(Vom Redner nicht auto- risiert) Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schade, Herr Felbinger, dass Sie jetzt nicht erklären konnten, was denn eine passgenaue Lösung wäre. Aber das ist ja vielleicht auch gar nicht so wichtig. – Wir führen diese Debatte tatsächlich nicht zum ersten Mal, und es kommen immer wieder die gleichen Argumente. Dann wird davon geredet, dass die Eltern Druck ausüben. Tatsächlich bestätigt dies die Würzburger Studie: Eltern in Bayern fühlen sich mehr gestresst als Eltern in Hessen, und sie üben vermutlich auch mehr Druck aus als Eltern in Hessen. Der Grund, warum sie sich gestresst fühlen, ist dieses Übertrittsverfahren.
Ich weiß nicht, ob das Anspruchsdenken in Hessen so viel niedriger ist als das in Bayern. Wenn man aber immer dieses Eltern-Bashing betreibt und immer nur sagt, dass das an den Eltern liegt, dann ist das auch keine Lösung. Ich erwarte von Abgeordneten mehr, als nur auf die Eltern zu schimpfen; ich erwarte vielmehr, dass sie auch Lösungen anbieten.
Das Thema Beratung ist, seitdem ich im Landtag bin, also seit 2008, immer wieder in der Diskussion. Damals hat Herr Kultusminister Spaenle das Übertrittsverfahren reformiert; er hat seinerzeit zusätzliche Informationsabende für Eltern eingeführt, auf denen sie über das Schulsystem informiert werden sollten. Diese Beratung hat jedoch nichts geändert. - Tatsächlich ist es so, dass die Eltern Druck ausüben, dass sie sich selbst Druck ausgesetzt fühlen und dieser Druck dann auf die Kinder übergeht. Da können Sie noch so viel auf die Eltern schimpfen – das wird sich nicht ändern.
Jetzt reden Sie von den Noten. Da geht es um das Thema Leistungsfähigkeit; vor allem Niederbayern sollte jetzt aufpassen. Schauen wir uns doch einmal die Noten im regionalen Vergleich an.
Dann stellt man fest, dass in Oberbayern 55,6 % der Schülerinnen und Schüler gymnasial geeignet sind; in Niederbayern sind es nur 47,6 %. Da geht es um die Noten. Der Unterschied in der Leistungsfähigkeit zwischen den niederbayerischen und den oberbayerischen Schülern beträgt fast 8 %. Trifft das auch auf die Abgeordneten von Oberbayern und Niederbayern zu? Ist da die Leistungsfähigkeit auch so unterschiedlich verteilt?
Eine gute Frage. Wenn wir uns das noch genauer anschauen, zum Beispiel auf lokaler Ebene, dann ist die höchste Gymnasialeignung mit 71,2 % der Schülerinnen und Schüler in München-Land zu finden. In HofStadt sind es nur 37,3 %. – Was sollen denn diese Zahlen aussagen? Sagen sie tatsächlich was über Leistungsfähigkeit aus? Ist die Intelligenzverteilung in Bayern so unterschiedlich? Oder sagen sie nicht eher etwas darüber aus, ob Eltern in manchen Regionen mehr Druck ausüben als woanders? Hat das etwas mit dem sozialen Hintergrund zu tun? - Das ist ja eine Scheinobjektivität, und nichts anderes!
Nehmen wir doch einmal das ernst, was Sie immer über das bayerische Schulsystem sagen, nämlich dass wir drei Schularten haben, die eigentlich gleichwertig sind und alle zur Hochschulreife führen.
die unterschiedlichen Angebote: die Mittelschule mit dem Klassenlehrerprinzip, die Realschule mit den Realien und das Gymnasium für die Logik. – Das wäre doch eigentlich tatsächlich das Argument für die Elternfreiheit. Die Eltern entscheiden: Welche Schule ist pädagogisch am besten für mein Kind? - Der Sohn geht auf die Mittelschule, weil er den Klassenlehrer braucht, die Tochter aufs Gymnasium, weil sie gut in den Sprachen ist. Sie können alle das Abitur machen. Das wäre doch gerade das Argument dafür, die Elternwahlfreiheit zu gewähren. Das wäre es jedenfalls, wenn man Ihren Worten folgen und Sie tatsächlich ernst nehmen würde in dem, was Sie über das bayerische Schulsystem sagen.
