Protokoll der Sitzung vom 21.03.2024

Herr Striegel, lassen Sie die Nachfrage von Herrn Ruland zu? - Herr Ruland, bitte.

Lieber Herr Kollege Striegel, man könnte fast denken, Sie sind jetzt BÜNDNIS 90/Die Olivgrünen.

(Lachen bei der CDU und bei der AfD)

Mit Blick auf Ihre Aussage zum Gewinnen des Krieges habe ich eine Frage. Wie stellen Sie sich das konkret vor? Gewinnt die Ukraine den Krieg auf ihrem eigenen, souveränen Staatsgebiet oder muss der Krieg über die ukrainische Grenze hinaus auf anderes Staatsgebiet getragen werden, um aus Ihrer Perspektive den Krieg zu gewinnen? Sollen wir deswegen Marschflugkörper mit Reichweiten von 500 km in die Ukraine liefern?

Herr Kollege Ruland, ich glaube, es war Ihre Bundestagsfraktion,

(Stefan Ruland, CDU: Das war nicht die Frage!)

die die deutsche Bundesregierung dazu aufgefordert hat, entsprechende Marschflugkörper zu schicken.

(Markus Kurze, CDU: Antworten Sie auf die Frage! Antworten Sie mal auf die Frage, Herr Striegel! - Unruhe)

Herr Kurze! Herr Striegel antwortet jetzt.

Beruhigen Sie sich einmal. Weniger Aufregung und ich beantworte Ihnen gern die Frage.

(Markus Kurze, CDU: Mal sehen, was aus der Friedenspartei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ge- worden ist? - Kriegspartei!)

Herr Kollege Ruland, es war nach meiner Kenntnis Ihre Bundestagsfraktion, die die deutsche Bundesregierung aufgefordert hat, die TaurusMarschflugkörper endlich zu liefern. Ich kann für mich sagen: Ich unterstütze diese Forderung ausdrücklich, weil natürlich dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg, der von Russland in die Ukraine getragen worden ist, nach Russland zurückgetragen werden muss.

(Zustimmung von Olaf Meister, GRÜNE - Un- ruhe bei der AfD)

Als nächster Redner kommt Herr Erben für die SPD-Fraktion an das Rednerpult.

Frau Präsidentin, darf ich?

Herr Erben, bitte schön.

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich mit nachdenklichen Worten beginnen; denn ich glaube, ein Teil der

Debatte symbolisierte nicht, dass wir über Krieg und Frieden reden und über Leid und Krieg reden. Ich selbst bin für eine NATO, die abschreckt und notfalls jeden Quadratmeter des Bündnisses verteidigt. Ich bin auch für eine starke Bundeswehr, die bestens ausgerüstet und ausgebildet ist. Ich bin für die Wehrpflicht

(Zustimmung von Stephen Gerhard Stehli, CDU)

und ich würde unser Land auch mit der Waffe in der Hand verteidigen.

(Zustimmung bei der CDU)

Ich bin wahrlich kein Pazifist, doch die Rhetorik von Teilen der Politik und zahlreicher Medien bringt mich täglich mehr auf die Palme. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich sage das bspw. in Richtung von Herrn Hofreiter oder Frau Strack-Zimmermann und zahlreichen anderen sogenannten Militärexperten im Deutschen Bundestag.

(Lachen)

Krieg ist kein Computerspiel,

(Zustimmung bei der SPD, bei der CDU und bei der AfD)

das man mit angelesenem Wissen über Waffensysteme bestreiten kann. Krieg bedeutet unendliches Leid

(Zuruf: Ja!)

für die Zivilbevölkerung und die Soldaten auf dem Schlachtfeld. Das beklemmende Gefühl, den Lukendeckel eines Panzers über sich zu schließen und zu wissen, dass man jetzt in einem stählernen Sarg sitzt, kennen vielleicht manche hier im Saal noch aus ihrer eigenen

Jugend. Wir haben dieses Gefühl zum Glück nur im Frieden gehabt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Mich stößt ab, mit welcher Selbstverständlichkeit auch von Journalisten Videos geteilt werden, in denen zu sehen ist, wie Soldaten im Schützengraben verrecken, und dass das in den Kommentaren abgefeiert wird.

(Zustimmung von Olaf Meister, GRÜNE - Zu- ruf: Richtig!)

Ich will das Leid des Krieges quantifizieren. Heute geht man bei militärischen Planungen davon aus, dass eine Division im intensiven Gefecht am Tag einen Ausfall von 4 % an Verwundeten und Gefallenen hat. Bei einer Division nach NATO-Standard mit 20 000 Personen sind das jeden Tag 800 Gefallene und Verwundete. Unter den Bedingungen des Krieges in der Ukraine ist es wahrscheinlich noch viel schlimmer. Wie viele Hunderttausende Tote und Verwundete soll es noch geben? Diese Frage muss man nach mehr als zwei Jahren Krieg stellen dürfen, ohne dass man sich vorwerfen lassen muss, ein Putin-Knecht zu sein.

(Zustimmung bei der SPD, bei der CDU, bei der AfD und von Andreas Silbersack, FDP)

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Krieg in der Ukraine nicht allein auf dem Schlachtfeld entschieden wird. Deutschland kann diesen Krieg nicht beenden. Das kann Putin sofort tun, indem er seine Truppen aus der Ukraine abzieht. Ob die Ukraine verhandelt, muss in Kiew entschieden werden. Solange die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russischen Aggressoren ist, wird sie von Deutschland unterstützt. Doch wichtig ist: Deutschland darf nicht Kriegspartei in diesem Krieg werden.

(Zustimmung bei der SPD, bei der CDU, bei der LINKEN, bei der FDP und bei den GRÜ- NEN)

Diese rote Linie hat Bundeskanzler Scholz schon zu Beginn der russischen Aggression gezogen. Deswegen können wir froh sein, dass der Kanzler so besonnen agiert und keine deutsche Kriegsbeteiligung riskiert.

(Zustimmung bei der SPD, bei der CDU und bei der FDP)

Wir können froh sein, dass Deutschland nicht von Leuten geführt wird, die nach einer fehlgeleiteten Fla-Rakete, die in Polen niedergeht, via Twitter den Bündnisfall feststellen. Deutschland kann froh sein, dass es nicht von Experten geführt wird, die mittels Taurus den Krieg in den Moskauer Kreml tragen wollen.

Herr Erben, ich darf auch Sie auf die Zeit hinweisen.

Ich bin gleich so weit. - Egal, wie es der französische Präsident gemeint haben mag, konnte allein die Erwägung, NATO-Soldaten in den Krieg in die Ukraine zu schicken, vom Kanzler nicht unwidersprochen bleiben.

(Zustimmung bei der SPD, bei der CDU und bei der LINKEN)

Das sehen auch die Menschen in unserem Land so. Sie wollen kein Drehen an der Eskalationsschraube.

Vielen Dank, Herr Erben.

Darf ich noch einen Satz

Einen Satz.

zum angegriffenen und erwähnten Rolf Mützenich sagen? Der steht in diesen Tagen besonders unter Druck, weil er nicht in den Chor derer einstimmt, die meinen, dass man mit immer mehr Eskalation für Frieden in Europa sorgen könnte.

Deutschland steht an der Seite der Ukraine; das ist klar. Doch bei all diesen Diskussionen und bei all diesen Stürmen stellt sich unweigerlich die Frage: Muss es nicht auch diplomatische Schritte geben? Denn am Ende müssen wir aus diesem Krieg heraus. Rolf Mützenich hat diese Diskussion angestoßen.

Herr Erben.

Für diejenigen, für die Krieg nicht ein Computerspiel ist, ist dies ein wichtiger Beitrag in dem größten Staat in Europa, welcher die Ukraine wie kein anderer mit Geld und Waffen unterstützt. - Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD - Zustimmung bei der AfD)

Diese Debatte zeichnet sich durch sehr lange und komplizierte Sätze aus. Herr Erben, es gibt zwei Nachfragen, und zwar eine von Herrn Gallert und eine von Herrn Kosmehl, sowie eine Intervention von Herrn Dr. Tillschneider. Wenn Sie die Fragen zulassen, dann spricht zunächst Herr Gallert.