Daniel Sodenkamp
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Frau Koczy, Sie betonten gerade die finanziellen Schwierigkeiten. Wären diese nicht gegeben, würden Sie sich dann inhaltlich unserem Antrag anschließen können?
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn man den Kolleginnen und Kollegen der SPD und der Grünen zuhört, kann man schon den Eindruck bekommen, dass einige von uns in diesem Hause in einer Scheinwelt leben.
Ich glaube, allerdings nicht die Kollegen der FDP.
Frau Ministerin, Sie haben eben aus einigen Zeitungsartikeln zitiert. Dabei habe ich den Eindruck gehabt, dass Sie nur das wahrnehmen, was Sie auch wahrnehmen möchten. Sie haben u. a. die "Rheinische Post" zitiert und sinngemäß damit geschlossen, dass alle Zeitungsartikel zur offenen Ganztagsgrundschule einen positiven Tenor hätten.
Ich sage Ihnen, was gestern in der Lokalausgabe Sprockhövel der "Westdeutschen Zeitung" stand. Unter der Überschrift "Eltern sorgen für SchulAGs" wurde berichtet, dass der Förderverein - sprich: die Eltern - der Grundschule Haßlinghausen 26 Arbeitsgemeinschaften gänzlich selber organisiert. Fahrräder werden repariert. Märchenstunden werden gehalten.
Da werden kindgerechte Erste-Hilfe-Kurse gegeben. Im Rahmen weiterer Aktivitäten wurde durch den Förderverein bereits der Schulhof neu gestaltet. Er wurde bepflanzt. Bänke wurden eingerichtet.
Auf die Frage - jetzt kommt es, Frau Löhrmann - des Reporters der "Westdeutschen Zeitung", ob das Ganze denn jetzt als Einstieg in die offene Ganztagsgrundschule zu sehen wäre, hat der Vorsitzende des Fördervereins gesagt: Um Gottes Willen! Damit wollen wir nichts zu tun haben!
Er hat ganz klar gesagt: Nein, das ist kein Einstieg in die offene Ganztagsgrundschule. Wir wollen mit diesem Experimentierfeld nichts zu tun haben. Das, was wir hier machen, machen wir in Eigenregie, aber bitte nicht mit Mitteln des Ministeriums.
Ich meine, das allein ist schon Anlass genug zu sagen: Diese einhellig positive Bewertung, die Sie vornehmen, kann man nicht teilen.
Insgesamt ist die Debatte heute Morgen einseitig und zulasten der Qualität ausgefallen. Wir reden viel zu viel über quantitative Aspekte. Da beziehe ich auch Ihren Bericht, Frau Ministerin, den Sie im Schulausschuss und im Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie gegeben haben, mit ein.
Sie sagen relativ wenig - ich komme gleich noch ausführlicher dazu - über die Qualität der offenen Ganztagsgrundschule. Da fragt man sich dann schon, warum das so ist. Sie sagen aber sehr viel über die quantitative Verbreitung der offenen Ganztagsgrundschule.
Wenn man das so bewertet, muss man sich zunächst einmal die Messlatte angucken, nach der die offene Ganztagsgrundschule eingerichtet wurde. Das ist etwas anders, Herr Große Brömer, als Sie es eben dargestellt haben.
Sie - insbesondere Sie von der SPD - haben ursprünglich die PISA-Studie als Beleg für die dringende Notwendigkeit einer landesweiten offenen Ganztagsgrundschule ins Feld geführt.
Ich zitiere Herrn Kollegen Degen aus dem Plenarprotokoll vom 19. Februar 2003:
"… die SPD-Fraktion hat bereits im Oktober 2001 in einem so genannten Borkener Beschluss die grundsätzliche Entscheidung getroffen, die Betreuungsangebote qualitativ zu verbessern und in eine offene Ganztagsgrundschule zu übertragen.
