Protokoll der Sitzung vom 14.04.2011

3. Welche Maßnahmen zur Suchtprävention mit Blick auf Alkoholkonsum und Frauen sind in Niedersachsen bereits realisiert, und welche Initiativen plant die Landesregierung, um dem zu begegnen?

Ziel der Suchtprävention ist es, dazu beizutragen, gesunde Lebensbedingungen zu schaffen und einen gesunden Lebensstil zu fördern. Die gesamtgesellschaftliche Verantwortung zur Prävention des Suchtmittelgebrauchs und -missbrauchs und die damit verbundenen Risiken sollen in das öffentliche Bewusstsein gebracht werden. Jeder Mensch sollte sich vor den negativen Einflüssen von Suchtmitteln hinreichend schützen können.

Suchtprävention ist eine Querschnittsaufgabe und Thema in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Dies vorausgeschickt, beantworte ich die Fragen namens der Landesregierung wie folgt:

Zu 1 und 2: Laut Drogen- und Suchtbericht 2009 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung herrscht in der Gesellschaft eine weit verbreitete unkritisch positive Einstellung zum Alkohol, obwohl der Konsum von Alkohol einer der wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Krankheit und frühzeitige Sterblichkeit darstellt. Im Rahmen ihrer Schätzung zur weltweiten Morbiditäts- und Mortalitätsbelastung berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die legalen Substanzen Tabak und Alkohol zu den wichtigsten gesundheitlichen Risikofaktoren gehören, die 3,7 % bzw. 4,4 % aller durch Krankheit verlorenen Lebensjahre verursachen. Neben der individuellen Belastung durch Krankheiten und vorzeitigen Tod ist der Konsum von Alkohol und Tabak mit beträchtlichen gesellschaftlichen Konsequenzen und hohen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden.5 Allein für Alkohol werden die Gesamtfolgekosten für die Gesellschaft

5 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) - Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. (Dg- Sucht) (Hg.) (2010): Sucht, Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis, Epidemiologischer Suchtsurvey 2009 (ESA 2009), S. 328 ff.

in Deutschland jährlich auf 24 Milliarden Euro geschätzt.6

Der Verbrauch von reinem Alkohol pro Einwohner pro Jahr in Deutschland ist von 1995 bis 2008 rückläufig (11,1 l auf 9,9 l).7 Laut Drogen- und Suchtbericht 2009 konsumieren in Deutschland aber weiterhin 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Ein riskanter Alkoholkonsum liegt vor, wenn die Aufnahme von Reinalkohol pro Tag für Frauen mehr als 12 g, für Männer mehr als 24 g beträgt. Werte darunter gelten als risikoarmer Konsum. Etwa 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig.8

Die in der Anfrage zitierte Studie des Robert-KochInstituts (RKI) geht auf eine Erhebung in 2003/2004 zurück. Im Rahmen einer Gesundheitsbefragung wurden auch Fragen zum Alkoholkonsum gestellt und ebenfalls Daten zu Beruf, Bildung und zum Nettofamilieneinkommen erhoben.9 Vor dem Hintergrund dieser Daten postuliert das RKI, dass Frauen mit einem höheren sozioökonomischen Status mehr Alkohol trinken als Frauen mit einem geringeren. Der Befragung liegt eine Selbsteinschätzung in nicht klar abgegrenzten Kategorien des Trinkverhaltens zugrunde. Sie ist deshalb nur vorsichtig zu interpretieren.

Der Epidemiologische Suchtsurvey 2009 (ESA 2009), der den Konsum und den Missbrauch von psychoaktiven Substanzen (Alkohol, Tabak, Medi- kamente, illegale Drogen) in der deutschen Allgemeinbevölkerung (Altergruppe 18. bis 64. Lebensjahr ) in einem methodisch standardisierten Verfahren in regelmäßigen zeitlichen Abständen erhebt, stellt fest, dass 16,5 % der befragten Bevölkerung einen riskanten Alkoholkonsum betreiben; dabei ist der Anteil der Männer mit 18,5 % deutlich höher als der Anteil der Frauen mit 14,3 %. Auch bei der Frage zum Rauschtrinken (d. h. an 4 und mehr Tagen in den letzten 30 Ta- gen 5 und mehr Gläser Alkohol bei einer Gelegen- heit) liegt der Anteil der Männer mit 18,2 % deutlich über dem der Frauen mit 5,6 % (laut ESA, Sei- te 331).

