Sie wollen es nicht hören, aber im Grunde läuft es wie immer darauf hinaus – eben nicht unseren politischen Grundsätzen. Wir fördern Köpfe und wir unterstützen keine Regulierungswut. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Dr. Berger. Als nächster Redner hat für die Fraktion der FDP der Kollege Lindner das Wort.
zwar schon vorweggenommen, wie die Koalition auf ihren Antrag reagieren wird, aber wirklich verstanden, was wir mit unserer Entgegnung meinen, hat sie offenbar nicht. Denn uns geht es um die Konzeption einer freiheitlichen Hochschulpolitik, die die Autonomie der einzelnen Einrichtungen in ihr Zentrum rückt. Das können Sie uns als Textbaustein immer wieder vorwerfen, aber wir leben das und wollen das in der Praxis umgesetzt wissen. Wir glauben auch jetzt schon erkennen zu können, dass sich diese Neukonzeption, diese ordnungspolitische Aufstellung unseres Hochschulwesens bewährt.
Insbesondere begreifen Sie den Sinn von Zielvereinbarungen nicht. Deshalb möchte ich die Ablehnung Ihrer Initiative anhand von vier Punkten im Einzelnen begründen.
Erstens. Wir haben ein Hochschulfreiheitsgesetz verabschiedet, das die Rolle des Staates darauf beschränkt, angemessene Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Hochschulen die mit dem Land vereinbarten Ziele erreichen können. Das wesentliche Steuerungselement heißt Zielvereinbarung und nicht Wegvereinbarung. Das heißt, wir beschreiben das, was erreicht werden soll, aber wir geben nicht vor, wie es erreicht werden soll.
Die Hochschulen sind insbesondere frei, über die Ausrichtung ihrer Frauen- und Nachwuchsförderung zu entscheiden. Das kann eine Entscheidung für die Juniorprofessur sein; es können aber auch Alternativen verwirklicht werden. Jedenfalls wird das Land den Hochschulen die Juniorprofessur nicht vorschreiben.
Im Übrigen hat sich die abgewählte Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Juniorprofessur am 27. Juli 2004 für eine „Vielfalt“ auf dem Weg der Professur ausgesprochen. Dem schließt sich die FDP ausdrücklich an. Neben der Juniorprofessur stehen andere Qualifikationswege wie die Habilitation oder eine wissenschaftliche Tätigkeit an einer Hochschule bzw. in Wirtschaft und Verwaltung offen. Diese Wege wollen wir durch eine einseitige Festlegung auf die Juniorprofessur nicht verbauen, damit die Hochschulen auf unterschiedlich qualifizierte Nachwuchskräfte zurückgreifen und so die zu ihrem Profil passenden Persönlichkeiten auswählen kann.
Zweitens. Sie geben die Daten, auf die Sie Ihren Antrag aufbauen, nur unvollständig und nur oberflächlich wieder. Sie stützen sich – so ist zu ver
muten – auf die Studie „Zwei Jahre Juniorprofessur“ des CHE vom September 2004. Sie stellen es als Erfolg dar, dass der weibliche Anteil der Juniorprofessuren bundesweit 28 % beträgt. So weit, so gut. Von einer erfolgreichen Frauenförderung können Sie aber erst dann sprechen, wenn sich diese Quote auch bei den Lebenszeiteinstellungen wiederfindet. Darüber liegen aber gegenwärtig noch keine Zahlen vor; zumindest sind sie für uns nicht verfügbar.
Zudem gehen Sie mit keinem Wort auf die unterschiedlichen Frauenanteile in den einzelnen Fachbereichen ein. Ist die geisteswissenschaftliche Juniorprofessur fast zur Hälfte – genau sind es 48 % – weiblich, erreicht sie in den technik- und naturwissenschaftlichen Fächern gerade einmal einen Anteil von 25 %. Diesen Umstand gilt es zu würdigen, wenn die Frauenförderung tatsächlich zielgerichtet und wirksam erfolgen soll.
Drittens. Ihr Antrag ist insgesamt aus frauenpolitischer Sicht überflüssig. Minister Pinkwart hat zuletzt in einer Ausschusssitzung vor fast genau einem Jahr ausführlich berichtet, wie das Land die Förderung von Frauen in Wissenschaft und Forschung vorantreibt. Ich will nur wesentliche Stichworte benennen: Koordinierungsstelle der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen und Universitätskliniken, 15 % des Hochschulinnovationsfonds für die Berufung von Professorinnen, Gender Mainstreaming als fester Bestandteil von Ziel- und Leistungsvereinbarungen.
