Da Sie die AfD hier ja gerne als rückwärtsgewandt framen und das auch in der letzten Legislaturperiode getan haben, fällt Ihnen der Schritt vielleicht etwas leichter, wenn Sie sehen, dass tatsächlich auch immer mehr SPD-Politiker zur Besinnung kommen: Erst vergangene Woche forderten drei Berliner SPD-Gesundheitsstadträte in einem offenen Brief an den Senat ein umfassendes Handyverbot an allgemeinbildenden Schulen.
Auch Hessens Kultusminister Armin Schwarz von der CDU fordert ein bundesweites Smartphoneverbot an Schulen. Vielleicht will sich die CDU-Fraktion mal mit den Kollegen austauschen; Sie überlassen die Bildungspolitik ja sonst immer der SPD. Das wäre ein Feld, auf dem Sie sich hervortun könnten.
Jugendliche selbst lehnen digitales Lernen zu über 90 % ab. Dazu gibt es eine ganz aktuelle Trendstudie von 2025: 92 % der Jugendlichen über 16 Jahre sagen, dass an Grundschulen ein absolutes Handy- und Tabletverbot herrschen sollte. Die wissenschaftlichen Studien, die es zu dem Thema gibt, zeigen ja auch ganz deutlich die Nachteile mobiler Endgeräte: Die Schüler können sich schlechter konzentrieren, sie lassen sich leichter vom Unterrichtsgeschehen ablenken, sie können sich Inhalte schwerer merken, sie lernen langsamer, das Leseverständnis und die Lesegeschwindigkeit leiden, der Wortschatz bleibt weniger umfangreich, und die Sprachentwicklung verzögert sich.
Meine Damen und Herren, gerade beim katastrophalen Zustand des Brandenburger Bildungssystems können wir uns hier überhaupt keine Experimente leisten; da bin ich ganz ehrlich. Sämtliche nationalen Schüler- und Bildungsvergleichsstudien attestieren den Brandenburger Schülern alarmierende Defizite in den grundlegenden Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen. Der IQB-Bildungstrend zum Beispiel besagt, dass ein Fünftel der Brandenburger Grundschulkinder am Ende der 4. Klasse nicht richtig lesen, fast ein Drittel nicht rechnen und fast die Hälfte nicht oder nur rudimentär schreiben kann – fast die Hälfte! Das sind unglaubliche Zahlen. Und das ist Ihre Verantwortung, das ist nicht die Verantwortung der Kinder. Sie haben das Bildungssystem ruiniert!
Sie sind unfähig, die absolute Dysfunktionalität des gegenwärtigen Bildungssystems abzustellen, und wollen stattdessen lieber weitere Bildungsexperimente an unseren Kindern durchführen.
Nun wird seitens verschiedener Interessengruppen tatsächlich schon ein DigitalPakt Kita gefordert, weil bereits die Medienkompetenz – wie es so schön genannt wird –, von Kleinkindern gefördert und gestärkt werden müsse – das ist immer das Schlagwort, mit dem hier argumentiert wird. Da kann einem wirklich nur noch schwindelig werden. Ich sage: Lassen wir die Kinder Kinder sein! In der Kita hat das als Allerletztes etwas verloren.
Wer trotz der Fülle der vorliegenden Literatur weiterhin offensiv die gegenteilige Position vertritt und die Notwendigkeit von digitaler Bildung schon im Elementarbereich unkritisch propagiert, nimmt nicht nur die Überforderung, sondern auch die nachhaltige Schädigung der psychischen und physischen Gesundheit unserer Kinder billigend in Kauf.
Ein umfassendes Verbot der Nutzung digitaler Endgeräte in Kindergärten und an Grundschulen ist deshalb unumgänglich und auch überfällig. Ein solcher Vorstoß würde sich an Ländern orientieren, die bildungspolitisch um einiges erfolgreicher sind als Brandenburg. Mal ganz abgesehen von der direkten Auswirkung auf den Lernerfolg: Ein Handyverbot sorgt einfach auch für weniger Stress und Konflikte.