Aber Ihnen geht es um die Zuteilung auf unterschiedliche Schularten. Deswegen haben wir dieses Notensystem. Diese Zuteilung ist ausgesprochen unpräzise. Das erkennt man, wenn man sich einmal anschaut, wie viele Schülerinnen und Schüler das Gymnasium verlassen.
Ich war am letzten Freitag auf der Abiturfeier meiner Tochter. Da wurden auch die Fotos aus der 5. Klasse und dann die von der 12. Klasse gezeigt. Die Schüler haben sich wieder so hingestellt, wie sie auch in der 5. Klasse gestanden haben. Dann sieht man: Von den damaligen Fünftklässlern fehlt nach der 12. Klasse ein Drittel, fast die Hälfte. Die haben den Weg zum Abitur nicht geschafft, obwohl ihnen damals die Gymnasialeignung zugesprochen worden war. Diese Schüler haben den Weg über das Gymnasium zum Abitur nicht geschafft, obwohl sie die Gymnasialeignung zugesprochen bekommen hatten.
Was heißt das denn dann? Was wird da eigentlich zugewiesen? - Ich bin überzeugt, dass das Übertrittsverfahren in Bayern bald fallen wird, und zwar aufgrund der Reformen unserer Bayerischen Staatsregierung. In der Grundschule ist ein neuer Lehrplan eingeführt worden, ein kompetenzorientierter Lehrplan: der LehrplanPLUS. Da gibt es einen anderen Leistungsbegriff, da werden andere Fähigkeiten unterstützt. Mittlerweile gibt es Entwicklungsgespräche in der 2. und 3. Klasse.
Wenn dieser LehrplanPLUS erst mal in der 4. Klasse angekommen ist, dann wird man feststellen: Diese Pädagogik passt mit diesem Übertrittsverfahren nicht zusammen. Spätestens dann wird das Übertrittsverfahren in Bayern fallen. Bis dahin ist es noch etwas hin; daher stimmen Sie heute bitte dem Antrag der SPD zu.
Vielen Dank, Herr Kollege Gehring. – Der letzte Redner in dieser Runde ist Staatssekretär Eisenreich.
Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD und von den GRÜNEN, Sie machen den immer gleichen Fehler, nämlich dass Sie den Bildungserfolg auf den Übertritt, Übertrittsquoten und Abiturientenquoten reduzieren. Das ist und bleibt falsch.
Wir haben eine andere Überzeugung. Die Schülerinnen und Schüler haben unterschiedliche Talente, unterschiedliche Fähigkeiten und unterschiedliche Begabungen. Dafür bieten wir in unserem differenzierten Schulsystem eine Vielfalt an Bildungswegen an. Wir haben in Bayern ein qualitativ hochwertiges, ein begabungsgerechtes und durchlässiges Schulsystem.
Ich möchte noch einmal erläutern, an welchen Stellen wir die Durchlässigkeit mit unterschiedlichen Maßnahmen erhöht haben: Wir haben M-Züge an den Mittelschulen; wir haben Vorbereitungsklassen an den Mittelschulen; wir haben Vorklassen; an der Beruflichen Oberschule wurde die FOS 13 eingeführt, und wir haben Einführungsklassen an den Gymnasien. Insbesondere der Ausbau der beruflichen Bildung, die Einführung der beruflichen Oberschule hat eine zweite starke Säule neben dem Gymnasium geschaffen, die attraktiv ist und die von den Schülerinnen und Schülern sowie von den Eltern angenommen wird. Für uns gilt der Grundsatz, dass die berufliche Bildung und die akademische Bildung gleichwertig sind. Dieser Grundsatz stellt sicher, dass unsere Schülerinnen und Schüler in Bayern begabungsgerechte Möglichkeiten haben. Daran halten wir auch fest.
Wir sehen das auch an den Hochschulzugangsberechtigungen. Über 40 % der Hochschulzugangsberechtigungen werden nicht am Gymnasium, sondern über die berufliche Bildung erworben. Man sieht: Das System ist durchlässig. Man sieht: Es gibt viele Möglichkeiten. Das Horrorszenario, dass in der 4. Klasse über den Lebensweg und die Zukunftschancen entschieden wird, stimmt einfach überhaupt nicht. Des
Ich möchte die Studie und deren Aussagekraft gar nicht näher bewerten. Was mir in dieser Studie aber fehlt, ist die Bewertung der Folgen der Empfehlungen. Wenn wir mehr Schülerinnen und Schüler in die falsche Schulart schicken, sind mehr Schülerinnen und Schüler überfordert. Das kann nicht der richtige Weg sein.
