Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Applausometer hat gerade wieder für Anke Erdmann gestimmt.
Auch ich möchte mit einem ehrlichen Dank an die Ministerin beginnen, denn tatsächlich ist der Umgang mit Ihnen, Frau Ministerin Ernst, im Gegensatz zu der vorherigen Ministerin wesentlich angenehmer, was die politische Auseinandersetzung betrifft. Wenn wir einmal nicht einer Meinung sind, schaffen Sie es immer wieder, dass wir das in einer doch ruhigen, unaufgeregten Stimmungslage diskutieren können. Ich stelle für mich persönlich fest, dass es durchaus möglich ist, Ihnen Vorschläge zu machen und Sie sie nicht gleich abweisen.
Meine Damen und Herren, es ist richtig, dass sich Schleswig-Holstein beim Vergleich der Länder im oberen Drittel wiederfindet. Aber ehrlicherweise ist Schleswig-Holstein bei diesen Ergebnissen der Gewinner unter den Verlierern, mehr leider nicht. Auch die Argumentation, die die Regierungskoalition zu den Ergebnissen des Ländervergleichs aufbaut, erscheint mir ein wenig abenteuerlich, denn es ist doch alles etwas komplizierter, und es spielen auch mehr Variablen eine Rolle, als hier bislang dargestellt worden sind.
Ich teile auch die Einschätzung des Direktors des IPN, Professor Köller, dass für die positive Trendentwicklung im Deutschunterricht die seit längerer Zeit durchgeführte Kampagne „Lesen macht stark“ eine wichtige Rolle spielt und dass sich das
Trotzdem erreichen laut der Studie in der Disziplin Leseverstehen immer noch 17 % der Schülerinnen und Schüler in unserem Land offensichtlich nicht einmal den Mindeststandard. Und es ist richtig: Die Jungen schneiden nach wie vor in den sprachlichen Bereichen schlechter ab. An dieser Stelle sollten wir uns einmal überlegen, woran das liegt, und zwar nicht nur überlegen, sondern auch darüber diskutieren. Das hat auch ganz viel mit den Lernmaterialien und damit zu tun, ob die so aufbereitet sind, dass die Jungen sich an dieser Stelle auch angesprochen und mitgenommen fühlen. Da kann man noch einiges erreichen.
Auch verglichen mit den Ergebnissen aus Bremen dort erfüllen 38 % der Schüler nicht einmal den Mindeststandard beim Leseverstehen - stehen wir im Verhältnis gut da. Aber Sie werden mir doch sicher recht geben, dass beide Werte für uns nicht akzeptabel sind. Wer nicht richtig lesen kann, wird es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Lesen und Schreiben sind elementare Bestandteile unserer Kultur.
Auch für die Verbesserung im Fach Englisch liefert die Studie Erklärungsansätze. So haben mehr als 80 % der im Jahr 2015 befragten Schülerinnen und Schüler ab der 3. Klasse in der Grundschule Englischunterricht, während es 2009 nur 35 % waren beziehungsweise in der 4. Klasse immerhin schon 70 %. Wenn also die Gesamtlehrzeit für die Schülerinnen und Schüler länger ist, dann sollte man doch wirklich die Hoffnung haben, dass sich das auch in besseren Ergebnissen widerspiegelt.
Aber beim Leseverstehen im Englischen erreichen knapp 50 % der Schülerinnen und Schüler nicht den Regelstandard und knapp 20 % der Schülerinnen und Schüler nicht den Mindeststandard. Damit können wir uns doch nicht zufriedengeben.
Ähnliches haben wir auch beim Hörverstehen in Englisch: Lediglich die Hälfte der Schüler kann einem Vortrag in englischer Sprache folgen und den Inhalt erfassen. Das ist mir nicht ausreichend.
lem an den nicht-gymnasialen Schulen wurde festgestellt, dass die Kompetenzstände der Schülerinnen und Schüler, die fachfremd unterrichtet wurden, deutlich niedriger sind als bei denen, deren Lehrkräfte ein grundständiges Lehramtsstudium hatten. Ich halte diesen Hinweis für ausgesprochen wichtig, da wir diese Situation insbesondere an den Gemeinschaftsschulen vorfinden. Aus meinen Kleinen Anfragen geht hervor, dass wir an den Gemeinschaftsschulen und dort wiederum vor allem an den neu geschaffenen Oberstufen nicht ausreichend Fachlehrer haben. Ich sage ganz offen: Was die sprachlichen Fächer betrifft, wird auch auf andere Fachgebiete übertragbar sein.
Dann sollten wir uns sicherlich auch darüber Gedanken machen, warum Baden-Württemberg so extrem abgestürzt ist und warum Bayern weiterhin mit einer konstanten Bildungspolitik an der Spitze stand und steht. Für mich ist Bremen das Vorzeigeland rot-grüner Bildungspolitik, da diese Stadt durchgängig von der SPD regiert wurde. Als Belohnung trägt Bremen bei jeder vergleichenden Bildungsstudie die rote Laterne. Ich möchte nicht, dass Schleswig-Holstein diesem Bundesland nacheifert.
Herr Dr. Stegner hat von Lebenschancen gesprochen. Die Frage ist doch richtig: Was bedeutet es für den späteren beruflichen Lebensweg der Schülerinnen und Schüler, wenn die Leistungsorientierung aus den Schulen verbannt wird und Schulen immer weiter unter das Diktum einer falsch verstandenen sogenannten Bildungsgerechtigkeit gestellt werden?
