Protokoll der Sitzung vom 08.11.2023

Vielen Dank.

(Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN)

Kollege

Dr. Gerber sprach für die Fraktion BÜNDNISGRÜNE. Nun spricht Kollegin Friedel für die Fraktion der SPD; bitte schön.

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde es schon sehr bemerkenswert, dass im Gegensatz zu der Debatte heute Morgen eine Debatte zu diesem Thema offenbar sehr sachlich – manche würden es vielleicht sogar als langweilig empfinden – abläuft. Aber ich glaube, das liegt daran, dass sich alle Redner sehr sachlich mit dem Thema auseinandersetzen. Vielleicht sollten wir einfach öfter über Intelligenz sprechen.

Ich habe, als ich das Thema der Regierungserklärung auf dem Zettel sah, einen Fehler gemacht. Ich habe mich verlesen und habe ein „s“ unterschlagen und las: Sachsen stärken für das KI-Zeitalter. Ich dachte: Das ist ja mal eine coole Debatte. Wir reden darüber, wie wir Sachsen für das KI-Zeitalter, das vor uns liegt, stärken.

Nun habe ich von Bob Ross gelernt: Es gibt keine Fehler, es gibt nur „Happy Little Accidents“. Deshalb nehme ich das einmal als einen kleinen glücklichen Unfall und spreche darüber, wie wir Sachsen für das KI-Zeitalter stärken. Ich kann das auch deshalb tun, weil meine Vorredner so viele andere profunde Ausführungen gemacht haben.

Ich will das an zwei Schlagworten oder Beispielen für Anwendungen von künstlicher Intelligenz tun. Beispiel Nr. 1: Voice Cloning, Beispiel Nr. 2: ITS, also Intelligente tutorielle Systeme. Da ahnen Sie es schon, da kommt die Bildungspolitikerin. Deshalb beginne ich einmal mit dem Voice Cloning: die Möglichkeit, Stimmen nachzuahmen und dadurch Audiomaterial zu generieren, und zwar aus allen möglichen Stimmen, für die nur eine Dateivorlage vorliegt. Das kann man jetzt schon ausprobieren. Das ist total unterhaltsam, wenn man sich selbst im Video sieht, wie man lippensynchron mit eigener Stimme perfekt französisch spricht, obwohl ich im wirklichen Leben über „je ne sais pas“ überhaupt nicht hinauskomme.

Oder Johnny Cash den Barbie-Song singen zu hören. Das haben manche von Ihnen vielleicht schon einmal versucht. Ich kann nur empfehlen, das auf YouTube zu schauen. Solches Voice Cloning ist aber natürlich nicht mehr so witzig, wenn dann in einem Fake-Video Wolodimir Selenski vermeintlich zur Kapitulation der Ukraine aufruft, oder wenn Annalena Baerbock Worte in den Mund gelegt werden, die sie nie gesagt hat.

(Lachen des Abg. Sebastian Wippel, AfD)

Da sind wir beim Thema Deepfakes, und ich kann mir vorstellen, was bei Ihnen auf dem Handy so passiert. Solche

Deepfakes sind eine große Herausforderung für unser Alltagsleben; denn etwas, was bisher für uns alle galt – ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen, ich habe das mit meinen eigenen Ohren gehört; das bietet keine Sicherheit mehr, zumindest nicht bei medial vermittelter Wirklichkeit.

Diesbezüglich muss man sich klarmachen: Natürlich gab es früher schon gefälschte Bilder. Schon in den russischen Fotografien der Zwanziger- und Dreißigerjahre wurden Widersacher herausretuschiert. Aber die Verfügbarkeit, die Schnelligkeit, die Qualität, mit der das jetzt möglich ist, die katapultiert uns in ein neues Zeitalter.

Wie kann man Sachsen stärken? Natürlich gibt es mit dem Umgang von Deepfakes oder im Umgang mit Fake News verschiedene Möglichkeiten – das Debunking –, das heißt das nachträgliche Aufspüren von solchen Fake News, das Aufdecken zum Beispiel der Faktenfinder der Tagesschau. Das ist ein wichtiges Instrument. Ich glaube, diesbezüglich werden mittelfristig auch neue Aufgaben für uns Länder und für die Medienaufsicht, für die wir zuständig sind, zukommen. Ich denke, das werden wir in dieser Legislaturperiode nicht mehr schaffen, zu diskutieren; in der nächsten hoffentlich schon.

