Sie haben den Schulen die niedrigste Krankheitsvertretungs reserve aller Bundesländer eingebrockt. Die Folge war Unter richtsausfall noch und nöcher. Sie haben den Eltern die höchs ten Nachhilfekosten in ganz Deutschland hinterlassen – Ba den-Württemberg als schwarz-gelbes „Geldbeutel-Bildungs land“.
Wir können damit heute feststellen: Reformen waren und sind dringend notwendig, und der grün-rote Bildungsaufbruch kam kein Jahr zu früh. In der Tat haben wir viel erreicht, worauf wir stolz sein können: Wir haben den Ausbau der frühkindli chen Bildung deutlich vorangebracht. Die Gemeinschaftsschu le hat sich in der Fläche und bei den Eltern etabliert. Das ist ein pädagogisch attraktives Angebot für die Städte, aber auch eine ganz wichtige Reformperspektive für den ländlichen Raum.
Der G-9-Versuch erweist sich als Erfolg. Der Unterrichtsaus fall wurde systematisch abgebaut, sodass sogar der Berufs
schullehrerverband – er steht nicht im Verdacht, eine SPDVorfeldorganisation zu sein – angesichts einer Ausfallquote von gerade einmal 1 % die Politik der Landesregierung vor Kurzem ausdrücklich gelobt hat.
Zusammen mit der Wirtschaft sind wir im Rahmen des Pakts für Ausbildung dabei, das Übergangssystem zu reformieren. Die Ganztagsschule haben wir aus dem Status des ewigen Mo dellversuchs herausgeholt und zu einer attraktiven Regelschu le mit Wahlfreiheiten für Eltern und Kommunen fortentwi ckelt.
Wichtig dabei ist: Durch Rahmenverträge haben wir Sport vereine, Kirchen und weitere Partner gewinnen können.
Auch die Lehrerfortbildung, die Lehrerbildung modernisie ren wir. Die Fortbildungsmittel haben wir erhöht. Erstmals seit 40 Jahren gibt es endlich eine regionale Schulentwick lung. Wir haben über 1 000 Schulsozialarbeiterstellen refinan ziert, und dies vor dem Hintergrund, dass wir gleichzeitig den Bildungsetat auf eine solide Grundlage gestellt haben.
Meine Damen und Herren, diese Aufzählung zeigt: Jawohl, diese Landesregierung hat die Herausforderungen nicht nur erkannt, sondern wir haben Maßnahmen zur Reform ergrif fen.
Kolleginnen und Kollegen, wir modernisieren die Pädagogik durch die Stärkung individueller Förderkonzepte. Das sind zielgenaue Unterstützungen der Schwachen, aber auch der Leistungsstarken. Wir stärken den sozialen Zusammenhalt. Wir entwickeln Baden-Württemberg zu einem Land der Chan cengerechtigkeit, und wir fördern gute Arbeit durch die Stär kung des Wirtschaftsstandorts, indem wir finanziell, aber auch konzeptionell in die berufliche wie in die allgemeine Bildung investieren.
Wir stärken damit letztlich vor allem auch die Familien in Ba den-Württemberg – durch Wahlfreiheit im Bereich der Sekun darschulen, im Bereich G 8/G 9, durch Ganztagsschulen und durch die Abschaffung der Studiengebühren.
Das sind die Leitlinien unserer Politik. Meine Damen und Herren, ich stelle heute fest: Rot-Grün bzw. Grün-Rot macht Baden-Württembergs Bildungssystem zukunftssicher. Wir ha ben, ohne dass wir damals die Ergebnisse vorwegnehmen konnten, schon frühzeitig nach dem Regierungswechsel an gemessen, glaube ich, auf das reagiert, was uns auch im Rah men der IQB-Studie mit Blick auf die Regierungszeit von CDU und FDP/DVP an Defiziten präsentiert wurde.
Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Mit dem IQB-Länderbericht wer den Ergebnisse einer Prüfung veröffentlicht, wie die Bildungs standards an den Schulen in Deutschland erreicht werden, wie sie umgesetzt werden und zu welchem Erfolg sie führen. Wir haben uns in der Kultuspolitik in ganz Deutschland dafür ent schieden, Bildungserfolg so zu messen und die Leistungsmes sungen so durchzuführen.
Trotz aller Diskussionen über den Ansatz und das Design sol cher Tests bin ich davon überzeugt: Wir hatten vor einigen Jahren zu wenige Zahlen aus der empirischen Bildungsfor schung. Unsere Verantwortung ist es jetzt aber, mit diesen Zahlen umzugehen, daraus Konsequenzen zu ziehen und über die Konsequenzen zu diskutieren.
