Nun glaube ich zwar nicht, dass der Senat so weit geht – Herr von Beust –, dass er himmlisches Heil verspricht, wenn wir zustimmen. Ich glaube noch nicht einmal, dass er allen Spendern die Ehrenbürgerschaft verleihen will. Aber immerhin ist der Senat offenkundig in der Pflicht. Diese Pflicht erstreckt sich aber auch auf einen zweiten Punkt. Die Vermutung in der Stadt, etwas stimme nicht so ganz, erstreckt sich darauf, dass viele den Eindruck haben, dass der Senat für schmückende Projekte Geld habe aber für das eine oder andere Projekt im Stadtviertel und für die Kitas, für Ganztagesplätze für Eltern, die nicht beschäftigt sind, habe er kein Geld. Warum sollen wir das dann machen?
Das heißt, es gibt so etwas wie ein soziales Ressentiment und eine soziale Unzufriedenheit gegen die Elbphilharmonie. Dagegen muss der Senat richtig ankämpfen. Denn öffentliche Projekte dieser Art bedürfen auch einer guten Stimmung in der Stadt.
weil die von Einkommensproblemen nicht so betroffen sind, wie viele Leute, die diesen Ärger artikulieren.
Zum Zweiten muss man auch sagen, dass dieses Argument so wirklich nicht zutrifft, denn die Elbphilharmonie wird teuer in Fragen der Investitionskosten. Wir reden ja noch gar nicht über Betriebskosten. Die sind im Moment, was die öffentlichen Mittel angeht, bei 2 Millionen jährlich angesetzt. Das ist eine beherrschbare Größe, wenn es denn dabei bleibt. Man muss, glaube ich, begreifen, dass wir hier über ein Projekt reden, dass auf der Investitionsebene in Konkurrenz steht. Wozu steht es denn da in Konkurrenz? Da steht es zum Beispiel in Konkurrenz zu drei Milliarden bis 2015 für den Hafen. Dabei steht es in Konkurrenz zu einer U-Bahn-Anbindung für die HafenCity, die für die übrige Stadt nichts und für die HafenCity eine oder zwei Stationen bringt und sehr teuer ist, obwohl eine andere Lösung möglich wäre. Es steht in Konkurrenz zu einem Projekt wie der Erweiterung der Justizvollzugsanstalt, die jetzt leer steht aber teuer war. Zu solchen Investitionsentscheidungen steht es in Konkurrenz. Dann
ist es, glaube ich, auch leichter vertretbar, zu sagen, dieses Projekt ist nicht nur ein kulturell strahlendes, sondern auch ein Projekt, das auf eine neue Weise Perspektiven für die Stadt zu öffnen versucht, selbst wirtschaftliche Perspektiven.
Ich glaube, man kann sich auch noch einmal besonders vergegenwärtigen, warum denn eine Philharmonie dafür so besonders geeignet ist. Wir definieren normalerweise die Internationalität der Stadt über den Hafen. Eine Stadt aber, die in der Welt vorkommen will, darf nicht nur vorkommen in den Logistikadressen und Internetbuchungen von Containern, die um die Erde geschleust werden, sondern sie muss vorkommen in den Bildern, in den Geschichten, in den Tönen und den Liedern, die auf der Welt gesungen und gespielt werden, und in dem, worin Leute sich auf der ganzen Erde eine Vorstellung von diesem, unserem Globus machen.
Da müssen wir vorhanden sein. Da wollen wir auch wahrgenommen werden als die, die wir sind. Nicht nur als die, die wir sind, sondern auch in unseren besseren Möglichkeiten wollen wir wahrgenommen werden. Wir wollen nicht nur einfach als die Schrapper wahrgenommen werden, die wir auch weithin sind, sondern wir möchten auch wahrgenommen werden als Menschen, die auch zu einer Selbstübersteigung, zu einer Selbsttranszendierung fähig sind und sich darum so etwas leisten und solch eine Einrichtung wollen. Da spielt durchaus eine Rolle, dass die Musik dafür eine ganz besonders geeignete Botschaft darstellt. Sie ist im Unterschied zu den anderen Künsten viel weniger national und kulturell eingeschränkt, weil sie in erster Linie nicht über Vorstellungsbilder geht. Sie geht noch nicht einmal über Sprache, sie geht überhaupt nicht über Erscheinungsbilder. Der alte Schopenhauer hat einmal gesagt, es sei damit so, dass sie direkt auf das Innerste des Menschen ziele als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertreffe, weil sie in einer so unmittelbaren Weise zu ergreifen verstehe. Wenn eine solche Einrichtung für große Musik in Hamburg entsteht, dann möchten wir auch, dass dort nicht nur ein Gebäude steht, sondern dass diese Musik, die dort gespielt wird, auch zu ergreifen in der Lage ist und viele Menschen hier und von nah und fern dazu gewinnt, dort hinzugehen und sich das anzuhören.
