Aber, Frau Baum, da habe ich Sie hoffentlich falsch verstanden: Geldhahn zudrehen, Konzeption aufdrehen – das funktioniert nicht. Denn ich kann mir keine wie auch immer geartete Konzeption an irgendeiner Schule vorstellen, bei der die digitale Infrastruktur zum Beispiel in dem Schulgebäude nicht verlegt ist. Die brauchen wir doch trotzdem. Egal, wie am Ende die Konzeption aussieht, diese Investitionen müssen wir doch machen. Genauso ist es notwendig, dass die Lehrer ihre Endgeräte bekommen, so sie noch keine haben, und sie für ihren Unterricht nutzen. Und – auch das ist wichtig – wenn wir jetzt die Mittel haben, sozial schwache Schüler mit digitalen Endgeräten auszustatten, die vielleicht sonst gar keine Chance hätten, außer dem Billighandy, was sie sich gerade so leisten können, überhaupt Digitalisierung selbst zu erleben, dann sollten wir die Chance nutzen. Dafür ist das Geld da. Ich kann mir ehrlicherweise keine wie auch immer geartete Konzeption vorstellen, die ohne digitale Infrastruktur und ohne Endgeräte für Lehrer und ohne Endgeräte für sozial schwache Schüler auskommt. Das kann ich mir nicht vorstellen. Deswegen nicht Geldhahn zudrehen, sondern Geldhahn gezielt aufdrehen und Konzeption gleichzeitig. Vielen Dank.
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Abgeordnete, liebe Eltern, Schüler am Livestream! Sehr geehrte Fraktion der Grünen, Sie sind die Fraktion, die sich in meinen Augen politisch am meisten gewandelt hat. Zumindest ist für mich nicht nachvollziehbar, wie Sie den Pfad beschreiten konnten, auf dem Sie
jetzt stehen, insbesondere in Bezug auf Digitalisierung im Bildungssystem. Die FDP, die Union und auch die Linken sind bis jetzt immer sehr pragmatisch gewesen, Sie als Grüne waren das früher nicht immer. Sie nehmen aber mittlerweile eine Position ein, die ich nicht nachvollziehen kann.
Damit Sie mich vielleicht ein bisschen besser verstehen, will ich mal kurz den Blick auf die Kindheit im Wandel der Zeit in Europa skizzieren. Zunächst haben wir da die Antike und ein Zitat von Cicero: Kindheit kann nicht gepriesen werden, nur ihr Potenzial. – Kinder wurden damals als kleine Erwachsene betrachtet, das zog sich durch das komplette Mittelalter. Kinder sollten möglichst früh auf das Erwachsenenleben vorbereitet werden. Sie sollten möglichst früh alles lernen, was sie für ihre spätere Rolle als Mann oder Frau brauchen, vor allem aber auch im Arbeitsleben. Dann kam die Aufklärung und hier ein richtiger Gedanke von Rousseau: „Die Weisesten halten sich an das, was für die Erwachsenen wichtig ist zu wissen, nur das soll unterrichtet werden; diese Weisen ziehen nicht in Betracht, was die Kinder zu lernen imstande sind. Sie suchen immer nach dem Erwachsenen im Kinde und denken nicht an das, was ein Kind ist, bevor es erwachsen wird“ – ein Kind.
Sie, die Grünen, die eigentlich ursprünglichen Befürworter der Reformpädagogik, argumentieren hier mit der Notwendigkeit des Arbeitslebens und der Digitalität in der Lebenswelt der Erwachsenen. Sie stellen sich an die Speerspitze der Digitalisierung im Bildungssystem und sind kaum noch von der FDP darin zu unterscheiden.
Ja, digitale Medien und Computer sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, sei es auf Arbeit oder auch im Privaten. Man kann stundenlang darüber reden, was man alles Tolles damit machen kann, und durch den ganzen Digitalisierungshype hier im Landtag werden wir darüber sicherlich noch die eine oder andere Stunde reden. Doch was alle Parteien von den Linken bis zur CDU machen, ist, sie übertragen die Erfahrungen, welche Erwachsene mit der Nutzung digitaler Medien sammeln, fast eins zu eins auf Kinder und Jugendliche.
Sie sehen den späteren Nutzen im Kind, das Humankapital und die angebliche Notwendigkeit, das Erwachsenenleben später nur meistern zu können,
Sie sehen den Erwachsenen im Kind, aber nicht das Kind an sich. Ihr Impuls geht da in die falsche Richtung. Zunächst sollte man sich doch fragen, welchen Nutzen wir uns durch den Ausbau der Digitalisierung im Schulsystem versprechen, und nicht die Digitalisierung um der Digitalisierung willen vorantreiben, wie es die FDP so ganz gerne macht.
