Protokoll der Sitzung vom 22.06.2006

An sich hervorragend geeignete Instrumente der schulischen Differenzierung wie das DrehtürModell wurden von den Lehrerkollegien eher angefeindet und – wenn überhaupt – nur widerwillig eingeführt und auf diese Weise von Vornherein mit einem Klima belegt, das Mobbing gegenüber

betroffenen Schülern, auch durch Lehrer, Tür und Tor öffnete.

So kam es, dass wir im ganzen Land bisher nur eine Hand voll Schulen haben, die dieses Modell der Begabungsförderung praktizieren. Das wird sich jetzt ändern.

(Sören Link [SPD]: Das ist ein Skandal! Das ist die Hölle!)

Aber wie sollte man Akzeptanz in den Schulen erwarten, wenn doch Differenzierung und Begabungsförderung von der alten rot-grünen Landesregierung als bedrohliche Privilegierung ausgelegt wurde?

(Beifall von Ralf Witzel [FDP])

So war das in der Vergangenheit. Genau dies war das Kernproblem. Eine Förderung besonderer Begabungen war politisch nicht gewollt.

Frau Schäfer selbst musste sich als Ministerin erst erklären lassen, was ein Drehtür-Modell ist, in dem Schüler je nach Begabung Kurse auf unterschiedlichem Niveau in unterschiedlichen Jahrgangsstufen besuchen. Das ICBF, das Internationale Zentrum für Begabungsforschung in Münster, wo sie viel hätte lernen können, hat Ex-Ministerin Schäfer nur ein einziges Mal zum Abschluss ihrer Amtszeit besucht.

(Zuruf von Ute Schäfer [SPD])

Anmerkung: Ich selbst war mindestens ein Dutzend Mal vor ihr da.

Meine Damen und Herren, ich bin sehr stolz und froh, dass wir in der neuen Landesregierung mit Schulministerin Barbara Sommer nun ein völlig anderes Klima vorfinden und endlich den Durchbruch bei der individuellen Begabungsförderung feiern können.

(Beifall von Ralf Witzel [FDP] – Zuruf von Bodo Wißen [SPD] – Britta Altenkamp [SPD]: Küsschen, Küsschen!)

Ja, Sie sollten sich ein bisschen schämen für das, was Sie in der Vergangenheit auf diesem Gebiet gemacht haben.

(Zuruf von Bodo Wißen [SPD])

Die ersten Anträge zu diesem Thema hat die FDP-Fraktion im Landtag bereits im August 2000 gestellt. Sie blieben von der damaligen Landesregierung unbeachtet. Seitdem ist den Menschen

klar, wer die politische Kompetenz auf diesem Gebiet in unserem Land hat.

(Beifall von der FDP -Britta Altenkamp [SPD]: Sie?)

Wir wissen, dass wir umso erfolgreicher sind, je früher wir besondere Begabungen erkennen und fördern. Deshalb müssen wir die Diagnose- und Förderkompetenz unserer Erzieherinnen und Lehrer dringend verbessern, sowohl unmittelbar in der Ausbildung als auch „on the job“, wie man so schön sagt.

(Beifall von der FDP)

Individuelles Überspringen von Klassen kann Fördermaßnahmen begleiten, ersetzt diese aber nicht. Es ist ein Hilfsinstrument durch Akzeleration, also schnellere Aufnahme des Lernstoffes, muss aber einhergehen mit Enrichment, also einer Vertiefung des Lernstoffes.

Wir wissen, dass Schülerakademien und andere außerschulische Maßnahmen wertvoll in der Ergänzung sind, aber nicht für sich allein genommen. Das heißt, Früchte tragen kann eine Begabtenförderung erst dann, wenn wir den Unterricht an sich verändern. Das kommt allen Schülern zugute, so, wie gerade im verabschiedeten Schulgesetz zum Ausdruck gebracht.

(Beifall von der FDP)

Schulen, die einen Schwerpunkt in der Förderung von Kindern mit besonderen Begabungen setzen wollen, dürfen dies künftig tun. Sie können auch Förderverbünde gründen.

Insgesamt müssen wir für eine enge Vernetzung auf diesem Kompetenzgebiet sorgen. In dieses Netz gehört selbstverständlich als Know-howTräger und beratende Institution unser neues Landeskompetenzzentrum für individuelle Förderung in Münster, das ICBF, ebenso wie Einrichtungen in Düsseldorf und Brühl und selbstverständlich auch Stiftungen. Ich bin auch stolz darauf, selbst dabei sein zu können.

(Beifall von der FDP)

Dreh- und Angelpunkt einer gelingenden Begabtenförderung und Individualisierung des Unterrichts ist allerdings, dass die Erfahrungen und Best-Practice-Beispiele gebündelt weitergegeben werden.

(Bodo Wißen [SPD]: Dann kann ja nichts passieren!)