Wenn am Gymnasium mehr Schülerinnen und Schüler überfordert sind, dann wird selbstverständlich auch die Zahl der Schulartwechsel zunehmen, so wie das in Baden-Württemberg der Fall ist. Auch das ist nicht der richtige Weg, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Nichtsdestotrotz ist das Übertrittsverfahren ein wichtiges und auch ein sehr sensibles Thema. Wir nehmen die Sorgen über den Stress und die Belastung natürlich auch ernst. Wir haben deswegen vor einigen Jahren das Übertrittsverfahren kind- und begabungsgerecht weiterentwickelt. Grundlage sind für uns aber weiterhin ein leistungsorientierter Übertritt und Übertrittsnoten, weil dies einfach objektiver und auch gerechter ist. Die Freigabe des Elternwillens führt nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu mehr Ungerechtigkeit. Deswegen wollen wir das nicht.
Wir haben aber die Information und die Beratung der Eltern verbessert und intensiviert. Wir fangen auch früher an, nämlich bereits in der 3. Klasse. Wir haben bei den schriftlichen Leistungsnachweisen durch Festlegung einer Richtzahl mehr Transparenz geschaffen. Wir haben auch eingeführt, dass die Probearbeiten angekündigt werden, damit die Eltern
wissen, wann Lernphasen und wann Prüfungsphasen sind. Wir haben auch den Elternwillen gestärkt und einen Spielraum dafür geschaffen. Wenn im Probeunterricht die Noten – bis 3,5 hat man ja bestanden – in Mathematik und Deutsch 4 sind, dann können die Eltern frei entscheiden, ob das Kind an die Realschule bzw. an das Gymnasium übertritt. Mir kann wirklich keiner erzählen, dass für Schülerinnen und Schüler,
die im Probeunterricht zweimal eine 5 haben, das Gymnasium der richtige Bildungsweg ist. Das ist falsch. Das schadet den Schülerinnen und den Schülern.
Zum Abschluss: Unsere Grundsätze – Sie kennen das – in der Bildungspolitik sind zum einen die Qualität und zum anderen die Chancengerechtigkeit. Ich glaube, wir haben in den letzten Jahren durch viele Maßnahmen bewiesen, dass wir diese Leitmotive ernst nehmen und dass wir ihnen auch gerecht werden. Wo wir immer noch Möglichkeiten für Verbesserungen haben, ist im Bereich der Beratung und der Information und auch der Aufklärung über die vielen Möglichkeiten in unserem differenzierten Schulsystem, dass die Eltern merken, dass der Druck zum größeren Teil unnötig ist und dass man die Entscheidung in der 4. Klasse wirklich freier treffen kann.
Ich bedanke mich bei allen Pädagogen, bei allen Lehrkräften, die gerade in der Grundschule hervorragende Arbeit leisten, die Kinder hervorragend auf die Übertrittsphase vorbereiten und die Eltern informieren. Dafür sage ich ganz, ganz herzlichen Dank.
Ich komme zum Schluss: Wenn wir über das Schulsystem sprechen, bitte ich auch, immer eine Gesamtbewertung vorzunehmen. Unser Ziel ist es, Perspektiven und Chancen für Schülerinnen und Schüler zu schaffen. Niemand hat mehr Chancen als bayerische Schülerinnen und bayerische Schüler. Eine Jugendarbeitslosigkeit von etwa 3 % ist der Beweis. Ein Blick nach Europa oder in andere Bundesländer zeigt, dass die Chancen für unsere Schülerinnen und Schüler ganz hervorragend sind. Wenn es etwas zu verbessern gibt – das wissen Sie –, stehen wir gerne für einen Dialog mit allen Beteiligten, mit den Lehrern, mit den Eltern und auch mit den Kolleginnen und Kollegen hier im Haus bereit.
(Volkmar Halbleib (SPD): Dialog ohne Konsequenzen! Das ist die Arbeitsmethode der Staatsregierung! )
Unsere Grundsätze in der Bildungspolitik haben sich bewährt, und an ihnen werden wir auch festhalten.
Vielen Dank, Herr Staatssekretär Eisenreich. - Weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Die Aussprache ist geschlossen. Wir kommen zur Abstimmung.