Protokoll der Sitzung vom 10.10.2002

Ich finde es bemerkenswert, wenn der Abgeordnete de Jager von Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der Schulen spricht, was vor ein paar Jahren noch ein Unwort bei ihm war, und dies auch offen sagt. Wenn wir uns dies also gegenseitig immer dann, wenn wir von der Linie abweichen oder wenn wir neue Wege einschlagen, um die Ohren schlagen, werden wir nie zu einer produktiven Debatte kommen.

(Vereinzelter Beifall bei SPD, FDP und CDU)

Frau Spoorendonk, ich finde es gut, wenn wir uns wirklich über diese Wege streiten.

Die zweite Vorbemerkung, die ich machen will: Natürlich haben die Recht, die jetzt sagen, es ist eine typisch deutsche Debatte, in der Frage von Leistungs

(Ministerin Ute Erdsiek-Rave)

vergleichen, Vergleichsarbeiten und Tests jetzt ins Gegenteil zu verfallen und zu meinen, dass sei das Allheilmittel für alles. Dennoch muss man sagen, Leistungsvergleiche sind natürlich überhaupt keine Patentrezepte für die Verbesserung der Schule schlechthin. Aber trotzdem sind sie unverzichtbar und PISA war da, wenn man so will, der Durchbruch. In den Schulen hat das empirische Zeitalter begonnen. Ich finde, die Öffentlichkeit, auch der Steuerzahler, die Eltern, die Schüler haben einen Anspruch darauf zu wissen: Wie ist bei einem solchen Milliarden-Input in unser Bildungssystem das Ergebnis, was kommt dabei heraus, was können unsere Schüler? Das ist der eigentliche Grund dafür, dass wir sagen, diese Art von Vergleichen brauchen wir - in welchem Umfang, dazu sage ich gleich noch etwas. Sie sind natürlich nur dann sinnvoll, wenn sie nicht Selbstzweck sind, sondern wenn sie angemessen interpretiert werden und wenn daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Alle internationalen Erfahrungen bestätigen uns darin, die besseren Schulen sind die selbstständigen Schulen, aber Selbstständigkeit und Kontrolle, Selbstständigkeit und klare Ziel- und Standardsetzung sind zwei Seiten einer Medaille. Das gehört zusammen.

(Beifall bei der SPD)

Es kann nicht sein, dass die Schüler selbst definieren, was sie lernen, sondern sie sollen selbst definieren, wie sie den Unterricht gestalten, in welchem Rhythmus sie den Vormittag gestalten, aber orientiert an klaren Zielen, damit ein Kind, das von A nach B umzieht, Chancengleichheit hat, damit sozusagen überall Gleichheit der Ziele herrscht.

Wir haben in vielen Schritten Anfänge gemacht. Ich nenne die Handreichung „Beispielaufgaben für die Hauptschule in Deutsch und Mathematik“. Die sind längst fertig. Mit den Beispielaufgaben für die Grundschule, mit Aufgabenpools beschäftigt sich derzeit eine Arbeitsgruppe am IPTS und Fachleute arbeiten an Parallelaufgaben, die vom dritten Schuljahr an in allen Schulen geschrieben werden sollen. Das ist sozusagen der Minivergleich. Das ist das Öffnen der eigenen Klassentür, ist das Offenlegen der eigenen Ziele, Standards und Methoden gegenüber den Fachkollegen, die im gleichen Jahrgang unterrichten. Was ist dagegen eigentlich einzuwenden?

Viele Schulen tun es schon, da ist es sogar Bestandteil der Schulprogramme, so etwas zu machen. Es kommt ein Stück mehr Teamarbeit in die Schule, die wir dringend brauchen.

(Beifall bei FDP und SPD)

Dazu kommen die verschiedenen Verfahren externer und interner Leistungskontrolle, die sozusagen von

Außen kommen, also PISA. Die nächste Welle kommt im nächsten Jahr: IGLU, DESI, ich bin gerne bereit, das näher zu erläutern, was das alles ist. Das geht hin bis zur externen Evaluation.

