Die Chancen auf Änderung der gemeinsamen Bildungsemp fehlung durch die Klassenkonferenz waren nach Tests und Be ratungsverfahren durch einen Beratungslehrer sehr klein. Für das Bestehen einer Aufnahmeprüfung war die Chance gar ver schwindend gering. An meiner Schule hat in den vergangenen vier Jahren kein einziges Kind die Aufnahmeprüfung bestan den, und eine Korrektur der Empfehlung gab es nur in zwei Fällen.
Die Leidtragenden sind immer die Kinder, die von ihren El tern in das Beratungsverfahren gedrängt werden und mit der zweiten gemeinsamen Bildungsempfehlung dann erneut als Versager bloßgestellt werden. Wenn sie dann noch am Ende des Schuljahrs in die Aufnahmeprüfung geschickt werden und diese auch nicht bestehen, erlischt der letzte Funken Hoff nung. Einmal mehr können die armen Kinder die Erwartun gen ihrer Eltern nicht erfüllen – eine Katastrophe für viele Bil dungsbiografien.
Sie argumentieren, aufgrund der Übertragung der Entschei dung für eine weiterführende Schule auf die Eltern bestehe die Gefahr, dass die Kinder in einer falschen Schule landeten, dort Misserfolge hätten, sitzen blieben und die Schmach der Zurückstufung in die Haupt- oder Realschule erleiden müss ten.
Solange es sich Schulen sowie Lehrerinnen und Lehrer leicht machen können, indem sie dem Kind bedeuten, dass es an der falschen Schule sei,
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Grünen – Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Wer macht denn so etwas? – Abg. Friedlinde Gurr-Hirsch CDU: Das liegt doch an der Persönlichkeit des Lehrers!)
Erst wenn es in allen Schulen gelingt, alle Kinder so anzuneh men, wie sie sind, und sie entsprechend ihren Fähigkeiten in dividuell zu fördern, werden wir allen Kindern gerecht.
Seien Sie sich bewusst, dass Sie noch immer dieser altherge brachten Überzeugung hinterherlaufen: Alle gleichartigen Schüler haben beim gleichen Lehrer zum gleichen Zeitpunkt im gleichen Zimmer mit dem gleichen Lehrmittel das gleiche Ziel gleich gut zu erreichen.
Frau Präsidentin, liebe Kol leginnen und Kollegen! Werter Kollege Käppeler, ich möch te in aller Form und im Namen der FDP/DVP-Fraktion zu rückweisen, wie Sie vorhin alle Hauptschüler und alle Haupt schulen in einen gemeinsamen Topf geworfen haben.
(Beifall bei der FDP/DVP und der CDU – Zurufe: Bravo! – Abg. Martin Rivoir SPD: Spielen Sie sich doch nicht so auf!)
Außerdem haben Sie alle baden-württembergischen Lehrer gemeinsam in einen Topf geworfen: Diese würden diejenigen Schülerinnen und Schüler, die ihrer Meinung nach nicht an der richtigen Schule sind, absichtlich mit dem Ziel eines Schulwechsels des betreffenden Schülers prüfen. Ich finde, das ist ein starkes Stück. Das ist nicht in Ordnung.
(Beifall bei der FDP/DVP und der CDU – Abg. Karl- Wilhelm Röhm CDU: Bravo! – Abg. Martin Rivoir SPD: Ach was! – Abg. Friedlinde Gurr-Hirsch CDU: Das ist das Berufsverständnis mancher Leute!)
Geschätzte Kolleginnen und Kollegen von der Koalition, je länger ich mir Ihr Agieren in der Bildungspolitik insgesamt anschaue, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass das Ham burg-Trauma Sie sehr geprägt hat.
Es ist zu laut, liebe Kol leginnen und Kollegen. Schenken Sie doch bitte Herrn Abg. Dr. Kern Ihr Gehör.
Vielen Dank. – Es muss für Sie ein Schock gewesen sein, als ein Volksentscheid in Ham burg die einheitlich verordnete sechsjährige Grundschule kippte.
