Protokoll der Sitzung vom 15.09.2005

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Schon jetzt gibt es genügend Öffnungen, wie z. B. befristete Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund. Darüber hinaus hat diese Bundesregierung bereits Lockerungen beim Kündigungsschutz auf den Weg gebracht, die mittlerweile von den meisten Betrieben als ausreichend angesehen werden. Verlässlicher Kündigungsschutz, meine Damen und Herren, gehört zu den zentralen Elementen unseres Sozialstaates und unseres Beschäftigungssystems.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Unser Land braucht selbstbewusste Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die gute Arbeit leisten können, ohne dass ihnen die Angst vor dem Heuern und Feuern permanent im Nacken sitzt.

Noch gravierender sind aus unserer Sicht die Einschnitte, die Sie bei Tarifautonomie und Mitbestimmung planen. So wollen Sie so genannte betriebliche Bündnisse durch die Einführung gesetzlicher Öffnungsklauseln gegen den Willen der Tarifvertragsparteien ermöglichen.

(Friedrich-Otto Ripke [CDU]: Das wollen viele Arbeitnehmer auch!)

Zukünftig soll es für die Beschäftigten eines Betriebes auch günstiger sein, zu geringeren Löhnen und/oder längeren Arbeitszeiten zu arbeiten, wenn es Arbeitsplätze sichert und zwei Drittel der Belegschaft dafür sind.

(David McAllister [CDU]: Bei qualifi- zierter Mehrheit!)

Aber, meine Damen und Herren, was ist das für ein Vorschlag? Jeder von Ihnen weiß doch, wie es in der betrieblichen Wirklichkeit aussieht. Eine solche Drucksituation kann man jederzeit konstruieren. Man weiß sehr genau, dass sehr viele Arbeitnehmer, wenn sie unter Druck gesetzt werden, beispielsweise indem man ihnen den Verlust ihres Arbeitsplatzes androht, heutzutage in alles einwilligen, was ihnen vorgeschlagen wird. Sie nehmen den Tarifverträgen mit diesen Vorhaben die wich

tigste Funktion, nämlich die Schutzfunktion vor Lohndumping und langen Arbeitszeiten.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Die Konsequenz wäre eine Verbetrieblichung der Tarifpolitik mit allen Konsequenzen für den sozialen Frieden, der in unserem Lande ein hohes Gut ist, meine Damen und Herren.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Eine betriebliche Auseinandersetzung z. B. um einen einzigen Zulieferbetrieb könnte eine ganze Branche lahm legen. Deshalb lehnen auch die meisten maßgeblichen Verbandsvertreter der Arbeitgeber Ihren Vorstoß ab. Herr Kannegiesser und seine Kollegen wissen im Gegensatz zu Ihnen offensichtlich, dass es mittlerweile Hunderte von betrieblichen Bündnissen in dieser Republik gibt, und zwar mit den Gewerkschaften im Rahmen von tariflichen Öffnungsklauseln.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts, Ingrid Schmidt, geht sogar noch einen Schritt weiter. Ich zitiere aus der Berliner Zeitung vom 29. März dieses Jahres:

„Sie hat größte verfassungsrechtliche Bedenken, ob gesetzliche Öffnungsklauseln, die tarifliche Abweichungen in das Belieben der Betriebsparteien stellen, überhaupt möglich wären.“

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie müssen den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in diesem Land auch erklären, wie Sie betriebliche Bündnisse organisieren wollen, wenn Sie gleichzeitig den Betriebsräten wichtige Mitbestimmungs- und Freistellungsmöglichkeiten beschneiden wollen, wie es in Ihrem arbeitsmarktpolitischen Maßnahmenkatalog ja vorgesehen ist.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Die SPD steht für den Erhalt der Mitbestimmung. Deswegen haben wir 2001 auch die Reform der Betriebsverfassung durchgesetzt, und deswegen wurde zur Weiterentwicklung der Unternehmensmitbestimmung die Biedenkopf-Kommission einge

setzt. Wir sagen: Demokratie darf nicht vor den Betriebstoren aufhören.

Aufhören sollten wir auch nicht mit dem generellen Anspruch auf Teilzeit in Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten. Man kann nicht auf der einen Seite die Förderung von Familien propagieren und auf der anderen Seite die Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verschlechtern. So funktioniert es nicht.