Man kann sogar sagen, dass Hamburg durchaus wieder an etwas anknüpft, was es einmal hatte. Hamburg war einmal die erste Musikstadt Deutschlands. Das war im 18. Jahrhundert der Fall, als Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach, sogar der junge Händel, der hier die Geige gestrichen hat, in Hamburg gelebt und Musik gemacht haben. Es hing mit der besonderen Rolle der Kirchenmusik in Hamburg zusammen. Da gab es einmal die Wahrnehmung, dass in gewisser Weise die absolute Musik, die dann das 19. Jahrhundert geprägt hat, also die Musik, die weder Ton- noch Tanz- noch Gebärdenbegleitung hat, eigentlich nur – Herder hat gesagt – aus der Andacht entstehen konnte, also aus einer Situation, in der die Menschen relativ ruhig sitzen und zuhören und nicht swingen und mitsteppen und so weiter, was heute häufig
eine Rezeptionsform von Musik ist. Das ist eine Rezeptionsform und eine musikalische Form, die nur möglich war auf der Grundlage – in gewisser Weise muss man sagen – ursprünglich des Protestantismus, der diese Rolle des Gottesdienstes einmal ausgeprägt hatte, des zuhörenden Gottesdienstes, in dem diese Musik eine Rolle spielt. Also gehört eine solche Musikhalle auch nach Norddeutschland. Sie gehört nach Norddeutschland, auf diesen Boden.
Schließlich muss man nicht mehr Protestant sein, um dorthin zu gehen, Gott sei Dank. Man kann auch nur an die Musik glauben und das ist das Schöne daran.
Des Weiteren darf man auch sagen: Hamburg kann durchaus eine musikalische Initiative vertragen, weil es in der zweiten Hälfte oder in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zumindest eine richtige Hochburg der Rock- und Popmusik war. Gegenwärtig verlieren wir da ein bisschen Boden gegenüber Berlin, aber auch da ist eine Wiederanknüpfung und eine neue Initiative nötig. Hamburg hat durchaus eine Fähigkeit und eine Möglichkeit, als Musikinitiative und als Musikstadt zu glänzen. Diese Halle passt gut zu uns.
Man muss aber trotz alledem sagen, dass wir angesichts der Kostensteigerung, die auf uns zukam, keineswegs von vorneherein der Meinung waren, das wir diese lächelnd anschauen und es trotzdem machen. Sondern bei uns war der Streit darüber ziemlich groß. – Soll man das eigentlich machen, obwohl der Senat auch in der Planung des Projekts offenkundig Fehler gemacht hat? Schon eine reine Plankostensteigerung von 70 Prozent ist ein bisschen über Normalnull. Wir haben uns dann aber gesagt, dass man ja nicht einem guten Projekt deswegen nicht zustimmen kann, weil der Senat Fehler gemacht hat.
Das hat uns dann mehrheitlich deutlich überzeugt und wir haben dann gesagt, dass wir aber in dem weiteren Verfahren drei Gesichtspunkte gesichert haben möchten.
Zum einen möchten wir, dass die Bürgerschaft, insbesondere der Haushaltsausschuss – auf welchen Kanälen auch immer –, frühzeitig, und zwar unverzüglich, unterrichtet wird, wenn es zu Kostensteigerungen kommt, die jetzt nicht gesehen werden, also insbesondere, wenn es zu Neuverhandlungen innerhalb der Vertragskonstruktion kommt – dass die nicht erst ausgehandelt und uns danach erst vorgelegt werden, sondern dass wir, in der Gestalt der haushaltspolitischen Sprecher beispielsweise, darüber sofort informiert werden. Es wird auch dem Projekt gut tun, wenn das der Fall ist, weil es viel besser ist, wenn eine Partei darüber Bescheid weiß, als dass sie solche Sachen aus der Zeitung erfährt und dann die Gegenreaktion dazu bekommt.
