Protokoll der Sitzung vom 12.10.2017

(Abg. Josef Frey GRÜNE: Die zwei Minuten sind längst vorbei!)

Nein, die sind noch lange nicht vorbei.

(Glocke des Präsidenten)

Kollege Dr. Gedeon, ich habe nicht ohne Grund geklingelt.

(Vereinzelt Heiterkeit)

Gut, okay. – Dann sage ich abschließend: Angesichts der Entwicklung, die wir erleben, insbesondere mit der Migration, sollten wir immer weniger über den Brexit und immer mehr über den „Dexit“ sprechen.

Danke schön.

(Beifall bei Abgeordneten der AfD – Zurufe: Was? – Gegenrufe: „Dexit“!)

Für die Landesregierung erteile ich das Wort Herrn Minister der Justiz und für Europa Wolf.

Herr Prä sident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst einmal herzlichen Dank all denen, die um diese Zeit noch im Parla ment zugegen sind, um an einer Debatte teilzunehmen, die wichtiger ist denn je.

(Zuruf der Abg. Brigitte Lösch GRÜNE)

Deshalb freue ich mich natürlich auch über sehr viel Zustim mung, über sehr viel Übereinstimmung, auch wenn es in die

ser europapolitischen Debatte erneut die einen oder anderen „Querschläger“ gegeben hat.

Ich will auf einen Satz des Kollegen Dr. Merz zurückgreifen, der gesagt hat: „Der heilsame Schock des Brexits ist verflo gen.“ Es gehört übrigens auch zur Kultur einer parlamentari schen Auseinandersetzung, dass man nicht nur ans Pult geht, um auszuteilen, sondern dass man sich dann auch der Kritik durch andere Meinungen stellt. Auch das wäre Teil einer sinn vollen Debatte.

(Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP)

Kollege Merz hat gesagt, der heilsame Schock des Brexits sei verflogen. Dem kann ich so nicht zustimmen. Ich spüre einer seits in Großbritannien selbst einen deutlichen Schock, dass sie sich durch das Referendum möglicherweise auf eine Irr fahrt begeben haben und dass ihnen zunehmend klar wird, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Es dürfte poli tisch schwierig sein, das innerhalb dieser zwei Jahre noch um zukehren. Aber die Briten sind bis zur Stunde ideen- und kon zeptionslos,

(Abg. Wolfgang Drexler SPD: So ist es!)

was den Brexit angeht, ideen- und konzeptionslos.

(Abg. Wolfgang Drexler SPD: Genau!)

Wenn Theresa May in Florenz 20 Milliarden € anbietet und glaubt, damit sei die Scheidung vollzogen, jetzt solle über künftige Zusammenarbeit verhandelt werden, dann hat sie ir gendetwas nicht verstanden.

(Abg. Wolfgang Drexler SPD: So ist es!)

Das kann eine Anzahlung sein. Wir müssen zunächst den Aus tritt vollziehen und können dann über Formen einer künftigen Zusammenarbeit reden – und nur in dieser zeitlichen Abfol ge.

(Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP sowie der Abg. Dr. Christina Baum AfD)

Ohnehin ist mir Kollege Dr. Merz hier eher als britischer Un terhändler vorgekommen.

(Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Absolut! Genau!)

Ich glaube, es geht wirklich darum, dass die 27 verbleibenden EU-Mitgliedsstaaten – darauf hat Kollege Hofelich völlig zu Recht hingewiesen – jetzt geschlossen bleiben. Wir müssen geschlossen zusammenstehen. Der Brexit darf es nicht schaf fen, die verbleibenden 27 auseinanderzudividieren. Da kann ich den Unterhändlern der EU nur Anerkennung zollen. Da ist bislang in den Verhandlungen mit Großbritannien vieles gut und richtig gelaufen. Allein die Konzeption, die Idee der Bri ten fehlt, und darauf warten wir bis zur Stunde.

(Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP)

Meine Damen und Herren, ich war die letzten zweieinhalb Ta ge in Brüssel und habe dort verschiedene Gespräche geführt, etwa das inzwischen dritte Gespräch mit dem Botschafter Sil

berberg, von dem ich weiß, dass er noch im letzten Jahr ge sagt hat: Es sieht schlecht aus um die Zukunft Europas.

(Abg. Stefan Räpple AfD: Mit der EU!)

Das Jahr 2016 war in der Tat ein schlechtes Jahr für Europa.

(Zuruf von der AfD: Für die EU!)

Wir sind 2016 in eine Krise hineingeschlittert, die natürlich ihren Höhepunkt im Brexit fand. Europaskepsis allenthalben.

(Zuruf von der AfD: EU-Skepsis!)

Der sorgenvolle Blick nach Frankreich.

Viele von uns sind sorgenvoll in das Jahr 2017 gegangen mit der Frage, wie es denn wohl mit Europa

(Abg. Stefan Räpple AfD: EU!)

und der Europäischen Union weitergeht. – Kollege Räpple, Sie dürfen unterstellen, dass ich Ihren Zwischenruf schon beim ersten Mal gehört habe. Da ich aber nicht darauf reagie re, dürfen Sie auch unterstellen, dass ich nichts davon halte.

(Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP – Lachen bei Abgeordneten der AfD)

Deshalb ist es, glaube ich, ein positives Zeichen, dass wir 2017 wieder sehr viel positive Entwicklung in Europa erken nen,

(Abg. Stefan Räpple AfD: EU! – Heiterkeit bei Ab geordneten der AfD)

dass die Zeichen – auch das ist der heilsame Schock des Bre xits –, dass die Signale darauf ausgerichtet sind, sich für die ses gemeinsame Europa auch wieder zu verkämpfen.

(Zuruf von der AfD: EU!)

Das ist der positive Schock, der heilsame Schock. Dass in hun dert deutschen Städten Menschen auf die Straßen gehen – „Pulse of Europe“ –, für Europa demonstrieren, das ist auch eine Auswirkung des Brexits, eine Auswirkung einer krisen haften Situation. Aus der Krise neue Chancen, neue Hoffnung für Europa –

(Zuruf von der AfD: EU!)

das ist die Botschaft des Jahres 2017, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Beifall bei Abgeordneten der Grünen, der CDU und der SPD)

Ich will in dieser Debatte – der Europabericht befasst sich im schriftlichen Teil natürlich immer sehr stark mit zurückliegen den Ereignissen –, bei der wir gut beraten sind, sehr schnell auf aktuelle Ereignisse einzugehen, drei Themenbereiche kurz ansprechen – Kollege Räpple, die EU wird dabei nicht zu kurz kommen –: erstens die nicht zuletzt von Präsident Macron weiter belebte Debatte über die Zukunft der Europäischen Union, zweitens die Situation in unserer Partnerregion Kata lonien und drittens das angespannte Verhältnis zur Türkei.

(Beifall des Abg. Stefan Räpple AfD)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Debatte über Europa hat in den letzten Monaten wieder Fahrt aufgenommen. Ich will an dieser Stelle auch noch mal die Präsenz Baden-Württem bergs in Europa, in Brüssel deutlich machen. Wir feiern in die sem Jahr das 30-Jahr-Jubiläum unserer Landesvertretung in Brüssel. Baden-Württemberg war sich frühzeitig seiner euro päischen Verantwortung bewusst und hat sich frühzeitig auch in europäische Entscheidungsprozesse eingeklinkt.

Aber, meine Damen und Herren, was jetzt gelungen ist – da teile ich die Einschätzung, dass das ein Impuls ist, der jetzt in erster Linie aus Frankreich kommt –, war ein wichtiger Mei lenstein, ein proeuropäisches Momentum, nämlich die Rede von Macron.