Zweiter Punkt: die Regulierung. Diese diskutieren wir gerade auf europäischer Ebene, nämlich die Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte. Das wird sicher hilfreich sein, möglicherweise für eine Übergangszeit. Das ist aber auch schwierig. Wenn wir wissen, dass bereits jetzt in vielen Softwareanwendungen KI drinsteckt und mein Foto, das ich einfach nur etwas schöner beleuchten lasse, was aber ansonsten echt ist, eigentlich diesen KI-Stempel bekommen müsste, dann stellt sich die Frage: Wie setze ich solche Kennzeichnungen ein, und was können diese am Ende für uns als Verbraucher sagen?

Strategie Nummer drei: das Prebunking, also Menschen dagegen zu wappnen, dass sie auf Deepfakes reinfallen, indem man gesunden Menschenverstand, Logik, Kontextverständnis stärkt. Dazu gehört auch, dass es Quellen gibt, denen man wirklich vertrauen kann.

Diese Qualitätsgarantie – deshalb ist sie uns so wichtig, Herr Gahler – gibt der öffentlich-rechtliche Rundfunk ab. Genau in diesem Bereich ist er unverzichtbar und von enormen Wert. Ich bin froh, in einem politischen System zu leben, von dem man sagen kann: Weil es demokratische Kontrolle gibt, kann ich dem öffentlichen Rundfunk vertrauen und nicht wie in China, Russland oder früher in der DDR davon ausgehen, dass alles, was in der Zeitung steht, Lug und Trug ist. So ist es eben nicht.

Die zweite große Prebunking-Methode ist natürlich die Bildung. Zur Bildung komme ich gleich. Zum Voice Cloning noch: Ich habe jetzt über Risiken gesprochen, aber es liegen auch große Chancen darin. Alles, was im Bereich Dolmetschen und Simultanübersetzung passiert, könnte in kürzester Zeit zu einem völlig neuen Niveau kommen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen von Douglas Adams den „Babelfisch“, den man sich so ins Ohr steckt, kennt. Das ist keine absurde Zukunftsvision mehr. Das werden wir in ein

paar Jahren spätestens erleben. Manche, die das Buch wirklich gelesen haben, werden sich jetzt an diese ironische Wendung erinnern, dass es danach, als sich die Menschen besser verstanden, zu noch mehr Kriegen kam. Aber gut, das passiert vielleicht nicht.

Ganz praktisch heißt das für uns in Sachsen zum Beispiel: Eine solche Technik macht es möglich, dass wir künftig nicht mehr nur eine Stunde im Monat ein sorbischsprachiges Programm im MDR haben, sondern dass wir der Zweisprachigkeit in unserem Land gerecht werden können, das gesamte MDR-Programm nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Sorbisch zur Verfügung stellen können. Es ist Sachsens Stärke, dass wir mit der SOTRA-App ermöglicht haben, dafür die Grundlagen zu legen.

ITS – Intelligente tutorielle Systeme. Was heißt das und welche Chancen liegen darin? Solche Systeme ermöglichen, dass Inhalte und das Einüben von Wissen tatsächlich auf den jeweils individuellen Kenntnisstand der Schülerinnen und Schüler passiert. Was heißt das?

Wenn ich mathematische Übungsaufgaben mache, erkennt die Lernsoftware, dass ich das und das nicht verstehe, weil ich offenbar das Konzept von Brüchen nicht verstanden habe. Dann springt es zurück und vermittelt mir das Konzept von Brüchen, damit ich weiterlaufen kann.

Das ist ein großer Gewinn. Wir haben viel über Lernrückstände in der Corona-Zeit geredet, und ITS – intelligentes tutorielles System – ist die Möglichkeit, Lernrückstände aufzuholen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Diese Situation kennen vielleicht manche von uns aus ihrer Schulzeit, ab irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr mitgekommen zu sein und dann aufgegeben zu haben. Bei mir war das so mit Chemie ab Klasse 8 – das kann man eigentlich vergessen –, da habe ich keine richtigen Kenntnisse mehr erworben, weil eine Zwischenstufe fehle. Das kann künftig der Vergangenheit angehören. Das ist eine große Chance, weil es uns ermöglicht, die Heterogenität von Schülerinnen und Schülern in den Mittelpunkt zu stellen, ihr gerecht zu werden und sie gleichzeitig in unserer Schulstruktur nicht zum Hindernis werden zu lassen.