Zum Zweiten haben wir gesagt, dass wir nicht möchten, dass die Elbphilharmonie im Wege des Kannibalismus zulasten anderer Kulturprojekte finanziert wird. Das darf nicht sein, weil wir sonst auch die kulturelle Atmosphäre in der Stadt zwischen den verschiedenen Institutionen belasten und schwierig und unerträglich gestalten. Das ist das Zweite, was wir für vernünftig halten.
Das Dritte – darüber haben wir auch untereinander eine große Einigung erzielt – ist, dass wir es für nötig halten, musikalische und musikpädagogische Initiativen zu ergreifen, damit diese Philharmonie auch tatsächlich zu einer Angelegenheit aller Hamburgerinnen und Hamburger wird. Denn es ist nicht so, dass die Musik, die dort zu einem guten Teil gespielt werden wird, heute noch spontan zugänglich wäre oder sich ohne Weiteres aus den familiären Bildungszusammenhängen erschließen ließe, sondern dazu sind bewusste Anstrengungen nötig, wenn diese Musiktradition weiterleben soll, die – wie ich finde und wie ich es auch in Zitaten anderer wiederfinde – eine der bedeutendsten Leistungen der deutschen Kultur ist. Es hat zur Menschheitskultur beigetragen hat, dass diese Musiktradition der absoluten Musik hier begründet worden ist.
Schließlich muss noch einmal zurückgegangen werden auf Herrn Gérard und auf Herzog & de Meuron. Das überzeugungskräftigste Argument war natürlich nach wie vor immer wieder die Architektur, die in der Animation vorgestellt worden ist. Dazu ist mir noch eine Assoziation eingefallen, wieder eine etwas literarische. Der alte Goethe hat einmal zu einem Bewohner der Metropolregion, nämlich zum alten Eckermann, der aus Winsen stammte, gesagt, dass Architektur gefrorene Musik sei. Ein bisschen kann man sich das an dieser neuen Elbphilharmonie sogar vorstellen: Unten der massive alte Baukörper, ganz erdenschwer, gedrungen, anorganisch und oben geschwungen, ein leicht wirkender Glaskörper, fliegend, beweglich, mit individuellen Spitzen, eingreifend in die Stadtsilhouette der hohen Kirchtürme und damit eine ganz besondere Form von Harmonie verkörpernd.
(Dietrich Rusche CDU: Der hat doch dazu irgend- wann einmal gesagt: "Ich hatte leider keine Zeit, mich darauf vorzubereiten.")
Ich hatte meine Assoziationen ein bisschen spielen lassen und mich gefragt, wie man das, was daran großartig ist, eigentlich für die öffentliche Diskussion zugänglich machen kann. Ich finde, darüber sollten nicht nur Werbeagenturen reden, weil das meistens ein bisschen flach ist. Der alte Schopenhauer hatte folgende Assoziation – nicht zur Elbphilharmonie, wohl aber zu diesen Verhältnissen, die ich eben beschrieben habe:
"Ich erkenne in den tiefsten Tönen der Harmonie, im Grundbass, die niedrigsten Stufen der Objektivation des Willens wieder, die unorganische Natur, die Masse des Planeten. Alle die hohen Töne, leicht beweglich und schneller verklingend, sind bekanntlich anzusehen als entstanden durch die Nebenschwingungen des tiefen Grundtones, bei dessen Anklang sie immer zugleich leise mit erklingen, und es ist Gesetz der Harmonie, dass auf eine Bassnote nur diejenigen hohen Töne treffen dürfen, die wirklich schon von selbst mit ihr zugleich ertönen … durch die Nebenschwingungen."
Das, finde ich, ist eine schöne Beschreibung dessen, was architektonisch ins Bild gesetzt worden ist. Nun hoffen wir, dass die Elbphilharmonie in Harmonie und Dissonanz weit strahlend erklingt. – Danke schön.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Heute können und müssen Sie eine wichtige und mutige Entscheidung über das Projekt Elbphilharmonie treffen. Mutig ist sie, weil wir in ein Jahrhundertprojekt investieren. Wir alle treffen damit nicht nur – und das ist wichtig – eine Entscheidung für uns, sondern vor allem auch für die Generationen nach uns. Solche Entscheidungen erfordern immer Mut, aber solche Entscheidungen sind auch wichtig, denn sie gestalten letztlich ein Gemeinwesen.