Sie mussten nicht nur feststellen, dass nicht alle Ihre bildungs politischen Ansätze rundum klasse fanden, sondern auch, dass
Welchen Schluss haben Sie aus der Hamburger Erfahrung ge zogen? Zunächst einmal haben Sie den Schluss daraus gezo gen, dass Sie Ihrer Schulpolitik ein bürgerfreundliches Ant litz – man könnte auch sagen: eine bürgerfreundliche Maske – verleihen müssen.
Im Dialog und ausschließlich freiwillig soll verfahren wer den. Das ist aus unserer liberalen Sicht auch die richtige Schlussfolgerung.
Da Sie aber gleichzeitig fürchten, die Bürger in Baden-Würt temberg könnten von Ihrem schulpolitischen Lieblingsexpe riment, der Gemeinschaftsschule, möglicherweise nicht be geistert sein, unternehmen Sie alles, um das bestehende Schul system in unserem Land zu untergraben.
So wird die Unterrichtsversorgung trotz Ihrer vollmundigen Ankündigungen stiefmütterlich behandelt. Statt z. B. die Si tuation an den beruflichen Schulen zu verbessern, werden Res sourcen für die Gemeinschaftsschulen reserviert. Die Gemein schaftsschule wird offensichtlich mit zusätzlichen Ressour cen ausgestattet. Damit sollen die Entscheidungen der örtli chen Entscheidungsträger gezielt beeinflusst werden.
Ich weiß, zum Stichwort „Berufliche Schulen“ kommt genau das Gleiche wie schon einmal. Nein, an dieser Stelle lasse ich keine Zwischenfrage zu.
Entscheiden sich die örtlichen Entscheidungsträger für die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule, so tun sie dies häu fig nicht, weil sie aus pädagogischen Gründen von dieser Schulart überzeugt wären, sondern weil sie ein Maximum an staatlichen Ressourcen für ihre örtliche Schule herausholen wollen. Das kann man auch gut nachvollziehen.
Dies ist auch der Tenor der vielen Gemeinderatsberatungen zur Gemeinschaftsschule. Ein Schuldirektor aus Riedlingen brachte es wunderbar auf den Punkt. Er sagte – ich beziehe mich auf den „Alb Boten“, Münsingen, vom 27. Oktober 2011 –, eine Gemeinschaftsschule werde einen erheblichen Mehr bedarf an Personal – und das mit anderer Ausbildung – haben, und hielt fest, man müsse wohl aus politischen Gründen „zu schlagen“, nicht aber aus pädagogischen.
So soll schließlich auch die überstürzte Abschaffung der ver bindlichen Grundschulempfehlung als Rammbock gegen die bestehenden Schulstrukturen dienen, die, obwohl sehr be währt, Ihnen ein Dorn im Auge sind.
Dabei kann man über die pädagogische Dimension der ver bindlichen Grundschulempfehlung wahrlich streiten. Da gilt es abzuwägen zwischen dem freien Elternwahlrecht einerseits und dem Wohl des Kindes andererseits. Immerhin darf man auch nicht übersehen, dass die Kinder nicht selten im Hinblick auf die Grundschulempfehlung unter Druck stehen. Anderer seits stellt ein erzwungener Wechsel von einer weiterführen den Schulart in eine andere zu einem späteren Zeitpunkt aber auch ein riesiges Frustrationserlebnis für die betroffenen Kin der dar.
An dieser Stelle möchte ich einmal ins Detail gehen, um dar zulegen, dass es Ihnen in allererster Linie um Ideologie und nicht um das Wohl der Kinder geht.
(Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der CDU – Abg. Dr. Friedrich Bullinger FDP/DVP: So ist es!)
Die Landesregierung trifft in vielen Drucksachen die Aussa ge – zusammengefasst –, sie wolle mit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung einen unterstellten Zu sammenhang von Herkunft und Bildungserfolg verringern. Nun wurde aber – Kollege Wacker hat es schon gesagt – im August dieses Jahres eine Studie veröffentlicht, die genau die sen Zusammenhang nach der Wiedereinführung der verbind lichen Grundschulempfehlung in Nordrhein-Westfalen bei mehr als 700 Kölner Grundschülern untersucht hat und genau das Gegenteil von dem beweist, was Sie behaupten.