Vielen Dank, Herr Kollege Kaiser. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen die Kollegin Beer das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.
Entschuldigung, Frau Kollegin Beer. Ich habe auf der mir vorliegenden Rednerliste noch die Reihenfolge Wort und Widerwort stehen.
(Sigrid Beer [GRÜNE]: Das geht den ganzen Tag schon so, Frau Pieper-von Heiden! Sie haben es nur noch nicht gemerkt! Was ma- chen wir jetzt?)
Nach der Reihenfolge der Fraktionen hätte die FDP jetzt das Wort. Ich war noch an der Regelung Wort und Widerwort orientiert. Ich bitte Sie, das zu entschuldigen. Wie wollen die Damen es jetzt handhaben?
(Ingrid Pieper-von Heiden [FDP] signalisiert ihre Zustimmung, Sigrid Beer [GRÜNE] zu- nächst das Wort zu erteilen.)
Herr Witzel ist weniger charmant als Frau Pieper-von Heiden. Das kennen wir von ihm. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Lernen im Gleichschritt geht nicht. Jedes Kind ist anders, lernt anders und bringt eine andere Lernausgangslage in den Unterricht ein. Deshalb darf es im Unterricht kein Lernen im Einheitstakt geben. Dauernder Frontalunterricht und der berühmte fragend entwickelnde Unterricht sind pädagogisch
Ich bin froh, dass es unter den Fraktionen einen Konsens gibt, dass wir in unseren Schulen die Individualisierung des Lernens brauchen. Völlig verfehlt ist es dann aber, die individuelle Förderung zusätzlich als Angebot der Schule für bestimmte Gruppen von Schülerinnen und Schülern in hierfür gesonderten Förderkursen zu definieren, die von Lehrkräften geleitet werden, die wiederum auf im Haushalt besonders ausgewiesenen Lehrerstellen arbeiten. Gerade die Diskussion im Schulausschuss hat uns dazu bewogen, hierzu ergänzend noch einen Entschließungsantrag vorzulegen.
Wir brauchen die individuelle Förderung nicht nur für bestimmte Gruppen von Kindern, für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, für Kinder mit Migrationshintergrund oder für Kinder mit besonderen Begabungen. Wir brauchen die Individualisierung des Lernens für alle Kinder, damit alle Kinder ihre Potenziale optimal ausschöpfen können.
Das Problem ist leider, dass Schwarz-Gelb die individuelle Förderung zu einem reinen Schlagwort gemacht hat. Darin gebe ich der Kollegin Stotz völlig recht. Die Schulen sollen individuell fördern. Die Eltern fordern das auch ein. Die Schüler/innen fragen sich maximal individuell, ob sich jetzt eigentlich schon einmal irgendetwas im Unterricht geändert hat.
Kurz: Sie lassen die Schulen im Regen stehen. Zur Not wird wieder einmal ein Ranking angekündigt wie in der Frage der Sitzenbleiberquoten. Der Wettbewerb soll es dann schon richten.
Dann hat sie nicht ordentlich genug gearbeitet. Noch ein bisschen mehr zwiebeln! Denn das, was hier drin ist, reicht nicht. Das ist an vielen Stellen Augenwischerei. Denn Sie betreiben das ja so weit, dass der Begriff der individuellen Förderung wirklich zu einer Nebelkerze verkommt.
Ich sage Ihnen auch, warum das so ist. Individuelle Förderung in der Umsetzung durch die schwarz-gelbe Landesregierung bedeutet Gütesiegelzeremonien. Das bedeutet irgendwelche ominösen Lernstudios, die ebenso sang- und klanglos wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie die Schulministerin mit viel Brimborium aus der Taufe gehoben hat.
Ja, aber das bringt nichts. Geldverschwendung, Herr Linssen, ist das, weil es nichts bringt. Das war einfach nur eine Nebelkerze. Ich habe doch immer gesagt, das Gard-Haarstudio hat mehr Substanz als das Lernstudio der Ministerin.
Individuelle Förderung à la Schwarz-Gelb – da fällt mir auch der Supervorschlag von Frau Sommer ein, Kinder, die weniger Förderung brauchen, doch einfach einmal früher nach Hause zu schicken. Das ist Innovation à la Schwarz-Gelb.
Sie haben nicht verstanden, dass es Gelingensbedingungen für individuelle Förderung gibt, Gelingensbedingungen, die eine Landesregierung dann auch realisieren muss. Dabei war es so einfach. Sie haben Topexperten eingeladen, auch nach Essen. Wir haben sie gemeinsam angehört. Dann hören Sie doch einmal auf Herrn Schleicher! Hören Sie doch einmal auf Herrn Domisch!