6 A. a. O., S. 328, sowie LT-Drs. 15/4383 Unterrichtung Suchtprävention vom 23.01.2008, Kapitel II.2.1 Alkohol. 7 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) (Hg.)(2010): Jahrbuch Sucht 10, Neuland Verlag, Geesthacht, S. 7, 21. 8 Siehe hierzu a. a. O., Drogen- und Suchtbericht 2009, S. 39 ff. Hier wird auf Schätzungen auf den Epidemiologischen Suchtsurvey 2006 Bezug genommen. Diese Schätzungen schwanken je nach Jahr der Auswertung und Forschungsquelle. 9 2008: Suchtprävention in Niedersachsen, S. 31 ff.des Nds. Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit

Darüber hinaus schwanken die Konsumprävalenzen über die verschiedenen Altersgruppen. Während risikoarmer Konsum in den mittleren Altersgruppen (21. bis 49. Lebensjahr) häufiger vorkommt, zeigen die jüngste (18. bis 20. Lebensjahr) sowie die zwei ältesten Altersgruppen (50. bis 59. und 60. bis 64. Lebensjahr) verstärkt einen riskanten Konsum. Mit zunehmendem Alter nimmt die Prävalenz des Rauschtrinkens aber erheblich ab.

In der ESA-Studie 2009 (Seite 341) werden auch Trenddaten zum Alkoholkonsum bei Erwachsenen für 1995, 1997, 2000, 2003, 2006 und 2009 ausgewiesen. Danach hat die Prävalenz für Abstinenz und risikoarmen Konsum von Alkohol leicht zugenommen, die Prävalenz von riskantem Konsum leicht abgenommen. Eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen findet sich an dieser Stelle nicht. Grundsätzlich sind der Alkoholmissbrauch und die Alkoholabhängigkeit ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches deutlich häufiger Männer betrifft.

Es wird im Kontext mit medizinischer Behandlung geschätzt, dass 3,8 % der deutschen Bevölkerung (6,4 % Männer, 1,2 % Frauen) innerhalb von zwölf Monaten wegen des Missbrauchs von Alkohol und weitere 2,4 % (3,4 % Männer, 1,4 % Frauen) wegen einer Abhängigkeit von Alkohol in Behandlung waren. Im Geschlechtervergleich sind somit prozentual deutlich mehr Männer als Frauen hiervon betroffen (siehe Fußnote 3, hier Seite 10).

Für Niedersachsen liegen keine eigenen statistischen Daten zum Konsum von Alkohol vor. Die Daten des Bundes können auf die Bevölkerung Niedersachsens umgerechnet werden.10 Es ist davon auszugehen, dass mehr als 0,5 Millionen Menschen in Niedersachsen einen riskanten Alkoholkonsum betreiben. Bei ca. 100 000 bis 120 000 Menschen ist von einer Alkoholabhängigkeit auszugehen, dabei liegt das Geschlechterverhältnis Frauen/Männer bei 2 : 5.

In der Erforschung von Ursachen und Handlungsnotwendigkeiten ist die geschlechterspezifische Betrachtung etabliert. Das Problem des Alkoholmissbrauchs von Frauen mit dem Fokus auf Frauen in Führungspositionen ist nicht abschließend erforscht. Zurzeit unterstützt das BMG deshalb ein Forschungsvorhaben an der Leibniz Universität Hannover, Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaften, zum Thema „Die Rolle des riskanten Alkoholkonsums im Stressbewältigungsverhalten

von weiblichen Fach- und Führungskräften“. Abschließende Ergebnisse liegen noch nicht vor. Dieses Forschungsvorhaben wird vom Land Niedersachsen grundsätzlich begrüßt.

