Es geht uns auch nicht um den traditionellen Theater- und Konzertbesuch, der den jeweiligen Unterricht weiterhin ergänzen mag.
Wir wollen etwas anderes. Wir wollen die unterschiedlichen Kunstformen in all ihrer manchmal vorhandenen Sperrigkeit für die Erziehung und für die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen nutzbar machen. Das, was wir vorhaben, soll Unterricht in anderer Form sein, soll aber den Unterricht nicht ersetzen, sondern soll ihn ergänzen und den Kindern und Jugendlichen neue Dimensionen erschließen.
Viele von Ihnen kennen, um ein berühmtes Beispiel zu nennen, Royston Muldoons großartige Projekte, zuletzt in Marl zu bewundern. Sie kennen den Film „Rhythm is it“. Dort wird klar, dass das Ergebnis nicht das Wesentliche eines künstlerischen Projektes ist. Das Wesentliche ist die Weiterentwicklung der Persönlichkeit der jungen Leute, die an diesem Projekt teilnehmen. Kunst ist nicht irgendeine beliebige vorführbare Nettigkeit; sie ist harte Arbeit, erfordert Disziplin und zwingt zur Kooperation. Das klingt wie Einschränkung, in Wirklichkeit aber bringt es mehr, nämlich eine neue Stufe der Selbstverwirklichung.
Es gibt zahlreiche Ansätze in unserem Land, an die sich anknüpfen lässt. Ich verweise auf die Projektlisten der regionalen Kulturpolitik und der beiden Kultursekretariate. Unser Antrag wertet diese Angebote auf und zeigt Wege, wie sie in einem größeren Umfang als bisher in den Schulen nutzbar gemacht werden können.
Solche Kunstprojekte nützen nicht nur den Schulen und den jungen Menschen, sie nützen letztlich auch der Kunst, denn sie zeigen einer immer
kunstfeindlicher werdenden Öffentlichkeit, dass Kunst nicht nur die Sahne ist, die man dem gebackenen Kuchen unserer Gesellschaft je nach Geld und Geschmack beifügen kann; sie belegen vielmehr, dass die Kunst die Hefe ist, ohne die eine lebenswerte Gesellschaft gar nicht werden kann. Es wäre deshalb gut für alle, wenn es uns gelänge, ein wenig von dieser Hefe schon in den Schulen anzusetzen. – Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
Vielen Dank, Herr Abgeordneter Solf. – Für die zweite antragstellende Fraktion spricht Frau Freimuth.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Kulturelle Bildung ist wesentliches Fundament für die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen. Es gibt kaum einen besseren Weg, jungen Menschen wichtige Schlüsselqualifikationen und Schlüsselkompetenzen wie Kreativität, Teamfähigkeit, Flexibilität, Leistungsbereitschaft und Toleranz zu vermitteln als über Kultur. Nur wer Kunst und Kultur aktiv wie passiv in seinem Leben erfahren hat, wird Zeit seines Lebens Akteur oder Genießer oder beides der kulturellen Vielfalt unseres Landes Nordrhein-Westfalen sein können.
In den Zeiten von Pisa und Iglu hat sich die FDP insbesondere dafür eingesetzt und wird sie sich dafür einsetzen, dass die musisch-kulturelle Grundbildung unserer Kinder und Jugendlichen nicht auf der Strecke bleibt. Sie kann entscheidend dazu beitragen, die mehr und mehr in einer durch nüchterne Daten, Zahlen und Fakten geprägten Welt lebenden jungen Menschen tatsächlich neugierig und fit dafür zu machen, den Schritt in die kreative, kommunikative, phantasievolle, erlebnisreiche Welt der Kultur zu wagen.
An dieser Stelle darf ich daran erinnern, dass unter der rot-grünen Landesregierung gerade künstlerische Fächer massiv unter dem Unterrichtsausfall und Fachlehrermangel gelitten haben. Wir erinnern daran, dass zeitweise 80 % des Musikunterrichts an Grundschulen fachfremd unterrichtet wurden. Auch an den weiterführenden Schulen gab es bei den künstlerischen Fächern nahezu keine Kontinuität mehr. Wir haben das an verschiedenen Stellen, auch über alle Fraktionen hinweg, bedauert.
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, gemeinsam mit der CDU werden wir künstlerischen und kulturellen Fächern wieder mehr Bedeutung beimessen und auch neue
Die Stärkung der kulturellen Bildung sollte sich zum Beispiel nicht auf vermehrte Angebote an Ganztagsschulen sowie auf die Primar- und Sekundarstufe I beschränken. Wir wollen auch klassen- und jahrgangsübergreifende Aktivitäten. Arbeitsgruppen zu Musik, Theater, Tanz und bildender Kunst sind ebenfalls wünschenswert.
