Förderung noch einmal genau angesehen. Ich habe mir auch noch einmal die Stellungnahmen der großen Verbände zu diesem Punkt angesehen.
Ja, es ist richtig: Durchweg – da sind wir uns alle einig – wird die Festschreibung der individuellen Förderung im Gesetz begrüßt. Bis hierhin können sich die Regierungsfraktionen und Sie, Frau Ministerin, noch relativ beruhigt zurücklehnen. Aber was von nahezu allen Verbänden und Sachverständigen unisono kritisiert wurde, ist die Tatsache, dass das neue Schulgesetz zwar die individuelle Förderung festschreibt, aber über die dafür notwendigen Ressourcen wie immer kein einziges Wort verliert.
Das bleibt wieder einmal völlig offen, und deshalb ist das für uns nicht mehr als eine leere Sprechblase.
Klar ist nur, dass für die Förderung von Schülerinnen und Schüler – nach unserer Auffassung grundsätzlich eine innere Schulangelegenheit – künftig die Schulverwaltung zur Schaffung entsprechender Angebote mit zuständig sein soll. Die Kritik der kommunalen Spitzenverbände dazu ist Ihnen ja bekannt und hier schon ausführlich diskutiert worden.
Nun komme ich zu dem vorgelegten Antrag zurück. So sehr ich mit Ihnen über die Notwendigkeit der individuellen Förderung übereinstimme, so sehr offenbart dieser Antrag zur Begabtenförderung meines Erachtens den neuen Geist der Koalition. Als ersten Antrag zur konkreten Umsetzung einzelner Aspekte im Schulgesetz wird uns heute ein Antrag auf den Tisch gelegt, der nicht etwa weiterführende Schritte zur generellen individuellen Förderung einleitet. Das wäre nämlich nach Auffassung der Experten noch am Dienstag hier in der Anhörung – Sie waren dabei, Frau Piepervon Heiden – eigentlich die drängendste Aufgabe.
Uns wird auch kein Antrag vorgelegt, der etwa konkrete Schritte zur Förderung von Kindern mit Defiziten einleitet. Es wird auch kein Antrag vorgelegt, der konkrete Schritte über die individuellen Lern- und Förderempfehlungen für Schüler, denen etwa die Nichtversetzung droht, vorgelegt. Und es fehlt auch der Hinweis auf konkrete Schritte zur individuellen Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund.
Nein, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, stattdessen greift der Antrag von FDP und CDU als Erstes die damit aus Sicht der Koalition
ja wohl dringendste Fragestellung auf, nämlich die Förderung der Hochbegabten. Ich muss nicht wiederholen, dass das auch für uns ein wichtiges Anliegen ist. Aber ich frage die Koalitionsvertreter: Wo ist denn der Antrag, der sich auch für die Kinder einsetzt, die aufgrund von Benachteiligungen dringend mehr individuelle Förderung brauchen?
Sie setzen mit diesem Antrag eine eindeutige Priorität nur auf die Kinder mit Hochbegabung. Diese Priorität teilen wir ausdrücklich nicht.
Sie fordern eine landesweite Beratungsstruktur für die Begabungsförderung. Ich frage Sie: Wo ist Ihre Forderung für eine verbesserte landesweite Beratungsstruktur für Kinder mit Benachteiligungen und Defiziten? Ich frage Sie weiter: Wo ist Ihre Forderung nach einer verbesserten landesweiten Beratungsstruktur für Eltern und Kinder mit Migrationshintergrund? – Fehlanzeige auf der gesamten Linie. Stattdessen haben Sie mit Ihren massiven Haushaltskürzungen im Politikfeld für Kinder, Jugend und Familie ausgerechnet da die Axt angesetzt, wo bislang gerade für die Benachteiligten wichtige Unterstützungen geleistet wurden, die nun durch Ihre Kürzung massiv geschwächt worden sind.
Das, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, ist der neue Geist der Bildungspolitik von Schwarz-Gelb.
So also haben Sie die Festschreibung des individuellen Förderns im Schulgesetz gemeint. Verkürzt auf den Blick der Hochbegabtenförderung wird das wichtige Thema der individuellen Förderung abgearbeitet, und die eigentlichen Notwendigkeiten zu einer verstärkten Förderung für Kinder mit Benachteiligungen, für Kinder mit Migrationshintergrund oder auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien werden dabei völlig außen vor gelassen.
