Protokoll der Sitzung vom 29.06.2023

Meine Damen und Herren aus anderen Fachbereichen, Kultur et cetera! Sie müssen jetzt ganz stark sein, denn jetzt kommen weitere Superlative: 7 000 Athleten und Athletinnen aus 174 Ländern, das kann man gar nicht oft genug sagen, im Übrigen aktuell fast ausgeglichen zwischen Männern und Frauen. Die größte Delegation mit 573 Teilnehmern kam übrigens aus Deutschland, davon 48 aus Berlin. Die älteste Athletin, die dabei war, wird im August 70 Jahre, und die jüngste Athletin, die dabei war, ist gerade mal 12 Jahre alt geworden. Was besonders bemerkenswert ist: Drei Athleten nehmen schon mehr als 40 Jahre an den Special Olympics teil. Das zeigt auch das Angebot, das diese Sportveranstaltung abdeckt. Insgesamt waren es neun Wettbewerbstage in 26 Sportarten mit 1 334 Wettbewerben und übrigens der gleichen Anzahl an Siegerehrungen. Das macht 4 002 Medaillen für großartige Leistungen für die Erst- bis Drittplatzierten, aber auch für alle anderen Teilnehmer. Das ist gerade das Schöne an dieser Veranstaltung. Im Unterschied zu den Olympischen Spielen und den Paralympischen Spielen wird bei den Special Olympics kein Medaillenspiegel geführt. Man stellt hier ganz bewusst die Zusammenkunft und ein sportliches Miteinander in den Vordergrund und verzichtet auf Konkurrenzdruck.

In acht Sportstätten wurde um Medaillen gekämpft. Zentrale Orte waren das Berliner Messegelände sowie der Olympiapark als Veranstaltungsort. Für die Eröffnungsfeier wurde das Olympiastadion nicht ohne Grund – gerade schon erwähnt – ausgewählt, für die Abschlussfeier der Bereich um das Brandenburger Tor. Das waren runde Veranstaltungen, die schöne Bilder in die Welt gesandt haben. Die Zielsetzung war, sowohl hervorragende Wettbewerbsstätten zu bieten als auch die Wettbewerbe in die Innenstadt zu bringen, um auch Touristen und all jene darauf aufmerksam machen, die eher die Innenstadtbezirke frequentieren. Das ist auch geglückt. Bestimmte Wettbewerbe fanden genau deshalb auf der Spree, auf der Straße des 17. Juni und an der Oberbaumbrücke statt. Die TV-Einschaltquoten waren bei solchen Wettbewerben so

hoch wie nie zuvor. Wir hatten im Olympiastadion abends schon durchschnittlich eine halbe Million Zuschauer. Auf dem Innenfeld wurden sowohl die Athleten empfangen als auch die Flame of Hope, die in Athen entzündet wurde, entsprechend übergeben. Die Allianz von elf Medienhäusern sorgte unter anderem für mehr als 400 Stunden Liveprogramm. 130 Spielstätten waren digital vernetzt. Das ist mehr als bei allen Olympischen Spielen zuvor.

Zu den Volunteers: 18 000 Volunteers aus 126 Ländern unterstützten dabei die Durchführung. 9 000 Familienmitglieder waren beim Empfang im Berliner Zoo mit dabei. 216 Kommunen waren vor den Spielen im Host Town Program Gastgeber für die Delegationen, und rund 5 000 Athletinnen und Athleten, das ist sehr wichtig, nutzten das Hilfsprogramm Healthy Athletes. Das begleitete die Veranstaltung als Gesundheitsprogramm mit – wurde eben schon erwähnt –, bei dem die Athleten von Gesundheitsexperten kostenlose medizinische Untersuchung und Beratung erhielten. Das diente dazu, die medizinische Grundversorgung gerade von Menschen mit geistiger Einschränkung und Mehrfachbehinderung zu verbessern. 100 Ärzte, 70 Zahnärzte und 715 Studierende und Auszubildende unterstützten dieses Programm als freiwillige Helfer. Da mal ein herzliches Dankeschön an alle, die das gemacht haben!

[Beifall bei der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN – Beifall von Karsten Woldeit (AfD)]

Es kam zu über zehn akademischen Studien, gerade im Gesundheitsbereich, so viele wie nie zuvor bei Special Olympics World Games.

