Protokoll der Sitzung vom 29.06.2011

(Christian Dürr [FDP]: Bisher war das eine fantastische Rede, Frau Heili- genstadt!)

weil er mit über 50 000 Abiturientinnen und Abiturienten zahlenmäßig stark ist. Und es ist ein starker Jahrgang, weil insbesondere die Abiturienten des ersten G8-Jahrgangs außerordentliche Leistungen erbracht haben. Dass sie die Anforderungen so erfolgreich gemeistert haben,

(Christian Dürr [FDP]: Liegt an dieser Landesregierung!)

ist in den allermeisten Fällen und in erster Linie den guten Teams und an Schule Tätigen zu verdanken. Wir sagen hier ein ganz herzliches Dankeschön für diese Leistungen.

(Lebhafter Beifall)

Zu verdanken ist das aber auch den Elternhäusern, den vielen Freunden und Bekannten und natürlich den Abiturientinnen und Abiturienten selbst.

Meine Damen und Herren, es besteht wahrlich kein Anlass, hier dafür, wie Herr Klare es am Anfang getan hat, hier eine Feierstunde für die Landesregierung oder gar für den Kultusminister zu veranstalten.

(Christian Dürr [FDP]: Jetzt wird es inhaltlich wieder schwach!)

Nein, meine Damen und Herren, dieser Jahrgang hat nicht durch Ihre Politik starke Leistungen erbracht, sondern dieser Jahrgang hat trotz Ihrer Bildungspolitik starke Leistungen erbracht.

(Beifall bei der SPD - Widerspruch bei der CDU)

Wir werden noch ganz genau zu analysieren haben, wie viele wegen des überstürzt eingeführten Abiturs nach acht Jahren in Niedersachsen auf der Strecke geblieben sind,

(Reinhold Coenen [CDU]: Wegen der SPD!)

wie viele Schülerinnen und Schüler eine andere Schule aufgesucht haben und wie viele Schülerinnen und Schüler freiwillig oder gezwungenermaßen die Klassen wiederholt haben oder früher abgegangen sind, weil sie sich diesem Stress des Abiturs nach acht Jahren einfach nicht aussetzen wollten.

(Zustimmung bei der SPD)

Da hilft es auch nicht, meine Damen und Herren, dass Sie jetzt versuchen, einen Erfolg zu konstruieren, indem Sie Durchschnittsnoten der Jahrgänge miteinander vergleichen.

(Karl-Heinz Klare [CDU]: Wie machen Sie das denn?)

Wichtig ist doch vielmehr, wie diese Absolventinnen und Absolventen dann an den Universitäten, in den Betrieben und in ihrem Leben mit dem erworbenen Wissen klarkommen und wie es ihnen tatsächlich während ihrer Zeit bis zum Abitur ergangen ist.

(Beifall bei der SPD - Jens Nacke [CDU]: Ich hätte Sie einmal hören wol- len, wenn es anders gewesen wäre, Frau Kollegin! Das ist ja ein lustiger Vortrag!)

Während die G9-Jahrgänge z. B. durchaus kritisch und auch mal gern gegen den Strich bürstend im Unterricht agiert haben, war es laut Aussagen vieler Lehrkräfte bei den Abiturientinnen und Abiturienten nach G8 so, dass sie stur Stoff reinpauken mussten. Es war keine Zeit für kritisches Hinterfragen, weil sie sich diesem Diktat des G8 beugen mussten, meine Damen und Herren.

(Beifall bei der SPD - Kreszentia Flauger [LINKE]: Das ist auch nicht gesund!)

Hinzu kommen die Auswirkungen auf die Familien. Herr Nacke, unterhalten Sie sich einmal mit den Familien, die ihre Familienplanung im weitesten Sinne, was Freizeit und Sonstiges angeht, immer dem Diktat des G8 unterordnen mussten!

(Karl-Heinz Klare [CDU]: Wer hat Ih- nen das aufgeschrieben? - Unruhe - Glocke des Präsidenten)

Ich möchte aber an dieser Stelle auch nicht versäumen, einmal den anderen Schülerinnen und Schülern in Niedersachsen, die die Realschulen, die Hauptschulen, die Förderschulen und die Gesamtschulen erfolgreich verlassen haben, zu ihren Abschlüssen zu gratulieren.

(Beifall bei der SPD)

Ein Grund zum Feiern sind die Leistungen der Jugendlichen und der Schulen allemal. Ein Grund zum Feiern ist die Politik dieser Landesregierung aber nicht.