Die leistungsorientierte Mittelvergabe wird zukünftig dort ansetzen, wo es besonders wenige Frauen gibt. Das sind die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge. Wir wollen also weg von den „Gedöns“-Sonderprogrammen und hin zu einer ressortübergreifenden Aufgabe. Deshalb setzen wir nicht auf vereinzelte Förderprogramme, die erst in den Hochschulen beginnen, sondern fangen viel früher an: Mit Unterstützung der Landesinitiative „Zukunft durch Innovation“ können beispielsweise Kindergärten und Schulen neue Wege gehen und insbesondere Mädchen und junge Frauen für Berufe und akademische Laufbahnen motivieren, die bisher männerdominiert waren.
Zudem stellen wir uns einem wesentlichen Grund – wenn nicht sogar dem Hauptgrund – für den geringen Frauenanteil an Universitäten und Fachhochschulen, nämlich dem von Ihnen vernachlässigten Betreuungsangebot für kleine Kinder. Auf der Grundlage des Kinderbildungsgesetzes bauen wir nicht nur die Plätze für Kleinkinder aus, sondern wir sorgen dafür, dass sich das Angebot zukünftig
besser an den Wünschen der Eltern orientieren kann. Ihre Frauenförderung an den Hochschulen hat im Ergebnis dazu geführt, dass nur 18,4 % der Professuren weiblich sind. Vor diesem Hintergrund halte ich es nicht für legitim, sondern vielmehr für zwingend erforderlich, neue Wege zu gehen.
Mein vierter und letzter Punkt. Die Juniorprofessur ist 2002 vor allem auch deshalb eingeführt worden, weil immer mehr exzellente Nachwuchswissenschaftler ins Ausland abzuwandern drohten. Auf diesen Umstand hat die schwarz-gelbe Koalition zum einen mit dem Hochschulfreiheitsgesetz und zum anderen mit der gezielten Rückgewinnung deutscher Forscher bereits reagiert. Auf seiner USA-Reise hat Minister Pinkwart am 16. Dezember den Startschuss für die zweite Runde des NRW-Rückkehrerprogramms gegeben. Auch aus diesem Grund müssen wir die Juniorprofessur den Hochschulen nicht zwingend vorschreiben.
Alles in allem ist dieser Antrag gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Deshalb werden wir ihn ablehnen. – Schönen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Lindner. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen die Kollegin Dr. Seidl das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Dr. Berger hat schon sehr eindrucksvoll dargestellt, dass wir uns über wesentliche Ziele in der Hochschulpolitik – jedenfalls über zentrale Ziele – in diesem Hause weitgehend einig sind.
Wir wollen, dass mehr junge Menschen studieren, wir wollen eine bessere Qualität der Lehre, wir wollen den Wissenschaftsstandort NordrheinWestfalen stärken, und wir wollen – um es konkret auf das heutige Thema zuzuspitzen –, dass alle jungen Menschen, die die Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere an unseren Hochschulen mitbringen, hierzu nicht nur die Chance bekommen, sondern diese Chance tatsächlich auch nutzen.
Es kann eigentlich überhaupt keinen Zweifel geben: Die Juniorprofessur ist ein Erfolgsmodell, um genau dieses Ziel umzusetzen. Oder besser gesagt: Sie könnte eines werden, wenn die Rahmenbedingungen in Nordrhein-Westfalen stimmen würden.
Doch schauen wir uns zuerst einmal ein paar Zahlen an. In Deutschland studieren heutzutage etwa gleich viele Frauen und Männer. Das ist glücklicherweise inzwischen ganz selbstverständlich, denn Frauen sind offensichtlich auch nicht grundsätzlich immer dümmer als Männer, eher im Gegenteil, wie wir aus den einschlägigen Studien wissen.
Ich erinnere an PISA und ähnliche Studien, die das belegt haben, Herr Lindner, auch wenn Ihnen das vielleicht nicht gefällt.
Trotzdem sind in Deutschland derzeit etwa nur 12,7 % der C3- bzw. der W2-Professuren von Frauen besetzt. Bei den C4- bzw. bei den W3Professuren sind es sogar nur 8,7 %. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist nicht nur im Hinblick auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit ungerecht – ich finde, das ist ein Skandal.
Das ist auch ein wissenschafts- und wirtschaftspolitischer Skandal. Es ist, um es einmal in eine Terminologie zu fassen, die Ihnen vertrauter sein sollte, lieber Kollege Lindner von der FDP, auch eine beispiellose Verschwendung von Ressourcen, wenn so viele begabte junge Frauen keine Karriere in der Wissenschaft machen.