Heute geht es nicht allein um eine Musikhalle, sondern um ein lebendiges Wahrzeichen für das Hamburg des 21. Jahrhunderts. Viele Menschen in dieser Stadt und in meiner Behörde haben mit großer Kraftanstrengung und viel Engagement auf den heutigen Tag hingearbeitet. So konnten wir dem Senat Ende letzten Jahres ein funktionsfähiges, wirtschaftlich tragfähiges Konzept zu Bau, Betrieb und Finanzierung der Elbphilharmonie vorlegen. Der Senat hat auf dieser Grundlage entschieden, dass er dieses Zukunftsprojekt umsetzen möchte und die Investitionen, die Investitionen in die Zukunft unserer Stadt sind, verantworten kann und will.
Ich selbst bin fest davon überzeugt, dass eine Entscheidung für die Elbphilharmonie eine richtige Entscheidung für Hamburg ist. Mein Vertrauen in das Projekt ruht auf zwei Säulen,
dem soliden und fundierten Vertragswerk, das mit dem Investor verhandelt wurde, und auf der Entstehungsgeschichte, der Idee Elbphilharmonie. Es ist ein aus architektonischer, stadtentwicklungs- und auch kulturpolitischer Sicht einmaliger Vorgang, dass die Bürger einer Stadt mit solch einer Geschlossenheit und Begeisterung eine Idee an den Senat herangetragen haben. Dies bestärkt mich immer wieder darin, dass in der Stadt ein Bedürfnis nach dieser Art kultureller Stadtentwicklung besteht. Ich selbst merke es auch in fast jedem Gespräch, das ich hierzu führe, dass jeder, der mit der Idee der Elbphilharmonie erstmalig konfrontiert wird, sofort von ihr überzeugt ist.
Das hat in nur anderthalb Jahren nicht nur zu einem deutschlandweit einmaligen finanziellen bürgerschaftlichen Engagement von bisher immerhin schon annähernd 64 Millionen Euro Spenden geführt. Es war auch diese Begeisterung, die alle Beteiligten motiviert und dazu geführt hat, dass nun in denkbar kurzer Zeit nach Vorlage der Machbarkeitsstudie ein Planungsstand erreicht ist, der uns die Auftragsvergabe an einen Investor ermöglicht und die Grundsteinlegung greifbar macht.
Die intensiven Verhandlungen mit dem Investor in den letzten Monaten haben zu einem Leistungspaket geführt, mit dem der Investor sowohl den Bau als auch den späteren Betrieb zu einem Festpreis garantiert. Damit haben wir eine Kostentransparenz nicht nur hinsichtlich der Baukosten, sondern gerade auch im Hinblick auf die spätere Bauunterhaltung, das sogenannte Facility Management, erreicht, das für öffentliche Bauvorhaben notwendig ist, um die zukünftigen Betriebskosten realistisch
einschätzen und vertraglich absichern zu können. Die Ausschussanhörungen haben die Komplexität und Solidität des gesamten Vertragspakets deutlich gezeigt. Daher möchte auch ich an dieser Stelle unserem Projektkoordinator, Herrn Wegener, und seinem Team mit dem Projektleiter, Herrn Leutner, herzlich für die erfolgreiche Arbeit der letzten Monate danken.
Wir haben nun ein Vertragswerk, das vorbehaltlich Ihrer Zustimmung dazu führen wird, dass die Stadt Hamburg im Sommer 2010 die Elbphilharmonie mit einem fulminanten Festival eröffnen kann und im Herbst 2010 den regulären Spielbetrieb aufnehmen wird.
Ich möchte an dieser Stelle nicht verschweigen, dass auch ich über die deutlichen Mehrkosten gegenüber der Machbarkeitsstudie zunächst verunsichert war. Wir haben dann intern und anschließend in den Ausschüssen die Ursachen und Gründe für diese Kostensteigerung analysiert und Ihnen dargelegt. Neben den Mehrkosten für die nunmehr einschalige Fassade und den allgemeinen Baukostensteigerungen in den letzten 18 Monaten begründen auch die Erhöhung des Bausolls und die Weiterentwicklung der Nutzung den Anstieg der Kosten. Wir haben – darüber bin ich als Kultursenatorin natürlich sehr glücklich – das Projekt in einem wesentlichen Punkt weiterentwickeln können. Es ist uns gelungen, im alten Kaispeicher einen großzügigen musikpädagogischen Bereich mit einem neuen dritten Saal zu gestalten. Wir haben darin einen Wunsch der Hamburger Bürgerschaft aufgenommen und zugleich – und dies ist entscheidend – einen weiteren Grundstein dafür gelegt, dass dieses Haus ein Haus für alle Hamburger und insbesondere für Kinder und Jugendliche sein wird.