Protokoll der Sitzung vom 23.03.2012

„Sitzenbleiben“ in den Schulen überwinden

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 6/915

(Unruhe)

- Ich würde Sie ganz herzlich bitten, den Lautstärkepegel so zu halten, dass Frau Koch-Kupfer den Antrag einbringen kann. Bitte, Frau Kollegin.

(Zuruf von der CDU: Die sollen alle sitzen- bleiben!)

- Ja, wenn alle sitzenbleiben, ist der Geräuschpegel niedrig. Und jetzt reden wir über das Sitzenbleiben. - Bitte schön, Frau Kollegin.

Danke schön, Herr Präsident. - Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich die Begründung für unseren Antrag mit einer kurzen Begriffsdefinition beginnen. Sie macht, denke ich, das Problemfeld des eigentlichen Themas deutlich.

Was ist eigentlich ein Irrtum? Ein Irrtum liegt immer dann vor, wenn man von einem - sich in der Wirklichkeit anders darstellenden - Sachverhalt überzeugt ist. Das Sitzenbleiben bzw. das, was es bewirken soll, gehört gewiss zu solch einem Irrtum. Immer noch ist man davon überzeugt, dass das Sitzenbleiben Wirkung hat. Man fragt sich allerdings, warum sich das schon so lange in den Köpfen verfestigt hat.

Die Antwort ist schnell gegeben: Jeder von uns kennt jemanden, der sitzengeblieben ist - vielleicht persönlich oder aus dem Fernsehen -, der es aber trotz Ehrenrunde zu etwas gebracht hat.

Außerdem befindet sich der sogenannte Sitzenbleiber in guter Gesellschaft, in prominenter Gesellschaft. Das verzerrt oftmals die Wahrnehmung. Zum Beispiel hat Barbara Sommer, ehemalige Schulministerin in Nordrhein-Westfalen, immerhin 14 Jahre bis zum Abitur gebraucht. Auch Ulrich Wickert, den viele von uns als einen klugen Kopf wahrnehmen, fühlte sich in der Schule eher gelangweilt und desinteressiert und hat auch eine Klasse wiederholt.

Ebenso ging es Churchill. Wenn man sich ansieht, aus welchen Gründen er eine Ehrenrunde einlegen musste, dann kommt man schon ins Schmunzeln. Er war nämlich schlecht in Latein und Sport, und sportlich war er wahrscheinlich sein ganzes Leben lang nicht. Seine Erfahrungen mit Schule haben immerhin dazu geführt, dass Schule für ihn immer ein trüber Fleck auf der Landkarte seines Lebens gewesen ist.

Eigene Erfahrungen in Sachen Sitzenbleiben habe ich zwar nicht, aber Erfahrungen damit, mehr als 20 Jahre lang als Klassenlehrerin Versetzungsvermerke auf die Zeugnisse meiner Schüler schreiben zu müssen. Sie können sich denken, dass die Versetzungsvermerke leider nicht immer positiv waren.

Diese eigenen Erfahrungen brachten auch Beobachtungen mit sich. Die Sitzenbleiber verließen zwar meine Klasse, ich konnte sie aber über ihre Schullaufbahn hinweg in ihrer Lernentwicklung weiter verfolgen. Manchmal habe ich auch die darunterliegende Klasse unterrichtet und konnte ganz genau hinschauen, ob das Sitzenbleiben tatsächlich eine Steigerung ihrer kognitiven Entwicklung nach sich zog.

Am Anfang schien das wirklich so zu sein. In den ersten Wochen des neuen Schuljahres waren die Schüler meist sehr motiviert und schienen den Anschluss zu schaffen. Sie bemühten sich, Hausaufgaben zu machen, und hatten in den ersten Tests tatsächlich auch positive Bewertungen.

Über den Verlauf des Schuljahres hinweg änderte sich das jedoch. Wenn man die Schullaufbahn ein wenig länger betrachtete, dann merkte man, dass die Wissenslücken leider nicht geringer, sondern immer größer wurden. Das führte bei mir zu Zweifeln an der Wirksamkeit des Wiederholens.

Ich sprach meine Kolleginnen im Lehrerzimmer darauf an. Es gab natürlich immer wieder Diskussionen über dieses Thema. Ich denke, das ist auch bei uns so. An diesem Thema scheiden sich bekanntlich die Geister.

Es gibt sehr viele Annahmen, die eine positive Wirkung des Sitzenbleibens vermuten lassen. Die Befürworter des Sitzenbleibens gehen davon aus, dass das sogenannte Wiederholen des gleichen Schulstoffes eine Schuljahres tatsächlich eine angemessene Förderung sein könnte, dass die Schüler, die sitzenblieben, in ihrer Lerngruppe überfordert seien und in der nächsttieferen ein Milieu vorfänden, in dem sie ihre Lern- und Leistungsprobleme überwinden könnten. Dieser Warnschuss solle dazu führen, dass sie sich mehr anstrengten und den Anschluss schafften.

