Protokoll der Sitzung vom 10.02.2022

[Anne Helm (LINKE): Ja, vielleicht? Wer weiß das schon? Meine Güte!]

Das wäre mal ein echter Fall für den Verfassungsschutz.

[Beifall bei der AfD]

Sie werden mir nun sicher zurufen: Ja, aber was tun Sie denn gegen den Klimawandel? – Vielleicht etwas, was Sie sowohl in der Coronapandemie als auch in der

Klimapolitik als in Regierungsverantwortung stehende Personen längst hätten tun sollen: Weniger Ängste vor einem baldigen Tod schüren, sondern viel mehr Hoffnung verbreiten. Wie wäre es zum Beispiel, wenn der Mensch das tut, was er immer schon bei Klimaveränderungen getan hat, und sich durch Technologie anpasst? Wie wäre es, ein wärmeres Klima als eine Chance zu begreifen?

[Lachen bei den GRÜNEN]

Nein, die Angst vor der Apokalypse verkauft sich besser, und die Wahlergebnisse geben Ihnen bis zu einem gewissen Grad sogar recht, aber passen Sie auf, dass die Revolution nicht irgendwann von ihren eigenen Kindern gefressen wird!

Es gibt noch eine Wählerschicht, die immer weniger Verständnis für Ihren religiösen Kult hat: der einfache Arbeiter, die Leistungsträger dieser Gesellschaft, Steuerzahler und alle anderen Menschen, die den Personen, welche sich mit Sekundenkleber auf Straßen festkleben, überhaupt ermöglichen, sich tatsächlich darüber Sorgen zu machen, dass es in den Supermärkten zu viele Nahrungsmittel gibt als zu wenig. Früher sind die Menschen wegen des Gegenteils auf die Straße gegangen.

[Beifall bei der AfD]

Lassen Sie mich vielleicht noch kurz ausführen – das beherzte Eingreifen einiger Autofahrer, die die Leute von der Straße ziehen –: Es ist davon abzuraten, so etwas zu tun, weil die Gefahr besteht, eine Körperverletzung zu begehen, wobei ich auch anmerken möchte, dass vielleicht auch etwas wie eine Notwehrlage vorliegen könnte, wenn man von einer Person genötigt wird.

[Anne Helm (LINKE): Von Ihnen würde ich keinen juristischen Rat annehmen!]

Wissen Sie was? Was mich dann schon irritiert, ist, warum die Berliner Polizei von Amts wegen wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Meines Erachtens müsste man dazu ein Werkzeug oder Ähnliches oder Gift benutzen oder eine gemeinschaftliche Körperverletzung begehen. Wenn ich jedoch alleine eine Person wegschiebe, dann wundert es mich, dass – wenn keine Strafanzeigen oder Strafanträge gestellt wurden – gegen diese Personen ermittelt wird. Ich hoffe, es wird nicht gemacht, um Leute davon abzuhalten, von ihrem Notwehrrecht gegebenenfalls Gebrauch zu machen.

Meine abschließenden Worte richte ich an die Regierende Bürgermeisterin: Sie äußerten, dass Sie die Art und Weise des Protestes nicht akzeptieren würden. – Dann wird das Ihre erste Regierungsprobe sein. Denn ich bin mir bei Ihren Koalitionspartnern nicht sicher, ob diese das genauso sehen. Sie müssen Ihren Worten auch Taten folgen lassen. Finden Sie einen Weg, diese Erpressungsaktionen zu unterbinden! Zeigen Sie, dass Sie dem linken Extremismus den Kampf ansagen, auch wenn Sie das in Ihren Koalitionsvereinbarungen vergessen haben zu erwähnen! Zeigen Sie, dass die Nötigung einfacher Bürger, um po

litische Ziele zu erreichen, eine rote Linie ist, die in dieser Stadt nicht überschritten werden darf!