Geschlechtsspezifische Hinweise auf die Problematik des Alkoholmissbrauchs und der Alkholabhängigkeit für Niedersachsen geben auch die Krankenhausbehandlungsstatistiken für Niedersachsen. Die Diagnose „Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol“ (ICD-GM F 10) ist in Niedersachsen im Jahre 2009 die häufigste Behandlungsdiagnose überhaupt. Bei Männern steht sie an erster Stelle aller Diagnosen der stationär behandelten Patienten, bei Frauen an dreizehnter Stelle. Es wurden im Jahre 2009 34 848 Patientinnen und Patienten mit einer alkoholbezogenen Diagnose in ein Krankenhaus der Akutversorgung in Niedersachsen eingewiesen. Hiervon waren 25 557 (73,3 %) Männer und 9 291 (26,7 %) Frauen.11 Männer sind deutlich häufiger von Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit betroffen als Frauen.

Folgende Tabelle gibt für die Jahre 2007, 2008 und 2009 die Anzahl der stationären Behandlungen (mit Wohnsitz in Niedersachsen), nach Geschlechtern getrennt, in Altersgruppen unterteilt für die Diagnose „Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol“, sowohl in absoluten als auch Prozentzahlen wieder.

Zu 3: Die Landesregierung hat ihr Gesamtkonzept zur Suchtprävention für das Land Niedersachsen im Bericht zur Landtagsentschließung „Suchtprävention“ (LT-Drs. 15/4383) im Frühjahr 2008 vorgestellt. Die Abstimmung von gemeinsamen Zielen in der Suchtprävention und die Ausrichtung der Aktivitäten an diesen Zielen waren und sind der Kern des interministeriellen Suchtpräventionskonzepts.

Einrichtungen des Landes, kommunale Stellen und Verbände wirken in konkreten Projekten und bei Maßnahmen eng zusammen. Die Kooperation der beteiligten Stellen und die Koordination der Aktivitäten erfordern eine intensive Netzwerkarbeit im Rahmen der gesetzlichen Grundlagen und Zuständigkeiten.

10 Da es sich immer um Schätzzahlen handelt, ist eine Interpretation nur mit diesem Hinweis möglich. 11 Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN): Diagnosedaten der Krankenhäuser in Niedersachsen 2009

Die Fachstellen für Sucht und Suchtprävention in Niedersachsen arbeiten in der Regel nachfragebezogen und greifen das Thema „Frauen und Alkohol“ daher immer wieder auf.

Nach Auskunft der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen wurden flächendeckend in Niedersachsen im letzten Jahr 95 Maßnahmen, bezogen auf diese Klientel, durchgeführt. 1 948 Frauen wurden damit erreicht, die sich in Workshops, Seminaren, Fortbildungseinheiten oder in der Beratung mit diesem Thema auseinandergesetzt haben.

Die XVIII. Suchtkonferenz 2008 in Niedersachsen hatte sich bereits mit dem Thema „Geschlechtergerechte Ansätze in Suchtarbeit und -prävention“ befasst.

Auf der Suchtkonferenz wurde diskutiert, ob die geschlechtsspezifischen biologisch-genetischen Unterschiede oder die soziokulturellen Prägungen im Fokus der Betrachtung stehen, wie deren Wechselwirkungen sind und welche Auswirkungen dies dann wiederum auf eine effektive Ausgestaltung von Suchtprävention, -beratung und -therapie hat. Dazu tragen vor allem Maßnahmen der Qualitätssicherung bei, die zur Durchsetzung von Standards und zur Überprüfung der eigenen Arbeit entwickelt wurden. Sie können helfen, die Zielgruppen, die Prozessabläufe und die strukturellen Voraussetzungen systematisch zu analysieren und Schlüsse für die Maßnahmenentwicklung daraus zu ziehen. Der geschlechtergerechte Ansatz selbst verbessert den Zugang zum Hilfesystem und erhöht die Wirksamkeit der Behandlung sowohl für Frauen als auch für Männer in der Sucht.

Tabelle zu 1 und 2:

2007 • 2008 • 2009 • •

• Alter o b

l.

l wei b Gesch l

nnl e

beide Gesch l.

• Diagn se • Gesch

eide • männ. • bl. • eide

• mä. • w ibl. •

• Fälle • Fälle • Fälle • Fälle Fälle • Fälle • Fälle • •

• F10 1. • 85.48 3 • 8.0

35.240 • 3 669 23.1 • 8 4 • 4.303