Protokoll der Sitzung vom 27.03.2014

(Beifall von den GRÜNEN und den PIRATEN)

Mädchen und Jungen brauchen geschlechtersensible Angebote bei der Überstützung ihrer Lebensplanung, die Differenzen zwar benennt, sie aber nicht zementiert und vor allem noch Platz für Individualität und die Vielfalt innerhalb der Geschlechtergruppen lässt. Girls’Day und Boys’Day können dabei wichtige und sinnvolle Bausteine sein.

Noch eine kurze Anmerkung zu Ihrer Forderung, die nicht explizit in Ihrem Antrag auftaucht, nach dem Boys’Day im Landtag. Dagegen habe ich nicht grundsätzlich etwas. Es ist nur eine Frage der Ausgestaltung. Denn es geht auch darum, das Abgeordnetendasein als ein Tätigkeitsfeld vorzustellen. Ich würde doch sagen, dass die Erhöhung des Männeranteils im Landtag bei einer momentanen 2/3-Mehrheit männlicher Abgeordneter vielleicht nicht ganz die sinnvollste Fördermaßnahme ist.

(Beifall von den GRÜNEN – Zuruf von der CDU)

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Für die Piratenfraktion spricht Herr Kollege Dr. Paul.

Verehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Liebe Lebewesen und Zuschauer auf der Tribüne, daheim und im Stream! Liebe Girls and Boys! Am Girls’Day ist die FDP über mangelnde Aufmerksamkeit für Jungen enttäuscht und will nun auch Jungen fit für die Zukunft machen.

Ich muss dazu sagen, Frau Schneider, ich goutiere Ihr Engagement ausdrücklich und finde, es ist ein tolles Thema. Nach unserer Auffassung springt Ihr Antrag leider ein wenig zu kurz.

Laut Ihrem Antrag findet in diesem Jahr zum vierten Mal der Boys’Day -Jungen-Zukunftstag – statt. Tatsächlich wurde der Boys’Day 2003 als Komplement zum Girls’Day eingeführt. Das Bundesfamilienminis

terium fördert den Boys‘Day erst seit 2011 über das Projekt „Neue Wege für Jungs“.

Seit 2005 existiert im Familienministerium dieses Projekt, dessen ausgewiesenes Ziel es ist, Jungen neue Wege und vielfältige Perspektiven für ihre individuelle Berufs- und Lebensplanung aufzuzeigen. Aber das Familienministerium verfehlt unserer Auffassung nach dieses Ziel genauso locker wie der Antrag. Dennoch: Eine Grundeinsicht, den JungenZukunftstag weiterentwickeln zu müssen, ist vorhanden.

In den Vorschlägen zur Beschlussfassung fordern Sie die Landesregierung auf, sich dafür stark zu machen, soziale und pflegerische Berufe aufzuwerten. In diesem Antrag gehen Sie allerdings nicht darauf ein, wie das geschehen soll. Wie auch? – Denn Ihnen sind die Menschen, die in diesen Berufen eher an einer – ich möchte es einmal so formulieren – „gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfungskette“ arbeiten, nicht so wichtig. Ich habe den Verdacht, dass hier eine Ideologiedebatte geführt werden soll.

Angesichts immer neuer beruflicher Qualifikationsstandards sowie zunehmender Schulbildungsdefizite spricht der Soziologe Ulrich Beck von einer riskanten Individualisierung. Gerade die Jungs stehen vor der Herausforderung, Wandlungsprozesse von Geschlechterrollen sowie eigene Berufs- und Lebensplanungsphasen miteinander zu vereinbaren. Für Berufe, die bisher noch mit niedriger Schulbildung zugänglich waren, sind heute Realschulabschluss oder das Abitur Einstiegsvoraussetzung. Herr Kern hatte schon darauf hingewiesen: Jungen sind seit Jahren anteilig häufiger an Förder- und Hauptschulen vertreten, verlassen Schulen häufiger ohne Abschluss als Mädchen.