Es bleiben weitere Baustellen. Es bleibt die stressige Situation des G8 an den Gymnasien. Es bleiben die ungeklärten Ganztagsschulverträge. Es bleiben die ungeklärten Fragen bezüglich der Verwaltungsleitung an den berufsbildenden Schulen. Es bleibt die Ankündigung des Ministers, kleinere Klassen an den Gymnasien und Realschulen einzuführen. Bis heute liegt dazu kein Erlass vor.

(Minister Dr. Bernd Althusmann: Doch, der liegt vor! Sie haben ihn nur noch nicht zur Kenntnis genommen!)

Es bleibt bei den Problemen für die neuen Integrierten Gesamtschulen ohne ausreichenden Ganztagszuschlag. Es bleibt bei der nicht gelösten Jahrzehntaufgabe Inklusion.

Meine Damen und Herren, die Abiturientinnen und Abiturienten haben ihre Prüfungen bestanden. Diese Landesregierung hat die Prüfung in der Bildungspolitik definitiv nicht bestanden!

(Lebhafter Beifall bei der SPD und Zustimmung bei den GRÜNEN)

Ich erteile der Kollegin Reichwaldt das Wort.

(Karl-Heinz Klare [CDU]: Frau Reich- waldt, „verlorene Kindheit“ war ges- tern bei Ihnen das Wort!)

Ja, jetzt kommt noch mehr, Herr Klare!

Das Wort hat jetzt die Kollegin!

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „Doppelabitur 2011: Ein starker Jahrgang mit starken Chancen“ lautet der Titel dieser Aktuellen Stunde.

Ich wiederhole erst einmal die herzliche Gratulation an alle Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs.

(Karl-Heinz Klare [CDU]: Das habe ich doch schon gesagt!)

Das Doppelabitur liegt gerade hinter uns. Das ist unbestritten. Den starken Jahrgang und die starken Chancen möchte ich aber gerne hinterfragen.

Zahlenmäßig ist dieser doppelte Abiturjahrgang stark ausgedünnt worden. Man könnte sogar von einer Flucht aus dem Turboabitur reden. Nehmen

wir das Graf-Stauffenberg-Gymnasium Osnabrück: jedes Jahr 120 Abiturienten, so auch ein Jahrgang, der in diesem Jahr mit dem Abitur die Schule verlässt. Der Turbojahrgang hat weniger als die Hälfte, nämlich gerade einmal 51 Schülerinnen und Schüler.

(Aha! Bei der LINKEN)

Am Gymnasium Goetheschule Hannover: 30 % Wiederholung im ersten Turbojahr. Insgesamt: 27 000 Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 13, 23 000 Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 12 und 30 000 Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 11, also etwa ein Drittel mehr als im ersten Turbojahr.

Was bleibt also vom starken Jahrgang mit starken Chancen übrig? - Zahlenmäßig ist dieser Jahrgang gar nicht stark. Ganz im Gegenteil, er ist so dünn wie schon lange nicht mehr.

(Zustimmung von Ina Korter [GRÜ- NE])

Eines stimmt aber: Die Leistungsstarken haben es in zwölf Jahren geschafft. Diejenigen, die einen Großteil ihrer Freizeit drangegeben haben, haben es geschafft. Diejenigen, die Unterstützung von ihren Eltern und aus ihrem Umfeld hatten, haben es geschafft.

Eine solche Sortierung ist aber nicht richtig.

(Beifall bei der LINKEN und Zustim- mung bei den GRÜNEN)

Wir müssen Schülerinnen und Schülern mehr Zeit für das Lernen und mehr Zeit für die persönliche Entwicklung geben; kurz: mehr Zeit bis zum Abitur. Denn eine Schule, die nur das Reinpauken von Wissen vermittelt bzw. vermitteln muss, ist keine erfolgreiche Schule. Später in der Ausbildung, im Studium und im Beruf ist mehr gefragt als die reine Wiedergabe von Angelerntem.

(Beifall bei der LINKEN und Zustim- mung bei den GRÜNEN)

Zahlreiche Studien zeigen auch, dass Turbolernen zu keinen Turboergebnissen führt. Es wäre interessant, in einigen Jahren zu untersuchen, welcher der beiden Jahrgänge sich als erfolgreicher erweist. Schülerinnen und Schüler brauchen Zeit für Bildung und für Persönlichkeitsentwicklung. Wir dürfen ihnen durch das Turboabitur nicht ihre Freizeit rauben. Wir sprechen hier nicht über Lernmaschinen, sondern über junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

(Beifall bei der LINKEN)