Ich eröffne die Aussprache und erteile für die erste der beiden antragstellenden Fraktionen als erster Rednerin Frau Abgeordneten Milz das Wort. Bitte schön.
Vielleicht warten Sie noch einen kleinen Augenblick, Frau Kollegin, bis diejenigen, die jetzt unbedingt den Plenarsaal verlassen müssen, das möglichst geräuscharm erledigt haben. Auch die anderen darf ich bitten, etwaige Gespräche vielleicht in der Lobby weiterzuführen.
Herr Präsident, vielen Dank! – Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben über die generelle Bedeutung der Inklusion im Sport im vergangenen Jahr bereits plenar diskutiert.
Inzwischen beschäftigt sich sogar der Karneval in Köln damit. So werden acht Spieler vom 1. FC Köln mit einem eigenen Festwagen beim Rosenmontagszug mitfahren und acht behinderte Nachwuchskicker mitnehmen. Man kann also schon fast von einer „jecken Inklusion“ sprechen. Ich muss sagen, mir gefällt das; denn solche prominenten Beispiele machen auf das Thema viel besser aufmerksam, als das jede Plenarrede hier könnte.
Unser heutiger Antrag befasst sich bewusst mit dem Teilaspekt der Ausbildung von Sportstudierenden und Übungsleitern, da wir eine Chance sehen, hierdurch den Gedanken der Inklusion im Sport schneller Wirklichkeit werden zu lassen. Zurzeit befassen sich weniger als 2 % der universitären Ausbildung im Sportbereich mit Inklusion. Zum Beispiel ist Prof. Hölter von der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften an der TU Dortmund auf diesem Gebiet tätig.
Es ist also eine Herausforderung, das Thema in den Curricula der Ausbildungsstätten – der Sporthochschulen, Universitäten und Fachhochschulen – mit ihren pädagogischen und sportbezogenen Fachbereichen fest zu verankern und diese weiter zu entwickeln.
Erste Ansätze gibt es in der Sporthochschule Köln. Dort widmet sich ein Seminar der Teilhabe am Sport für Menschen mit Behinderung.
Bei der Ausbildung von Trainern und Übungsleitern muss die Inklusion ebenfalls Thema werden. Auch wenn die Ausbildung nicht überfrachtet werden darf, sollten Inklusionselemente sowohl in die Aus- als auch in die Fortbildung integriert und fester Bestandteil werden. Sicher ist es zudem auch möglich, mit Landesportbund und Behindertensportverband ein Kompetenzteam aufzubauen, welches den Übungsleitern bei konkreten Fragen zum Beispiel in Einzelfällen zur Beratung zur Verfügung steht.
Wenn man sich umschaut, sieht man, dass es bereits gute Beispiele gibt, wie das Thema angegangen werden kann. So bietet etwa die Uni Münster in diesem Jahr einen Zertifizierungslehrgang zum Thema „Individuelle Förderung durch Bewegung,
Der Landessportbund Berlin hat im vergangenen Jahr eine Fachtagung „Schulsport“, die sich an Lehrer und Lehrerinnen richtete, unter das Thema „Inklusion und Vielfalt im Sportunterricht“ gestellt.
Ganze 210 Seiten umfasst ein Forschungskonzept aus Belgien. Die Abkürzung heißt „APA“: „Adapted Physical Activity“. Man kann das so ungefähr mit „Bewegung, Spiel und Sport in Prävention, Rehabilitation und bei Behinderungen“ übersetzen. Hier wurde untersucht, wie Sport – auch Schulsport – inklusiv gestaltet werden kann.
Dieses Konzept scheint in anderen Ländern Europas und auch in Kanada bereits bekannt zu sein. Lehrstühle gibt es zum Beispiel schon in Österreich und Belgien.
Im Rot-Grün regierten Baden-Württemberg hat das Landesinstitut für Schulsport, Schulkunst und Schulmusik 2012 ein Fortbildungskonzept für die zentrale Lehrerfortbildung entwickelt. Diese Konzeption berücksichtigt sowohl aktuelle inklusionspädagogische als auch moderne sportpädagogische Konzepte.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ließen sich jetzt sicher noch eine Menge weiterer Beispiele finden. Um aber zu erkennen, dass wir hier auch handeln müssen, reichen diese Beispiel, glaube ich. Im Ausschuss werden wir uns dann in geeigneterer Weise darum bemühen, die Frage zu klären, wie Inklusion in die Sportausbildung implementiert werden kann, wie Aus- und Fortbildung zukunftsfähig gemacht werden können, wie qualitative Standards aussehen müssen und wie man Kompetenzteams in den Sportverbänden aufbauen kann. – Ich bitte daher, der Überweisung zuzustimmen. Danke.