Das ist eigentlich auch gut gedacht. Die sogenannte Leistungshomogenität, die man damit anstrebt, verursacht allerdings oft eine Altersheterogenität in den anderen Klassen. Aufgrund des Phänomens Sitzenbleiben trifft man durchaus auf Schüler, die zwei, drei Jahre älter sind als ihre Klassenkameraden.

Sie können sich vorstellen, dass das gerade in der Pubertät nicht wenige Probleme mit sich bringt; denn wir haben gestern schon gehört, dass Schulversagen ein Problem der Jungen ist.

Befürworter des Sitzenbleibens meinen auch, dass man die Leistungsstarken nicht am Lernen hindern

sollte. Auch deswegen müsste man die Leistungsschwachen in eine Lerngruppe mit passenden Bedingungen setzen. Dadurch - das vermutet man zumindest - würde sich die Lernsituation derjenigen, die nicht sitzengeblieben seien, verändern.

Das sind Wirkhoffnungen, die sicherlich - der Begriff sagt es schon - auf unterschiedlichen Erfahrungen und auf individuellen Meinungen zum Thema basieren. Wichtig sind aber nicht die Erfahrungen und die Meinungen; vielmehr ist vor allem wichtig, wissenschaftliche Belege zu finden. Die Forschung hat intensiv daran gearbeitet.

Ich habe mich einmal auf den Weg gemacht und geschaut, welche empirischen Befunde vorliegen. Ich wollte im Kollegium schon beweisen, dass der Nutzen des Sitzenbleibens nicht so groß ist, wie es meine Kollegen vermuteten, dass es eigentlich gar keinen nachhaltigen Effekt hat.

Ich stieß auf Ergebnisse, die bereits aus den 70erJahren stammen. Daran sieht man, dass sich Fehlannahmen in den Köpfen sehr lange halten können. Schon damals war klar - die Studien belegen das -, dass der Sitzenbleiber nur im ersten Jahr einen Nutzen von der pädagogischen Maßnahme des Sitzenbleibens hat und dass sich die Wissenslücken danach sogar noch verstärken.

Das heißt, das Sitzenbleiben ist unwirksam. Das Sitzenbleiben hat aber gravierende individuelle Folgen für die Betroffenen: Sie müssen den Verlust ihres Umfelds verkraften. Sie fühlen sich etikettiert, und sie müssen mit dem Misserfolgserlebnis zurechtkommen, was sich lernpsychologisch auf die Lernmotivation nur negativ auswirken kann.

Das beeinträchtigt natürlich auch das Selbstvertrauen. Viele Schüler sind frustriert, weil sie wegen zwei Fächern das Schuljahr wiederholen müssen, und zeigen das auch oft in Verhaltensauffälligkeiten.

Ich will nicht bestreiten, dass das Sitzenbleiben in einzelnen Fällen, die keine kognitive Grundlage haben, tatsächlich auch nützlich sein könnte.

(Zustimmung von Herrn Leimbach, CDU)

Das hat dann allerdings mehr mit der körperlichen Entwicklung zu tun.

Weil das Sitzenbleiben so umstritten ist und weil die Forschung es als nutzlos begründet und uns eigentlich auch genügend Belege dafür liefert, haben sich viele Bundesländer auf den Weg gemacht und sind das Problem angegangen.

Etwa Hamburg hat das Sitzenbleiben gänzlich abgeschafft. Rheinland-Pfalz hat die Quote durch eine individuelle Förderung gesenkt. Thüringen und Sachsen haben ganz geringe Quoten an Sitzenbleibern. Baden-Württemberg hat bereits seit vielen Jahren eine der niedrigsten Quoten, und das bei höchstem Niveau; denn in den Pisa-Ver

gleichsstudien hat Baden-Württemberg immer die Nase vorn.

(Herr Leimbach, CDU: Das ist wenig über- raschend!)

Ich will nicht in Abrede stellen, dass das Bewusstsein für dieses Problem auch in Sachsen-Anhalt geschärft wurde. Schon im Jahr 2006 hat der ehemalige Kultusminister Professor Olbertz ein Sonderprogramm gegen das Sitzenbleiben aufgelegt. Damals gab es 300 zusätzliche Lehrer, die sich der Problematik stellten. Das heißt, dass das Problem insgesamt wahrgenommen wurde.

