Bevor ich zum Ende komme, will ich noch einen Aspekt zu sätzlich nennen. Wir müssen natürlich auch auf gesellschaft liche Veränderungen reagieren. Ich nenne das Thema Sprach erwerb. Ich nenne den zunehmenden Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, von Zuwanderern, die zu uns kommen und die passende Angebote brauchen, um möglichst schnell erfolgreich eine Bildungskarriere in Baden-Württemberg star ten zu können. Wir brauchen auch diese jungen Menschen. Sie dürfen nicht aufgrund von sprachlichen Defiziten einen Nachteil erleiden. Deswegen besteht gerade für das kommen de Schuljahr und für die nächsten Schuljahre eine wichtige Aufgabe auch darin, für Kinder mit Migrationshintergrund, bei denen der Spracherwerb im Zentrum stehen muss, richti ge und gute Angebote zu machen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, die IQB-Länderver gleichsstudie hat uns ein großes Pflichtenheft hinterlassen. Ich bin dafür, dass wir uns gemeinsam ohne irgendwelche ideo logischen Diskussionen dieser Probleme annehmen, um zu ei ner Verbesserung der Qualität an unseren Schulen beizutra gen. Das ist das Ziel und die Verantwortung, die wir gegen über den Kindern in unserem Land haben.
Ihre letzten Ausführun gen sollten wohl für uns, die wir alle Verantwortung tragen, tatsächlich ein Appell sein, uns an der Sache zu orientieren.
Es war ein Ländervergleich innerhalb Deutschlands. Aber wir haben auch immer den internationalen Vergleich. Gerade ha ben Sie die Handwerkerschaft angesprochen, und wir alle sind in Kontakt mit der Wirtschaft. Da wird uns immer vorgehal ten, dass das Vermitteln von Kulturtechniken und von Kern kompetenzen gegenüber der Zeit vor 30 oder 40 Jahren nach gelassen habe.
Wenn wir in die asiatischen Länder schauen, in denen ein an derer Lehrstil herrscht – zugegeben, ein autoritärer –, stellt sich mir als Lehrerin die unkeusche Frage, ob wir in den letz ten 30 oder 40 Jahren, beginnend schon bei der Referendar ausbildung, den Fehler gemacht haben, zu viel Wert auf Show gelegt und die Phasen im Unterricht zur Konsolidierung des
Wissens zu wenig ernst genommen zu haben. Wenn wir heu te einen individualisierten Lernprozess pflegen, können wir nicht automatisch sicherstellen, dass bestimmte Kernkompe tenzen sitzen.
Werden Sie bei der Nacharbeit und den Konsequenzen, die Sie aus dem Vergleich ziehen, solche unkeuschen Fragen des Reproduzierens, des Einübens behandeln? Ich habe noch die Zeit erlebt, als man beim Kopfrechnen aufstehen musste. Aber es erleichtert später das Leben, Kopfrechnen zu können. Wer den Sie solche Dinge auch überprüfen lassen?
Wir müssen anerkennen, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten 30 bis 40 Jahren weiterentwickelt hat. Gesellschaftli che Strukturen verändern sich.
Auch die Erziehungsleistung der Eltern – das hören Sie tag täglich in Gesprächen mit Lehrkräften an den Schulen – hat sich in dieser Zeit verändert. Es ist ein großes Problem, wenn wir glauben, dass die Schule die Kompensation dessen, was von den Kindern an Defiziten teilweise mitgebracht wird, ne ben der Vermittlung von fachlicher Qualifikation in vollem Umfang mit erledigen kann.
Ich glaube, es ist der richtige Ansatz, wenn sich Schule neben dem Lern- stärker auch zum Lebensort entwickelt, und dies in der Multiprofessionalität der Menschen, die in der Schule tätig sind. Sie alle wissen aus Ihren Wahlkreisen, dass die Schulsozialarbeit ein wichtiges Thema ist. Welche Pädago ginnen und Pädagogen sind mit welchen Qualifikationen an den Schulen tätig? Am Lern- und Lebensort Schule spielt auch der Erwerb von sozialen Kompetenzen eine Rolle.
Ich glaube nicht, dass man bei der Vermittlung von Bildungs inhalten auf die Rezepte von vor 30 oder 40 Jahren zurück greifen sollte. Wir müssen uns auch nicht die asiatischen Län der als Beispiel nehmen, die sehr autoritär agieren. Die Ver mittlung findet dort eher im Sinne eines Drills statt als im Sin ne eines freiheitlichen Systems, wie wir es uns eigentlich wün schen.
Aber ich glaube, dass wir den Kindern in unseren Schulen in einer gewissen Weise auch soziale Kompetenzen in Form ei ner gewissen Disziplin beibringen müssen.