[Beifall bei der AfD]

Sorgen Sie dafür, dass die Berliner endlich wieder pünktlich zur Arbeit fahren können! – Vielen herzlichen Dank!

[Beifall bei der AfD – Gunnar Lindemann (AfD): Bravo!]

Es folgt für die SPD-Fraktion der Kollege Schreiber!

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Eigentlich wollte ich zwischendurch auf die AfD eingehen, aber ich mache es gleich am Anfang, dann sind wir das Thema los.

[Frank-Christian Hansel (AfD): Uns werden Sie so schnell nicht los!]

Herr Vallendar, Sie sind bei dem, was Sie hier vorgetragen haben, unter Ihrem Machbaren geblieben. Im HöckeStil irgendwelche Dinge zusammenzubasteln, aber eigentlich zum Thema nichts zu sagen, und den Versuch zu wagen, einen politischen Extremismus herbeizureden, das vermag letzten Endes eigentlich nur die AfD – ohne dass Sie mit Sachkenntnis und Faktenreichtum tatsächlich etwas zum Thema gesagt haben. Ich will Ihnen entgegenhalten: Wissen Sie, wir sind es gewohnt, dass Sie mit Ihrer Anhängerschaft – aufgestachelt durch die AfD viele Ungeimpfte ohne Maske – jeden Montag durch diese Stadt und andere Städte laufen.

[Frank-Christian Hansel (AfD): Ich dachte, Sie wollten zum Thema reden!]

Deshalb, glaube ich, sind wir nicht darauf angewiesen, dass Sie sich hier zu anderen politischen Protestformen äußern.

[Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN]

Nichtsdestotrotz komme ich gerne zum Thema dieser Aktuellen Stunde, denn das, was wir seit circa zwei Wochen erleben, ist etwas, wo man klar sagen muss: Hier gibt es einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Hier ist die Situation die, dass wir Aktivistinnen und Aktivisten haben, die für ein Thema stehen und kämpfen – dazu komme ich gleich noch –, die erstens sich selbst gefährden, aber letzten Endes auch Dritte, das heißt, andere Verkehrsteilnehmer. Ich kann klar sagen: Das, was man erlebt, was über die Medien dargestellt wird, was man auf unterschiedlichen Kanälen erleben kann, die Protestform, die hier, auf den Straßen Berlins versucht wird durchzusetzen, ist unsäglich, unerträglich und unverhältnismäßig.

[Beifall bei der SPD und der FDP]

Warum sage ich das? – Weil es sicherlich nicht mehr mit der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit vereinbar ist. Das sage ich sehr bewusst, denn zum einen ist es so, dass durch diese sogenannten Spontanaktionen, die letzten Endes keine sind – – Wir haben es gestern in der „Abendschau“ erlebt. Frau Hinrichs hat angekündigt, dass sie heute Morgen wieder Straßen blockieren wird. Öffentlich zu bekunden, dass man Straftaten begeht, ist nicht sehr hilfreich und klug, und es dient auch nicht der Sache. Zum anderen haben wir die Situation, dass die Einsatz- und Rettungskräfte gerade durch diese Aktionen schlichtweg an der eigentlichen Arbeit gehindert werden. Wir haben die Situation, dass es eben nicht ausreicht, einen Beamten oder zwei Beamte zu haben, um die Männer und Frauen, die Klimaaktivisten von der Straße zu bewegen. Sie sind festgeklebt. Sie müssen Stück für Stück gelöst werden, damit es keine bleibenden Schäden an den Fingern gibt. Und auf der anderen Seite muss die Polizei natürlich auch ein Stück weit versuchen zu unterbinden, dass die Personen wieder auf die Straße gelangen. Wir haben in der Chronologie der letzten ein bis zwei Wochen die Situation, dass die, die morgens dort festgestellt, identifiziert wurden, am Nachmittag wieder protestiert und diese Form durchgesetzt haben. Das ist die Sach- und Faktenlage.