Der zweite Schritt ist unser Antrag … 'Erste Konsequenzen aus der PISA-Studie'. So ist er überschrieben, und das macht schon deutlich, dass die Frage der offenen Ganztagsgrundschule nicht die einzige Antwort auf PISA ist, aber eine wesentliche."
Das klingt schon etwas anders als das, was Sie uns gerade gesagt haben, Herr Große Brömer.
Sie haben die qualitative Messlatte für die offene Ganztagsgrundschule auch z. B. in Ihrer Broschüre "Die offene Ganztagsgrundschule in NordrheinWestfalen - Fakten, Zahlen und Argumente", Frau Ministerin, vom 1. Juni dieses Jahres sehr hoch gelegt. Dort nennen Sie u. a. die Verbesserung von Bildungsqualität und Chancengleichheit, die Förderung von besonders leistungsstarken ebenso wie die von benachteiligten Kindern als Ziele der Grundschule.
Wer so hehre Ziele verfolgt und so vieles neu machen will, der muss dann auch in diesem Zeitraum von den Sommerferien bis jetzt - wir haben fast Herbstferien - in der Lage sein, etwas mehr als anekdotische Berichte darüber zu liefern, wo es an der einen oder anderen Schule gut läuft. Da muss ein bisschen mehr Empirie her. Das, was ich dazu heute Morgen gehört habe, ist mir deutlich zu wenig.
Auf diesem sensiblen Feld der Schulpolitik muss man, wenn man dort experimentiert - und nichts anderes als ein Experiment ist das Ganze ja -, mit qualitativ guten Studien sehr schnell die Ergebnisse dieses Experiments überprüfen. Dazu reichen anekdotische Berichte nicht.
Vielleicht hat aber Ihre Sprachlosigkeit bezüglich der Qualität der offenen Ganztagsgrundschule auch etwas mit der Konzeptionslosigkeit Ihres Handelns zu tun. Gerade einmal 96 Worte - Worte, nicht Sätze - umfasst Ihre Beschreibung der Inhalte der offenen Ganztagsgrundschule in der erwähnten Broschüre vom 1. Juni.
Das nährt den Verdacht, dass hinter dem Schlagwort der Offenheit nicht die Einsicht in die Notwendigkeit steht, Entscheidungen an die betroffenen Schulen zu delegieren, sondern vielmehr ihre eigene Ideen- und Perspektivlosigkeit.
Hätten Sie doch wenigstens, wie in RheinlandPfalz geschehen, einen Rahmen aufgezeigt nach dem Muster:
Erstens: Unterrichtsbezogene Ergänzungen wie Hausaufgabenbetreuung. Zweitens: Themenbezogene fächerübergreifende Projekte und Vorhaben. Drittens: Förderangebote wie Englischkurse oder Ähnliches.Viertens: Freizeitangebote unter pädagogischer Anleitung.
Das ist ein Rahmen, der andererseits aber auch noch Flexibilität gewährleistet.
In Ihrem Ansatz dagegen ist im wahrsten Sinne des Wortes alles offen. Kollege Witzel hat zu Recht gesagt: Jeder kann das machen, was er für richtig hält, oder auch nicht. Er kann es sein lassen, er kann es tun, ganz, wie es in seinem Belieben steht. Verbindlich am Konzept der offenen Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfalen ist nur dessen Unverbindlichkeit.
Das entscheidende Merkmal von Schule, nämlich irgendeine Art von standardisiertem Curriculum, fehlt gänzlich. Ich habe von Ihnen nichts zur Regelgruppengröße gehört, nichts gehört zu Qualitätsstandards, nichts zu fachlichen Qualifikationen.
Und noch ein letztes Wort zu den acht Lehrern. Das ist ja schon angesprochen worden.
Ja, ich komme ganz schnell zum Schluss. - Der Anspruch war sehr viel höher, und auch da hätte ich mir gewünscht, dass Sie heute mehr sagen, Frau Ministerin. - Vielen Dank.