Dass Ihnen dieser Bereich nicht so drängend und wichtig erscheint, haben Sie ja bereits mit der Ablehnung eines Änderungsantrages zum Schulgesetz deutlich gemacht. Ich möchte daran erinnern: Wir haben in der Schulausschusssitzung beantragt, in § 2 des Schulgesetzes noch einmal klar Position dafür zu beziehen, dass alle Kinder – ich betone: alle Kinder – gemäß ihren individuellen Fähigkeiten und Begabungen, Interessen und Neigungen gestärkt und zur vollen Entfaltung ihrer Leistungsfähigkeit gefördert und gefordert werden sollen. Ganz offensichtlich hat die Koalition eine völlig andere Auffassung darüber, was individuelle
Förderung meint. Für Sie zählen ganz offensichtlich in erster Linie die Hochbegabten. Nach unserer festen Überzeugung greift dieses Ziel zu kurz.
Wir vermissen ein ganzheitliches grundlegendes Konzept, in dessen Mittelpunkt beispielsweise Fragen stehen, die die Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer in Bezug auf die Diagnosefähigkeit aufgreifen.
Ja, aber auf Hochbegabte bezogen. Wir meinen, zunächst muss es eine Grundlage dafür geben, die die Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsgestaltung unter dem Aspekt der individuellen Förderung aufgreift.
Ich komme noch einmal an den Anfang meiner Ausführungen zurück und erinnere nochmals an Johannes Rau: Lassen wir das Ziel, sowohl Benachteiligte als auch Hochbegabte zu fördern, nicht aus den Augen! Lassen wir nicht zu, dass diese Ziele gegeneinander stehen! Insofern sind wir gespannt, wann der Antrag der Koalitionsfraktionen das Licht der Welt erblickt, der die individuelle Förderung für jedes Kind aufgreift und sich nicht nur auf die 2 bis 3 % der hochbegabten Kinder in unserem Land beschränkt.
In diesem Sinne sind wir gespannt auf die Diskussion im Ausschuss. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bei der Lektüre Ihres Antrages bin ich zu zwei Überlegungen gekommen.
Zweitens. Trotz aller Beteuerungen, die Sie zum Teil auch in den vorliegenden Text eingestreut haben, reduzieren Sie Ihre Initiativen zur individuellen Förderung doch erst einmal auf 2 bis 3 % der Kinder, nämlich auf 2 bis 3 % Hochbegabte, die ein Recht auf individuelle Förderung haben. Aber auch 97 bis 98 % der Schüler und Schülerinnen, für die Sie keine Konzepte vorlegen, haben ein Recht auf individuelle Förderung. Wir warten in der Tat bei dieser Leerstelle, wie Sie dieses Thema anfassen wollen.
Gerade mit Ihrem vorliegenden Antrag und der Dringlichkeit machen Sie aber auch deutlich, dass Sie Pisa immer noch nicht in Gänze verstanden haben und deshalb auch nicht die nötigen Grundlagen schaffen. Individuelle Förderung – ich sage das noch einmal – bedeutet, jedes Kind ohne Ausnahme individuell zu fördern.
Das gilt nicht nur für – ich setze das einmal in Anführung – „die Gruppen der Leistungsabweichler nach unten oder nach oben“, die ja auch im Schulgesetz interessanterweise eine besondere Erwähnung erfahren.
Gerade die Kinder in der Mitte – ich bezeichne sie gern als Sandwichkinder –, die so schön unauffällig durch den Unterricht mitmarschieren, blenden Sie damit wieder einmal bewusst oder unbewusst aus. Ich halte das für einen schwerwiegenden Fehler.
Denn Sie setzen dadurch auch die Signale für die Lehrkräfte falsch, die sich mit der gaußschen Normalverteilung in der vermeintlich normalen Leistungsstreuung so schön eingerichtet haben. Sie vernachlässigen damit die Entwicklungspotenziale aller Kinder – das bleibt ein durchgängiges Muster Ihres Handelns –: auf der einen Seite innerhalb der Schulformen und auf der anderen Seite erst recht strukturell beim Zementieren von Lernbarrieren und Schulformhürden.
Alle Kinder haben Begabungen. Und alle Kinder haben ein Recht auf deren Entwicklung und Förderung. Genau dieser Herausforderung hat sich zum Beispiel die Gesamtschule Holweide gestellt, die neben der sonderpädagogischen Förderung im gemeinsamen Unterricht ein Projekt zur Förderung Hochbegabter entwickelt hat. In der Folge wurde es konsequent auf den gesamten Jahrgang ausgeweitet. In der begleitenden Diagnostik konnte die Gesamtschule Holweide feststellen, dass die Schüler/-innen des gesamten Jahrgangs erhebliche Potenziale aufweisen, die sich bis dato noch nicht in Schulleistungen ausgedrückt hatten.
Das hat mit vielfältigen Faktoren zu tun. Beispielsweise wirken Faktoren, die von Jugendlichen nicht beeinflusst werden können wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod in der Familie. Des Weiteren wirken sich Belastungen aus, die durch vielfältige aktuelle Aufgaben und Herausforderungen – auch durch die soziokulturelle Umgebung – bei der Entwicklung von Potenzialen hemmend sein können.