Die Bildungsforscher Quenzel und Hurrelmann vermuten, dass Jungen ihr Leistungspotenzial aufgrund diffuser und daher verunsichernder Männlichkeitsbilder häufig nicht ausschöpfen. Alle Jugendlichen stehen jedoch gleichermaßen vor der Herausforderung, eine rationale Entscheidung für ihre Berufsbiografie zu treffen.

Der Boys’Day als Ergänzung des mädchenfördernden Zukunftstages übersieht hierbei wesentliche Defizite beider Konzepte. Girls’Day und Boys’Day spielen Jugendlichen eine Wahlfreiheit vor. Für geschlechtsspezifische Arbeitsmarktseggregation oder Lohnungleichheiten sensibilisieren diese Projekte gerade nicht. Der Antrag übersieht zudem völlig die Instrumentalisierung der Tage für wirtschaftliche Zwecke.

Gerade in erzieherischen und pflegerischen Berufen besteht aktuell ja ein gravierender Mangel an Arbeitskräften. Das ist aber auch logisch, wenn wir es uns weiterhin erlauben, Dienst am Menschen mit einem Gehalt zu entlohnen, das unattraktiv für Menschen ist, die sich an der gesamtgesellschaftlichen

Wertschöpfungskette engagieren möchten, gar nicht davon zu reden, dass die Gehälter in kirchlichen Einrichtungen teilweise noch niedriger liegen.

Jungen sehen sich eher in frauentypischen Berufen den gleichen Nachteilen wie die Frauen ausgesetzt: Erzieherische und pflegerische Berufe sind oft gleichermaßen unterbezahlt und perspektivlos. Darauf hatte Frau Paul hingewiesen. Es kann daher nicht viel bringen, Jungen quasi gleichberechtigt an Problemen teilhaben zu lassen.

Wir möchten von der FDP wissen, wie sie sich das Konzept zur Aufwertung erzieherischer und pflegerischer Berufe vorstellt. Mit einem warmen Handschlag haben noch keine Altenpflegerin und kein Erzieher ihre oder seine Miete bezahlt. Außerdem ist in der Debatte um ausreichende kindgerechte Personalausstattung in der frühkindlichen Bildung der bislang einzige Streitpunkt die Finanzierung.

Daher fordern wir die FDP-Fraktion auf, ihren – ich sage einmal – „halben Antrag“ zu vervollständigen/zu komplettieren. Reichen Sie doch einfach ein Konzept zur Aufwertung pflegerischer und erzieherischer Berufe nach. Denn das Thema „gerechte Entlohnung“ haben Sie ausgespart.

Die von Ihnen angeforderte Analyse der beruflichen Entscheidungsprozesse von Jungs kann ich Ihnen zum Teil vorwegnehmen: Wenn ein Beruf nicht den Lebensunterhalt sicherstellt, ist die Tendenz, diesen Beruf zu wählen, eher gering. Aber: Unsere Fraktion freut sich auf die Beratungen im Ausschuss. – Herzlichen Dank.

(Beifall von den PIRATEN)

Vielen Dank, Herr Kollege. – Für die Landesregierung erteile ich Herr Minister Schneider das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich sehe auf der Besuchertribüne sehr viele junge Menschen, die aus naheliegenden Gründen heute in den Landtag gekommen sind. Das freut mich sehr.

Jungen nutzen den Boys’Day, um Informationen für ihren späteren Berufseinstieg zu sammeln. Die berufliche Beratung und Unterstützung von Mädchen und Jungen am Übergang Schule-Beruf ist nicht neu und gute Praxis in Nordrhein-Westfalen.

Im Jahre 2011 haben wir uns mit der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ gemeinsam mit den Sozialpartnern und anderen auf den Weg gemacht: Alle Mädchen und Jungen in allen Schulformen ab Klasse 8 sollen landesweit und flächendeckend ein Mindestangebot an berufsvorbereitender Beratung und Unterstützung am Übergang Schule-Beruf erhalten. Ab Beginn des neuen Schuljahres werden es schon mehr als 100.000 Jugendli

che sein. Das ist, denke ich, ein großer Erfolg dieser Landesregierung.