Die Aufzählung von Fakten und Superlativen könnte ich unendlich fortsetzen, aber ich glaube, an der Stelle ist auch noch einmal Zeit, sich ganz herzlich zu bedanken: bei all denen, die diese tolle Woche ermöglicht haben, vorneweg bei den zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, bei den Volunteers, bei den Veranstaltern, natürlich auch beim Landessportbund, der das begleitet hat, und bei der Senatsverwaltung, hier vertreten durch Iris Spranger, aber, man muss auch fair sein, auch bei allen Fraktionen. Denn dieses Projekt ist tatsächlich fraktionsübergreifend unterstützt worden. Vor allem zum Schluss, mit am wichtigsten, der Dank an alle Berlinerinnen und Berliner, die für eine großartige und tolle Stimmung in dieser Stadt gesorgt und damit gezeigt haben, dass die Athleten und alle Teilnehmer zu Gast bei Freunden waren!

[Beifall bei der CDU und der SPD – Beifall von Klara Schedlich (GRÜNE) und Karsten Woldeit (AfD)]

Ja, natürlich hat die Veranstaltung auch etwas gekostet, aber sie hat vor allem sehr viel gebracht. Berlin hat mit diesen Spielen, die perfekt organisiert waren, der großen Anzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern und

Helferinnen und Helfern, die zu koordinieren waren, und insgesamt 330 000 Besucherinnen und Besuchern bewiesen, dass es sportliche Großveranstaltungen stemmen kann.

Wir müssen an der Stelle zwei Auswertungsergebnisse bewerten und benennen. Wir müssen den Schwung mitnehmen, zum einen für den Inklusionsgedanken, das gilt sowohl für die Vereine – Pfeffersport wurde eben schon als vorbildlicher Verein genannt –, das gilt aber auch für die Förderprogramme über den LSB und natürlich auch für die zukünftige Planung von Sportstätten. Da muss noch mehr geschehen, da gebe ich Frau Schedlich an der Stelle recht. Zum anderen freuen wir uns auch über die angenehme Art und Weise, die die Berlinerinnen und Berliner an den Tag gelegt und die klargemacht haben: Man ist hier zu Gast bei Freunden.

Das Interesse, das die Berlinerinnen und Berliner an Großveranstaltungen gezeigt haben, kann man an der Stelle nicht wegreden. Es war großartig, und es geht noch weiter mit Großveranstaltungen in der Sportmetropole: nächstes Jahr die EM bei uns in Deutschland, und ja, natürlich auch die Bewerbung für die Olympischen Spiele 2036.

Frau Schedlich, da bin ich komplett anderer Meinung. Ich glaube, dass die Stadt erstens bewiesen hat, dass sie Großveranstaltungen kann, und dass es zweitens eine große Chance für diese Stadt ist, gerade auch was die Aufklärungskampagne angeht. Nach den Nazi-Spielen 1936, 100 Jahre später, kann man zeigen, was Berlin machen kann, was Berlin erreichen kann, wie sich Berlin zum Positiven verändert hat. Aber auch was die Nachhaltigkeit angeht, müsste das in Ihrem Sinne sein. Wir haben die Möglichkeit, in Berlin wirklich nachhaltige Spiele anzubieten. Das gilt für die gesamte Sportinfrastruktur. Am Ende ist es natürlich auch ein Asset für alle 750 000 Sportlerinnen und Sportler, die hier in Berlin in Vereinen organisiert sind, aber auch für alle, die zusätzlich noch obendrauf kommen, die hier in dieser Stadt frei Sport betreiben.

Deshalb: Nehmen wir auch da den Schwung mit und bewerben uns für die Olympischen Spiele 2036! – Herzlichen Dank!

[Beifall bei der CDU und der SPD – Vereinzelter Beifall bei der AfD]

Vielen Dank, Herr Kollege! – Für die Linksfraktion hat die Kollegin Schubert jetzt das Wort.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Athletinnen und Athleten! Liebe Zuschauerinnen und

Zuschauer! Die Special Olympics waren toll. Sie waren ein tolles Erlebnis für alle, die dabei waren als Athletinnen und Athleten, als Zuschauerinnen und Zuschauer, als Volunteers, als Fans. Wir sollten sie zum Anlass nehmen, in den zuständigen Ausschüssen über den Stand von Inklusion im Sport, zur Funktion von Sport für gesellschaftliche Inklusion zu diskutieren und Vereinbarungen über weitere notwendige Schritte zu treffen.

