Antrag der Fraktion GRÜNE und Stellungnahme des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst – Ausbildung für den Elementarbereich an Hochschulen des Landes – Drucksache 14/1329
Das Präsidium hat folgende Redezeiten festgelegt: für die Begründung des Antrags fünf Minuten, für die Aussprache fünf Minuten je Fraktion.
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Kinderkrippen und Kindergärten wurden in diesem Lande lange Zeit als so etwas wie eine Notlösung betrachtet, nicht als ein Ort, an dem es gut ist, sich aufzuhalten. Lange Zeit galten Kindergärten und Kinderkrippen auch ausschließlich als Betreuungseinrichtungen, insbesondere für den Notfall. Von Bildung für die Kinder im Alter von null bis sechs Jahren war bis vor Kurzem nichts zu hören.
Internationale Vergleichsstudien, aber auch Neurowissenschaftler, die über Gehirnentwicklung und Intelligenzentwicklung geforscht haben, haben uns gezeigt, dass es auf die ers ten Jahre ankommt. Wir wissen heute, dass es wichtig ist, die natürliche Neugierde von Kindern von Anfang an zu fördern, ihnen Anregungen zu geben, ihre Forschernatur zu entwickeln, frühzeitig ihre sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln und selbstverständlich auch das Zusammenleben zu fördern.
Dies stellt hohe Ansprüche an Erzieherinnen und an das pädagogische Personal. Bislang werden aber weder die Ausbildung von Erzieherinnen noch ihre Bezahlung diesen hohen Ansprüchen gerecht.
Wir haben in unserem Antrag als Landtagsfraktion abgefragt, in welchem Umfang, an welchen Hochschulen und mit welcher pädagogischen Konzeption im Land der Einstieg in die akademischen Ausbildungswege für das Personal an den Einrichtungen für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren erfolgt. Neben ein paar Modellstudiengängen an Fachhochschulen, insbesondere an kirchlichen Fachhochschulen, wurden zu diesem Semester neue Studiengänge an den PHs angeboten. Inzwischen studiert nun die erste Generation in diesen Studiengängen. Die neuen Studiengänge sind auch voll ausgelastet. Vielleicht hätten sogar noch mehr junge Menschen ein Studium in diesem Bereich aufgenommen, wenn die Landesregierung nicht den Deckel bei 200 Studienplätzen gesetzt und damit den Umfang begrenzt hätte.
Ich glaube, es ist zu früh, schon heute Bilanz zu ziehen. Wir werden sehen müssen, wie der Übergang in den Beruf erfolgt. In ein oder zwei Jahren werden wir noch einmal darüber reden müssen. Wir begrüßen es jedenfalls an dieser Stelle, dass der Einstieg in die Hochschulausbildung für das pädagogische Personal an Kitas geschaffen worden ist.
Wir begrüßen es, dass sich die Landesregierung an diesem Punkt endlich von ihrem langjährigen Widerstand und ihrer generellen Ablehnung von akademisiertem pädagogischen Personal in den Einrichtungen verabschiedet hat. Wir sind aber überzeugt davon, dass diese ersten Schritte nicht ausreichen und dass insbesondere nicht genug Tempo bei der Professionalisierung des Personals gemacht wird.
Ich stelle die Ausgangslage noch einmal kurz in Zahlen dar. Im Jahr 2006 betrug der Anteil des an Hochschulen ausgebildeten pädagogischen Personals im Kinderbetreuungsbereich 1,85 %. Wenn man noch die anliegenden Behörden und die Einrichtungen in der Jugendhilfe dazunimmt, dann stellt man fest, dass der Anteil knapp 3 % beträgt. Das stellt ein Armutszeugnis dar. Mit den neuen Studiengängen soll der Anteil der Akademiker in diesem Bereich in einem Zeitraum von ungefähr zehn Jahren auf etwa 4,3 % erhöht werden. Auch das kann man nicht unbedingt als „Qualifizierungsoffensive“ bezeichnen.
Wir als Fraktion GRÜNE fordern, dass bis zum Jahr 2015 ein Anteil der Hochschulabsolventen im Kita-Bereich von 10 % erreicht werden muss. Wenn wir in diesem Tempo, das im Ausbauprogramm bislang angelegt ist, weitermachen würden, bräuchten wir ganze 20 Jahre, um diese 10-%-Marke zu erreichen. Wir als Landtagsfraktion GRÜNE erwarten mehr Ambitionen beim Ausbau der Elementarpädagogik. Es ist völlig klar, dass der Ausbauplan, der jetzt verabredet wird, genutzt werden muss, um diesen Aufwuchs zu bewerkstelligen.