Das ist die Grundlage des schulischen Funktionierens. Dies muss jedoch in ausgewogener Weise in einem sozialen Orga nismus Schule passieren, in dem sich niemand unterdrückt fühlt; Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schü
ler sollten sich in einem gemeinsamen Organismus Schule – ich nenne es einmal so – tatsächlich gegenseitig weiterbrin gen. Es ist das Ziel, dass in diesem Kontext die Schüler das Lernen als etwas Positives wahrnehmen und nicht als etwas, bei dem sie sich als Persönlichkeit wegdrücken müssen oder verbogen werden.
Liebe Kolleginnen und Kol legen! Frau Gurr-Hirsch, ich knüpfe an Ihre Aussagen an. Ich bin auch Pädagoge. Man fragt sich: Woher kommen die De fizite in den Leistungen? Folgendes macht mir durchaus Sor gen: Beispielsweise wird in den Diskussionen über G 8 im mer wieder gefragt: Haben wir überhaupt noch Zeit zum Ver tiefen? Sie haben die Frage nach der Form des Lernens auf geworfen. Als Elternteil bekomme ich immer wieder die Rückmeldung: „Wir hätten gern mehr Luft für Vertiefungs phasen; aber wir haben sie einfach nicht.“ Das macht mir Sor gen. Denn das sind Warnhinweise an das Gymnasium, über G 8 reden zu müssen.
Das andere steht in dieser Studie. Deswegen habe ich vorhin den schulstrukturpolitischen Rahmen aufgemacht. Die Studie sagt eindeutig, dass gerade im Bereich der Realschulen und der Werkrealschulen massive Leistungsdefizite bestehen. Das heißt, dort sind Kinder, die durch das Raster fallen und die wir in dem Ausmaß nicht erreicht haben.
Kollege Schebesta, ich gebe zu: Etwas hat mich massiv geär gert – der Minister hat es ausgeführt –: Wir haben seit den PISA-Werten Anlass, uns Sorgen zu machen, weil wir auch in Baden-Württemberg, insbesondere in den letzten zehn Jah ren, eine Abwärtstendenz feststellen. Die Reaktion auf das Ausmaß ist meines Erachtens von Ihrer Seite viel zu spät er folgt. Wenn dann ein Kollege davon spricht: „Das ist ein Warnschuss für Grün-Rot“, obwohl diese Erhebung zu einem Zeitpunkt vorgenommen wurde, zu dem sich unsere Maßnah men gar nicht auswirken konnten, finde ich das hochgradig ärgerlich. Da wird ratzfatz eine Problemlage auf andere abge schoben. Das ist schlechter Stil. Sie haben gesagt, Sie machen noch eine zweite Runde. Vielleicht können Sie dann darauf eingehen.
Das eine ist die fachliche Debatte. Sie haben gesagt: „Wir ha ben keine Antworten gehört.“ Das ist falsch. Ich habe vorhin ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es Grün und Rot wa ren, die als Erstes die Mittel für die Lehrerfortbildung deut lich angehoben haben. Wir haben auch in der Diskussion über die Reform der Lehrerausbildung sehr viel Wert etwa auf Ma thematik im Bereich der Grundschulen gelegt. Damit müssen wir schon in der Primarstufe anfangen.
Sie haben aber nichts zur sozialen Frage in der Bildung aus geführt. Dieses Thema macht mir wirklich Sorgen. Wir haben einen Teil, wo manche mit Elitegedanken diskutieren. Aber selbst die Gymnasien sind nicht in der Spitzengruppe. Gleich zeitig finden wir auch da wieder den Beleg dafür, dass wir ei ne knallharte soziale Auslese haben. Deswegen ist es schon von Relevanz, zu fragen: Welche Möglichkeiten hat die aktu
elle Landesregierung ergriffen, Änderungen vorzunehmen: in dividuelle Förderung im Bereich der Gemeinschaftsschule oder auch Schaffung von Schulsozialarbeiterstellen?
Denn das ist für mich der große Skandal: Zum einen ist es fachlich bedenklich, dass wir einfach nicht den Leistungsstan dard haben, den wir brauchen. Zum anderen aber zeigt sich dabei erneut der sozialpolitische Skandal, dass ein Kind aus einem Elternhaus, in dem nicht Mittel in Höhe von 131 € pro Monat zur Verfügung stehen – diese Summe ist nach den Er hebungen der Bertelsmann Stiftung in Baden-Württemberg durchschnittlich nötig, wenn ein Kind Nachhilfe nehmen muss –, schnell durch das Raster fällt. Das macht wirklich Sorge, und darauf müssen wir reagieren.