Hören Sie vor allen Dingen auch auf die Praktikerinnen in ihren Schulen. Sie zeichnen dann die Schulen mit Gütesiegeln aus. Und was passiert? – Die sagen Ihnen: Kopfnoten sind keine individuellen Fördermittel. Verschont uns mit diesem Unfug! Und was machen Sie? – Sie weisen sie an, das zu tun. So viel zum Thema Eigenständigkeit von Schule! So viel zum Thema Anerkennung der Qualität Ihrer Gütesiegelschulen! Das ist alles Brimborium. Das sind Potemkin’sche Dörfer, die Sie hier tagtäglich veranstalten.
Wir haben in unserem Antrag ganz genau Gelingensbedingungen benannt. Dazu gehören die Förderung der Fähigkeit und der Motivation jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin durch Lehr- und Lernformen, die nicht defizitär orientiert sind, die individuelle Gestaltung von Lehrplänen in einer Weise, die jede Schülerin und jeden Schüler einbezieht, vor allen Dingen ihre Verschiedenheit wertschätzt und sie nicht in ver
schiedene Schulformschubladen einsortiert, und vor allen Dingen das radikale Umdenken von Organisation von Schule in einer Art und Weise, die auch den individuellen Lernfortschritt wirklich in den Mittelpunkt stellt und bei der Schulen Verantwortung übernehmen für jeden einzelnen Schüler und jede einzelne Schülerin.
Ich spreche bewusst von individualisiertem Lernen, denn es muss sich in jeder Unterrichtsstunde etwas ändern. Da hilft es auch nicht, eine neue wunderbar aufgemachte Amtsblattausgabe mit inszenierten Jubelartikeln vor Augen zu haben, wenn sich in den Schulen in der Realität nichts ändert.
So lange Sie an den Begabungstheorien und an diesem kontraproduktiven Schulsystem, das jeglicher individuellen Förderung entgegensteht, festhalten, kommen Sie nicht wirklich weiter. Sie kultivieren das Schubladendenken. Ich kann es einfach sagen: Sie können es einfach nicht.
Vielen Dank, Frau Kollegin Beer. – Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, als nächste Rednerin hat für die Fraktion der FDP Frau Kollegin Pieper-von Heiden das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.
Frau Präsidentin! Meine Kolleginnen und Kollegen! Mein Manuskript lege ich besser erst einmal beiseite. Frau Beer, wir werfen keine Nebelkerzen, sondern wir erhellen das bildungspolitische Dunkel, das Sie uns hinterlassen haben.
Frau Stotz, Sie haben hier noch einmal ganz persönlich gesagt, was Sie auch schon in Ihrem Antrag nicht verstanden haben, der an einer Stelle ein bisschen mager ausgefallen ist und an einer anderen Stelle eher polemisch.
Wir haben das Schulgesetz auf den Weg gebracht und in Kraft gesetzt, dessen Kernpunkt tatsächlich die individuelle Förderung ist, die wir sehr ernst meinen. Sie wissen genau, dass wir vieles auf den Weg gebracht haben,
zum Beispiel viele Einstellungen von Lehrern speziell zu diesem Zweck. Sie wagen es tatsächlich, an dieser Stelle zu kritisieren, dass wir einen Antrag vorgelegt haben, der im Kontext individueller
Förderung die Hochbegabten- und Begabtenförderung herausstreicht, um dieses Anliegen noch einmal zu präzisieren. Sie haben an dieser Stelle nicht kritisiert, dass wir kurze Zeit danach einen eigenen Antrag präsentiert haben, um die sonderpädagogische Förderung zu stärken. Da frage ich mich: Haben Sie es nicht verstanden, oder wollen Sie es nicht verstehen? Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.
Wir wollten an der Stelle deutlich machen, dass uns die individuelle Förderung eine Herzensangelegenheit ist. Für uns ist es dabei selbstverständlich, sowohl die besonders Begabten und die Hochbegabten als auch die besonders Benachteiligten mitzunehmen.
(Sylvia Löhrmann [GRÜNE]: Begabtenförde- rung für die Besserverdienenden! – Sigrid Beer [GRÜNE]: Jedes Kind, und nicht hier und dort!)
Das wollten wir damit noch einmal explizit betonen, Frau Beer. Wenn Sie sagen, dass dieses System nicht geeignet sei, individuell zu fördern, ist das entlarvend: Ein System fördert nicht.
Die Menschen, die in ihm arbeiten, die Lehrer, die sich bemühen und die engagiert sind, fördern unsere Kinder individuell und kümmern sich um sie. Damit sie das können und entlastet sind, haben wir diese zusätzlichen Einstellungen vorgenommen. Deshalb haben wir das zu unserem zentralen Thema gemacht. Denn wir wissen: Nur dort, wo wir Kinder genau da mitnehmen, wo sie stehen,