Sicher ist auch Besserung in Sicht, denn bei der Habilitation, die bis vor einigen Jahren noch der einzige Weg zur Professur war, liegt der Frauenanteil heute immerhin schon bei 23 % bundesweit, aber in Nordrhein-Westfalen sind es leider nur etwas mehr als 20 %.
23 % sind schon nicht schlecht. Manche von Ihnen würden vielleicht sogar sagen, dass das gut sei. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen: Das Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten. Das Bessere ist in diesem Fall eindeutig die Juniorprofessur,
denn hier liegt der Frauenanteil eben nicht bei 23 %, sondern bei 28 %. Herr Berger, man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass sich die Juniorprofessur auch unter dem Aspekt des BrainDrain oder des Brain-Gain, den Sie eben ange
sprochen haben, der vielleicht als neuralgischer Punkt des deutschen Wissenschaftssystems angesehen wird, sehen lassen kann.
Immerhin wurde jede siebte Juniorprofessur bisher mit einer Bewerberin bzw. einem Bewerber aus dem Ausland besetzt. Darunter waren auch viele sogenannte Rückkehrerinnen – übrigens auch ganz ohne ein eigenes Rückkehrerprogramm, Herr Pinkwart.
Schließlich komme ich noch zum Alter; ich finde auch das wichtig. Im Schnitt sind Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren 34 Jahre alt und damit durchaus noch in einem Alter, in dem man guten Gewissens von Nachwuchswissenschaftlerinnen sprechen kann, was bei einem Durchschnittsalter von 40 Jahren bei der Habilitation doch deutlich schwerer fällt.
Wenn wir uns nun die wissenschaftliche Qualität der neuen Juniorprofessorinnen vor Augen führen, kann man durchaus auch von einem Erfolgsmodell sprechen. Sie erinnern sich vielleicht noch, dass bei der Einführung der Juniorprofessur von konservativer Seite bereits der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen wurde. Doch auch hier hat sich gezeigt, dass das Modell funktioniert. 98 % derjenigen, deren Arbeit nach den ersten drei Jahren evaluiert wurde, haben diese Evaluation erfolgreich bestanden. Ich frage mich, liebe Kolleginnen und Kollegen, welche Werte man wohl bekäme, wenn man die Arbeit aller C4- bzw. W3-Professorinnen nach ähnlichen Maßstäben beurteilen würde.
Auch die Betroffenen scheinen zufrieden. Über 70 % der Juniorprofessorinnen haben bei der letzten CHE-Studie im Mai 2007 angegeben, dass sie sich wieder für denselben Weg entscheiden würden. Das Scheitern eines neuen Modells, liebe Kolleginnen und Kollegen, sieht anders aus, obwohl ich nicht verschweigen will, dass die Zahlen auch zeigen, dass die Unsicherheit gewachsen ist. Denn bei der ersten CHE-Befragung 2004 waren es noch über 91 %, die sich zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Situation gezeigt hatten.
Damit kommen wir zurück zu meiner Einschränkung vom Anfang, denn jedes noch so gute Modell wird sich nur dann durchsetzen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Da liegt bei uns in NRW immer noch einiges im Argen, Herr Pinkwart.
Nicht zuletzt Sie haben ganz wesentlich zur Verunsicherung der Nachwuchswissenschaftlerinnen beigetragen, denn wir vermissen bis heute eine
klare Ansage von Ihnen, wie es denn bei der Juniorprofessur in Nordrhein-Westfalen weitergehen soll.
Also: Legen Sie ein Förderprogramm auf wie übrigens Ihre Kolleginnen und Kollegen in BadenWürttemberg, die ihre Arbeit auch nicht immer so schlecht machen, wie Sie selber häufig sagen. Schreiben Sie die Einrichtungen von Juniorprofessuren in den Zielvereinbarungen mit den nordrhein-westfälischen Hochschulen fest und ermutigen Sie die Hochschulen, ihre Tenure-TrackOption auch zu nutzen. Herr Minister Pinkwart, bekennen Sie sich doch endlich einmal zur Juniorprofessur.
Unsere Hochschulen erleben derzeit eine nie da gewesene Pensionierungswelle. Das schafft hervorragende Voraussetzungen für einen raschen Generationenwechsel. Das heißt, das Fenster der Möglichkeiten für junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler war noch nie so weit geöffnet wie heute.