Obwohl viele Länder weltweit schon deutlich weiter sind, was die Digitalisierung im Bildungssystem angeht, konnte keine Studie bisher einen positiven Effekt von Digitalisierung im Schulsystem auf die Lernerfolge signifikant und vor allem nachhaltig nachweisen. Es konnten lediglich kurzfristig höhere Motivationen festgestellt werden, sich mit neuen Geräten zu beschäftigen und damit auch ein bisschen mehr mit den Lerninhalten. Langfristig jedoch konnte nur festgestellt werden, dass im besten Fall die Digitalisierung keine negativen Auswirkungen auf die Schülerleistung hat.
Digitale Medien bieten halt kein ganzheitliches Lernen. Sie funktionieren vor allem visuell und bieten keine Haptik. Und konsumierte Inhalte bieten vor allem keinen Spielraum für Konzentration und Vorstellungsvermögen. Aber alles, über das man weniger nachdenken muss, prägt sich schlechter ein und wird umso weniger gelernt und auch verstanden.
(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Sie nutzen Ihren Laptop auch nur als Buchstütze!)
Deswegen ist es auch ein Irrglaube, dass die Herausgabe von Tablets an alle Schüler zu mehr sozialer oder auch mehr Bildungsgerechtigkeit führen würde. Genau das Gegenteil ist der Fall – Sie tun den Kindern damit nichts Gutes.
Vor allem darf man die Digitalisierung nicht unter dem Vorwand der Schulschließungen infolge des Corona-Lockdowns vorantreiben. Wenn die Schul
schließungen eins gezeigt haben, dann, dass nicht die mangelnde Digitalisierung das größte Problem gewesen ist. Probleme waren die Distanz zwischen den Schülern und den Lehrern, dass die Kinder und Jugendlichen keinen Kontakt zueinander hatten, und vor allem der Austausch und das Gespräch fehlte. Die Schüler brauchen den direkten Kontakt zueinander und vor allem brauchen sie den Kontakt zu ihren Lehrern. Da hilft kein unpersönliches und steriles Lernen am Bildschirm.
Ja, man sollte vorbereitet sein für den Fall, dass die Schulen wieder geschlossen werden müssen – aus welchen Gründen auch immer. Aber der bisher einmalige Vorgang der Schulschließung darf nicht der Maßstab sein, um daran unser ganzes Bildungssystem auszurichten. Vielen Dank.
Vielen Dank, Herr Abgeordneter Jankowski. Das Wort hat dann Abgeordneter Wolf für die Fraktion Die Linke.
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Liebe Frau Baum, Kahla war etwas anders gelagert, dort haben sich die Schülerinnen und Schüler – ich will es Ihnen nur noch mal mitgeben – für einen WLAN-Anschluss eingesetzt, und zwar mit Unterstützung eines Unternehmers, was der Landkreis immer noch nicht absichern konnte, aber sie haben es auch wirklich geschafft. So geht eben auch die Umsetzung, die schnelle Hilfe.
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, beim Thema der heute von den Grünen beantragten Aktuellen Stunde fragt sich der interessierte Mensch – Entschuldigung, Sie wahrscheinlich nicht –: Ist das Glas halb voll oder halb leer bei der Digitalisierung von Schulen? Richtig ist, Deutschland, also auch Thüringen, hängt in nahezu allen Bereichen bezüglich Breitbandausbau, Netzabdeckung, Ausstattung, Implementierung digitaler Bildungsangebote erheblich hinter den internationalen Entwicklungen her. Wer hierzu eine umfangreiche Darlegung studieren möchte, dem empfehle ich unter anderem den Bildungsbericht 2020 mit dem Titel „Bildung in einer digitalen Welt“, in dem sehr umfangreich und kom
Vielen Dank der Landesregierung, die uns im letzten Bildungsausschuss eine Studie des ThILLM mit einer Befragung von Eltern, Schülern, Lehrkräften vorgelegt hat. Ich denke, auch hier haben wir deutliche Signale aufgenommen.
Richtig ist aber auch, dass unter anderem Corona dem Bund, den Ländern und den Kommunen die eigentliche Verantwortung vor Augen geführt hat und wir heute bereits an einem Stand sind, der mich sagen lässt: Es ist bei Weitem noch nicht alles erreicht, aber es reicht, sagen zu können: Wir sind auf einem richtigen Weg.