Nebenbei bemerkt: In der Stellungnahme der Landesregierung zu unserem Antrag wird immer wieder von „zusätzlichen Studienanfängerplätzen“ in diesem Bereich geredet. Genau genommen stimmt das so nicht. Denn die Pädagogischen Hochschulen mussten im Gegenzug genau die gleiche Anzahl an Studienanfängerplätzen beim Studium für das Lehramt abbauen. Wir haben also keine zusätzlichen Studienplätze in diesem Bereich, sondern wir haben andere. Das ist auch schon einmal etwas, aber zusätzlich wäre sicher noch schöner.
Erstens zum Thema „Verhältnis von Pädagogischer Hochschule zur Fachhochschule“: Die Landesregierung hat einen Schwerpunkt auf die Schaffung neuer Studiengänge im Bereich der PHs gelegt, während dies an den Fachhochschulen nach wie vor sozusagen im Stadium der Modellprojekte ist. Es gibt eine staatliche Fachhochschule und die kirchlichen Fachhochschulen, die in diesem Bereich ein kleines Angebot vorhalten. Wir halten es für richtig, wenn man in diesem Bereich einen Mix an Studiengängen anbietet und auch einen Mix an Hochschularten ermöglicht. Wir glauben, dass der Bedarf an pädagogischem und akademischem Personal an den Einrichtungen so groß und so verschieden ist, dass man durchaus mit ganz verschiedenen Profilen herangehen kann und sowohl für Führungsaufgaben als auch für naturnahes Lernen, für Naturwissenschaften, für den Spracherwerb oder für das musische Lernen unterschiedliche Qualifikationen anbieten kann.
Zweitens möchte ich klarstellen: Wir sind nicht dafür – und wir glauben auch nicht, dass es jemals dazu kommen wird –, dass in den Kindergärten und in den Kitas nur noch Erzieherinnen mit Hochschulausbildung arbeiten sollen. Wir glauben, dass es eine Vielfalt und einen Mix in der Personalstruktur geben muss, der aber auch mit hoch qualifiziertem Personal bestückt sein muss. Wir wissen auch, dass die Fachschulen für Erzieherinnen eine gute Arbeit leisten und sich in den letzten Jahren in diesem Bereich viel bewegt hat.
Es ist uns insbesondere ein Anliegen, dass der Beruf Erzieherin nicht so wie bisher eine Sackgasse ist, in der man sich nicht
weiterqualifizieren kann, in der man nicht hochkommen und nicht Karriere machen kann. Deswegen kommt es darauf an, dass auch Erzieherinnen an der Öffnung der Ausbildung für die Hochschulen partizipieren können. Es kommt deshalb darauf an, bei der Entwicklung der Studiengänge zu kooperieren und auch ein berufsbegleitendes Studium von Erzieherinnen zu ermöglichen. Wir legen sehr großen Wert darauf, dass die im EHFRUG neu geschaffenen Möglichkeiten genutzt werden und Erzieherinnen, so sie denn wollen und können, auf der Karriereleiter wirklich weiterkommen können und sich weiterqualifizieren können.
In diesem Sinne zum Schluss: Goethe hat einmal formuliert: „Zwei Dinge sollen Kinder bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Dies zu unterstützen ist die Aufgabe unserer Kindergärten und unserer Krippen. Aber das Personal dazu in die Lage zu versetzen, das ist die Aufgabe des Landes. In diesem Sinne fordern wir als Fraktion GRÜNE zusammen mit der Robert Bosch Stiftung, die ein sehr schönes Projekt in diesem Bereich initiiert hat: Mehr Profis in die Kitas.
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Man könnte über das Ganze schreiben: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Liebe Frau Bauer, während Sie diesen Antrag geschrieben haben, waren wir zusammen mit dem MWK längst bei der Ausgestaltung der Studienangebote, die seit 1. Oktober 2007 laufen.
Gestatten Sie mir noch zwei Repliken auf Ihre Rede. Sie haben gesagt: Bis vor Kurzem war das Thema Bildung im Land Baden-Württemberg nicht in den Kindergärten. Im alten Bildungsplan für die Erzieherinnen war die Bildung mit drin. Seit dem Jahr 2003 – das ist fünf Jahre her – ressortiert der Kindergartenbereich beim Kultusministerium.
Im Orientierungsplan ist das drin. Aber möglicherweise haben wir andere Vorstellungen davon, was „seit Kurzem“ bedeutet. Das mag sein.
Letzte Bemerkung, Frau Bauer: Wenn man sich so engagiert, was ja gut ist – Sie haben viel Richtiges gesagt –, dann hätten wir schon erwartet, dass die Grünen auch bei der Tagung „Bildungshaus Baden-Württemberg“ am letzten Donnerstag im Neuen Schloss vertreten gewesen wären. Es waren alle Parteien da; die Grünen leider nicht.
Das ist traurig. Wenn man sich so engagiert, dann sollte man schon dabei sein, denn da waren die Praktiker da, und der ganze Saal war voll.
