Protokoll der Sitzung vom 21.02.2008

Aber lassen wir uns für einen Moment darauf ein, dass es tatsächlich ein wichtiger und zukunftsweisender Beitrag für das Land wäre, wenn die deutsche Sprache einen höheren Stellenwert in der Wissenschaft bekäme. Übrigens hat sie diesen Stellenwert in den verschiedenen Bereichen. Das haben wir vorhin gehört, und das unterstütze ich ausdrücklich.

In den wissenschaftspolitischen Bereichen, wo wir wirklich Spitze geblieben sind, ist die deutsche Sprache auch international konkurrenzfähig. Sie ist es bloß da nicht, wo man uns abgehängt hat. Warum hat man uns abgehängt? – Weil wir in vielen Bereichen provinziell und hinterwäldlerisch geworden sind. Das wäre ein Ansatzpunkt, an dem man eingreifen könnte.

(Christian Lindner [FDP]: Das tun wir ja auch! Warum sind wir davon abgekommen?)

Wäre dann aber, Herr Lindner, ein solcher Forschungspreis überhaupt das richtige Instrument?

Nehmen wir beispielsweise wieder das Feld Stammzellforschung. Niemand wird bestreiten wollen, dass auf diesem Feld eine breite öffentliche Debatte notwendig und sinnvoll ist und deshalb Informationen auch auf Deutsch und verständlich für jedermann vorhanden sein müssen.

Aber hülfe es dieser breiten öffentlichen Debatte wirklich, wenn zum Beispiel Herr Prof. Schöler aus Münster seine Forschungsergebnisse auf Deutsch publizieren würde? – Wohl kaum. Denn das Verständnis dieser Forschungsergebnisse – das gilt für die meisten Forschungsergebnisse – in der breiten Bevölkerung scheitert doch nicht daran, dass Herr Schöler wie alle anderen international führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet auch auf Englisch publiziert. Nein! Für die breite

öffentliche Debatte müssen seine und andere Ergebnisse sowieso übersetzt werden: in Umgangssprache, in verständliche Sprache für Leute, die sich nicht jeden Tag mit diesem wissenschaftlichen Feld auseinandersetzen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Diese Übersetzung in eine verständliche Sprache ist in jedem Fall notwendig, unabhängig davon, ob sie im Original in einem Wissenschaftsdeutsch oder in einem schlechten oder vielleicht guten Wissenschaftsenglisch abgefasst ist.

Und im Gegenteil, meine Damen und Herren: Niederländische Wissenschaftler werden international wahrgenommen und gelesen. Unsere wissenschaftlichen Ergebnisse werden doch teilweise nicht wahrgenommen, weil sie auf Deutsch abgefasst sind und weil unsere Wissenschaftler es in vielen Bereichen nicht beherrschen, auf Englisch abzufassen und zu publizieren.

Ein Preis für Internationalität, meine Damen und Herren, für Seminare und Vorlesungen in englischer Sprache in unserem Land wäre mir einsichtiger. Damit könnten wir an Internationalität, an den Standard anderer Hochschulen weltweit anschließen. Das tun wir aber nicht.

(Zuruf von Christian Lindner [FDP])

Sie loben einen Preis für ein paar Tausend läppische Euro aus, wobei Sie wahrscheinlich schon wissen, wem Sie den Preis geben wollen, damit jemand auf Deutsch publiziert. Das Gegenteil müssten wir versuchen. Wir müssen versuchen, anzuknüpfen. Nicht umsonst – das wäre mir jedenfalls einsichtiger, wenn wir das machen würden – gibt es doch inzwischen an vielen Schulen in diesem Land bilingualen Unterricht. Warum machen wir das denn? – Weil wir an Internationalität anknüpfen wollen, weil wir nicht alleine sind auf der Welt.

(Zuruf von Michael Solf [CDU])

Deutsch hat längst nicht mehr den internationalen Stellenwert, den es vielleicht früher einmal hatte. Auch damals hat es nicht gereicht. Wir müssen sehen, dass wir uns nicht abhängen lassen. Deshalb geht es nicht darum, insbesondere Deutsch zu fördern, sondern es geht darum, Internationalität, das heißt andere Sprachen, aber auch Englisch weiter zu fördern.

