Protokoll der Sitzung vom 08.11.2023

Meine Damen und Herren! Die hier in der Debatte sehr grundsätzlich aufgeworfene Frage, ob das Grundrecht auf Asyl noch zeitgemäß sei, ist zuvorderst eine komplexe bundes- und europapolitische Frage. Das ist eigentlich keine Frage, die wir in Sachsen lösen können. Aber ich möchte das für den Freistaat nicht unbeantwortet lassen.

Es ist immer zeitgemäß, Menschen, die berechtigt Schutz suchen, auch Schutz zu bieten. Das ist die Formel, auf die wir uns einigen müssen.

(Beifall bei der CDU und des Abg. Frank Richter, SPD)

Auf welcher gesetzlichen Grundlage auch immer: Wer berechtigt Schutz sucht, bekommt ihn. Jetzt brauchen wir allerdings, meine Damen und Herren, die Lockerheit – und die haben Sie heute nicht bewiesen –, dies mit allen Experten und in allen Konstellationen offen zu diskutieren: Was ist eigentlich besser, und zwar für die Menschen, die zu uns kommen? Im Moment haben wir schlechte Lösungen. Das Sterben im Mittelmeer basiert doch darauf, dass wir keine gute Asyllösung haben.

(Zuruf der Abg. Juliane Nagel, DIE LINKE)

Ob das Grundgesetz daran Schuld ist oder ob wir andere Wege gehen müssen – warum wollen wir das nicht diskutieren? Solange das aber nicht funktioniert, hält Sachsen Linie. Wer berechtigt Schutz braucht, kriegt ihn. Der Königsteiner Schlüssel gilt, den werden wir nach wie vor umsetzen.

Meine Damen und Herren! Die, die kein Bleiberecht haben, müssen Deutschland verlassen. Unser Grundgesetz garantiert jedem Menschen, der sich bei uns befindet, eine menschenwürdige Behandlung. Das ist unsere Richtschnur und unterscheidet uns stark von Kräften ganz rechts.

(Sebastian Wippel, AfD: Na, na, na!)

Was wir nicht garantieren, ist der Schutz aller Menschen weltweit durch eine faktische oder rechtliche Einreiseerlaubnis.

(Albrecht Pallas, SPD: Das will niemand! – Zurufe der Abg. Juliane Nagel, DIE LINKE, und Sabine Friedel, SPD – Unruhe im Saal)

So eine Rechtspflicht besteht europapolitisch oder völkerrechtlich nicht. Deshalb bin ich sehr davon überzeugt, dass wir ein humanitäres Bleiberecht schaffen müssen, bei dem nicht die starken jungen Männer gewinnen, sondern auch Alte, auch Frauen, auch kranke Menschen die Chance haben, bei uns Asyl zu bekommen.

(Zuruf der Abg. Sabine Friedel, SPD – Unruhe bei der AfD)

Diese Lösung haben wir zurzeit nicht.

(Sabine Friedel, SPD: Das ist eine Frage der Umsetzung! Unmöglich!)

Deshalb, meine Damen und Herren, plädiere ich genau für das, was Gerald Knaus und Ruud Koopmans sagen. Sie sagen: Lasst uns über eine europäische Einigung auf ein jährliches Kontingent für humanitäre Zuwanderung – und dass dieses solidarisch auf die Staaten verteilt wird – diskutieren.

(Zuruf des Abg. Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE)

Das ist eine Renovierung des Resettlement-Gedankens. Die UNHCR könnte uns dabei helfen.

(Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE: Was haben Sie dafür getan?)

Sie könnte die Asylverfahren durchführen. Dort würde dann entschieden: Asyl ja oder nein. Wer es nicht bekommt, muss das Land verlassen oder kommt gar nicht erst zu uns. Diese Neujustierung, meine Damen und Herren – – Sie sehen die Diskussion: Haben wir die Größe und die Kraft – bei Ihnen sehe ich die gerade nicht –,

(Sabine Friedel, SPD: Herr Innenminister, das wird langsam schwierig! – Albrecht Pallas, SPD: Oooh!)

wie bei einer Ethikkommission für das Thema Kernkraftausstieg oder wie bei einer Braunkohlekommission für die Energiefragen dieses Landes, sich in einer großen Asylkommission – das hat Ministerpräsident Kretschmer nun durchgesetzt,

(Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE: …wieder abgeschafft!)

das steht im Beschluss drin – mit all den relevanten Interessengruppen, die wir brauchen, folgende Frage zu stellen:

(Albrecht Pallas, SPD, steht am Mikrofon.)