Erstens die schon benannten Digitalisierungsmittel des Bundes: Wir haben jetzt 500 Millionen Euro – 14 Millionen Euro für digitale Endgeräte für Schülerinnen und Schüler. Es sind derzeit in Abstimmung – auch das hatten wir jetzt im Haushaltsausschuss – zwei neue Programme „Digitale Endgeräte für Lehrerinnen und Lehrer“, auch in dem Umfang, und „Unterstützung von Kommunen“ in dem Umfang auch von 500 Millionen Euro, um die kommunalen Medienzentren entsprechend auszustatten. All das wird uns weiter voranbringen.
Natürlich können die Schulträger die entsprechenden Endgeräte anschaffen und kriegen die Auslagen erstattet. Sie sind intensiv dabei – die Schulträger und auch die Schulen vor Ort –, medienpädagogische Konzepte, von denen offensichtlich die AfD-Fraktion noch nie etwas gehört hat, einzureichen und abzustimmen. Wir werden da als rot-rotgrüne Fraktion auch weiter dranbleiben, zusammen mit der Landesregierung. Auch die Haushaltsberatungen jetzt geben da genügend Anlass, mal zu sehen, wo können wir das noch mal verstärken.
Zweitens: Der Digitalpakt Schule mit den 132 Millionen Euro ist ein starkes Instrument, um die Schulen bzw. Bildung wirklich ins digitale Zeitalter zu führen. Aber man muss auch sagen – weil das hier immer wieder betont worden ist –: Die Antragsfrist endet erst im Oktober 2020, also erst im nächsten Monat, wenn ich da richtig informiert bin, Frau Staatssekretärin. Also die Kommunen sind auf dem Weg und auch hier gilt es, dass sie sich dieser Zukunftsaufgabe stellen.
Positiv stelle ich fest, dass sich das ThILLM und viele Tausende Lehrkräfte der Aufgabe stellen, dem enormen Fortbildungsbedarf auch zu entsprechen und sich unter schwierigen Bedingungen und der vorherigen Verpflichtung, Unterricht erst mal abzusichern, trotz alledem im Bereich „Digitalisierung“ fortbilden. Dafür im Namen meiner Fraktion großen Dank. Aber auch hier ist zu bemerken, dass Thürin
gen in der ersten und zweiten Phase der Lehrerbildung, also in den Hochschulen und Studienseminaren, noch großen Nachholbedarf im Bereich „Schwerpunkt Digitalisierung“ hat.
Drittens haben wir uns als Landtag und im Bildungsausschuss mehrfach in den letzten Monaten mit dem Thema „Digitalisierung in der Bildung“ beschäftigt. Die drei Anträge der letzten Plenarsitzungen kommen jetzt in die schriftliche und mündliche Anhörung. Die Linke, SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben dazu auch einen umfangreichen Antrag unter dem Titel „Weitere Stärkung und Entwicklung der Digitalisierung des Thüringer Schulwesens“ vorgelegt. Ich begrüße ausdrücklich, dass alle fünf demokratischen Fraktionen Anträge zu diesem wichtigen Thema vorgelegt haben, denn nur so können wir auch das Lernen für die Welt von Morgen gestalten und nur so können wir auch die schon benannte Kreidezeit überwinden.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen, in allen bisher hier im Landtag und im Bildungsausschuss eingebrachten Anträgen werden berechtigterweise Defizite und bestehende Herausforderungen thematisiert. Uns allen gemein ist aber: Wir wollen raus aus der Kreidezeit, hinein in die Schulen und Bildung der Zukunft.
Wie ich deutlich machen konnte, sind wir intensiv dabei – Landtag, Landesregierung und natürlich auch im Land insgesamt –, unseren Kindern eine Lernumgebung zu schaffen, mit der und in der sie die Herausforderungen der Zukunft bestehen können. Wie Sie wissen, sollte man nicht nach den Fehlern, sondern nach den Lösungen suchen. Lassen Sie uns daran arbeiten! Vielen Dank.
Sehr verehrte Kollegen, eigentlich wollte ich direkt zum Thema und in diese konstruktive Diskussion einsteigen, weil ich es erst mal begrüße, dass die
Grünen hier diese Aktuelle Stunde eingereicht haben und dass wir uns auch – sagen wir mal – kritisch mit dem befassen, was vielleicht auch noch nicht so gelaufen ist. Das – das will ich hier auch sagen – finde ich durchaus gut, weil Sie ja nun auch die letzten sechs Jahre Bildungspolitik als Rot-Rot-Grün hier in Thüringen zu verantworten haben.