Zur Verankerung der künstlerisch-kulturellen Bildung in allen Schulen setzen wir uns für eine gute Vernetzung und Zusammenarbeit auch zwischen den mit der Thematik befassten Ministerien ein. Das sollte nicht nur auf der ministerialen Ebene bleiben, sondern wir wollen auch die kommunale Ebene, die allgemeinbildenden Schulen und Kindergärten, die vorschulischen Bildungseinrichtungen insgesamt, die Musik- und Jugendkunstschulen sowie natürlich die Künstlerinnen und Künstler höchstselbst einbeziehen.
Ich freue mich, dass der Entschließungsantrag, den die Kolleginnen und Kollegen von der SPD heute gestellt haben, ebenfalls in diese Richtung geht. Das lässt mich hoffen, dass wir in den Beratungen im Kulturausschuss sowie im Ausschuss für Schule und Weiterbildung ergebnisorientierte Diskussionen haben werden. Ich freue mich darauf im Ausschuss. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Solf hat mich bei seiner Rede ein bisschen erstaunt. Sie erinnerte mich manchmal ein wenig an die 50er-JahreAnweisungen „Wie erziehe ich mein Kind?“. Aber lassen wir das einmal weg und kommen zum Antrag.
Dieser Antrag der Koalitionsfraktionen ist eine Initiative, die man eigentlich nicht ablehnen kann; ich sage das ganz offen. Er ist sehr allgemein gehalten, was sowieso die Zustimmung einfacher macht. Er betrifft aber auch ein Thema, bei dem wir im Kulturausschuss wohl einen breiten Konsens finden werden. Insoweit hätten wir ihn auch durchwinken können.
Wir haben uns über den Antrag der Koalitionsfraktionen auch deshalb gefreut, weil die CDU und die FDP jetzt offensichtlich die kulturelle Bildung in Schulen als einen Schwerpunkt entdeckt haben; denn wir glauben im Gegensatz zu dem, was Frau Freimuth eben gesagt hat, dass das auch eine Fortsetzung begonnener Arbeit der alten Landesregierung und der sie tragenden Fraktionen ist. Meiner Meinung nach muss das Thema kulturelle Bildung wegen der Einrichtung offener Ganztagsschulen unter einem ganz neuen Blickwinkel gesehen werden. Wir haben durch die Öffnung der Ganztagsschulen eine Zusammenarbeit zwischen Kulturschaffenden, Musikschulen, Kunsthochschulen und anderen Sparten der kulturellen und künstlerischen Betätigung sowie der Schule initiiert, die Grundlage und Ansatzpunkt auch für die zukünftige Beratung und für den weiteren Weg sein kann, den wir bei diesem Thema gehen wollen. Insoweit setzen Sie endlich und Gott sei Dank das fort, was von uns begonnen worden ist. Insofern werden Sie uns auch an Ihrer Seite finden.
In unserem Entschließungsantrag machen wir noch einmal deutlich, dass wir ein Stück weiter gehen wollen: Es geht eben nicht nur um Schule als den zentralen Ort, sondern auch um die Frage kultureller Bildung in Kindergärten, in Jugendfreizeiteinrichtungen und in der Weiterbildung. Das ist ein etwas breiterer Ansatz als nur die Verengung auf das Thema Schule.
Das Zweite ist: Wir wollen noch einen besonderen Akzent setzen. Wir sehen in der kulturellen Bildung nämlich einen ganz deutlichen integrativen Ansatz, das heißt Gestaltungs- und Ausdrucksformen auch für diejenigen, die möglicherweise in dieser Gesellschaft etwas größere Probleme haben oder auch mit einem Migrationshintergrund unter uns leben. Hier könnte kulturelle Bildung auch dazu beitragen, Grenzen zu überwinden.
Wir meinen ebenso, dass es bei der kulturellen Bildung nicht nur um die Frage der Ausbildung in Künsten geht; darum geht es auch. Es ist die berühmte Jauch-Frage: Wer war Goethe? Wir erwarten natürlich, dass sich Kinder und Jugendliche im Bereich Musik auskennen und wissen, wer Beethoven war und was er für eine Musik komponiert hat, und dass sie vielleicht einen Picasso von einem Kandinsky unterscheiden können. Wir sehen es aber nicht nur unter diesem Aspekt. Ich glaube, es wäre eine Verengung, kulturelle Bildung unter einem bildungsbürgerlichen Ansatz zu sehen.