Interessant ist – und darauf will ich auch gleich kommen – die Frage nach dem politischen Protest an und für sich. Der Protestforscher Michael Neuber von der TU hat das gut dargestellt und erklärt. Wir alle verstehen überwiegend in diesem Haus, dass das, was sie tun, einen klaren politischen Ansatz hat. Sie wollen uns deutlich machen: Macht mehr! Tut mehr! Wartet nicht ab! Wir haben keine Zeit zu verlieren. – Diese Botschaft ist angekommen. Im Wahlkampf, auf der Bundesebene, auf der Landesebene, auf der kommunalen Ebene spielt das Thema der Klimabewegung sehr wohl eine Rolle. Wir werden im Land Berlin zum Thema Nachhaltigkeit ganz viel auf den Weg bringen, im wahrsten Sinn des Wortes „aufs Gleis setzen“. Das wird aber nicht mit einem Fingerschnipsen laufen. Man kann nicht sagen, wir können heute und sofort die Dinge ändern. Deswegen ist es richtig, dass der Protestforscher Neuber von der TU klargemacht hat: Die Angst bei denen liegt darin, dass das Thema der Pandemie letzten Endes die Klimathematik überstrahlt und überdauert und die Klimabewegung dadurch keine große öffentliche Aufmerksamkeit mehr bekommt. Da muss man ganz klar sagen: Nein, so ist es nicht. – Es ist sehr wichtig, ihnen deutlich zu machen – der Kollege Freymark hat es gestern in der „Abendschau“ gesagt –, dass alle Parteien gesprächsbereit sind, dass alle Parteien auf Dialog in der Sache setzen. Wir müssen aber deutlich machen, dass die Art und Weise, die hier genutzt wird, nicht funktioniert, jedenfalls nicht in einer Demokratie. Und man kann auch nicht sagen, dass man durch Straßenblockaden Gesetzesprozesse anstrebt. Auch das ist ein wesentlicher Punkt. Die Demokratie lebt von Auseinandersetzungen, von Reibung, von unterschiedlichen

(Marc Vallendar)

Haltungen und Positionen. Deswegen wollte ich das noch einmal deutlich machen.

Auf der anderen Seite – das klang jedenfalls bei dem Vorredner an – zeigt die Reaktion der anderen Verkehrsteilnehmer, die sich teilweise nicht nur verbal äußern, sondern auch handgreiflich werden, dass Wut, Frustration und Emotionen eine Rolle spielen. Ich kann das durchaus verstehen, wenn man da im Stau stehen muss. Das ist keine Frage. Aber man muss ganz klar und deutlich sagen: Es kann nicht sein, dass der eine oder andere, wie es nachlesbar und auf verschiedenen Kanälen zu sehen war, selbst tätig und handgreiflich wird und Leute weggeschoben werden. Die Gewaltenteilung bzw. die Durchsetzung des Rechts ist bei uns ganz klar geregelt. Das obliegt der Berliner Polizei. Die Berliner Polizei – ich glaube, Innensenatorin Spranger wird das noch einmal deutlich machen – wird alles tun, was möglich ist, und das ist auch richtig so. Nur sie allein kann und darf die Personen identifizieren und letzten Endes von der Straße tragen. Selbstjustiz ist eine falsch verstandene Zivilcourage. Das geht nicht.

[Beifall bei der SPD, den GRÜNEN, der LINKEN und der FDP]

Deswegen will ich auch deutlich machen, dass die Berliner Polizei und insbesondere die Einsatzhundertschaften – jedenfalls nach dem, was man lesen und sehen kann und bisher vorliegt – sehr besonnen, konsequent und verhältnismäßig eingeschritten sind. – Ich bin auch dankbar, dass Sie, Frau Regierende Bürgermeisterin und Frau Innensenatorin, dazu deutliche Worte gefunden haben. Das Thema spielt ja bundesweit eine Rolle. Es ist kein Berliner Thema. Herr Wegner guckt schon so traurig.