Vielen Dank, Frau Kollegin Milz. – Für die zweite antragsstellende Fraktion, die der FDP, erteile ich Herrn Abgeordneten Lürbke das Wort.
Verehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich freue mich, dass wir heute unseren Antrag zum Thema „flächendeckende Verankerung der Inklusion in die Ausbildung der Sportstudierenden“ nun auch offiziell hier im Landtag einbringen können. Gestatten Sie mir zunächst noch einige Anmerkungen.
Wir waren gerne bereit, diesen Antrag gemeinsam mit der CDU-Fraktion zu stellen, und wir sind offen dafür, dass andere Fraktionen Mitantragsteller werden. Auch sind wir nach wie vor gesprächsbereit in Bezug auf einen gemeinsamen Antrag „Inklusion im Sport voranbringen“ auf Basis des rot-grünen Antrags. – Das vorweg.
Jetzt aber zum Inhaltlichen: Der Antrag der Regierungsfraktionen ist aus meiner Sicht durchaus auch ein Einstieg in die Gesamtthematik „Inklusion im außerschulischen Bereich“. Er hat zu einer sehr interessanten Anhörung mit fachlich guten Beiträgen der Sachverständigen im Sportausschuss geführt.
Diese Anhörung hat aufgezeigt, dass das Thema „Inklusion im Sport“ noch in den Kinderschuhen steckt und an Fahrt gewinnen muss. Vor allem gilt es – das wissen wir alle –, Hemmschwellen in der Bewusstseinsentwicklung abzubauen. Das ist eine hohe Hürde, die wir im Zuge des Inklusionsprozesses überwinden müssen.
Die Anhörung hat aber ebenso klar gezeigt, dass ohne den Schlüssel, nämlich die Qualifizierung von Engagierten, also Studierenden, Sportlehrern, Trainern und Übungsleitern, im gesamten Sportspektrum keine Inklusion stattfinden kann.
Die Vereine – in vorderster Front der Landessportbund und der Behindertensportverband – sind bereit, sich der Herausforderung der Integration und Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in das Vereinsleben zu stellen. Sie werden aber in erster Linie dadurch ausgebremst, dass es nicht ausreichend qualifizierte Übungsleiter zur Gestaltung von Sportangeboten für heterogene Gruppen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung gibt.
Die Befragung von Sportvereinen im Rheinland zu Chancen, Grenzen und Bedarf, durchgeführt von Florian Becker und Dr. Volker Anneken, hat als konkreten Handlungsbedarf zur Weiterentwicklung einer inklusiven Sportlandschaft ergeben, dass für Übungsleiter und Trainer die Entwicklung und Bereitstellung passgenauer Qualifizierungsangebote erforderlich ist. Darüber hinaus ist die Etablierung von Informationsnetzwerken für Erfahrungsaustausch und Aufklärungsarbeit unabdingbar.
Wir halten es also für sinnvoll, wenn die Netzwerkarbeit durch ein Kompetenzteam für schwierige Detailfragen ergänzt wird.
Da ich gerade eine Arbeit der Deutschen Sporthochschule erwähnt habe, darf ich in dem Zusammenhang auch mitteilen, dass ich sehr froh bin, dass die Deutsche Sporthochschule eine Stiftungsprofessur für den Behindertensport errichten wird, die sich sowohl mit Themen des Behindertenleistungssports als auch mit Themen des Behindertenbreitensports befassen wird. Das wird Stahlkraft haben. Und wir müssen dafür sorgen, dass das Leuchten immer heller wird.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir befinden uns in einer komfortablen Situation; denn das Thema „Inklusion“ stößt bei den Studierenden auf großes Interesse. Das ist mir im Rahmen eines Gesprächs mit dem Rektor der Deutschen Sporthochschule noch letzte Woche lebhaft geschildert worden. Wir rennen mit unserem Antrag sozusagen offene Türen ein.
Diese „Gunst-Situation“ müssen wir ausnutzen, um im gesamtgesellschaftlichen Prozess einen Schritt weiterzukommen.
Wir wollen konstruktiv an dem Thema „Inklusion im Sport“ mitarbeiten. Uns ist die Angelegenheit auch so wichtig, dass wir politische Spiele für falsch halten. Unser Antrag, für den bisher nur eine Drucksachennummer existierte, muss daher auch offiziell im Sportausschuss Beratungsgegenstand sein. Damit schaffen wir eine ordentliche Arbeitsbasis, auf der sich ein gemeinsames fraktionsübergreifendes Vorhaben entwickeln kann.