Das Verbot steht sowieso in der Hausordnung der meisten Schulen. Es lässt sich aber oft schwer umsetzen, erfordert einen unverhältnismäßig großen Kontrollaufwand und sorgt für Diskussionen und Streit. Der eine Lehrer handhabt die Verstöße strenger, der andere weniger streng; es gibt dauernd Diskussionen. Wir schaffen hier Klarheit: Wir stärken den Kollegen den Rücken. Wir unterbinden die Unsitte illegal angefertigter Video-, Ton- und Bildaufnahmen im Schulunterricht, von denen das Netz voll ist. Handyschließfächer oder sogenannte Handyparkplätze sind hier eine wegweisende Alternative.
Die Einzigen, die von der Politik der Digitalisierung an Kitas und Grundschulen profitieren, sind Big-Tech-Konzerne. Für den Steuerzahler bzw. die Eltern ist das Ganze kostspielig, für die Schüler ist es ein Risiko für ihre Bildungsbiografie.
Die Brandburger SPD hat sich bildungspolitisch wieder einmal verrannt. Vielleicht konnte ich Sie heute überzeugen, liebe Genossen. Ansonsten hilft vielleicht das BSW und übernimmt doch die Verantwortung für das, was noch im Wahlprogramm versprochen wurde. Wir wollen Kindergärten und Grundschulen, die digitalfreie Oasen für unsere Kinder sind und an denen sie grundlegende Kulturtechniken, an deren Beherrschung es ja häufig mangelt, optimal erlernen können. Das Digitalisierungsexperiment muss zum Wohle der kindlichen Entwicklung, der Gesundheit und der Bildungschancen unserer Kinder gestoppt werden. – Ich danke Ihnen.
Damit ist die Feuertaufe gut gelungen, denn das war die erste Rede von Herrn Dr. Kaufner in diesem Plenarsaal.
Wir kommen zur nächsten Rednerin auf der Rednerliste; das ist Frau Abgeordnete Poschmann von der SPD-Fraktion. Sie haben das Wort.
Herr Vizepräsident! Werte Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Tribüne! Bei der AfD scheint der Handyempfang nicht stabil zu sein. Irgendwie bricht die Verbindung ständig ab, und man versteht gar nicht, was sie eigentlich will.
Das sage ich nicht, weil sie recht kurzfristig ihr Antragsanliegen bzw. die Forderungen in ihrem Antrag grundlegend und wesentlich geändert hat, sondern ich sage das, weil der Antrag selbst nach der vorgenommenen Änderung weder bezogen auf den Titel noch bezogen auf die Forderungen und erst recht nicht bezogen auf die Begründung schlüssig oder gar sinnig ist.
Beim Titel kommt der Antrag populistisch um die Ecke, denn dort ist von einem umfassenden Handyverbot in Kindergärten und Grundschulen die Rede – eine Aussage, bei der sicher viele von uns erst mal geneigt sind, zustimmend zu nicken. Wer will schon, dass gerade die Kleinsten ständig am Telefon hängen? Man braucht aber gar nicht lang weiterzulesen, um zu erkennen: Die AfD wollte viel mehr beschließen lassen. Sie wollte die Nutzung privater digitaler Endgeräte am gesamten Schultag – also auch in den Pausen – in Grundschulen und auch in der Sekundarstufe I, also bis zum Ende der 10. Klasse, untersagen.
(Dr. Hans-Christoph Berndt [AfD]: Reden Sie doch zum An- trag, Frau Poschmann! Einfach zum Antrag reden!)
Wahrscheinlich ist Ihnen die eigene Wählerschaft aufs Dach gestiegen, und nun liegt uns ein Antrag vor, der sich allein auf Kindergärten und Grundschulen bezieht.
Anders als im Titel angegeben beantragt sie aber auch ein Verbot privater Tablets und Smartwatches sowie ein grundsätzliches Verbot der Verwendung digitaler Medien als Lehr- und Lernwerkzeuge.
Liest man sich die Begründung durch, erkennt man, wo die Reise für die AfD wirklich hingehen soll: Man findet dort eine ausführliche Generalabrechnung mit der digitalen Bildung, so wie wir es auch gerade noch einmal gehört haben.
Dort ist von der „Dringlichkeit für eine deutliche Kehrtwende bei der Digitalisierung der Bildung“ und von einer „entdigitalisierten Schule“ die Rede.
Der Begriff allein lässt mich erschaudern. Fast am Schluss liest man dann sogar, dass ein umfassendes Verbot der Nutzung digitaler Endgeräte unumgänglich und überfällig sei.