Herr de Jager, seien Sie einmal so fair und warten Sie ab, bis Verfahren und Methode der externen Evaluation wirklich auf dem Tisch liegen. Das wird im November der Fall sein. Wir diskutieren das dann miteinander.

Frau Eisenberg hat vorhin Niedersachsen ins Spiel gebracht. Die machen uns das jetzt nach. Die wollen das genauso einführen. Lassen Sie uns doch einmal sehen, ob das wirklich dieser bürokratische Kram ist, den Sie da am Horizont sehen. Ich glaube, dass es nicht so wird.

Zur Frage der zentralen Prüfungen, Herr de Jager. Sie merken, hier im Haus wird bereits mehrheitlich die Auffassung vertreten, dass zentrale Prüfungen eben nicht das Allheilmittel für alle Probleme sind. Aus PISA kann man es ganz und gar nicht ableiten. Sowohl Länder mit sehr guten Ergebnissen in den Gymnasien mit Zentralabitur wie auch ohne Zentralabitur sind in der Spitzengruppe so wie SchleswigHolstein. Daraus kann man es also nicht ableiten. Ich finde, das mit den einheitlichen Prüfungsanforderungen kann ja nicht so sein, dass man sich da an irgendetwas beim Zentralabitur orientiert, Herr Dr. Klug. Das war wirklich unzulässige Polemik, was Sie da mit dem Gesamtschulniveau gesagt haben. Wir haben einheitliche Prüfungsanforderungen für das Abitur. Wir haben in Schleswig-Holstein eine sehr gute Mischung aus externer Kontrolle von Prüfungsaufgaben und sehr weitgehender Freiheit der Schulen, das Abitur durchzuführen.

(Glocke des Präsidenten)

- Herr Präsident, ich brauche noch einen Augenblick.

Eine Lehrplanrevision ist nicht erforderlich. Die Orientierung an den Beispielaufgaben, an den Standards der Lehrpläne ist natürlich ein Punkt, aber es arbeiten alle Kommissionen daran, dies sozusagen kompatibel zu machen.

(Glocke des Präsidenten)

Frau Ministerin, kommen Sie bitte zum Schluss!

Herausgegeben vom Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Landtags - Stenographischer Dienst

Ich komme zum Schluss. Ich muss allerdings noch etwas zur Frage des Ranking sagen.

(Heiterkeit)

Wettbewerb und produktive Konkurrenz sind gut im Bildungsbereich. Aber ein bloßes Ranking, Herr de Jager und meine Damen und Herren der CDUFraktion, die Sie dazu Beifall geklatscht haben, nach dem Motto, wie es die Finnen nennen: „name, shame, blame“ ist eher demotivierend.

(Beifall der Abgeordneten Angelika Birk [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Ich hätte nichts dagegen, wenn die Ergebnisse einer Schule sozusagen schulöffentlich bekannt gemacht würden, um zu sehen, wo man im Durchschnitt steht. Aber ein landesweites Ranking, wo sie dann von Adelby bis Lauenburg ablesen können, wie die jeweilige Schule steht, ohne dass der jeweilige Kontext dazu überhaupt erklärbar ist, lehne ich ab. Das wird es mit mir hier in diesem Land nicht geben.

(Beifall bei SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN und FDP)

Es ist gut, wenn Schulprofile am und im Netz sind. Ihr Anliegen, sich über jede Schule exakt informieren zu können, wird Schritt für Schritt zunehmen. Täglich kommen neue Schulen dazu. Wir befördern dies auch. Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für die Debatte und, Herr Präsident, bei Ihnen für Ihre Geduld.

(Beifall bei SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN, FDP und SSW)

Trotzdem muss ich darauf hinweisen, dass nach § 58 der Geschäftsordnung die Debatte wieder eröffnet ist. Wird von den Fraktionen das Wort gewünscht? - Das ist nicht der Fall. - Dann muss ich ja die Beratung schließen.

Beantragt ist Überweisung an den Fachausschuss. Wenn Sie zustimmen wollen, bitte ich um das Handzeichen. - Das ist einstimmig so beschlossen. Ich wünsche einen schönen Feierabend. Morgen früh um 10:00 Uhr geht die Tagung weiter.

Die Sitzung ist geschlossen.

Schluss: 18:02 Uhr