Ich bin auch der Ansicht, dass wir im Ausbildungsbereich jetzt die entsprechenden Weichenstellungen vornehmen müssen. Das ist der erste notwendige Schritt, damit wir die Inklusion mit echter Qualität auch vorantreiben können. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Tribüne! Ich finde es gut, dass Herr Lürbke und auch Frau Milz darauf eingegangen sind: Es hat ja etliche Schwierigkeiten gegeben; aber es war das Bemühen von allen Seiten da, einen gemeinsamen Antrag aus dieser Sache zu machen. Ich denke, nach dem konstruktiven Schluss, den Herr Lürbke gemacht hat, dass wir das am Ende auch hinbekommen werden.
Denn die Überschriften aller drei Anträge weisen in die gleiche Richtung. Der Antrag von SPD und Grünen hat die Überschrift „Inklusion im Sport voranbringen“, der Antrag von CDU und FDP hat die Überschrift „Inklusion im Sport mit Qualität zum Erfolg führen“, der Entschließungsantrag der Piraten trägt die Überschrift „Inklusion in sinnvollem Maße und geeigneter Weise unterstützen“.
Wir können das jetzt natürlich semantisch analysieren und die Unterschiede aufarbeiten, aber ich denke, die Stoßrichtung ist in allen Anträgen gleich. Und darauf sollten wir aufbauen. Denn alle Parteien haben das Ziel, dass inklusive Sportangebote sowohl im Schulsport als auch im Vereinssport erfolgreich umgesetzt werden und dass Gehandicapte und Normalos durch ein gemeinsames Miteinander im Sport einen Weg zueinander finden.
Auf dieser Basis will ich jetzt einige Beispiele bringen; die Vorredner haben das auch gemacht. Dr. Anneken war bei uns im Ausschuss. Das haben Herr Lürbke und Frau Milz ausführlich dargestellt. Aber es gibt nicht nur im Rheinland inklusive Angebote, sondern auch die westfälischen Universitäten
Bielefeld und Paderborn haben in der Sportlehrerausbildung Ausbildungsmodule zur Inklusion und haben beide Tage des Schulsports mit diesem Schwerpunkt für alle Lehrerinnen und Lehrer der Region gemacht.
Es ist auch wichtig, zu erwähnen, dass in der zweiten Phase der Lehrerausbildung an den Zentren für schulpraktische Lehrerbildung gemeinsam gearbeitet wird. Die Fachleiter Sport der Grundschule, der Sekundarstufe I und der Sonderpädagogik tagen immer gemeinsam und haben immer Inklusion als einen Schwerpunkt. Der schon erwähnte Prof. Hölter, der auch bei uns in der Anhörung war, hat eine ganze Tagung zum Schwerpunkt „Inklusion im Schulsport“ gemacht.
Auch bei der Lehrerfortbildung finden inklusive Angebote statt. Ich weiß nicht, wie das im Rheinland ist, aber ich weiß, dass im Fortbildungsverzeichnis und in der Realität in der Bezirksregierung Detmold diese Veranstaltungen laufen und sehr stark nachgefragt sind.
Dann gibt es noch den Deutschen Sportlehrerverband, der auch in NRW einen Landesverband hat. Das ist die Vereinigung aller Sportlehrkräfte aller Schulformen. Dieser Sportlehrerverband hat einen Inklusionsbeauftragten, der sich bemüht, diese Angebote an den einzelnen Universitäten in den Zentren für schulpraktische Lehrerbildung und auch im Fortbildungsbereich zu vernetzen. Ich denke, das ist gut und richtig. Da finden wir schon etwas vor, auf dem wir gut aufbauen können.
Im Vereinssport gibt es auch schon eine Menge. In Gütersloh hat man das natürlich nicht im Karneval gemacht, sondern die Sportjugend Gütersloh hat einen Trendsporttag zur Inklusion durchgeführt, auf dem Gehandicapte und Normalos gemeinsame Sportangebote wahrgenommen haben und die Vereine das entsprechend umgesetzt haben.
Auch unser Ministerium, Sportministerin Ute Schäfer ist mit Projekten aktiv. Unter dem Titel „INKLUSIV AKTIV – gemeinsam im Sport“ gibt es zahlreiche Projekte, wo auch untersucht wird, unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche gemeinsam Sport treiben können.
Wir hatten in der Anhörung auch Dr. Niessen vom Landessportbund, der ganz klar gesagt hat: Inklusion ist ein Modul für die Fortbildung von Übungsleitern. Das muss nicht jeder können, aber wer sich mit solch einer Gruppe befasst, wer die betreuen will, der muss die Möglichkeit haben, sich entsprechend zu qualifizieren, damit die Kinder und Jugendlichen gut angeleitet werden.