Nach wie vor sind soziale Unterschiede ausschlaggebend für den Bildungserfolg. Nach wie vor haben Eltern an Gemeinschaftsschulen die höchsten Ausgaben für Nachhilfe. Irgendetwas kann da doch nicht richtig sein.
Trotz positiver Trendentwicklung kann SchleswigHolstein nicht mit den Ergebnissen der Studie zufrieden sein, auch wenn mit Sicherheit nicht alles schlecht ist und eine positive Trendentwicklung besser ist als eine negative. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen kann aber hilfreich sein.
In Bayern verlassen 3,4 % der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. In Baden-Württemberg sind es 4,1 %, in Hamburg 5,1 %, in Bremen 6,4 % und in Schleswig-Holstein 7,0 %. Dieser Wert ist insofern desaströs, als er 2009 bei 6,2 % lag. Frau Ministerin, können Sie uns sagen, wie dieser An
stieg zu erklären ist? Sie haben uns in Ihrer Erklärung erzählt, dass wir uns um die Schwachen kümmern. Dann müsste sich der Wert doch eigentlich von 6,2 % im Jahr 2009 in eine andere Richtung entwickelt haben - eher in Richtung 5 %.
Ich habe Bayern nicht ohne Grund erwähnt. Seit Jahren wird dort der niedrige Wert von 3 % erreicht. Also müssen die doch etwas richtig machen.
Bundesweit erreichen durchschnittlich 20 % den allgemeinen Schulabschluss. Die Werte für den mittleren Schulabschluss schwanken zwischen 35 % und 50 %. Da liegen wir mit 42,3 % im guten Mittelfeld. Dieser Wert hat sich um gut fünf Prozentpunkte verbessert, genauso wie die Zahl der Abiturienten um fünf Prozentpunkte zugenommen hat.
Also alles bestens? - Der Philologenverband weist darauf hin, dass die Rechtschreibleistungen der Schülerinnen und Schüler bundesweit um neun Prozentpunkte schlechter geworden seien und fordert eine ehrliche Ursachenforschung. Die Landesregierung hat nichts gegen veraltete Unterrichtsmethoden wie „Lesen durch Schreiben“ oder verwandte Methoden des Schreibenlernens nach Gehör unternommen.
Bedauerlich ist auch, dass die Entwicklung an den Gymnasien stagniert. Das geht aus der Studie hervor. Sie geht tendenziell sogar eher nach unten. Dort müssen wir schauen, ob die Maßnahmen, die eine Oberstufe nach der anderen aus dem Boden sprießen lassen, die Gymnasien weiter unter Druck setzen. Sie sichern die Qualität der gymnasialen Bildung nicht ab. Die wegfallende Schulartempfehlung spielt hier sicherlich auch eine Rolle.
Es gibt ein Problem in dieser Studie: Weil die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf explizit ausgenommen worden sind, können wir überhaupt keine Aussagen treffen, wie sich die Inklusion an den Schulen inzwischen auswirkt. Es wäre wichtig, hier eine klare Aussage zu bekommen.
Dies gilt insbesondere dann, wenn man das Niveau genauer unter die Lupe nimmt. Der Ländervergleich an sich sagt nämlich noch nichts über das grundlegende Niveau aus. Der Deutsche Lehrerverband kritisiert, dass die standardisierten Vorgaben, an denen sich die Tests orientiert haben, nicht in allen Bereichen besonders anspruchsvoll gewe
sen seien. Wenn es um das Thema Orthographie geht und man den Vergleich daran bemisst, dass man schlicht einen Lückentext ausfüllt, ist das schon relativ wenig.
Die Landesregierung senkt bei den Rechtschreibleistungen in den Abschlussprüfungen die Standards - beziehungsweise: Es heißt ja nicht Absenken, sondern Anpassen an den Bundesdurchschnitt. Im Fach Englisch haben sie die verbalen Leistungen höher bewertet als die schriftlichen. Das kann nicht wirklich gut für den Schüler sein, der sich später im Berufsleben bewähren soll. Es ist aber schön für die Statistik.
Ich frage mich, warum Sie keine wirklichen Erkenntnisse aus der Studie ziehen. Ich finde es wirklich schade, Anke, dass du hier bestreitest, dass die Elterninitiativen und Proteste der letzten Jahre ein Ausdruck dafür gewesen sind, dass die Politik, die ihr gemacht habt, den Eltern nicht gefallen hat.
Das Abschaffen von Noten, das zwanghafte Durchsetzen von G 8: Das als Schulfrieden zu deklarieren, ist wirklich eine Klatsche für alle Menschen, die das Recht auf eine andere Meinung haben.
Es kann einfach nicht angehen, dass man, nachdem man ein gut funktionierendes, mehrgliedriges Schulsystem zerschlagen hat, sagt: Jetzt haben wir Schulfrieden. In Wahrheit diktiert man von oben. Man spricht ein Verbot von jeglicher Kritik und jeglicher Anregung aus, von jeglicher Diskussion an unserem Bildungssystem. Das ist nichts anderes als verordneter Stillstand.
Nach wie vor haben wir ein Problem beim Unterrichtsausfall. Ich habe es schon gesagt: Erteilung fachfremden Unterrichts, eigenverantwortlicher Unterricht ist ein Mittel, das viele Eltern und Lehrkräfte so nicht wirklich gut finden. Schülerinnen und Schüler werden alleingelassen.