Aber ich will Sie gleich wieder beruhigen: Wir wissen alle, dass seit vielen Jahren die Diskussion über die Frage schwelt: Was brauchen wir an akademischer Bildung, was brauchen wir künftig an Elementarbildung in den Kindergärten? Zwischen uns besteht überhaupt kein Dissens, dass wir das brauchen. Dissens besteht vielleicht bezüglich der Umsetzung und der Menge des notwendigen Personals. Ich glaube, da unterscheiden sich unsere Positionen doch in einigen Punkten.
Wir sagen: Wir haben eine sehr sinnvolle Struktur mit unseren Fachschulen für Sozialpädagogik. Dort sind inzwischen die Lehrpläne mit dem Orientierungsplan kompatibel. Derzeit ist eine Veränderung des Bildungsplans in diesen Fachschulen vorgesehen. So schlecht sind diese nicht.
Da kann man auf die letzte Sitzung des Schulausschusses verweisen. Da hat Herr Baasner, der uns in dieser Sitzung in Sachen Frankreich unterrichtet hat, Folgendes ausgeführt: In Frankreich sind die Erzieherinnen gleichgestellt mit den Grundschullehrerinnen in der École maternelle, die wir ja in Marseille anschauen werden. Interessanterweise sind sie auch bei der Ausbildung und beim Gehalt auf Augenhöhe. Aber bei IGLU ist Frankreich nicht auf Augenhöhe mit Deutschland. Unsere Erzieherinnen scheinen also doch ganz gut zu sein, obwohl sie nicht alle akademisch ausgebildet sind.
(Abg. Theresia Bauer GRÜNE: Es ist die Frage, ob Sie die Bezahlung der Erzieherinnen anheben oder absenken wollen! Das ist die spannende Frage!)
Das Beispiel, dass Frankreich schlechter als Deutschland abschneidet, zeigt, dass es eben nicht auf den Ausbildungsort ankommt, sondern auf die Art der Ausbildung, in der man die se Pädagogik vermittelt.
Was haben wir getan? Ich will das in aller Kürze darstellen: Seit dem 1. Oktober arbeiten die Pädagogischen Hochschulen in Kooperation mit den Fachhochschulen mit den neuen Studiengängen. Es sind auch nicht knapp 200 Studienplätze, sondern von uns waren 215 projektiert; besetzt sind 235. Ich sage Ihnen hier und heute auch: Das werden nicht die letzten sein. Denn ich gehe davon aus, dass das ein Erfolgsmodell wird und dass uns dieses Modell auch helfen wird. Wenn dann bewiesen ist, dass es in diesem Bereich funktioniert, werden wir dieses Modell weiter ausbauen.
Wir haben zugelassen, dass die an den Fachschulen für die Erziehungsberufe erworbene Fachhochschulreife ohne weitere Prüfung das Studium möglich macht. Das heißt, wir verzichten auf das Abitur, erkennen die Fachhochschulreife an, und wir geben auch denen, die keine Fachhochschulausbildung haben, die Möglichkeit, über eine Zulassungsprüfung ebenfalls zu studieren. Das ist die sogenannte Praktikerinnenregelung, die Sie ja auch verlangen und die Sie auch mittragen.
Wir haben die Pädagogischen Hochschulen und die Fachschulen gebeten, intensiv berufsbegleitende Studiengänge einzurichten. Diese werden auch kommen. Ich glaube auch, dass es uns irgendwann gelingen wird – das ist meine persönliche Vision –, an den Fachschulen für Sozialpädagogik abends, nachmittags und in Zeiten, in denen kein anderer Unterricht stattfindet, mit Lehrern aus den Pädagogischen Hochschulen und Fachhochschulen berufsbegleitende Studiengänge im ganzen Land anzubieten. Da sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg.
Die Situation in Bezug auf die Vorkenntnisse aus einer Fachschulausbildung – eine gelernte Erzieherin geht studieren – ist geklärt. Das heißt, Teile der Studiengänge werden akzeptieren, dass eine Vorbildung vorhanden ist. Damit ist Studieren schneller möglich als in anderen Studiengängen. Besser kann man es nicht machen.
Sie haben eben mit einem Bild von Goethe reflektiert. Ich möchte ein anderes Bild aufwerfen: John Constable hat einmal gesagt: „Es gibt eine Menge gute Malerei, aber sehr wenig gute Gemälde.“ Sie malen schon eine ganze Weile, und auch wir malen schon eine ganze Weile.
Ich glaube, mit Fug und Recht sagen zu können, dass wir ein Gemälde geschaffen haben, das zeitlos und gut ist und sehr gut ankommen wird, und zwar nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den Betroffenen.
(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Abg. Karl- Wilhelm Röhm CDU: Bravo! – Abg. Dr. Klaus Schü- le CDU: Gute Rede!)