Wer sich jetzt fragt, was ein Handyverbot in Schulen mit digitalen Lehrwerkzeugen und adaptiven Lern-Apps zu tun hat, findet im Antrag darauf keine Antwort. Meine sehr geehrten Damen und Herren, das ist an Realitätsferne nicht mehr zu überbieten
und wird weder den Anforderungen der heutigen Zeit noch der Lebensrealität junger Menschen in irgendeiner Weise gerecht.
Daher will ich die Gelegenheit nutzen, meine Position deutlich zu machen. Vorab: Es ist unbestritten, dass der Medienkonsum immer wieder kritisch und vor allem altersgerecht betrachtet werden muss. Es ist ebenfalls völlig klar, dass digitalfreie Zeiten am Tag die Konzentrationsfähigkeit und das soziale Wohlbefinden maßgeblich verbessern. Deswegen müssen wir hier selbstverständlich noch genauer hinschauen. Ich möchte allerdings davor warnen, diese Aufgabe allein in die Schule zu verlagern. Wir sollten unsere eigene Vorbildrolle als Erwachsene nicht außer Acht lassen und das Bewusstsein für eine kritische Nutzung digitaler Medien auch in den Familien und in der Gesellschaft allgemein etablieren.
Ich möchte aber eindringlich darum bitten, sich klarzumachen: Digitale Bildung ist so viel mehr als die Nutzung von Smart- phones. Sie kann sehr wohl die Lehrkräfte bei ihrer pädagogischen Arbeit sinnvoll unterstützen und auch den individuellen Lernerfolg in Grundschulen nachweislich verbessern.
Mit dem Koalitionsvertrag haben wir uns vorgenommen, Empfehlungen für ein altersgerechtes Gleichgewicht zwischen digitalem und analogem Lernen zu entwickeln. Wir wollen gerade in der Grundschule den Fokus auf die feinmotorischen Fähigkeiten richten und einen Schwerpunkt auf die Vermittlung der Kernkompetenzen legen. Damit reagieren wir auf die Ergebnisse der vergangenen Vergleichsstudien und auf die Erfahrungen, die in
anderen Ländern gemacht wurden. Dennoch, meine sehr geehrten Damen und Herren, halte ich nichts davon, die Herausforderungen der Zeit einfach per Verbot zu ignorieren. Das gleicht einer Resignation in Bezug auf Entwicklungen, die ohnehin nicht aufzuhalten sind.
Auch wenn mir bewusst ist, dass ein Handyverbot in Schulen oft kontrovers diskutiert wird und viele Meinungen hervorruft: Lassen Sie uns nicht vergessen, dass die Schule ein wichtiger Sozialraum ist, ein Ort, an dem man gemeinsam lernt, gemeinsam lacht, sich austauscht, sich vertraut und gemeinsam wächst. Gerade in Zeiten von Informations- und Reizüberflutung, von Cybermobbing, Desinformation und Deepfakes im Netz dürfen wir Schülerinnen und Schüler nicht mit diesen Erfahrungen zurück- oder alleinlassen. Gerade jetzt brauchen sie den vertrauensvollen Austausch, den ihnen auch der Ort Schule bietet.
Dieser Verantwortung sollten wir uns nicht entziehen, wenn unsere Kinder verantwortungsbewusste, informierte und kritische Nutzer der digitalen Welt werden sollen.
Sie haben gesagt, dass das digitale Lernen den Unterrichtserfolg unterstützen kann. Sie haben zu Recht festgestellt: Wir haben das Ganze in unserem Antrag auf Kitas und Grundschulen beschränkt. – Jetzt möchte ich gerne einmal wissen, wie digitales Lernen in dem Bereich überhaupt so große Fortschritte bringen soll. Es sind ja gerade die Grundfertigkeiten, die unseren Schülern fehlen; gerade daran mangelt es ja. Diese bringt einem kein Tablet näher und auch kein Handy und irgendwelche Lern-Apps schon lange nicht. Es ist ganz gut, wenn so was ergänzend in der Freizeit genutzt wird; das kann jeder machen. Wir regieren hier ja nicht in das Freizeitverhalten der Leute rein oder sagen den Eltern, wie sie ihre Kinder am Nachmittag am besten auf die Schule vorbereiten und mit ihnen den Stoff wiederholen sollen. Das kann jeder so machen, wie er möchte. Es gibt Angebote, und die muss man nicht in Bausch und Bogen verdammen. Aber in den Grundschulen und in den Kitas hat das nun einmal nichts verloren.