Stimmt das so, wie wir es machen? Gibt es bessere Wege? Ich denke, es ist die Zeit dafür. Ich würde die Knausens

dieser Welt genauso wie die Kirchen einladen, auch die Migrationsforscher, die Juristen und die Parlamentarier. Dann kommen wir garantiert zu einer Lösung, die aus dem politischem Klein-Klein herausgelöst ist.

Gestatten Sie eine Zwischenfrage?

Ja.

An Mikrofon 3 Albrecht Pallas; bitte.

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Danke, Herr Staatsminister. Sie haben mehrfach die Frage in den Raum gestellt, ob nicht diverse angesprochene Abgeordnete die Größe hätten, eine Diskussion über das Thema zu akzeptieren. Ich bitte Sie, was machen wir hier? Ich würde Ihnen die Frage gern zurückstellen: Haben Sie die Größe, endlich zu akzeptieren, dass wir zu der dringenden Frage des Arbeits- und Fachkräftemangels in unserem Land auf alle Menschen, die willens und in der Lage sind, hier arbeitstätig zu sein, angewiesen sind? Wir müssen deshalb Wege finden, wie wir den Menschen, die zum Beispiel auf dem Flucht- oder Asylantragsweg in unser Land kommen, Perspektiven bieten können, wenn diese bereit sind, sich zu integrieren. Haben Sie dafür die Größe, Herr Staatsminister?

(Beifall bei der SPD und den LINKEN – Zuruf von der AfD: Ziehen dunkle Wolken auf?)

In dieser Kommission, die wir seit Monaten fordern und die jetzt von der Bundesregierung akzeptiert worden ist, wäre eine der Schlüsselfragen, Herr Abg. Pallas: Wie schaffen wir es endlich, zwischen Fachkräfteeinwanderung und Asyl zu unterscheiden?

(Beifall bei der CDU und der AfD – Zuruf der Abg. Sabine Friedel, SPD – Zurufe von der AfD)

Wie schaffen wir es, für EU-Zuwanderer interessant zu sein, für Fachkräfte aus dem Rest der Welt, und wie helfen wir Flüchtenden, Asylbegehrenden oder subsidiär Schutzbedürftigen? Diese beiden Sachen zu trennen, ist es schon allein wert, diese Kommission einzurichten.

(Zurufe von der AfD, den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der SPD)

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich hier vier Oppositionsfraktionen vor mir habe.

Es wäre schön

(Sabine Friedel, DIE LINKE: Sie sprechen ja auch nicht als Staatsregierung, sondern als Politiker!)

Gehört das jetzt noch zur Beantwortung der Frage, oder?

Sie beantworten immer noch die Frage. Wir entscheiden, wann wir sagen: Es ist beantwortet.

Ich war dabei – –

(Zurufe von der AfD und der SPD)

Ich bin sehr enttäuscht, dass in den Medien –

Ich bitte um Ruhe!

– das Thema dieser Asylkommission unter dem Radar geflogen ist.

Die Ethikkommission hat damals drei Monate gebraucht. Es waren hochmögendste Leute, die uns einen konkreten Vorschlag im Juni 2011 zu dem Problem Kernkraft präsentiert haben: aussteigen oder drinbleiben?

(Zuruf der Abg. Sabine Friedel, SPD)

Man kann in drei Monaten das tun, was der Kanzler jetzt fälschlicherweise als historisch bezeichnet hat. Das würde ich von so einer Kommission erwarten. Wie steuern wir Migration, wie gestalten wir Integration, wie unterscheiden wir Asyl und Fachkräfte?

(Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE, steht am Mikrofon)

Wie begrenzen wir? Braucht es Rechtsänderungen? Es könnte ja sein, dass es die gar nicht braucht. Aber, wenn es sie braucht: Sie können sie erlassen. Das Selbstbewusstsein haben Sie hoffentlich.

Gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage?