Protokoll der Sitzung vom 21.04.2005

Dann steigt man zwangsläufig in eine Qualitätsdebatte. Aber Qualität werden Sie nicht über die Köpfe der Akteure hinweg machen können. Qualität beginnt nämlich in den Köpfen. Ein positives Klima für Qualität ist notwendig. Das schafft Ermutigung, Motivation, die gebraucht wird, um sich der gestellten Aufgaben in der Schule auch annehmen zu können.

Meine Damen und Herren, in Afrika sagt man, so habe ich es gelesen: Ein ganzes Dorf erzieht ein Kind. Hier wird der ganzheitliche Ansatz von Bildung und Erziehung auf den Punkt gebracht. Es zeigt, wie viele Akteure an Bildung und Erziehung beteiligt sind. Bei uns würde man sagen: Verantwortlichkeit für eine gute Schule verteilt sich auf viele Schultern, auf die Politiker und Behörden, die gute Gesetze machen sollen, finanzielle Ressourcen bereitstellen, Lehrer, die die nötigen fachlichen, pädagogischen, mittlerweile sonderpädagogischen und psychologischen Kompetenzen mitbringen müssen – darunter fällt für mich auch die persönliche Eignung –, die Eltern, die Vertrauen in ein Bildungssystem haben müssen, das sie kennen, das sie vielleicht auch mal länger als zwei Jahre kennen lernen durften, so dass dann eine gewisse Kooperationsbereitschaft vorausgesetzt werden kann. Schüler sollen Neugier, Lernfreude, Lern- und Anstrengungsbereitschaft mitbringen können.

Und da bin ich mal bei einem Einzelbeispiel, Herr Bluhm. Ich habe Anrufe gekriegt von zwei Müttern. Die haben ernsthaft in Erwägung gezogen, ihr Kind jetzt von der Klasse 3 in die 4 umzuschulen, damit sie dann noch in die 5. Klasse aufs Gymnasium gehen können und nicht weitere zwei Jahre warten müssen.

(Wolfgang Riemann, CDU: Frau Gramkows Kinder waren ja auf der Privatschule.)

Das wollen die Eltern ihren Kindern nicht antun, die davon überzeugt sind, dass ihr Kind ein guter Schüler ist.

(Heike Polzin, SPD: Ich weiß gar nicht, wie die das alle miteinander in der Grundschule aushalten.)

(Heike Polzin, SPD: Vier Jahre sind ja schon Stress!)

Sie haben anscheinend Studien gelesen.

(Andreas Bluhm, PDS: Haben Sie denen zu- oder abgeraten?)

Sie haben wahrscheinlich nicht gelesen – in den schriftlichen Stellungnahmen von Herrn Professor Perleth ist das nachzulesen –, dass durchaus die Behauptung, dass erst nach vielen Jahren gemeinsamen Lernens eine bessere Diagnosefähigkeit hinsichtlich der künftigen Schullaufbahnentscheidung möglich ist, gar nicht wahr ist. Nach vier Jahren ist ein Kind noch hoch motiviert. Mutti kann sagen, streng dich mal an, damit du aufs Gymnasium kannst. Zwei Jahre weiter, nach Klasse 6, spielen viele verschiedene Gründe wie Pubertät, Gleichaltrigeneinflüsse und so weiter eine Rolle und die Motivation sinkt. Wenn Sie das wollen, bitte. Aber, Herr Bluhm, wir haben nicht am dreigliedrigen Schulsystem geklebt, so, wie Sie es uns

immer unterstellen. Wir haben die regionale Schule mitgetragen.

(Heike Polzin, SPD: Nee! – Angelika Gramkow, PDS: Das ist doch gar nicht wahr.)

Wir tragen die regionale Schule,

(Angelika Gramkow, PDS: Offensichtlich waren Sie nicht dabei.)

im Gegenteil – ich glaube, ich habe das hier schon mal gesagt –,

(Zuruf von Heike Polzin, SPD)

wir verteidigen sie sogar vor Ihren neuen Angriffen in diesen ständigen Systemdebatten.