(Beifall bei der SPD)

Hören Sie auch endlich auf - das sage ich insbesondere an die Kolleginnen und Kollegen der FDPFraktion - mit der Diskussion über die Ladenschlusszeiten. Ich glaube, dass wir jetzt einen Stand erreicht haben, mit dem wir alle gut leben können. Eine völlige Freigabe würde die kleinen Einzelhändler weiter schwächen und die großen Handelsketten noch mächtiger machen, von den Auswirkungen auf die Beschäftigten ganz zu schweigen.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

„Deutschlands überraschende Wirtschaft“ - so titelte vor wenigen Wochen der britische Economist.

(Ernst-August Hoppenbrock [CDU]: Das hatten wir doch schon!)

„Deutschland, lange der teuerste Wirtschaftsstandort Europas, hat einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Frankreich, Italien, den Niederlanden und sogar Großbritannien aufgebaut“,

heißt es weiter. Als wichtige Faktoren führt das Magazin das hohe Maß an Flexibilität der Arbeitnehmer, die gelungene Neuausrichtung großer deutscher Konzerne und vor allen Dingen die günstigen Lohnstückkosten in Deutschland an. Recht hat er, der Economist.

(Ursula Körtner [CDU]: Und wie geht es weiter?)

Deshalb kann ich Sie nur auffordern: Stimmen Sie mit uns gegen die Empfehlung des Ausschusses. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

(Starker Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Für die Landesregierung hat sich Herr Minister Möllring zu Wort gemeldet. Bitte schön!

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Dass hier für den Flächentarifvertrag ausgerechnet jemand aus einem Betrieb spricht, der einen Haustarifvertrag hat, ist schon bezeichnend. Ich weiß, dass auch die Gewerkschaft mit Vertragspartner ist, aber vielleicht sollten Sie sich doch einmal überlegen, ob Sie nicht wenigstens zum Flächentarifvertrag zurückkehren sollten.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Es geht hier natürlich um Arbeitnehmerrechte und nicht um Rechte von Betriebsräten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in der schwierigsten wirtschaftlichen Situation Deutschlands seit Ende des Zweiten Weltkriegs mit 5 Millionen Arbeitslosen und stetigem Niedergang der Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen

(Enno Hagenah [GRÜNE]: Das ist doch gar nicht wahr!)

ist der Antrag der SPD-Fraktion, mit dem wir uns heute beschäftigen müssen, gelinde gesagt - -

(Enno Hagenah [GRÜNE]: Die Wett- bewerbsfähigkeit ist doch da! Das zeigt die Weltmarktlage!)

- Wer ist wettbewerbsfähig?

(Enno Hagenah [GRÜNE]: Die Wirt- schaft in Deutschland; sonst könnten wir wohl kaum so viel exportieren, wie wir exportieren!)

- Herr Hagenah, wenn Sie sich vor dem Zwischenruf sachkundig gemacht hätten, dann wüssten Sie, dass der Export, in dem wir tatsächlich Weltmeister sind, im Wesentlichen durch Importe bestimmt wird und dass hier nur veredelt wird.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP - Enno Hagenah [GRÜNE]: Nein! Nur zu 40 %! 60 % Wertschöpfung kommt aus dem Inland!)

Sonst müsste unser Arbeitsmarkt ja boomen, und wir hätten nicht 5 Millionen Arbeitslose.

(Enno Hagenah [GRÜNE]: Die Bin- nenkonjunktur krankt, und daran ha- ben Sie einen Anteil!)

- Das ist richtig, Herr Hagenah. Zusätzlich krankt die Binnenkonjunktur, weil die Leute durch Ihre rotgrüne Bundesregierung zum Angstsparen gezwungen werden.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Bei Ihrer Bundesregierung wissen die Leute nicht, ob sie morgen noch einen Arbeitsplatz haben, ob sie die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen können, ob ihre Altersrente gesichert ist. Und weil sie diese Angst haben, sparen sie und sorgen nicht für Nachfrage. Und deshalb gehört diese Bundesregierung auch abgelöst!

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Herr Hagenah, ebenso wie Ihre Parteifreunde auf Bundesebene ignorieren Sie die unbestreitbaren Zusammenhänge zwischen dem völlig überreglementierten, starren und bürokratischen Arbeitsrecht und der schlechten wirtschaftlichen Lage. Jeder EU- oder OECD-Bericht weist auf genau diese Schwachstelle hin; Sie sollten es einmal nachlesen.