Wir entwickeln und etablieren damit ein Gesamtsystem, das schon jetzt geschlechtersensibel die beruflichen Entscheidungsprozesse von Mädchen und Jungen mitdenkt. Jedes Mädchen und jeder Junge soll die Chance haben, sich begründet für den einen oder anderen Berufsweg zu entscheiden.

Für uns gilt eben sehr konsequent: Kein Kind zurücklassen! – Dazu gehört für uns: Berufsbilder in den Bereichen Erziehung, Pflege und Soziales werden im Prozess der Studien- und Berufsorientierung in gleicher Weise wie alle anderen Berufsbilder berücksichtigt und beworben. Alle Jungen und Mädchen sollen zudem berufskundliche Informationen und Berufserfahrungen in Praxisphasen sammeln.

Der Aktionstag „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ steht für sich. Er muss nicht zu einem Bildungsprojekt weiterentwickelt werden. Das liegt daran, dass das Gesamtsystem von „Kein Abschluss ohne Anschluss“ schon jetzt geschlechtersensibel ausgerichtet ist. Von vornherein wollten wir nämlich wissen: Gelingt es uns damit, insgesamt früher und besser Jungen und Mädchen auf einen Beruf oder auf ein Studium vorzubereiten?

Deshalb werden wir die Instrumente „Potenzialanalyse“ und „Berufsfelderkundung“ evaluieren. Was wir daraus mit Blick auf die Entscheidungsprozesse von Mädchen und Jungen lernen, werden wir für die Weiterentwicklung des Gesamtsystems nutzen.

Soziale, erzieherische und pflegerische Berufe verdienen ohne Frage Anerkennung und Aufwertung – nicht jedoch deshalb, weil sich neuerdings Jungen dafür begeistern sollen. Mädchen und Jungen sollen sich dafür entscheiden können. Die Voraussetzungen dafür, dass dies gelingen kann, haben wir mit den genannten Aktivitäten geschaffen.

Meine Damen und Herren, auch ich weise darauf hin: Solange nicht in Deutschland die Arbeit mit und am Menschen im Prinzip besser bezahlt wird als die Arbeit mit und an der Maschine, wird es immer erhebliche Probleme geben, Jungen aus den genannten Gründen, die in der Diskussion vortrefflich dargestellt worden sind, für diese Berufe zu gewinnen. Ich verstehe auch jedes Mädchen, das davor zurückschreckt, bei den gezahlten Löhnen in diese Berufsfelder einzusteigen.

Herr Kern, eine letzte Bemerkung zu Ina Deter: Wunderbar, dass Sie das zitiert haben. Das war nämlich das Eingangslied, wenn unsere Regierungsmannschaft vor der Wahl der ersten rotgrünen Koalition den Saal betrat. Denken Sie daran, was Sie sagen. Ich fand es ganz toll, dass Sie an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen haben. – Danke schön.

Vielen Dank, Herr Minister. – Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Ich schließe deshalb die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 16/5286 an den Ausschuss für Frauen, Gleichstellung und Emanzipation – federführend –, an den Ausschuss für Schule und Weiterbildung sowie an den Ausschuss für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk. Die abschließende Abstimmung soll im federführenden Ausschuss in öffentlicher Sitzung erfolgen. Wer möchte dieser Überweisungsempfehlung zustimmen? – Gibt es Gegenstimmen? Enthaltungen? – Das ist nicht der Fall. Damit ist diese Überweisungsempfehlung einstimmig angenommen.

Ich rufe auf:

5 Berufsperspektiven für junge Mädchen erwei

tern – Aktionstage wie „Girls’Day“ bieten eine gute Möglichkeit!

Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Drucksache 16/5283

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erster Rednerin für die antragstellende SPD-Fraktion Frau Kollegin Kopp-Herr das Wort. Bitte schön.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Ostwestfalen-Lippe ist nicht nur eine wunderschöne Region, sie liegt auch ganz oben in Nordrhein-Westfalen. Ganz oben präsentiert sich in der Region ebenfalls die Sparte Maschinenbau. Überwiegend sind es mittelständische, familiengeführte Unternehmen. Die Namen Claas, Miele, Böllhoff und Weidmüller sollen an dieser Stelle exemplarisch genannt werden. Etliche dieser Unternehmen haben sich zu OWL Maschinenbau e. V. zusammengeschlossen. Was hat das mit dem heute stattfindenden „Girls’Day“ zu tun? – Einiges.