(Heiterkeit bei Angelika Gramkow, PDS – Heike Polzin, SPD: Ja jetzt! Im Nachhinein, Frau Fiedler. – Angelika Gramkow, PDS: Na gut, das kann Sie ja nicht wissen.)

Sie laufen durchs Land, Frau Polzin, Sie laufen durchs Land und versuchen, dieses Modell – und ich habe schon den Eindruck, dass es Ihnen auch in gewisser Weise hauptsächlich darum geht –, dieses Schulmodell zu etablieren,

(Wolfgang Riemann, CDU: Und zu sparen!)

und werfen mit Legenden um sich.

(Zurufe von Heike Polzin, SPD, und Volker Schlotmann, SPD)

Legenden zum längeren gemeinsamen Lernen als Allheilmittel für alles. Sie haben es ja selbst gesagt.

(Andreas Bluhm, PDS: Nicht als Allheilmittel für alles.)

Internationale Studien belegen, dass die Länder, wo Schüler länger gemeinsam lernen, auch die besseren Lernergebnisse aufweisen.

(Andreas Bluhm, PDS: Haben sie.)

Ich denke, die PISA-Studie gibt das nicht her.

(Andreas Bluhm, PDS: Und sie haben eine höhere soziale Gerechtigkeit in ihrem Bildungssystem. – Zuruf von Heike Polzin, SPD)

Selbst der Herr Professor Prüß, der dieses Modell sicher mitträgt und sogar forcieren würde, hat gesagt, man darf nicht nur die Ausbildung sozialer Kompetenzen im Auge haben.

(Andreas Bluhm, PDS: Richtig. – Angelika Gramkow, PDS: Das haben wir ja auch nicht.)

Die bloße Aufsetzung zusätzlicher Förderstunden reicht in integrierten Systemen nicht aus,

(Beifall bei einzelnen Abgeordneten der CDU)

aber Ihr Gesetzentwurf lässt keine andere Aussage zu als zusätzliches Aufsetzen von Förderstunden.

(Wolf-Dieter Ringguth, CDU: Die Leistungsgesellschaft braucht Leistung.)

Ihr Professor Prüß, den Sie in die Anhörung geholt haben, hat das schriftlich in seiner Stellungnahme ver

merkt. Legenden – ich weiß nicht, wie viel Redezeit ich noch habe –,

(Zuruf von Andreas Bluhm, PDS)

längeres gemeinsames Lernen als Allheilmittel, viele Dinge haben sich ja mittlerweile herumgesprochen. Das längere gemeinsame Lernen ist nicht länger gemeinsam. Mehrere Brüche für die Kinder, die den gymnasialen Bildungsgang wählen, sind vorprogrammiert. Ich weiß nicht, warum Sie immer diese Gruppe angreifen. Es scheint wirklich rote Bildungspolitik zu sein, die gymnasialen Bildungsgänge kaputtzumachen.

(Angelika Gramkow, PDS: Das ist doch Unsinn!)

Neue Lerngruppen, neue Schulwege stehen für diese Kinder an.

(Regine Lück, PDS: Auf jeden Fall ist das nicht sehr sachlich.)

Im günstigsten Fall sind es zwei Brüche. Im ungünstigsten Teil können es sogar vier sein, Frau Gramkow, zählen Sie mal genau nach.

(Angelika Gramkow, PDS: Sie haben gesagt, wir würden die gymnasiale Oberstufe angreifen, und das stimmt nicht!)

(Angelika Gramkow, PDS: Bleiben Sie sachlich!)

Gehen Sie in die Anhörung!

(Zuruf von Angelika Gramkow, PDS)

Hören Sie sich mal die Gymnasialschulverbände an!

(Angelika Gramkow, PDS: Ich war in der Anhörung im Gegensatz zu Ihnen.)

Hören Sie sich die Gymnasialschulverbände an, und sie werden Ihnen sagen, Sie greifen ein Erfolgsmodell, die Gymnasien, an.