[Kai Wegner (CDU): Was? Sie brauchen eine Brille!]

Ja, Sie gucken ein bisschen traurig. – Das Thema spielt bundesweit eine Rolle. Die Aktivistinnen und Aktivisten bilden einen Kern von circa 250 Menschen. Man darf auch nicht den Fehler machen, wie es die AfD wiederholt versucht, zu sagen, es sei ein bestimmtes Spektrum. Durch die Darstellung in den Medien wird deutlich, dass es ein Querschnitt der Gesellschaft ist, der dort sitzt: vom 19- bis 72-Jährigen, von unterschiedlichen Berufsgruppen, vom Handwerker bis zum Akademiker.

[Frank-Christian Hansel (AfD): Wie bei den Spaziergängern!]

Das muss man bei der Frage der Einordnung wissen. Dann kann man sich dazu auch äußern.

Es muss aber auch klar gesagt werden: Das, was sie jetzt gerade auf den Straßen in Berlin treiben, ist natürlich auch der Versuch – – Sie wissen es selbst. Ich will nur einmal einen Tweet zitieren:

Wo kann man in Deutschland die größtmögliche Störung hervorrufen, wenn nicht auf deutschen Autobahnen?

Sie nutzen und wählen dieses Mittel, was aus ihrer Sicht legitim erscheint, aber wir bewegen uns hier in Teilen schon im strafbaren Rahmen, im Bereich der Straftaten.

[Dr. Kristin Brinker (AfD): Total!]

Der § 315b StGB „Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr“ macht das sehr deutlich. Das Recht ist in der Sache klar. Ich kann nur sagen: Um Nachahmungstaten zu unterbinden und den Punkt viel deutlicher in den Blick zu nehmen, ist es sehr sinnvoll, auch über beschleunigte Verfahren nachzudenken. Zweitens muss der Grundsatz wie in jedem Fall gelten: Die Strafe muss auf dem Fuße folgen.

Herr Kollege! Ich darf Sie fragen, ob Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Woldeit zulassen.

Nein, herzlichen Dank! – Das muss der Grundsatz sein, den wir hier alle verfolgen sollten. Es kann eben nicht sein, dass hier ein Stück weit Recht gebrochen wird. Deswegen will ich noch einmal die Botschaft – vielleicht für uns alle – senden, dass diejenigen, die heute wieder – und in den kommenden Tagen hoffentlich nicht – auf Berlins Straßen sitzen und blockieren und öffentlich für ihr Thema werben, lieber dafür Sorge tragen sollten, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Das wären natürlich die Bundesebene, der Deutsche Bundestag, aber natürlich auch das Abgeordnetenhaus. Sie sollten einen Dialog führen und aufhören, Dritte in Generalhaftung zu nehmen. Uns alle bewegt die Frage, wie wir etwas gegen die Klimaveränderung tun können, was wir gemeinsam für ein besseres Klima und mehr Nachhaltigkeit tun können. Da haben sich dieser Senat, aber auch die Bundesregierung viel vorgenommen. Ich habe die Hoffnung, dass wir, wenn wir auf Dialog anstatt auf Monolog setzen, in der Sache zusammen viel erfolgreicher sein und uns diese tagtäglichen Straßenblockaden ersparen können. – Herzlichen Dank!

[Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN]

Es folgt die CDU-Fraktion, und hier der Kollege Balzer.

[Stefan Förster (FDP): Jetzt kommt Reinickendorf!]

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich, dass Sie alle pünktlich hier im Preußischen Landtag angekommen sind,

[Katina Schubert (LINKE): ÖPNV macht es möglich!]

(Tom Schreiber)

denn es geht vielen Tausenden Berlinerinnen und Berlinern seit zwei Wochen nicht mehr so, beziehungsweise wissen sie nicht, ob sie pünktlich zur Arbeit kommen, mit allen arbeitsrechtlichen Folgen, die passieren können. Aber schön, dass Sie es geschafft haben!