Auch in dieser Legislaturperiode gibt es Projekte gegen das Sitzenbleiben und zur Senkung der Sitzenbleiberquote, beispielsweise schulbezogene Projektwochen, die fünf Tage dauern sollen und sich auf zehn Sekundarschulen und Gesamtschulen in den Räumen Magdeburg und Halle beschränken.

Die Zielgruppe sind die Jahrgänge 8 bis 10. Bei Bedarf sollen auch Schüler der 7. Klasse einbezogen werden. Eine Woche lang soll ein Motivationstraining absolviert werden. Es sollen zusätzliche Angebote wahrgenommen werden, die die Lernmotivation wiederherstellen sollen.

Das ist durchaus eine sinnvolle Angelegenheit. Das gilt auch für die Einrichtung von Sommercamps, die beabsichtigt sind, wie ich gelesen habe.

Das sind sicherlich Angebote, die ergänzend eine Rolle spielten sollten. Ich bin aber der Meinung - das scheint aus meiner Erfahrung heraus auch durchaus sinnvoll zu sein -, dass zusätzliche Angebote immer nur eine Ergänzung sein können. Wir müssen vielmehr daran arbeiten, die Lernkultur in der Schule so auszurichten, dass das Sitzenbleiben vermieden wird und dass rechtzeitig Maßnahmen im Unterricht, in der Schule ergriffen werden, um dem Sitzenbleiben entgegenzuwirken.

Mich hat das Projekt „Komm mit!“ - übrigens ein schöner Name -, das es seit dem Jahr 2008 in Nordrhein-Westfalen gibt, sehr überzeugt. Auch dort war man sich der Problematik bewusst. Man hat ein Projekt aufgelegt, das die Schulen dazu veranlasste, pädagogische Konzepte zu entwickeln, die dem Sitzenbleiben entgegenwirkten.

Man rechnete zunächst damit, dass 300 Schulen an dem Projekt teilnähmen. Es waren dann aber fast 400, darunter fast 150 Gymnasien. Das Projekt hat jetzt eine Evaluation erfahren. Die Ergebnisse liegen seit dem Jahr 2011 vor. Die Statistik des Bundesamtes besagt es bereits: Die Sitzenbleiberquote ist drastisch zurückgegangen.

Auf Nachfragen beim Schulministerium in Nordrhein-Westfalen wurde mir versichert - viele Schulen haben das auch bestätigt -, dass sich die Lernkultur insgesamt entwickelt habe und dass es beim

Sitzenbleiben eigentlich nicht nur um die Quote gehe, sondern um das Implementieren einer neuen Lernumgebung und um neue Unterrichtsansätze.

In einer Pressemitteilung der GEW NordrheinWestfalen wird darauf verwiesen, dass an dem Projekt mittlerweile 700 Schulen teilnähmen, dass sich auch die Berufsschulen - sie heißen dort „Berufskolleg“ - daran sehr interessiert zeigten und dass dieses Projekt in eine Verlängerung gehe.

Weil sich dieses Projekt auch in Sachen neue Lernkultur als sehr förderlich herausgestellt hat, wünsche ich mir das und wünschen wir als Fraktion uns das auch für die Schüler in SachsenAnhalt. Wir wünschen uns, dass wir Schule weiterhin so begleiten, dass sie die künftigen Aufgaben in der Bildung gut wahrnehmen kann und dass sich die Lernkultur verändert. Das ist eigentlich das Ziel unseres Antrags.

Wir fordern das Kultusministerium auf, initiativ zu werden und Schulen dabei zu unterstützen und zu begleiten, solche pädagogischen Konzepte zu entwickeln. Die notwendigen Rahmenbedingungen dafür müssen geklärt werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir setzen genauso wie Nordrhein-Westfalen auf Freiwilligkeit. Ich glaube, wenn man sich selbst einbringen kann, seine Kreativität und Kompetenz, dann ist man motivierter bei der Sache.

Wir vertrauen auf die Fähigkeiten und Kompetenzen der Lehrer in unserem Bundesland und wollen damit die Eigenständigkeit der Schulen stärken. Deswegen setzen wir nicht auf die administrative Entscheidung, sondern darauf, dass sich die Gesamtkonferenz dazu bekennen kann.

Ich hatte eben schon gesagt, dass dieser Antrag ein kleiner Baustein dazu sein kann, die Lernkultur in Sachsen-Anhalt zu verändern und den Weg für neues Lernen in unserem Bundesland freizumachen, damit wir nicht wieder erbost sein müssen, wenn es in Baden-Württemberg heißt: In Sachsen-Anhalt steht man früh auf, aber bei uns bleibt wenigstens niemand sitzen.

Deswegen werbe ich um Zustimmung zu unserem Antrag.

(Beifall bei der LINKEN)

Sie waren gut in der Zeit, liebe Frau Kollegin.