Wir meinen, kulturelle Bildung ist auch persönlichkeitsbildend. Das heißt, Kinder und Jugendliche sollten auch an das herangeführt werden, was wir mit dem Begriff „selber machen“ bezeichnen. Und das betrifft eben auch in ihrem Antrag genannte Einrichtungen wie zum Beispiel Musikschulen, kreative Schreibwerkstätten, die es in unserem Land schon gibt, Jugendkunstschulen und Ähnliches. Sie könnten da unterstützen oder müssten in eine Kooperation mit Schule, Kindergarten und Jugendfreizeiteinrichtungen kommen.
Zum Schluss will ich aber noch einen Aspekt deutlich machen: Das alles geht nur, wenn wir auch bereit sind, Geld zur Verfügung zu stellen. Es kann nicht sein, dass wir den Fokus auf den schulischen Bereich legen, gleichzeitig aber von der Landesregierung disponible Gelder gerade im Schulbereich gestrichen werden. Ich glaube also, es ist neben erforderlichen Lehrerstellen auch notwendig, disponible Mittel zu haben, um in diesem Bereich neue andere Ansätze tragen zu lassen.
Gleiches gilt auch, was das Umfeld angeht. Es ist kontraproduktiv, wenn Lehrerinnen und Lehrer den Eindruck haben, die Schulministerin wünscht nicht, dass Kinder und Jugendliche auch nach draußen gehen, dass „Unterricht ausfällt“ – in Anführungszeichen –, damit sie Theater, Museen etc. besuchen können. Wir mussten in den letzten Tagen in der Presse leider lesen, dass sich viele Kultureinrichtungen darüber beklagen, dass Schulbesuche nicht mehr stattfinden.
Ich muss langsam mit meiner Rede zum Ende kommen. Ich glaube, dass es eine fruchtbare Diskussion im Kulturausschuss zu dem Thema geben wird, und bin darauf gespannt. Wir stimmen der Überweisung zu. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Frau Abgeordnete Nell-Paul. – Jetzt spricht für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen der Abgeordnete Keymis.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ein guter Antrag soll auch so genannt werden. Wir können der Überweisung problemlos zustimmen. Man kann im Prinzip davon ausgehen, dass wir womöglich auch dem Antrag irgendwann zustimmen werden.
Freuen Sie sich nicht zu früh. – Aber wir werden natürlich die Entschließung, die die Kollegen von der SPD eingebracht haben, mit berücksichtigen.
Mir ist aufgefallen, dass die Begründung der CDU sehr grundsätzlich und weittragend ist. Es ist alles richtig, was Sie dort niedergeschrieben haben; das sind alles Feststellungen, die wir seit Jahren zu diesem Thema gemeinsam im Ausschuss postulieren.
Die SPD hat dies noch überboten: Ihr Entschließungsantrag, der im Antragstext selbst wesentlich kürzer ist, ist in der Begründung fast doppelt so lang. Wunderbare Sätze! Auch dazu gibt es völlige Übereinstimmung in den wesentlichen Fragen, die zum Thema kulturelle Bildung in den Schulen zu nennen sind.
Entscheidend dafür, dass beide Fraktionen in der Lage waren, so unheimlich wichtige und richtige Sätze noch einmal so schön zusammenzufassen, ist natürlich, dass in den fünf Jahren zuvor in diesem Bereich – sich von Jahr zu Jahr steigernd – immer mehr gemacht wurde.
Ich möchte dies nicht im Einzelnen aufzählen, habe allerdings die Liste allein der in NordrheinWestfalen ansässigen Einrichtungen mitgebracht, die sich mit diesem Thema befassen. Das sind gut vier Seiten in kleiner Schrift voll geschrieben mit Institutionen und Einrichtungen vom Zentrum für Kulturforschung über den Verband der Schulmusiker, den Verband Deutscher Musikschulen – Landesverband –, die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung – Sitz in Remscheid –, die Kultursekretariate in Wuppertal und Gütersloh bis hin zur Landesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit usw. usf., also eine Vielzahl von Einrichtungen, die in den letzten Jahren von den beiden dafür zuständigen Ministern, nämlich von Frau Ministerin Schäfer und vom ehemaligen Kulturminister Herrn Vesper wesentlich in diese Arbeit einbezogen wurden.