[Beifall bei der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN]

Dass wir jetzt in der Aktuellen Stunde die Special Olympics abfeiern, ist jedoch seltsam, denn es geht der Koalition mit dieser Aktuellen Stunde doch gar nicht um eine Auswertung, um weitere Handlungsnotwendigkeiten, um eine politische Einordnung. Es geht ihr darum, sich selbst abzufeiern. Dabei ist es ihr Verdienst, ehrlich gesagt, am wenigsten. Und es geht ihr darum, sich vor unangenehmen Themen zu drücken. Gestern hat die Experteninnen- und Expertenkommission ihren Bericht zu den Möglichkeiten zur Vergesellschaftung großer profitorientierter Immobilienkonzerne vorgelegt.

[Zurufe von der CDU: Ooh!]

Die Koalition hat nicht den Mumm, über die Schlussfolgerungen, den Weg zur Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ zu diskutieren.

[Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der LINKEN: Feiglinge!]

Seit zwei Wochen übt sich die kleine GroKo in verkehrspolitischem Rollback in die Fünfzigerjahre. Sie hat nicht den Mut, sich hier darüber auseinanderzusetzen. Das ist schon ein bisschen zum Fremdschämen.

[Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN]

Doch zurück zu den Special Olympics: Es waren neun tolle Tage. Ich habe mir auch einiges angesehen. Ich habe erlebt, wie sich das Stadtbild verändert hat, wie herzlich viele der Athletinnen und Athleten, der Betreuerinnen und Betreuer, der Volunteers behandelt wurden in der SBahn, auf der Straße. Anfeindungen habe ich nicht erlebt. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Das weiß ich einfach nicht.

Die Special Olympics waren eine Werbung für den inklusiven Sport, den gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung. Sie haben gezeigt, dass Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen zu großartigen Leistungen fähig sind, sportlicher Natur und vor allem auch menschlicher Natur. Die Bilder von Esmeralda Encarnacion Despiau und Sara Ghandoura gingen um die Welt. Ich kann es nachvollziehen. Als ich früher mal Leistungsschwimmen gemacht habe, habe ich auch manchmal vergessen, die Bahnen zu zählen. Ich kann total nachvollziehen, dass so etwas passiert. Ich fand es großartig.

Ich will mich ganz herzlich bedanken bei allen, die das organisiert haben, die das alles mitgemacht haben, und

(Stephan Standfuß)

auch bei den Organisatorinnen und Organisatoren. Es sind zwei ehemalige Mitglieder unseres Abgeordnetenhauses an führender Stelle – sie wurden schon begrüßt –, Karin Halsch und Philipp Bertram. – Vielen Dank!

[Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN]

Sicher, mehr sportliche Events über die ganze Stadt verteilt wären noch schöner gewesen. Die ganze Stadt noch mehr einzubeziehen, wäre auch fein. Das könnte zu den Fragen gehören, die wir in den zuständigen Ausschüssen vertiefen sollten.

Die Special Olympics wurden in den Sechzigerjahren – wir haben es schon gehört – in den USA ins Leben gerufen. Seit 20 Jahren finden Sie auch außerhalb der USA statt, dieses Jahr das erste Mal in Deutschland. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß. Liveübertragungen waren ein Novum für den Sport von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Und das ist gut.

Jetzt müssen wir das Momentum nutzen, um den inklusiven Breitensport hier in Berlin voranzutreiben. Er kann eine Brücke sein, um Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammenzuführen, die UN-Behinderten

rechtskonvention umzusetzen. Sie gilt seit 15 Jahren und verpflichtet die Mitgliedstaaten, Barrieren abzubauen, damit Menschen mit Handicaps gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Es geht nicht um Sonderrechte, sondern um Hindernisabbau. Dafür haben wir noch einen weiten Weg zu gehen. Das wurde hier auch schon gesagt. Deswegen ist es schlau, jetzt die Special Olympics 2023 als Katalysator zu nutzen. Noch immer gibt es Berührungsängste zu Menschen gerade mit geistiger Beeinträchtigung. Noch immer gibt es viel zu wenige inklusive Sportanlagen. Noch immer scheitern zu viele Sportbegeisterte an fehlenden Transportmöglichkeiten zu den Sportstätten, weil Begleit- und Assistenzdienste zu wenig verfügbar sind.

Sport ist, richtig dosiert, gesund für Menschen mit und ohne Behinderung. Doch nur rund ein Drittel der Menschen mit Behinderungen und noch weniger Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen treiben regelmäßig Sport, dagegen fast die Hälfte der Menschen ohne Beeinträchtigungen. Diese Lücke müssen wir schließen durch inklusive Angebote und gezielte Förderung des Breitensports der Vereine und Initiativen, die gemeinsam Sport treiben und bewusst inklusiv gestalten.