Herr Kollege Fulst-Blei, wir können uns jetzt die Zahlen um die Ohren hauen. Wenn Sie bei diesem Ergebnis von einer Ab schlussbilanz der CDU-geführten Landesregierung im Jahr 2011 sprechen, kann ich Ihnen entgegnen: Welches Bundes land hatte denn die niedrigsten Zahlen von Schülerinnen und Schülern, die ohne Abschluss von den Schulen gegangen sind? Das war Baden-Württemberg.
Ich kann Ihnen sagen, wie der Anteil der Übergänge auf die Privatschulen ist. Das ist von Ihnen in Ihrer Oppositionszeit selbst als Leistungsindikator genannt worden. Sie sagten, der Anteil dieser Übergänge würde zurückgehen, wenn Sie an der Regierung sind. Wir haben gerade aktuell Zahlen aus den fünf ten Klassen der allgemeinbildenden Schulen bekommen: Der Privatschulanteil ist von 9,5 % im Schuljahr 2010/2011 auf 11,5 % im Schuljahr 2013/2014 gestiegen.
Ich könnte Ihnen zum IQB-Länderbericht 2009 sagen: Im Fach Deutsch lag die Lesekompetenz in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen und die Kompetenz im Bereich Zuhören in Baden-Württemberg und Bayern signifikant über dem deut schen Mittelwert.
Aber das wird, glaube ich, nicht dem gerecht, was uns Bil dungspolitikern die Leistungsstudien mit auf den Weg geben. Denn wir müssen darüber diskutieren: Was sind die Ursachen? Was sind die Konsequenzen, die wir ziehen müssen?
Sie haben es angesprochen: Es wird erwähnt, dass bei der Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg eine geringe Teil nehmerquote verzeichnet wird und Baden-Württemberg einen hohen Anteil von fachfremd unterrichtenden Lehrkräften auf weist. Das steht so auch in der Stellungnahme der Landesre gierung zu dem vorliegenden Antrag, die von Minister Stoch unterschrieben wurde. Insofern ist es schon ein bisschen selt sam, wenn nach diesem Befund im nächsten Abschnitt der Hinweis „bereits eingeleiteter bildungspolitischer Maßnah men zur Verbesserung des Bildungssystems“ vorgebracht wird und die Gemeinschaftsschule erwähnt wird.
In einer Pressemitteilung zu dieser Studie hat die Pressestel le des Kultusministerium mit einem Zitat von Ihnen, Herr Kul tusminister, reagiert, die individuelle Förderung sei in das Zentrum zu stellen und in allen Schularten auszubauen. Dar über sind wir uns in der letzten Legislaturperiode einig gewe sen. Darüber sind wir uns auch jetzt einig. Aber wenn man das tut, geht das nur mit Ressourcen.
Damit Sie jetzt nicht immer nur unsere Stellungnahme zu den Ressourcen hören: Die GEW hat sich dazu geäußert, die IHK hat sich dazu geäußert. Beide sagen: Die Antwort der Landes regierung, Stellen zu kürzen, ist genau die falsche. Die GEW sagt ausdrücklich, die Schulen haben weniger Stunden für in dividuelle Förderung als früher – so viel auch zu Ihrer Stel lungnahme vorhin in der Regierungsbefragung –, es gibt Eng pässe im Ergänzungsbereich, der von Jahr zu Jahr schlechter ausgestattet ist. Damit können Sie Ihrem eigenen Anspruch natürlich nicht gerecht werden.
Mit der Unruhe und Unzufriedenheit, die Sie mit Ihren Maß nahmen und der Umsetzung Ihrer Maßnahmen in die Schulen hineintragen, sorgen Sie auch nicht für eine Motivation der Lehrerinnen und Lehrer, die den Weg zu besserem Unterricht erleichtert; ebensowenig ist das der Fall, wenn die Lehrerin nen und Lehrer sich mit dem auseinandersetzen müssen, was – aus ihrer Sicht falsch – vom Kultusministerium in die Schu len getragen wird.
Wenn Sie dann auf zwei Seiten eine Punktation ausführen und Sie, Herr Fulst-Blei, am Mikrofon hier gerade eben herunter beten, was aus Ihrer Sicht positiv verändert worden ist, dann vermisse ich – dazu habe ich kein einziges Mal etwas gehört – eine Antwort von Ihnen auf die angeführten Ursachen, näm lich die vergleichsweise geringe Teilnahme der Lehrkräfte an Fortbildungen und den relativ hohen Anteil von fachfremd un terrichtenden Lehrerinnen und Lehrern.
Wenn wir zentrale Befunde hier festhalten, dann erwarte ich schon, dass auf diese Befunde eingegangen wird und diese nicht einfach so im Raum stehen bleiben.