Dann ergeben sich neue Chancen, Stichwort Gemeinschaftsschule. Wir müssen Kinder gar nicht mehr sortieren und äußere Differenzierungen schaffen, weil die Differenzierung im Unterricht passiert. Das wird uns dabei helfen, wieder wohnortnahe Schulen, kurze Schulwege und gemischte Milieus in unserem Schulsystem zu ermöglichen.

Natürlich kann KI bei falscher Anwendung Bildungsprozesse auch stören oder entwerten. Wenn die besondere Lernleistung vom Schüler mit ChatGPT geschrieben wird und wenn sie dann vom Lehrer mit einem KI-Grader benotet wird, dann kann ich das Ganze auch lassen bzw. zwei Maschinen sich unterhalten lassen. Das lenkt den Blick darauf, worauf es jetzt eigentlich ankommt, wenn wir über Sachsens Stärken für das KI-Zeitalter reden. Wir müssen neu darüber diskutieren, welchen Zweck Bildung hat. Was müssen wir in den Vordergrund stellen? Das hat viel mit der Unterrichts- und Prüfungskultur zu tun, die wir in unseren Schulen an den Tag legen.

Es ist nicht ausschließlich wichtig, was ich auswendig lerne, sondern Interaktion und Kommunikation sind wichtig, also beziehungsreiches Lernen. Problem- und projektorientiertes Lernen wird viel wichtiger, weil das meine Möglichkeit ist, gesunden Menschenverstand auszubilden und dann mit Gefahren und Chancen von KI umgehen zu können. Und natürlich geht es auch um Inhalte und nicht nur um die Art und Weise, wie ich Unterricht mache. Wir müssen nicht alle Menschen zu KI-Experten machen.

Ohne Frage ist es gut, dass wir Informatik haben; wir müssen aber sicherstellen, dass eine Anwendungskompetenz für die Mensch-Maschine-Interaktion besteht. Das können wir in jedem Fach machen. Die Grundlage dafür ist, dass ich eine gewisse Ahnung von Logik habe. Wo kommt Logik jetzt vor? In der Oberschule einmal in Informatik Klasse 7, ansonsten ist das nicht Bestandteil des Lehrplans. Dabei ist Logik Grundlage für das Verstehen, wie solche Maschinen funktionieren. Ich muss nicht selbst programmieren können. Genauso wenig muss ich selbst Aspirin herstellen können, aber ich muss die Risiken und Nebenwirkungen verstehen. Ich bekomme in Biologie mit, was bestimmte Stoffe machen, und ich muss in allen anderen Fächern auch mitbekommen, wie die Logik von KI überhaupt funktioniert.

In einer Welt, in der die Mensch-Maschine-Interaktion immer mehr Raum einnimmt, wird die Mensch-Mensch-Interaktion umso wichtiger. Das heißt, dass Themen wie Psychologie und Kommunikation, Ethik und Philosophie an unseren Schulen viel mehr stattfinden müssen. Wir müssen auch von der Vorstellung Abschied nehmen, dass jeder am Ende seiner Schulzeit das Gleiche weiß. Nein, darum geht es gar nicht. Wir haben jetzt die Chance, KI-unabhängige Alltagskompetenzen stärker in den Mittelpunkt zu stellen, Grundbildung zu definieren, Lernen lernen und da, wo Fähigkeiten und Neigungen sind, vertieftes Verständnis auszubilden.

Ein bisschen flapsig ausgedrückt: KI ermöglicht uns die Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsideals der griechischen Antike, nur ohne Sklaven und mit Frauen.

Sachsen stärken heißt, unser Schulsystem auf beste Bildung im KI-Zeitalter neu auszurichten und die Lehrerausbildung zu reformieren, sodass Lehrkräfte diese neue Aufgabe als Lernbegleiter meistern können. Sachsens Stärke dabei ist, dass wir schon einige Schritte gehen. Wir machen uns Gedanken darüber, wie Weiterbildung funktionieren kann und wie es nicht nur in Schulen, sondern auch bei Erwachsenen gelingt, Fähigkeiten und Fertigkeiten für das KI-Zeitalter zu vermitteln. Wir machen uns natürlich Gedanken, wie das Bildungssystem der Zukunft aussieht. Der Prozess Bildungsland 2030 – ich stehe immer wieder hier vorn dazu – beinhaltet die Frage, was Kinder und Jugendliche in Zukunft können müssen. Ich würde mich sehr freuen, gerade laufen die Regionalkonferenzen –

Die Redezeit ist abgelaufen.