Inklusiv gestalten heißt, dass die Sportanlagen für mobilitätseingeschränkte Menschen genauso nutzbar sind wie für -uneingeschränkte, dass die Angebote Menschen mit geistiger Behinderung in leichter Sprache unterbreitet werden, um Ausgrenzungen von vornherein zu minimieren. Die öffentlich-rechtlichen Medien haben über die Special Olympics in leichter Sprache informiert. Das ist toll. Warum gibt es diese Angebote nicht auch regelmäßig über Politik, über Gesellschaft, über Umwelt?

Inklusiv gestalten heißt, dass Leistungssport nicht mehr nur als höher, schneller, weiter begriffen wird. Das Motto der Special Olympics hat mich beeindruckt. Ich darf zitieren mit Genehmigung der Präsidentin:

Ich will gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben.

Das Land Berlin hat die Special Olympics finanziell sehr gut unterstützt. Es fördert die Special Olympics Berlin und scheint es auch weiter tun zu wollen. Das ist eine der wenigen guten Nachrichten, die bisher aus den Haushaltsberatungen durchgesickert sind. Die Special Olympics sind nicht nur Weltfestspiele, alle zwei Jahre im Wechsel Winter- und Sommerspiele. Sie sind ein dauerhaftes Angebot inklusiven Sports von Menschen mit und ohne Behinderung. Es gibt regionale Wettbewerbe, landesweite Wettbewerbe. Zu den Weltspielen zu kommen, ist ein Weg, der nicht geprägt ist von Leistungsdruck, Dopingdruck, Kommerz, sondern von persönlicher Entwicklung, von Erfolgen, auch natürlich von Misserfolgen.

In den Unified-Teams kann jede und jeder mitmachen. Es ist ein toller Ansatz. Es ist gut, dass er weiterläuft. Auch über die Gesundheitsberatungen wurde hier schon gesprochen, die kostenlosen Untersuchungen. Das ist wirklich eine hervorragende Sache.

Ziel muss sein, dass alle Sportvereine inklusive Angebote machen können in der ganzen Stadt, dass auch Menschen mit geistiger Beeinträchtigung zu Übungsleiterinnen und -leitern ausgebildet werden, dass sie in den Vereinsvorständen mitwirken, dass inklusiver Sport zur Selbstverständlichkeit wird. Natürlich ist es eine Vision, dass auch die großen Sportfeste eines Tages inklusiv ablaufen, dass es Leichtathletikweltmeisterschaften gibt, bei denen Sportlerinnen und Sportler mit und ohne Beeinträchtigungen zusammenkommen, sicher in unterschiedlichen Leistungsklassen, aber gemeinsam.

Es ist eine Vision, dass wir wegkommen von der Unterscheidung von „richtigem“ Sport für Hochleistungsathletinnen und -athleten ohne Behinderungen und den Sonderveranstaltungen für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. Da bis dahin noch ein weiter Weg ist, sind Special Olympics, auch ähnlich wie die Paralympics, wichtige Meilensteine, um Menschen mit Behinderungen sichtbar zu machen, den Abbau von Barrieren und Diskriminierung zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe und damit von uns allen zu erheben, Inklusion zu leben und damit Vielfalt und Unterschiede als Chance zu wertschätzen.

[Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN]

Eines sind die Special Olympics aber ganz sicher nicht: eine Blaupause für Olympische Spiele in Berlin, denn die Special Olympics sind eben kein profitgetriebenes Kommerzspektakel, bei dem der Sport nur noch Beiwerk ist. Sie sind kein Katalysator für Gigantomanie, Gentrifi

zierung und Zerstörung ganzer Stadträume, wie wir sie in London oder Barcelona besichtigen können.

[Vereinzelter Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN]

Schon gar nicht wird Olympia 1936 100 Jahre später relativiert. Diese Nazi-Barbarei muss unvergessen bleiben. Wir können uns vorstellen, was hier 2036 los wäre, wenn hier Olympische Spiele wären. Das wäre ein Stelldichein aller Nazis aus der gesamten Bundesrepublik, vermutlich aus ganz Europa.

[Zurufe von der CDU: Ooh! – Stefan Häntsch (CDU): Quatsch!]

Das sollten wir einfach sein lassen.

[Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN]