Wie Elisabeth Meyer-Renschhausen in ihrem Vortrag auf dem Jahreskongress des Deutschen Hochschullehrerinnenverbandes im Jahre 2005 herausgestellt hat, sind es nicht in erster Linie die Gleichstellungsrichtlinien, welche den entscheidenden Ausschlag geben, ob eine Promotion oder eine Habilitation in Angriff genommen wird, sondern entscheidend sind auch Zukunftsperspektiven wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch das Privatleben. Mit einer besseren Kinderbetreuung geht Nordrhein-Westfalen jetzt einen konsequenten neuen Weg. Hiermit berücksichtigen wir auch die Interessen der Frauen.
Die oftmals ungewissen Stellenperspektiven, das Hangeln von einem Zeitvertrag in den nächsten, eine nicht hinreichende soziale Absicherung lassen in erster Linie Frauen davon absehen, eine Promotion zu beginnen. Denn nach wie vor gilt zum Beispiel auch in den Geisteswissenschaften die Regel, dass eine Promotion nicht erforderlich ist, um den Berufseinstieg zu schaffen. Und genau darum geht es den jungen Absolventinnen: Habilitanden sind im Schnitt 40 Jahre alt. Jetzt erst dürfen sie sich mit den Privatdozenten und Lehrstuhlinhabern um die neu zu besetzenden Lehrstühle bewerben.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Klartext bedeutet dies einen Berufseinstieg zu einem Lebensalter, in dem die Klassenkameradinnen, die keine universitäre Laufbahn angestrebt haben, schon lange im Beruf sowie materiell und sozial etabliert und abgesichert sind, von dem Wunsch, eine Familie zu gründen, ganz zu schweigen. Die Stellen an der Universität unterhalb des Mittelbaus sind nicht immer unbedingt interessant, da sie viel Arbeit und wenig Geld bringen.
Lassen Sie mich noch einmal auf den Aspekt der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben zurückkommen. Wie in einer im Journal „Netzwerke Frauenforschung NRW“ vorgestellten Repräsentativumfrage festgestellt wurde, geben Frauen
häufig an, auf dem Weg zur Erlangung von Professurstellen auf soziale Kontakte und Freunde verzichtet zu haben. Dies ist eine Einschränkung, die auch mittels der Gleichstellungsrichtlinien und Stipendien nicht wirkungsvoll verändert werden konnte.
Zum Schluss möchte ich auch noch ein Wort zum Lise-Meitner-Programm sagen. Selbiges Programm ist mit dem Hochschul- und Wissenschaftsprogramm ausgelaufen. Wir haben die Universitäten in die Freiheit entlassen. Damit stellt auch die Förderung der Frauen in Wissenschaft und Forschung eine Aufgabe dar, welche die Universitäten eigenverantwortlich übernehmen können und müssen.
Wir können den Universitäten nicht einerseits die Freiheit geben, andererseits diese Freiheit bei jedem Punkt, den wir für wichtig erachten, wieder zurückfahren. Den Universitäten ist durchaus bewusst, dass sie in diesem Bereich Verantwortung zu übernehmen haben. Wir sollten ihnen auch das Vertrauen schenken, selbstständig zu Lösungen zu kommen, die allen Seiten gerecht werden.
In den Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit den Hochschulen ist Gender Mainstreaming als eigener Abschnitt aufgenommen. In der Regel umfasst das Gender-Mainstreaming-Profil der Hochschulen drei Punkte, nämlich erstens die Ausstattung der Gleichstellungsbeauftragten mit eigenen Mitteln zur Durchführung von Projekten, zweitens gezielte Personalentwicklung zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen sowie drittens die Verankerung der Gender-Studien in Studiengängen.
Sie sehen also, dass die Förderung von Frauen in den Hochschulen mit der Freiheit der Hochschulen kompatibel ist. – Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau Westerhorstmann ist zumindest nachdenklich geworden, als es um die Zahlen, um die Statistiken ging, und sie hat deutlich gemacht, dass wir aktuell einen Frauenman
Allerdings können wir die Analyse und die konkreten Vorschläge, die dann folgten, nicht teilen. Denn mit Freiheit und Vertrauen und all diesen schönen Worten kann man die Fakten und Defizite gerade in diesem Bereich nicht ausräumen.
Ich will noch einmal einige Zahlen anführen, die ich der OECD-Studie von 2006 entnommen habe. Demnach haben 30 % aller männlichen Schulabsolventen in Deutschland im Jahre 2000 ein Studium aufgenommen. Wie viele waren es bei den weiblichen Schulabsolventen? – Ich will es Ihnen sagen: Es waren ebenfalls 30 %. Einmal abgesehen davon, dass es insgesamt deutlich mehr sein müssten, klingt das zunächst gar nicht so schlecht.
Das Problem ist jedoch, dass sich hinter dieser zahlenmäßigen Gleichheit ganz offensichtlich immer noch keine Chancengleichheit verbirgt. Denn wie anders wäre es zu erklären, dass der Frauenanteil auf allen Qualifikationsstufen nach dem Studium bis hin zu beschämenden 9,2 % Frauenanteil bei den C4-Professuren schrittweise zurückgeht?
Ein wesentliches Problem scheint also tatsächlich bei den Übergängen vom Studium in die Promotion, von der Promotion in die Habilitation oder Juniorprofessur und von dort in die Professur zu liegen. Dies beschreibt der SPD-Antrag völlig richtig, und hierfür sind auch die Forderungen, die die SPD stellt, notwendig und zu unterstützen.
So weit, liebe Kolleginnen und Kollegen. Allerdings muss ich etwas irritiert feststellen, dass Sie bei den letzten Haushaltsberatungen einem Antrag der grünen Fraktion die Zustimmung verweigert haben, in dem wir konkret gefordert hatten, die Streichung der Mittel für Frauenförderung und das Lise-Meitner-Programm rückgängig zu machen. Das ist in dem Zusammenhang natürlich sehr schade.
Ich will das nicht weiter ausbreiten, sondern freue mich, dass Sie jetzt wieder mutiger werden und deutlich machen, dass die Frauenförderung Geld und nicht nur warme Worte braucht. Dabei glaube ich allerdings, dass wir umfangreichere Maßnahmen ergreifen müssen, als Sie in Ihrem Antrag fordern. Wenn man sich nämlich die OECDStatistiken genauer ansieht, dann fällt einem noch etwas anderes auf:
Diese wunderbare Ausgeglichenheit, dass 30 % aller Männer und 30 % aller Frauen eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen, ist nämlich ein ausgesprochen deutsches Phänomen. In fast allen europäischen Ländern sind es deutlich mehr Frauen als Männer, die ein Studium aufnehmen. In Frankreich beispielsweise sind es in der gleichen Statistik zwar ebenfalls 30% der Männer, aber sage und schreibe 44 % der Frauen eines Jahrgangs, die den Weg an die Hochschule finden. Auch der vielzitierte OECD-Durchschnitt liegt bei den Frauen mit 47 % deutlich über dem Durchschnitt der Männer mit 40 %.
Wenn wir international nicht ins Hintertreffen gelangen wollen, dann müssen wir also nicht nur die Frauen, die an den Hochschulen sind, besser fördern. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sich mehr Frauen zutrauen, ein Hochschulstudium aufzunehmen, und dieses dann erfolgreich abschließen.
Da sind in der Tat Studiengebühren nicht förderlich, sondern, wie wir im letzten Jahr feststellen konnten, zusätzlich abschreckend. Das wird auch so lange so bleiben, liebe Kolleginnen und Kollegen, solange gerade Frauen einerseits eben nicht so sicher wie Männer sein können, nach dem Studium tatsächlich einen Job zu bekommen, und andererseits ziemlich sicher davon ausgehen können, dass sie in diesem Job weniger verdienen werden als ein gleich qualifizierter Mann.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, um in Deutschland und in NRW anschlussfähig zu bleiben, müssen wir als Land allen Menschen die Chance geben, ihre Potenziale optimal auszuschöpfen. Nur dann können wir auch als Land alle Chancen nutzen. Das gilt übrigens ganz besonders für den Bereich der Ingenieur- und Naturwissenschaften. Hier ist es besonders notwendig, gerade auch bei Mädchen und jungen Frauen zu werben. Das ist dann eben auch eine Frage der Sprache und der Ansprache.
Deshalb erscheint es auch völlig anachronistisch, wenn die Landesregierung Mitte Mai 2007 in Düsseldorf eine Veranstaltung durchführt mit dem Titel „Zukunft durch Innovation“ und dort – außer der Schulministerin – nur Männer reden und wenn die Einladung zu dieser Veranstaltung als Zielgruppe des Forums „Neue Ingenieure braucht das Land“ ausdrücklich nur Schüler und Oberstufenlehrer benennt. Das zeigt, dass das Umdenken bei Ihnen eben noch nicht angefangen hat.