Apropos Nachwuchs: Wenn Ihnen an der deutschen Sprache in der Wissenschaft wirklich so viel liegt, dann, Herr Solf, beantworten Sie mir doch einmal die Frage, warum es eine der ersten Amtshandlungen der Regierung war, den Haus

haltstitel 539 10 142 in Kapitel 06 027 zu streichen. Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, was sich dahinter verbirgt. Das wusste ich auch nicht; wir haben das herausgesucht.

Unter diesem Haushaltstitel wurden bis 2005, also noch unter rot-grüner Regierung – anschließend haben Sie das abgeschafft –, Programme zum fächerbezogenen Sprach- und Schreibtraining für ausländische Studierende gefördert, also Programme, in denen ausländische Studierende gelernt haben, sich wissenschaftlich auf Deutsch auszudrücken. Die sollten lernen, sich wissenschaftlich auf Deutsch auszudrücken. Das ist auch sinnvoll gewesen. Dies haben Sie abgeschafft. So weit Ihr Engagement zur Förderung der deutschen Wissenschaftssprache, Herr Solf. Das muss hier einmal gesagt werden.

(Beifall von GRÜNEN und SPD)

Die sollten nämlich ihre Diplom- und Promotionsarbeiten auf Deutsch verfassen und mit ihrem Wissen und ihren akademischen Graden international auf Deutsch wirken, weil sie es hier gelernt haben. Dieses Programm haben Sie jedoch damals abgeschafft. Das war Ihnen, liebe Kollegen von den Regierungsfraktionen, nach 2005 leider keinen müden Cent mehr wert. Schade eigentlich!

Wir werden ja über diesen Antrag noch im Ausschuss intensiv beraten. Alleine die Tatsache, dass Sie diesen Antrag heute stellen und welche prominente Stellung Sie ihm einräumen, nämlich neben der Debatte über Stammzellforschung – ein paar Tausend Euro für einen Preis für die Verwendung der deutschen Sprache in der Wissenschaft –, sagt viel mehr über Sie und Ihre Wahrnehmung der Probleme, die wir an unseren Hochschulen haben, aus, als Ihnen eigentlich lieb sein dürfte, Herr Solf. – Vielen Dank, meine Damen und Herren.

(Beifall von den GRÜNEN – Michael Solf [CDU]: Unterirdisch!)

Danke schön, Herr Groth. – Für die Landesregierung spricht Herr Minister Pinkwart.

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Nach Ihrem Beitrag, lieber Herr Groth, bin ich etwas konsterniert, vor allem vor dem Hintergrund der vorherigen Debatte, die wir hier auf hohem Niveau geführt haben,

(Beifall von CDU und FDP)

und nach den Wortbeiträgen der antragstellenden Fraktionen und von Frau Apel-Haefs, die sich sehr inhaltsreich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Insbesondere in Anbetracht der vorherigen Debatte bitte ich Sie, das, was Sie gesagt haben, noch einmal zu überdenken, gerade mit Blick auf eine solch schwierige Materie, über die wir vorhin diskutiert haben.

Die Stammzellforschung ist beispielgebend für diese Initiative, denn wir haben es im Bereich der Lebenswissenschaften überwiegend mit einer Forschung zu tun, die international stattfindet, auch mit exzellenten deutschen Forschern, die zum Teil aber aufgrund der Forschungsbedingungen, wie wir sie hier kennen, international forschen,

(Zuruf von Ewald Groth [GRÜNE])

zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, die also überwiegend in englischer Sprache arbeiten, die aber ihre Ergebnisse Ihnen als Abgeordneten sowie den Bürgerinnen und Bürgern in deutscher Sprache vermitteln mögen, damit wir wissen, worum es geht, damit jeder Bürger in diesem Land an dem Veränderungsprozess teilhaben kann, um überhaupt zu wissen, worüber wir reden und worüber wir abstimmen wollen.