Sehr geehrte Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Leistungsvergleiche sind in Ba den-Württemberg in den vergangenen Jahren immer ein Stück weit kritisiert worden. Es wurde argumentiert, dass ein Ver gleich mit anderen Bundesländern etwas schwer daherkommt, wenn man schaut, wie gut Baden-Württemberg in allen Be reichen ist. Ich danke Ihnen daher, Herr Schebesta, dass Sie noch einmal hervorgehoben haben, dass wir uns darüber ei
nig sind, wie wichtig es für uns in der Bildungspolitik ist, die se empirischen Vergleiche zu haben, und dass wir versuchen, mit diesen empirischen Vergleichen zu arbeiten und Hand lungsempfehlungen abzuleiten.
Der Leistungsbericht aus dem Jahr 2012, den das IQB für den Bereich der Naturwissenschaften erstellt hat, war leider für Baden-Württemberg kein guter Beleg für die Kenntnisse der Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse. Wir müssen da raus Handlungsempfehlungen ableiten, wenngleich das IQB selbst feststellt, dass es schwierig ist, Ursachen festzumachen. Ein Punkt, den Sie angesprochen haben, war der fachfremde Unterricht. Aber Professor Pant hat bei seiner Vorstellung selbst davon gesprochen, dass dies nicht allein die Ursache sein kann und dass man schon noch einmal genauer hinschau en muss, weshalb denn das Land bei den Naturwissenschaf ten in diesem Jahrgang schlechter abgeschnitten hat als viele andere Bundesländer.
Ich glaube, wir sollten uns dabei auch nicht – ich werde das jetzt auch nicht tun – gegenseitige Schuldvorwürfe machen. Mir geht es vielmehr darum, wirklich einmal zu schauen, was denn in dem IQB-Leistungsbericht drinsteht. Festzustellen ist, dass es bei uns weiterhin soziale Disparitäten gibt, dass es auch Disparitäten zwischen Jungen und Mädchen gibt, was beispielsweise die Naturwissenschaften betrifft.
Ein Thema, mit dem wir uns auch beschäftigen müssen, ist: Für das Fach Mathematik war klar belegt: Da haben die Jungs eher einen Vorsprung, wenn auch einen sehr kleinen. Aber es gab eine große Disparität zu den Mädchen, was die Fächer Biologie, Chemie und Physik betrifft. Da hat die alte Landes regierung schon begonnen, sehr gute Maßnahmen aufzulegen, beispielsweise mit dem Girls’ Day. Solche Maßnahmen ha ben gegriffen und dazu beigetragen, dass Schülerinnen ein größeres Interesse an den Naturwissenschaften entwickeln.
Wir müssen jetzt weiterdenken und überlegen, wie wir das In teresse an den Naturwissenschaften insgesamt von Grund auf stärken können, wie wir junge Menschen dafür begeistern können, sich für die Naturwissenschaften zu interessieren. Da werden auch im neuen Bildungsplan einige Themen dabei sein, auch wenn das Fach „Naturphänomene und Technik“ kontrovers diskutiert wurde.
Ich glaube tatsächlich, dass es eine Möglichkeit sein kann, mit einem Fach, bei dem man naturwissenschaftlich übergreifend arbeitet und sich vor allem auch mit Experimenten an die Na turwissenschaften heranwagt, die Schülerinnen und Schüler zu begeistern.
Auch das von Ihnen, Herr Schebesta, angesprochene Thema Lehrerfortbildung/Lehrerausbildung wird ein großer Bestand teil sein. Wir brauchen mehr junge Menschen, die sich für das Fach Naturwissenschaften begeistern, die sich für eine Leh rerausbildung in dem Fach Naturwissenschaften begeistern und dies dann auch an die Schülerinnen und Schüler weiter geben.
Es muss auch ein Ziel der künftigen Lehrerausbildung sein, die Möglichkeit zu haben, schulartübergreifend Lehreraustau sche vorzunehmen. Wir wissen, dass im Bereich der Natur wissenschaften an den weiterführenden Schularten Gymnasi um und Realschule wenig fachfremder Unterricht erteilt wird,
an den Schularten Haupt-/Werkrealschule aber ein großer An teil von fachfremdem Unterricht stattfindet und gerade die schwächeren Schülerinnen und Schüler in diesem Bereich au ßen vor gelassen werden. Das muss uns zu denken geben. Da müssen wir ansetzen. Da ist natürlich die Gemeinschaftsschu le eine Chance, Lehrkräfte über alle Schularten hinweg zu bin den, um auch die Naturwissenschaften von unten zu stärken. Das muss ein gemeinsamer Auftrag sein.