Protokoll der Sitzung vom 23.03.2012

Mir und meiner Fraktion wäre natürlich auch am liebsten, dass wir hierbei ohne großartige Rege

lungen zurechtkämen. Aber an wie vielen Schulen wird denn von dieser Möglichkeit, die das Schulgesetz bereits bietet, schon Gebrauch gemacht?

Das wüsste ich auch gern. Ich kann es jetzt nicht sagen.

(Frau Weiß, CDU, lacht)

Ich fand es sehr interessant, dass im Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsschulkonzept auch das Problem des Sitzenbleibens aufgegriffen wurde. Ich kenne die jetzige Lage. Das zeigt mir dennoch, dass trotz dieser gesetzlichen Möglichkeiten auch im Ministerium erkannt worden ist, dass es Handlungsbedarf in dieser Sache gibt. Oder täusche ich mich diesbezüglich?

Es ist so, dass wir gemessen an der Gesamtschülerzahl bei einer Quote von 2,2 % noch über dem Bundesdurchschnitt liegen. Deswegen gibt es Handlungsbedarf. Sie haben erwähnt, was wir im Zusammenhang mit den projektbezogenen Wochen unternehmen, die wir derzeit ausprobieren und bei Erfolg auch auf andere Regionen und möglicherweise andere Schulformen ausweiten. Wir haben im Land Sachsen-Anhalt diesbezüglich noch Handlungsbedarf.

Die Frage ist aber, ob wir das rechtlich oder nicht lieber inhaltlich lösen wollen. Ich plädiere sehr stark für den inhaltlichen Weg, zumal die schulgesetzlichen Regelungen bereits Öffnungen zulassen. Im Jahr 2009 hat es bereits Bewegung gegeben. Aber das hatte ich in meiner Rede schon erwähnt.

Vielen Dank, Herr Minister. - Wir treten jetzt in die Fünfminutendebatte ein. Die Reihenfolge lautet: CDU, GRÜNE, SPD, DIE LINKE. Es beginnt für die CDU-Fraktion Herr Kollege Weigelt. Bitte schön, Herr Weigelt.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Werte Kollegin Koch-Kupfer, ich habe in meiner Fraktion nicht ein einziges Mitglied gefunden, das Ihren Antrag „Sitzenbleiben in den Schulen überwinden“ nicht vorbehaltlos ohne jedes Wenn und Aber aus tiefster Überzeugung abgelehnt hätte.

(Zuruf von Frau Koch-Kupfer, DIE LINKE)

Das muss ich Ihnen deshalb so deutlich sagen, weil das aus unserem später folgenden Abstimmungsverhalten nicht unbedingt ablesbar sein wird, jedenfalls nicht bei der mehrheitlichen Ent

scheidung. Warum das so ist, muss ich Ihnen als erfahrene Parlamentarierin nicht erklären.

Nun ein paar Worte zum Inhalt Ihres Antrages. Gewöhnlich beginnt man ein Schriftstück von oben links an zu lesen. Diesbezüglich lese ich auf Ihrem Antrag: Sitzenbleiben in den Schulen überwinden.

Dabei dachte ich mir: Glückwunsch, die LINKEN haben den Stein der weisen Pädagogen gefunden. Zunächst dachte ich, Sie zeigen nun Mittel und Wege auf, mit denen es die Leistungen aller Schülerinnen und Schüler auf einem Niveau zu halten oder auf ein Niveau zu befördern gelingt, welches im Anforderungsbereich zum Erreichen des gesteckten Klassenziels liegt.

Ihre Formulierung - darauf sind Sie eingegangen - im vorliegenden Antrag deutet zumindest an, dass es solche Konzepte zur Gewährleistung des Unterrichtserfolges für alle Schülerinnen und Schüler bereits gibt.

Es gibt pädagogische Konzepte, die den von uns allen gewünschten Idealzustand - auch darüber ist gesprochen worden -, dass jeder einzelne Schüler das Klassenziel erreichen sollte, beschreiben. Aber es wird aus unterschiedlichen Gründen auch immer wieder Schülerinnen und Schüler geben, die den Unterrichtsstoff eines Schuljahres eben nicht bewältigen.

Hierbei ist in der Tat ein Ansatz zu sehen. Es gibt diese unterschiedlichen Gründe. Auf der einen Seite ist der Schüler, der aus objektiven, oftmals auch zeitlich eingrenzbaren Gründen, zum Beispiel Krankheit, das Klassenziel verfehlt. Hierzu gibt es schon heute Möglichkeiten - auch das ist noch einmal deutlich genannt worden - einer begleitenden und ergänzenden Förderung, die in aller Regel sehr individuell zugeschnitten sein dürfte. Dazu kann ich nur sagen: Dranbleiben und das künftig noch besser machen!

Auf der anderen Seite gibt es den Schüler und - weniger davon - auch die Schülerin mit der NullBock-Einstellung. Ich habe, wie manch anderer sicherlich auch - das habe ich eben gehört -, einmal gegoogelt und nach prominenten Sitzenbleibern gesucht. Sie hatten einige Namen schon genannt. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen.

Aber wer es noch nicht getan hat, dem rate ich wirklich, einmal zu googeln. Er wird sehr Erfrischendes und auch Überraschendes dort sehen. Manches wird auch zum Schmunzeln sein. Wie gesagt, ich nenne die Namen jetzt nicht; denn ich will die Spannung für Sie ein wenig hochhalten.

