Herr Solf, Sie haben gesagt, die Lehrer seien schuld. Es wurde von Druckfehlern, makellosen Aufgaben usw. gesprochen. – Das alles ist doch nicht die Realität. Wenn alles makellos wäre, gäbe es nicht 1.900 Nachprüfungen.
Es war eine richtige Reaktion, Nachprüfungen zu machen. Um es klar zu sagen: Fehler passieren – auch in anderen Bundesländern. Die Frage ist: Wie gehe ich mit den Fehlern um? Wie schnell gehe ich damit um?
Natürlich ist es kein Schaden für das Leben, eine Prüfung nachschreiben zu müssen. Aber es ist ganz deutlich ein Fehler der Administration, wenn es derart lange dauert, wenn man die Leute erst auf den Rechtsweg verweist und erst nach so langer Zeit – kurz bevor die Ferien anfangen – zu einer Korrektur kommt. Der Umgang mit dieser Frage ist der eigentliche Vorwurf.
Wissen Sie, was Direktoren von Schulen, die man fragt, wie es denn gehe – gerade diejenigen, die nach 39 Jahren eine gewisse Hoffnung haben, was man nachvollziehen kann, nachdem sie mit Erlassen und anderem überfrachtet worden waren, die gedacht haben, jetzt passiere etwas Neues –, heute sagen? Sie sagen: Wir wären froh, wenn wir die Erlasse noch hätten! Heute haben wir einen Mailterror aus dem Schulministerium.
Man benutzt modernste Kommunikationstechnik. Und die fangen in den Schulleitungen an, vor Zentralprüfungen zu zittern, gehen abends in die Schule und schauen in den Rechner, schauen morgens hinein. Die letzte Mail ging an diesem Montagabend um 18:06 Uhr an alle Gymnasien und Schulen: Nach Durchführung des Downloads gibt es wieder Fehler in den Bewertungskriterien. Wir bitten Sie, dieses und jenes umzuarbeiten. – So läuft im Moment die Administration. Das ist kein ordentliches Arbeiten!
Nun zu einer Petitesse: Ich habe gelernt, dass solche Erlasse früher immer vom Staatssekretär unterzeichnet wurden. Gerade in diesem Punkt
erleben Sie jetzt, wie sich einige Leute im Hinblick auf die Verantwortung einen schlanken Fuß machen. Die Anweisung vom Montag wurde nämlich von Frau Marietrud Schreven, Gruppenleiterin im Ministerium, unterzeichnet. Das heißt: Diejenigen, die für diese Negativbotschaften verantwortlich sind, unterschreiben sie nicht mehr, sondern lagern das in die zweite oder dritte Reihe aus, in der politisch untergeordnete Leute sitzen.
Es war doch nachvollziehbar, dass die Leute in den Schulen gesagt haben: Wir haben eine Bildungsaufgabe. Wir kennen die PISA-Diskussion. Wir brauchen den Bürokratieabbau. – Dem diente unser alter grüner Vorstoß: „Selbstständige Schule“ Zug um Zug ausweiten, weg vom alten Glaubenskampf – der wieder angeklungen ist – Gymnasien versus Gesamtschulen.
Was haben Sie gemacht? – Sie haben als Erstes Ihre sechs Kopfnoten eingeführt. Über dieses Thema sprechen wir ja gleich noch. Mehr an unsinniger verrückter Bürokratie ist in so kurzer Zeit noch nie von einer Administration geschaffen worden.
Ich habe ja Verständnis dafür, dass, wenn nach 39 Jahren eine konservative Regierung drankommt, sie Fleiß und Betragen wieder einführt und dies dann „Kommunikation“, „Interaktion“ oder wie auch immer nennt. Aber doch nicht sechs Noten! Sie sollten dann auch keinen faulen Kompromiss mit drei Noten machen.
Fehler kann man machen. Aber an irgendeiner Stelle muss man sagen, dass es ein Fehler war, den man korrigieren muss. Geben Sie dieses Signal nach draußen. Lassen Sie sich nicht von einem FDP-Parteitagsbeschluss oder sonst etwas treiben. Gerade die konservative Partei sollte die Reduzierung durchsetzen. Es ist vernünftiger. Sie nehmen den Lehrern damit eine Last von den Schultern. Es ist einfach unsinnig. Das wissen Sie mittlerweile doch auch selber.
Machen Sie flexible Lösungen möglich. Es ist doch ein Unfug, dass Sie Ihren eigenen kommunalen Mehrheiten wie in Schöppingen oder Horstmar nicht die Chance eröffnen, jenseits von diesen Glaubenskriegen Schulformen auszuprobieren, die eine wohnortnahe Versorgung erlauben. Geben Sie denen doch die Möglichkeit! Das ist mein Appell.
Ich komme zum Schluss. Der Hinweis auf die 39 Jahre ist ja richtig. Ich sage Ihnen: So, wie Sie mit den Problemen umgehen, werden Sie es in einem Zehntel der Zeit schaffen – ich wette mit Ihnen: in 3,9 Jahren; das ist ja in Kürze –, dass die Mehrheit der 170.000 Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern,
die Sie unter Umständen noch mit Wohlwollen erwartet haben, dieser Art des Vorgehens überdrüssig sein werden. Sie werden die Quittung dafür bekommen, wenn Sie Ihren Kurs nicht in der Sache und mit Vernunft korrigieren. – Danke schön.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist eine pure Selbstverständlichkeit, dass Schüler in Aufgabenstellungen Vertrauen haben müssen und Aufgabenstellungen den Lehrplänen und curricularen Vorschriften entsprechen müssen, wie es vorher kommuniziert worden ist. Diesbezüglich gab es bei Überprüfung der Aufgabenstellungen keine Beanstandungen, auch nicht bei der Mathematik.