Hier setzt also nicht etwas völlig Neues ein, Herr Kollege Solf, sondern hier geht es – hoffentlich vernünftig – weiter. Es wäre gut, wenn Sie das so fortsetzten, wie es in den vergangenen Jahren angefangen wurde. Ich erinnere mich allein an fünf hoch spannende Foren noch Anfang 2005, in denen diese Fragen vorne und hinten, lang und breit, hin und her und von oben nach unten diskutiert wurden. Wir Grüne haben im Wesentlichen all diese Aktivitäten unseres Ministers ausdrücklich gefordert und mit unterstützt. Deswegen möchte ich hier nur noch auf zwei Punkte eingehen:
sollten; Kollegin Nell-Paul hat richtigerweise darauf hingewiesen. Der andere Punkt ist, dass es uns dabei nicht darum gehen kann, dies alles jetzt tun, damit alle Kinder und Jugendlichen später ins Theater gehen. Das hielte ich auch nicht für den richtigen Ansatz; das hat allerdings auch niemand gesagt. Da sind wir uns also völlig einig. Es geht vielmehr darum, Sensibilität zu stärken und die Nachwachsenden im Grunde genommen gesellschaftsfähig zu machen.
Dass eine Gesellschaft, die sozusagen von der Kultur lebt, die die Kultur als Lebenselixier begreift, auch eine starke, gemeinschaftlich solidarisch denkende Gemeinschaft ist, wissen wir alle, da wir die Erfahrung in den europäischen Ländern machen – noch. Deshalb glaube ich, dass dieses alles grundsätzlich richtig und gut ist. Wir werden uns im Detail im Ausschuss mit diesen Fragen auseinander setzen.
Richtig ist allerdings der Hinweis auf das Geld. Es gab die Ankündigung, rund 120 Millionen € für diesen Bereich sukzessive in den nächsten Jahren zur Verfügung zu stellen. Ein Drittel davon sollte auf die Mühlen der Kultur fließen, wie es irgendwo so schön formuliert war. Wollen wir hoffen, dass es so kommt, weil dies die Voraussetzung für ein Gelingen ist.
Ich habe mit Interesse gelesen, dass die Ehefrau des Ministerpräsidenten Schirmherrin von Mus-E geworden ist; gerade gestern ging es durch die Presse. Das ist auch erfreulich, weil damit ein Zeichen nach außen gesetzt wird, dass diese Institution auch wirklich von allen getragen wird.
Eine Kritik muss ich mir allerdings erlauben. Das hat damit zu tun, wie wir mit diesen Themen hier umgehen. Uns ist hier im Parlament mehrfach erklärt worden, wir hätten einen Kultur-Ministerpräsidenten. Wir wollen hoffen, dass es so ist; denn erlebt haben wir ihn in diesem Zusammenhang noch nicht – auch heute nicht. Wir werden nun zu dem Thema, wenn ich es richtig gelesen habe, gerne mit Herrn Minister Laschet Vorlieb nehmen. Das ist gar keine Frage, denn auch er kann klug dazu sprechen. Aber er ist im Grunde damit nicht oder nur am Rande befasst.
Dies macht deutlich, dass dieses Thema insgesamt, was die politische Verankerung in der neuen Regierung betrifft – aus meiner Sicht jedenfalls –, nicht in der Weise widergespiegelt ist, wie wir das in der Vergangenheit hatten. Wir hatten einen Kulturminister, und ich kann mich an keine Debatte über ein kulturelles Thema erinnern, in der er nicht auch gesprochen hat.
Es ist ein sehr wichtiges Thema. Sie haben das völlig zu recht unterstrichen, Herr Solf, und wir unterstreichen das auch, ebenso wie die Kollegen von der FDP und Frau Nell-Paul von der SPD. Aber es kommt auch darauf an, dass uns die Regierung zeigt, dass sie dieses Thema, das wir hier so harmonisch beraten und nach vorne bringen wollen, wirklich annimmt. Dafür werden Sie, Herr Laschet, jetzt sicherlich den Beweis antreten. Ich würde mir – ich sage es offen – dies auch vom MP wünschen.
Ich gehe davon aus, dass wir hier alle gemeinsam von dieser Stelle aus Herrn Grosse-Brockhoff gute Besserung wünschen. Er ist heute nicht da, weil er krank ist, und ich denke, ich spreche diese Wünsche in unser aller Namen aus. – Noch fünf Sekunden, Herr Präsident. – Ich bedanke mich.
Das mit den fünf Sekunden stimmt. Vielen Dank, Herr Abgeordneter Keymis. – Herr Minister Laschet, Sie haben das Wort für die Landesregierung. Bitte schön.