Eine veränderte Lehreraus- und -fortbildung zusammen mit einem positiven veränderten Klima

für dieses Thema in unserem Land gehört ebenso dazu. Beides ist bei Schulministerin Barbara Sommer und den Regierungsfraktionen in den allerbesten Händen. – Danke schön.

(Beifall von der FDP)

Danke schön, Frau Pieper-von Heiden. – Für die SPD-Fraktion hat nun Frau Stotz das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Am 14. Juli 2000 hat unser ehemaliger Bundespräsident Johannes Rau auf dem ersten Kongress des Forums Bildung festgestellt – ich möchte mit Erlaubnis der Präsidentin zitieren –:

„Hüten wir uns vor falschen Alternativen. Bildung heißt: Benachteiligung vermeiden, es heißt aber auch, Begabung, ja auch Höchstbegabung, rechtzeitig zu erkennen und zu fördern. Das sind Ziele, die nicht gegeneinander stehen dürfen.“

Dieser Feststellung können wir uns sicher fraktionsübergreifend anschließen.

(Beifall von der SPD)

Ich will voranstellen: Begabtenförderung ist auch nach Auffassung der SPD eine entscheidende Komponente für die Zukunftssicherung unseres Landes. Somit hat Begabtenförderung aus unserer Sicht eine sehr wichtige gesellschaftliche Funktion. Das haben wir nie anders gesehen und wir brauchen uns auch nicht zu schämen, Frau Pieper-von Heiden. Es ist auch keine Diaspora in unserem Land an dieser Stelle.

(Ingrid Pieper-von Heiden [FDP]: Doch!)

Das weise ich mit Nachdruck zurück.

(Beifall von SPD und GRÜNEN)

Das zeigen auch zahlreiche Projekte und Konzepte zur Hochbegabtenförderung, die wir in den zurückliegenden Jahren auf den Weg gebracht haben.

Die Regierungsfraktionen legen heute einen Antrag vor, der sich zum wiederholten Male mit der Förderung der hoch begabten Kinder befasst. Schon in der zurückliegenden Legislaturperiode hatten wir uns mit zahlreichen Anträgen insbesondere von der SPD,

(Ingrid Pieper-von Heiden [FDP]: Von der SPD?)

von der FDP – Entschuldigung; von Ihnen; an erster Stelle von Ihnen, Frau Pieper-von Heiden – zu befassen. Die Hochbegabten sind 2 bis 3 % eines Jahrgangs in unserem Lande. Dafür haben Sie sich in den vergangenen Jahren immer ganz besonders stark gemacht.

Begründet wird dieser neuerliche Antrag für die Hochbegabten unter anderem mit dem neuen Schulgesetz, wobei die Fraktionen herausstellen, dass das neue Schulgesetz erstmalig und mit wünschenswerter Klarheit die individuelle Förderung als Leitgedanken für die neue Schule in NRW verankert und festschreibt. – Das ist, meine sehr verehrten Damen und Herren von der Koalition, mit Verlaub nicht mehr als Antragslyrik und hält einer genauen Überprüfung wirklich nicht stand.

(Beifall von der SPD)

Ich erinnere daran: Auch im Schulgesetz von RotGrün war die Notwendigkeit der individuellen Förderung als wesentliches Instrument für einen erfolgreichen Bildungsverlauf eines jeden Schülers berücksichtigt worden.

Die Errichtung des Landeskompetenzzentrums für individuelle Förderung unter Rot-Grün – Sie haben es eben schon gesagt – ist Beweis für diese These. Sie war seinerzeit die logische Konsequenz aus der Erkenntnis, dass die individuelle Förderung in allen Bildungseinrichtungen verstärkt und ausgebaut werden muss. Damit hat die rotgrüne Landesregierung ein deutliches Zeichen für den Ausbau der individuellen Förderkultur in unseren Bildungseinrichtungen gesetzt. Soweit ich weiß, gibt es bislang nur in Nordrhein-Westfalen ein solches Konzept.

Uns ging und geht es nach wie vor um die individuelle Förderung aller Kinder. Das möchte ich ausdrücklich unterstreichen.

Gleichwohl hat Rot-Grün auch zahlreiche Initiativen zur Hochbegabtenförderung auf den Weg gebracht. Hinzuweisen ist beispielsweise auf die Sommerakademien in den verschiedensten Fächern, auf die Selbstlernzentren, auf die Kooperation mit den Universitäten – auch da war NRW Vorreiter –, an das Überspringen von Klassen überhaupt und an die speziellen Fortbildungsangebote: In allen fünf Bezirksregierungen wurden entsprechende Angebote für Lehrer gemacht, die dann zu Moderatoren ausgebildet worden sind.

Das neue Schulgesetz ist ja nun trotz massivster Kritik von allen Seiten leider auf den Weg gebracht worden. Ich habe mir zur Vorbereitung dieser Rede das Gesetz in Bezug auf die individuelle

Förderung noch einmal genau angesehen. Ich habe mir auch noch einmal die Stellungnahmen der großen Verbände zu diesem Punkt angesehen.