Ich bin der Meinung, Grün-Rot hat mit seinen Strukturverän derungen angemessen darauf reagiert, und ich fände es eben falls angemessen, wenn Sie von Ihrer Seite aus zu dieser so zialen Hinterlassenschaft hier einmal etwas sagen würden. Wir müssen einfach feststellen: Die soziale Gerechtigkeit hat bis 2011 im Bildungssystem leider deutlich gelitten.
Ich möchte mich zunächst für die in wesentlichen Teilen an der Sache und am Ergebnis ori entierte Debatte bedanken. Dies ist bei Bildungsdiskussionen, auch zum Leidwesen von Kollegen, nicht immer der Fall.
Ich möchte etwas zum Thema Warnschuss sagen: So, wie Sie sich an uns abarbeiten, Herr Dr. Fulst-Blei, sollten Sie das bit te auch mit der GEW tun. In einer Pressemeldung der GEW steht zum IQB-Länderbericht ausdrücklich – ich zitiere –:
Die Bildungsgewerkschaft GEW nennt die Ergebnisse des Schulleistungsvergleichs der Bundesländer ein Warnsig nal für die Landesregierung in Baden-Württemberg...
Es ist nicht so, dass diese Sorge allein von der CDU formu liert wird. Bei allem, was Sie tun, müssen Sie sich mit dem auseinandersetzen, was in diesem Papier steht, und Sie müs sen sich fragen, ob die Reaktionen richtig sind.
Wenn Sie nun ausdrücklich noch einmal sagen, Sie hätten in Ihren Ausführungen Wert auf die Schulstruktur gelegt, und dies auch in einen Zusammenhang mit dem Thema „Soziale Gerechtigkeit“ bringen, möchte ich Folgendes noch einmal erwähnen: Sie haben PISA als Ausgangspunkt angesprochen. Aus dem PISA-Konsortium hieß es: Es ist nicht möglich, aus diesen Untersuchungen abzuleiten, wie die Schulstruktur rich tigerweise zu organisieren ist. Das haben wir in der letzten Le gislaturperiode auch immer auf die Vorhaltungen der damali gen Oppositionsfraktionen hin gesagt. Wir haben gesagt: „Sie können eine Schulstruktur so oder so organisieren, Sie kön nen sie so oder so richtig oder falsch organisieren, Sie können beim Aufbau Fehler machen.“ Deshalb sollten wir an diesem Punkt auch nicht zu platt argumentieren.
Ich erlaube mir noch den Hinweis, Herr Minister: Zweiglied rigkeit in Sachsen ist nicht gleich Zweigliedrigkeit in Baden
Württemberg. In Sachsen ist das Gymnasium nicht einbezo gen. Vielleicht haben Sie es nicht so ausdrücklich gesagt, aber ich habe doch den Versuch vernommen, zum Ausdruck zu bringen, dass das Beispiel Sachsen zeige, dass die Gemein schaftsschule Baden-Württemberg funktionieren wird. Das ist aber ein bisschen zu platt.
Die individuelle Förderung ist ebenfalls angesprochen wor den. Hierzu möchte ich darauf hinweisen: Sie haben hier jetzt nichts zur Stellensituation gesagt. Das ist ein Hauptdiskussi onspunkt in der Bildungspolitik, wenn es um die Aufstellung des nächsten Haushalts geht. Nehmen Sie diese Zahlen, neh men Sie die Stellungnahmen von GEW und IHK. Nehmen Sie unsere Unterstützung an, und setzen Sie sich weiterhin dafür ein, dass es mehr Stellen gibt. Denn mit einem Stellenabbau, wie er bisher beschlossen ist, ist mehr individuelle Förderung nicht zu erreichen.
Deshalb stand heute Mittag, Herr Minister, auch die Frage im Raum: Wofür wären denn genau 500 Stellen in den Realschu len gedacht? Das wird angesichts dessen, was in puncto Un terrichtsversorgung schon an Verschlechterungen eingetreten ist, nicht ausreichen, um dem Ziel der individuellen Förde rung Rechnung zu tragen. Wenn man hier sagt: „Jetzt gibt es mehr Stellen, da der Rückgang der Schülerzahlen geringer ausfällt als erwartet, jetzt gibt es mehr Stellen für Inklusion, jetzt gibt es für die Ganztagsschule mehr Stellen, jetzt gibt es für ein Kurssystem in der Realschule mehr Stellen“, weise ich darauf hin: All diese zusätzlichen Stellen wären dann bereits durch einzelne Maßnahmen in Beschlag genommen. Wir brau chen aber auch Stellen für die „stinknormale“ Unterrichtsver sorgung an den Schulen. Denn da war die Entwicklung in den letzten Jahren rückläufig. Ein Stellenzuwachs ist die Voraus setzung dafür, dass die individuelle Förderung verbessert wer den kann. Da ist nichts passiert. Im Gegenteil: Die Situation ist schlechter geworden.