Eine gewisse Sensibilität für eine geschlechtergerechte Sprache würde Ihnen gut anstehen, gerade vor dem Hintergrund, dass Sie ja ausdrücklich betonen, dass Sie gerne Mädchen und junge Frauen für die technischen Studiengänge begeistern wollen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich der SPD gerne noch einmal recht geben: Wer 3,4 Millionen € für die Frauenförderung im Wissenschaftshaushalt streicht, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Denn lassen Sie sich eines gesagt sein, Herr Minister Pinkwart: Ohne Frauen wird es nichts werden mit der Innovation in NordrheinWestfalen.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Frau Dr. Seidl, an der Stelle kann ich Ihnen nur zustimmen: Ich bin auch davon überzeugt, dass ohne uns Frauen wesentlich weniger laufen würde. Trotzdem gestatten Sie mir, dass ich kurz sieben Gründe aufzähle, warum wir dem Antrag der Sozialdemokraten dennoch nicht zustimmen können.
Erstens. Sie kritisieren völlig zu Recht das von Ihnen hinterlassene Ergebnis einer im Vergleich der Bundesländer unterdurchschnittlichen Erwerbsbeteiligung von Frauen in Wissenschaft und Forschung. Das ist Fakt und nicht zu beschönigen.
Ihre Schlussfolgerung lautet: Wir sollen zur rotgrünen Förderpolitik zurückkehren, die im Ergebnis dazu geführt hat, dass nur 18,4 % der Professuren weiblich besetzt sind. Das halte ich für wenig zielführend und schon gar nicht ausreichend.
Zweitens. Ihr Antrag ist zu großen Teilen ein Haushaltsänderungsantrag. Sie wollen, dass Förder- und Stipendienprogramme, die im aktuellen Haushalt abgeschafft wurden, wieder eingeführt werden. Das hätten Sie im Rahmen der Haushaltsberatungen des vergangenen Haushaltes fordern können, aber da haben Sie keinen eigenen Antrag vorgelegt. Ich bin gespannt, wie das in den kommenden Haushaltsberatungen aussehen wird.
Drittens. Nach wie vor fällt es Ihnen schwer, die Philosophie der neuen Hochschul- und Innovationspolitik in Nordrhein-Westfalen zu verstehen. Nicht mehr das Land gibt vor, sondern die Hochschulen entscheiden autonom, wie sie die im
Rahmen der Ziel- und Leistungsvereinbarungen verankerten Grundsätze zur Gleichstellung der Geschlechter umsetzen.
Viertens. Ihr Antrag ist auch überflüssig; denn die Landesregierung, insbesondere der Innovationsminister Prof. Dr. Pinkwart, hat zuletzt in der Ausschusssitzung am 14. Dezember 2006 ausführlich berichtet, wie das Land die Förderung von Frauen in Wissenschaft und Forschung vorantreibt.
Wir unterstützen weiterhin die Koordinierungsstelle der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen und Universitätskliniken und auch die Koordinierungsstelle des Netzwerkes Frauenforschung.
Gender-Mainstreaming ist fester Bestandteil der Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit den Hochschulen.
Und die leistungsorientierte Mittelvergabe wird zukünftig dort ansetzen, wo es besonders wenige Frauen gibt. Das sind insbesondere die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge.
Fünftens. Sie haben in ihrem Antrag mit keinem einzigen Wort auf einen wesentlichen, wenn nicht sogar den entscheidenden Hauptgrund für den geringen Anteil von Frauen an Universitäten und Fachhochschulen Bezug genommen, nämlich der nach wie vor verbesserungswürdigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Sechstens. Insgesamt behandelt Ihr Antrag das Thema leider nur sehr oberflächlich. Wenn Sie die Beteiligung von Frauen in Wissenschaft und Forschung beklagen, reicht es eben nicht aus, bei den Hochschulen anzusetzen, sondern wir müssen viel früher damit beginnen, junge Frauen und Mädchen zu einer wissenschaftlichen Laufbahn zu motivieren und sie – weil das gerade hier angesprochen worden ist – auch für technische und naturwissenschaftliche Studiengänge und wissenschaftliche Laufbahnen zu interessieren.
Die Schulen sind gefragt. Darüber müssen wir uns wesentlich detaillierter unterhalten. In Ihrem Antrag wird dies leider nur sehr oberflächlich berührt. Vielleicht müssen schon in der vorschulischen Betreuung Grundlagen für ein Interesse an einer wissenschaftlichen Laufbahn insbesondere im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich gelegt werden.
Nein, im Augenblick nicht. Gleich können wir vielleicht darauf zurückkommen, aber ich würde meine Rede gerne zu Ende führen.
Mit Unterstützung der Landesinitiative „Zukunft durch Innovation“ können hier neue Wege gegangen werden und – davon bin ich überzeugt – werden wir neue Wege gehen, die erfolgreich sein werden.