. Lehrkräfte gewinnen und bestmöglich qualifizieren - das wollen wir alle. Ich unterstelle, dass wir uns da im Ziel sehr einig sind.
Wir haben in den letzten zehn Jahren auch gemeinsam an diesem Ziel gearbeitet. SPD und Linke haben viele Maßnahmen, die dafür dringend notwendig waren, gemeinsam umgesetzt. Dabei ist uns auch viel gelungen.
Ich möchte kurz - Sie sind eben schon darauf eingegangen - daran erinnern: In den Schuljahren 2015/2016 bis 2019/2020 wurden insgesamt mehr als 5 600 Lehrkräfte unbefristet neu eingestellt oder entfristet, inklusive sonstigem pädagogischem Personal.
Zweitens: Es sind mehr Personen eingestellt worden, als ausgeschieden sind. Rund 1 700 Lehrkräfte mehr arbeiten heute an unseren Schulen.
Drittens: Ab dem Wintersemester 2019/2020 - Sie haben es eben erwähnt - werden deutlich mehr junge Menschen ein Lehramtsstudium in Brandenburg beginnen, und die Universität Potsdam stellt ab dem kommenden Wintersemester 2020/21 insgesamt 1 000 Plätze für Lehramtsstudierende zur Verfügung.
Viertens: Die Zugänge zum Lehramtsstudium erweitern wir, sodass auch Studierende, die keinen lehramtsbezogenen Bachelor erworben haben, den Zugang zu einem besonderen lehramtsbezogenen Masterstudiengang an der Universität Potsdam erhalten können.
Zudem wurde - fünftens - erstmals ein umfassendes Konzept zur Qualifizierung von Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern erarbeitet.
Dazu gehört zum einen der Aufbau von multiprofessionellen Teams, die die Schulen bei der Bewältigung der wachsenden Herausforderungen an unseren Schulen unterstützen und damit für verbesserte Unterrichtsqualität sorgen. Das bedeutet 400 zusätzliche Fachkräfte, mehrheitlich Lehrkräfte, für unsere Schulen. Dazu gehört auch der Einstieg in die universitäre Ausbildung von Berufsschullehrkräften; Sie haben es eben auch angesprochen. Dazu gehört ebenso ein Stipendienprogramm für angehende Lehrkräfte. Denn wir wissen um die regional unterschiedliche Verteilung der Lehrkräfte, und uns ist bewusst, wie schwer man besonders in ländlichen Regionen um Fachkräfte ringt. Genau deswegen prüfen wir auch die Einführung eines solchen Programms und wie es erfolgreich gestaltet werden kann.
Sechstens: Zudem sollen Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger nicht nur weiter qualifiziert werden, sondern auch eine bessere Beratung bezüglich des individuellen Berufseinstiegs erhalten.
In Ihrem Antrag sind auch zwei, drei Punkte enthalten, die mich nicht so ganz überzeugen. Ich denke, wir haben in Brandenburg kein Erkenntnisproblem, sondern wir haben einen Umsetzungsauftrag. Ich bin nicht davon überzeugt, dass uns ein weiterer runder Tisch bei der Lösung unseres Problems hilft; denn die benannten Akteure kommen eh schon zum regelmäßigen Austausch zusammen, um Verbesserungen zu erwirken.
Natürlich klingt es in der Theorie gut, Seiteneinsteigerinnen und einsteiger vorab zu qualifizieren. Das haben wir uns auch vorgenommen, so steht es im Koalitionsvertrag. Aber wir kennen die Praxis und Sie wissen selbst, dass man Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger manchmal auch sofort benötigt, manchmal eben auch mitten im Schuljahr. Daher würden wir nach Ihrem Modell nur Unterrichtsausfall produzieren - und das wollen Sie sicherlich auch nicht.