– vielen Dank –, wenn die Sachlichkeit, mit der diese Debatte geführt wird, sich beim Bildungsland 2030 fortsetzt, wenn wir uns nicht künstlich aufregen – „keine Hausaufgaben mehr, wirklich?“ –, sondern sachlich fragen, wozu und wie Bildung künftig passieren soll.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD, den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN)

Kollegin Friedel sprach für die SPD-Fraktion. Damit hätten wir die erste Rederunde absolviert. Ich frage die Fraktionen, ob es Interesse an einer zweiten Rederunde gibt. Ich frage zuerst die CDU-Fraktion. – Kein Interesse. Die AfD-Fraktion? – Kollege Gahler, bitte schön.

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordneten! Bei der heutigen Fachregierungserklärung zum Thema „Sachsens Stärken für das KI-Zeitalter“ hatte ich, das muss ich zugeben, denselben Lesefehler wie die Kollegin Friedel.

(Sabine Friedel, SPD: Mal sehen, was Sie daraus machen?)

Wenn wir über die künstliche Intelligenz reden wollen, sollten wir erst einmal über die natürliche Dummheit reden. Wir sind noch nicht einmal in der Lage, zwingend notwendige und überlebenswichtige Zahlungen an Landwirte hinzubekommen, weil die Stümper nicht in der Lage sind, eine Software so anzupassen, dass das Geld rechtzeitig zur Auszahlung kommt.

(Beifall bei der AfD)

Aber abgesehen vom Titel und von diesem Fehler will ich aus meiner Erfahrung zu diesem Thema Stellung nehmen. Ich habe mir vier wichtige Bereiche des Lebens herausgenommen. Einige sind von besonderer Bedeutung, auch Vorredner sind bereits darauf eingegangen, und vorab möchte ich die Position der AfD bezüglich der Forschung und Entwicklung im Hinblick auf KI umreißen. Wie bereits bei der Kernkraft und anderen Wirtschaftsthemen steht die AfD für eine ergebnisoffene Forschung und Entwicklung, deren Ziel es sein muss, den Bürgern das Leben zu erleichtern, ihm zu dienen und zu nutzen sowie ihnen ein Leben in Wohlstand, Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen. Weniger Staat, viel Freiheit!

(Beifall bei der AfD)

Für die Wirtschaft gilt: Jegliche Forschung und Entwicklung sollte ermöglicht und unterstützt werden, solange sie dem Wohl Deutschlands, Sachsens und seiner Bevölkerung dient, die Freiheit, die Gesundheit und den Wohlstand der Bürger nicht verletzt und wenn sie nicht kriegerischen Zwecken oder ausländischen Interessen dient. Vorredner haben bereits gesagt, dass viele Konzerninteressen im Ausland liegen.

Kommen wir zum ersten Gebiet für die Nutzung von KI. Aufgrund der desaströsen Politik von Staatsminister Piwarz und seiner Vorgänger haben wir mit verschiedenen Problemen im Bildungsbereich zu kämpfen. Während ein Wasserkopf im LASuB eine Mangelwirtschaft verwaltet, welche DDR-Verhältnisse in den Schatten stellt, wäre der gezielte Einsatz von KI ein Mittel, den Lehrermangel zumindest zu mildern und hilfsweise Bildung für Schüler anzubieten, um bei verschiedenen Themen für die Zukunft nicht gänzlich chancenlos zu sein,

(Widerspruch bei den LINKEN – Glocke des Präsidenten)

wie beispielsweise in der Medizin, in der Bildung, in der Forschung und natürlich in der KI.

Daher ist der Einsatz der KI sinnvoll, wenn man für standardisierte Lernprozesse intelligente Tutorsysteme,

(Staatsminister Christian Piwarz: Intelligente tutorielle Systeme! Sie haben eben keine Ahnung!)

wie Frau Friedel bereits ausführte, mit individualisierter Rückmeldung einsetzt.

Herr Piwarz, Sie haben die Ahnung?

Herr Dietrich führte das auch bereits aus. Zurzeit kommt es bei naturwissenschaftlichen Fächern häufig zu massiven Stundenausfällen. Das ist Ihre Schuld. Besonders betroffen sind Fächer wie Biologie, Physik, Mathe und Chemie. Es wäre ein Leichtes, zum Beispiel im Fach Biologie intelligente Tutorsysteme und Module einzusetzen, um Naturgesetze zu unterrichten und zu erklären.

(Widerspruch des Staatsministers Christian Piwarz)