Das bedeutet, sich darüber im Klaren zu sein, dass Talente und Potenziale vielfältig sind und vielfältig sichtbar werden können – in Bereichen wie Sport, Kunst, Musik, Malen, Naturwissenschaften, Sprachen, Technik, abstraktem Denken, Mathematik und auch sozialer und emotionaler Intelligenz.
Das bedeutet auch, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Umsetzung von Begabung in Leistung vom Zusammenwirken verschiedener Faktoren abhängig ist: von günstigen, nichtkognitiven Persönlichkeitsmerkmalen und ebenfalls von günstigen sozialen Faktoren. Und diese günstigen Faktoren müssen zum Teil geschaffen und entsprechend beeinflusst werden. Es ist gefährlich, soziokulturelle Begabungsmilieus deshalb außer Acht zu lassen. Soziokulturell bestimmte Lernmilieus werden sie aber gerade durch Ihre Schulformpolitik weiter zementieren und verfestigen.
Ich will es noch einmal ganz deutlich sagen: Jedes Kind, Kinder mit und ohne Behinderungen bis hin zu Hochbegabten, hat spezifische Entwicklungs- und Förderpotenziale. Deswegen ist es der falsche Weg, einen eigenen gruppenspezifischen Überbau zu schaffen. Sie verpassen die Chance, die Bildungslyrik der individuellen Förderung im Schulgesetz mit einer substanziellen Unterfütterung zu versorgen.
Wo sind die konkreten Maßnahmen und Fortbildungen, die Lehrer und Lehrerinnen insgesamt zur individuellen Förderung befähigen und ihnen eine Förderdiagnostik an die Hand geben? Wer individuelle Förderung will, muss Lehrer/-innen darin unterstützen, mit heterogenen Lerngruppen positiv und konstruktiv umgehen zu können. Das braucht Fortbildung, Fortbildung, Fortbildung. Das braucht Assistenzen im Unterricht, ein Unterstützungssystem mit Multiprofessionalität in der Schule.
Jedes einzelne Kind braucht individuelle Wertschätzung und hat Anspruch auf individuelle Förderung. Eklatant deutlich werden das Versäumnis und die mangelhafte Grundlegung zum Beispiel auch in der zentralen Ausbildungsordnung für die Grundschule, die wir heute noch nach der Plenardebatte im Ausschuss durchpauken werden.
Ich rede jetzt nicht über den Titel Lernstudio. Ich will mich nicht darüber streiten. Mir waren bisher das Gard-Haarstudio, Fitnessstudios oder Modestudios bekannt. Aber ich möchte mit Ihnen sehr wohl über die Inhalte reden. Welche Kinder bekommen zusätzliche Förderung? Welche Schulen bekommen ein sogenanntes Lernstudio? Was passiert, wenn Eltern ihr Kind jetzt auf eine ande
re Schule schicken wollen, weil es dort ein Lernstudio gibt und an der alten Schule nicht? Warum werden Kinder unterschiedlich mit individueller Förderung ausgestattet? Wo wird eine Grenze gezogen? Welche Kinder haben Anspruch auf individuelle Förderung – auf weniger oder auf mehr?
Aber lassen Sie uns noch einmal in Ihren Antrag schauen! Legen Sie zunächst einmal ein Konzept zur individuellen Förderung vor und schaffen Sie die notwendigen Rahmenbedingungen, statt zu fordern, eine landesweite Beratungsstruktur für eine spezielle Gruppe aufzubauen! Sorgen Sie für intensive Lehrerfortbildung, schulinterne Fortbildung zur individuellen Förderung für alle!
Neue Formen der Lern- und Leistungsbewertung, die individuelle Bildungsläufe stützen, sind in der Tat nötig. Die hätten Sie übrigens in unserem Antrag zu alternativen Formen der Leistungsbewertung finden können, der in der letzten Ausschusssitzung einfach weggestimmt worden ist.
Wir wollen Schulen bei der Umsetzung der Begabungsförderung Anreize geben. Geben Sie den Schulen erst einmal die Anreize zur individuellen Förderung insgesamt und nicht zur Förderung einer Gruppe! Leiten Sie die Kosten, die das Sitzenbleiben verursacht, um, und machen Sie diese Ressourcen zum Anreiz für individuelle Förderung! Bis zu 300 Millionen € wären das für individuelle Förderung, von der dann alle Begabungen und Talente profitieren würden.
Sie bleiben ein Ausbildungs- und Fortbildungskonzept schuldig, das alle Begabungen durch individuelle Förderung entwickelt. Spitzensport, der entsteht durch die Förderung des Breitensports. Wenn Sie individuelle Förderung für alle Kinder sichern, dann sorgen Sie auch für Spitzenleistungen, die wir sehr gut gebrauchen können.