Meine Damen und Herren! Sie schreiben in Ihrem Antrag - ich zitiere -:

„Eine Reihe von Praktikerinnen und Praktikern verweist darauf, dass Klassenwiederholungen sich nicht selten mit zusätzlichen

Problemlagen in der Entwicklung der Schülerinnen und Schüler verbinden.“

Dazu sage ich: Es gibt auch andere Erfahrungsberichte - bei Google nachzulesen - bis hin zu den sich wiederholenden Feststellungen, dass es ohne diesen Schuss vor den Bug auf dem weiteren Lebensweg vielleicht für diejenigen etwas schwieriger gegangen wäre. Diese Meinung vertreten nicht nur die Betroffenen, sondern auch eine ganze Reihe anderer Praktikerinnen und Praktiker. Das ist nachlesbar.

Es ist unzweifelhaft wünschenswert, dass die Zahl derjenigen Schüler, die eine Klasse wiederholen müssen, so gering wie nur irgend möglich sein sollte.

Meine Damen und Herren! Ich kenne keinen Lehrer, der leichfertig oder aus anderen Gelüsten einen ihm anvertrauten Schüler sitzen bleiben lässt, auch wenn sich das aus dem Blickwinkel eines Schülers manchmal etwas anders darstellt.

Wir sind der Überzeugung, dass man den Schülern durch Klassenwiederholung einerseits die Chance geben muss, den Unterrichtsstoff zu bewältigen; andererseits sind wir gegen eine Generalamnestie für die Null-Böcke.

Wir sind davon überzeugt, dass eine solide Leistungsbestätigung in Form von Noten und von Versetzung der sicherste Weg in ein erfolgreiches Berufsleben ist.

Wir werden uns nach wie vor für barrierefreie Schulen in Sachsen-Anhalt stark machen, nicht aber für eine Barrierefreiheit im Sinne Ihres Antrags.

Wir stimmen einer Überweisung in den Bildungs- und Kulturausschuss zu. - Recht herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU)

Vielen Dank, Herr Kollege Weigelt. - Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN spricht Frau Professor Dalbert. Bitte schön, Frau Professor.

Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Wenn man so der Debatte folgt, dann hat man den Eindruck, Schule und Sitzenbleiben wären sozusagen eine natürliche Einheit. Das sind sie aber nicht.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Sitzenbleiben ist ein sehr deutsches Spezifikum; viele Schulsysteme in der Welt kommen ohne Sitzenbleiben aus. Wir sind nach wie vor in der Gruppe der Bundesländer, die am meisten von diesem

Mittel Gebrauch machen. Das betrifft alle Schulformen. Das sei an dieser Stelle gesagt.

In den Grundschulen haben sich die anderen schneller bewegt. Deshalb haben wir da unseren guten Durchschnittsplatz verloren. In den Sekundarschulen haben wir eine weit überdurchschnittliche Rate an Sitzenbleibern. Wir haben sie auch in den Gymnasien, und da vor allen Dingen in den höheren Klassen. Wir haben also das Problem in allen Schulformen.

Was ist denn eigentlich Sitzenbleiben? - Sitzenbleiben ist in der Regel, dass ein Schüler oder eine Schülerin in mindestens zwei Fächern ungenügende Leistungen bringt. Dann entscheidet man, dass das Kind, also die Schülerin oder der Schüler, die Klasse wiederholen soll. Das ist das Sitzenbleiben.

Ich will Ihnen jetzt erklären - das habe ich Ihnen gestern versprochen -, warum aus meiner Sicht das Sitzenbleiben sinnlos, ungerecht und teuer ist.

Das Sitzenbleiben ist sinnlos, weil es den Kindern nicht hilft.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN)

Warum sollte es ihnen auch helfen? Wenn ein Kind etwas nicht versteht, warum sollte es denn helfen, dass sich das Kind mit derselben Didaktik und mit denselben Schulbüchern das Ganze noch einmal anhört?

(Zurufe von der CDU)

Wenn das Kind Motivationsprobleme hat: Glauben Sie denn, die Motivation wächst, wenn man sagt, geh noch einmal eine Klasse zurück?

(Zuruf von Herrn Kolze, CDU)

Das glauben Sie doch selbst nicht.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Sitzenbleiben ist demotivierend. Warum ist das demotivierend? - Weil in aller Regel Kinder in spezifischen Fächern schlecht und in anderen Fächern befriedigend oder gut sind. Sie müssen aber alle Fächer wiederholen. Es ist doch langweilig, dass man die Fächer, in denen man Lernerfolge hat, auch noch einmal wiederholen muss.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LIN- KEN - Frau Brakebusch, CDU: Das ganze Leben ist dann langweilig!)

Gucken wir uns einmal die Forschung zum Sitzenbleiben an. Ein bisschen von der Forschung ist auch schon referiert worden. Aber bevor ich Ihnen etwas zur Forschung sage, will ich Sie einmal fragen, was denn Ihre Erwartung an das Sitzenbleiben ist?

(Zurufe von der CDU)

Wenn Sie ein Jahr zusätzliche Schulzeit investieren, was ist Ihre Erwartung? - Wir machen es einmal an einem Beispiel verständlich, damit es nicht abstrakt ist.