Die OWL Maschinenbau hat erkannt, dass sie den Herausforderungen beispielsweise der technischen und demografischen Entwicklung begegnen kann, wenn sie genügend Fachkräfte aus dem MINTBereich gewinnt. Bei der Gewinnung von Fachkräften hat sie verstärkt die Frauen in den Blick genommen. Sie fördert nicht nur Frauen, die bereits in einem MINT-Beruf arbeiten, sondern bringt über ihre Beteiligung an Projekten wie „MINTrelation“ mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Berufsfelder Mädchen und jungen Frauen nahe.

Es geht den Unternehmen hier zwar in erster Linie um qualifizierte Fachkräftegewinnung, sie leisten

aber damit dennoch einen wichtigen Beitrag, Mädchen und jungen Frauen deutlich mehr Berufsfelder nahezubringen und auszuprobieren; denn trotz guter Schulbildung von Mädchen und jungen Frauen wählen diese eher selten einen Beruf aus dem MINT-Bereich. Das trifft sowohl auf die Wahl der dualen Ausbildungsgänge als auch eines technischen oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengangs zu.

Es gilt – wie schon beim „Boys’Day“ angeklungen –, bei dem Berufswahlverhalten von Mädchen und Jungen alte Rollenmuster aufzubrechen. Einen Beitrag dazu leistet der heute stattfindende „Girls’Day“. Seit dem Jahr 2001 können Mädchen der Sekundarstufe I fernab von Rollenklischees Berufe überwiegend aus den technisch-handwerklichen Bereichen kennenlernen und sich ausprobieren. Das ist gut für die Mädchen wie für die Unternehmen, denn auch sie sollten dazu beitragen, die Talente und Fähigkeiten junger Frauen zu erkennen und zu fördern.

Beispielgebend kann da die MINT-Förderung der OWL Maschinenbau sein. An ihr beteiligt sich ebenfalls das Kompetenzzentrum „Technik-DiversityChancengleichheit“, das bundesweit auch für die Koordinierung des „Girls’Day“ zuständig ist.

Aktionstage wie der „Girls’Day“ sind ein Baustein der Berufswahlorientierung. Die 16 vom Land geförderten Kompetenzzentren „Frau und Beruf“ engagieren sich unter anderem für eine vielfältige Orientierung und Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen.

Die Neugestaltung des Übergangs von der Schule zum Beruf der rot-grünen Landesregierung ist ein wichtiger Beitrag präventiver Jugend-, Sozial-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Hervorzuheben ist hier besonders der Bereich der Potenzialanalyse, die die gendersensible Herausstellung individueller Fähigkeiten und Kenntnisse ermöglicht.

Ein wichtiger Aspekt sind aber auch benachteiligte Gruppen wie junge Mütter. Für sie gilt es, Maßnahmen wie eine Teilzeitausbildung weiterzuentwickeln. „Vorbeugen ist besser statt heilen“ war ein ganz bekannter Werbeslogan aus den 1970er-Jahren. Er hat auch heute noch Gültigkeit und Bestand.

Bis zu den Jahren 2017/2018 sollen Jugendliche der Sekundarstufen I und II ein flächendeckendes, systematisches und gendersensibles Berufs- und Studienorientierungsangebot erhalten, das ihnen eine gute Grundlage für eine ihrer wichtigsten Lebensentscheidungen, nämlich die Berufswahl, bieten soll.

Deshalb ist die Forderung, bei der Ausgestaltung des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“ eine gendersensible Berufswahlorientierung stärker zu gewichten und Mädchen entsprechend in den Blick zu nehmen, richtig. Dazu brauchen wir aber auch auf Bundesebene eine flächen