Sie wissen, dass sich alle acht Aufgaben, die den Schulen vorlagen, aus dem Curriculum ableiten. Die Schulen vor Ort hatten die Gelegenheit, auf die fünf dieser insgesamt acht Aufgaben, die ihrer Einschätzung nach am wenigsten mit der Intensität des vorherigen Unterrichts übereinstimmten, zu verzichten und den Schülern die verbliebenen drei in der Prüfung an die Hand zu geben.
Meine Damen und Herren von der Opposition, ich warne Sie: Sie dürfen nicht problemblind sein. Die Reflexe, die Sie hier beim Thema Gesamtschule zeigen, sind peinlich.
Sie sollten sich ganz nüchtern die Stichproben – es sind bislang nur Stichproben, aber ich bin gerne bereit, mich in wenigen Wochen mit den Ergebnissen der landesweiten Vollerhebung auseinanderzusetzen, was Sie auch tun sollten – anschauen.
Sie zeigen, dass weit überdurchschnittlich die hier und heute diskutierten Probleme Probleme von Gesamtschülern sind. Möglicherweise bestätigt sich also 2008 das, was wir schon 2007 gesehen
haben, dass nämlich im Zentralabitur in allen relevanten Fächern Notenverschlechterungen ausschließlich bei Gesamtschülern eintreten. Im Mittel gab es im Vergleich zu den Vornoten nirgends Notenverbesserungen. Von daher ist die Enttäuschung verständlich. Das war auch beim letzen Mal so. Wenn einem Schüler über Jahre eine Notenillusion vermittelt wird und er dann bei zentralen Prüfungen, bei denen Gesamtschüler im Wettbewerb mit Gymnasiasten antreten, feststellen muss, dass er absackt, dann freut das natürlich den Einzelnen nicht.
Das sagt aber viel über das dem Ganzen zugrunde liegenden System aus. Gesamtschulen – das darf man bei dem, was Sie immer Positives über Gesamtschulen verkünden, nicht vergessen – haben nahezu jeden zweiten Schüler, der dort in Klasse 11 angefangen hat, vor den Abiturprüfungen aussortiert.
Wenn dann bei denen, die übrig bleiben, diese offenkundigen und erkennbaren Unterschiede auftreten, dann ist das eine wichtige Variable, die wir hier ausdrücklich mitdiskutieren müssen.
Ich sage Ihnen deshalb ganz deutlich: Wir müssen uns umfassend die Berichte anschauen. All das, was die Stichproben der Untersuchungen bislang zeigen, spricht nicht für flächendeckende, alle Schüler in gleicher Weise betreffende Probleme. Man muss sehr individuell prüfen, wie welche Schüler mit welchen Problemlagen umgegangen sind, welche Unterschiede es zwischen den Schulstandorten und den Schulformen, also zwischen Gesamtschulabitur und gymnasialem Abitur, gibt. Die Diskussion, die wir hier führen müssen, ist sehr facettenreich.
Dass Sie, Frau Ministerin a. D. Schäfer mit Krokodilstränen über aktuelle Prüfungsbeschwerden jammern, setzt dem Ganzen die Krone auf. Sie sind doch die verantwortliche Ministerin der letzten Legislaturperiode gewesen, die bei der Einführung von Lernstandstest allen Schülern ein falsches Brentano-Gedicht vorgelegt hat.
Ihre Leute haben wahrscheinlich von Ihnen die Anweisung bekommen, dass Brentano mit in die Prüfung aufzunehmen ist. Das hat sich nachher glücklicherweise alles aufgeklärt, auch durch Ihr Haus. Ihre Leute sind dann ins Internet gegangen, haben von einer privaten Seite eines Betreibers in den Niederlanden, auf der sein Lieblingsgedicht von Brentano aufgeführt war, irgendeinen Text
heruntergeladen, der überhaupt nicht in die zeitgeschichtliche Epoche von Brentano passte. Diesen Text haben Sie dann für die entsprechenden Lernstandstests vorgelegt.
Frau Schäfer, das war Ihre Politik. Angesichts dessen, was dort geschehen ist, würde ich heute etwas kleinere Brötchen backen.
Vielen Dank, Herr Kollege Witzel. – Jetzt hat für die Landesregierung Frau Schulministerin Sommer das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Alle Bundesländer, die wie Nordrhein-Westfalen zentrale Prüfungen einführen, erleben derzeit das gleiche Phänomen:
In Schleswig-Holstein und Niedersachsen ist von angeblich kritikwürdigen Aufgabenstellungen im Abitur die Rede. In Hamburg lässt meine neue grüne Kollegin die Mathematikvergleichsarbeiten der Klasse 10 am Gymnasium neu benoten. In Berlin müssen 28.000 Zehntklässler die zentralen Prüfungen in Mathematik wiederholen, weil es offenbar in 60 Schulen Unregelmäßigkeiten gegeben hat; das heißt: Die Schüler kannten vorher die Aufgaben.
Die GEW in Berlin empfiehlt diesbezüglich laut Presseberichten übrigens meinem Berliner Kollegen, bei der Versendung der Klausuren wie in Nordrhein-Westfalen vorzugehen.
Meine Damen und Herren, das Zentralabitur dient der Sicherung von Standards und der Qualität des Abiturs in Nordrhein-Westfalen.