(Beifall von der CDU)

Insofern ist das genau der richtige Weg: Wir müssen uns mit sehr schwierigen, sich schnell verändernden Fragestellungen wissenschaftlich auf hohem internationalen Niveau auseinandersetzen, aber gleichzeitig die Anforderung an die Wissenschaftler und Forscher richten, ihre Erkenntnisse so zu vermitteln, dass die Studierenden, die Schülerinnen und Schüler, die sich akademisch weiterentwickeln wollen, aber auch die Öffentlichkeit an diesen Fragestellungen teilhaben können, um sich selbst ein Bild davon machen zu können, was dort geschieht, was damit bezweckt wird und welche Risiken möglicherweise mit dieser Forschung verbunden sind. Das findet hier nun einmal in deutscher Sprache statt. Deswegen hat auch die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf, dass sich Wissenschaftler bemühen, soweit sie mit Öffentlichkeit in Verbindung treten, sich einer Sprache zu bedienen, die man verstehen kann. Ich meine, eine solche Anforderung darf man formulieren.

Hier macht es nicht der Gesetzgeber – so hätten Sie es vielleicht gemacht, indem Sie ein Gesetz eingeführt hätten, dass man sich nur so und so ausdrücken darf –, sondern hier wird anempfohlen, denjenigen einen Preis zu geben, die das in besonders vorbildlicher Weise zu tun vermögen.

Das finde ich prima. Das setzt nämlich einen positiven Anreiz.

Meine Erfahrungen auch im wissenschaftlichen Umfeld sind, dass diejenigen, die international besonders ausgewiesen sind, lieber Herr Groth – Gott sei Dank haben wir in Deutschland viele, die das noch sind; im Übrigen gab es in jüngster Zeit zwei Nobelpreisträger, einer aus NordrheinWestfalen; so schlecht sieht es also mit den deutschen Wissenschaften nicht aus –, im Regelfall in der Lage sind, ihre Forschungsarbeiten anderen in sehr einfacher deutscher Sprache zu vermitteln. Das ist meine Erfahrung: Je besser die Leute sind, desto besser können sie die Dinge, die sie bearbeiten, vermitteln. Das mit einem Preis zu würdigen und besonders herauszustellen, trifft den Exzellenzgedanken, den wir auch sonst mit unserer Forschungs- und Wissenschaftspolitik verfolgen, in vortrefflicher Weise.

Wir werden sehen, dass diejenigen, die sich als Spitzenforscher international in besonderer Weise positionieren, geeignet sein werden, für ihre Leistung auch in dieser Hinsicht ausgezeichnet zu werden. Das möge dann auch alle anderen beflügeln, die sich der Anglizismen oder auch sehr unverständlicher Formulierungen bedienen, um eine gewisse Pseudowissenschaftlichkeit vorzutäuschen, es den großen Meistern nachzumachen, die es verstehen, ihre komplexen Sachverhalte sehr einfach und verständlich und trotzdem hinreichend fundiert darzustellen. Diese schaffen es in der Regel auch, ihre Dinge nicht nur einem deutschen Publikum in deutscher Sprache, sondern auch einem internationalen Publikum in einer internationalen Sprache so zu vermitteln, dass es verständlich ist.

Die Landesregierung jedenfalls freut sich über den Antrag der Koalitionsfraktionen, der noch im Ausschuss beraten wird. Sollte er positiv beschieden werden, würden wir einen solchen Preis sehr gerne ausloben und die entsprechende Ausgestaltung vornehmen, damit wir ein positives Beispiel setzen können.

Darüber hinaus möchte ich zu Ihnen, Frau ApelHaefs, noch folgende Bemerkung machen, weil Sie die Geisteswissenschaften so sehr fokussiert haben. Ich habe wiederholt Gelegenheit dazu gehabt, hier darlegen zu können, dass die Geisteswissenschaften nun wirklich im Fokus der nordrhein-westfälischen Wissenschaftspolitik – und zwar sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart – standen, stehen und stehen werden. Wir alle gemeinsam haben uns wohl sehr darüber gefreut, dass gerade die Geisteswissenschaften im Rahmen der deutschen Exzellenzinitiative in

Nordrhein-Westfalen so gut abgeschnitten haben, und zwar auch im Ländervergleich.

Gestern erst haben wir über so einen schönen Antrag der Koalitionsfraktionen diskutieren dürfen, der sich mit dem philosophischen Spitzenzentrum an der Universität Bonn beschäftigt. Die Mehrheit des Hauses hat ausgedrückt, dass man die Philosophie, die dort wirklich eine hohe Sichtbarkeit hat, für Nordrhein-Westfalen und über die Landesgrenzen hinaus stärken will. Das ist erneut ein Beleg dafür, wie ernst die Koalitionsfraktionen und die Landesregierung die Geisteswissenschaften nehmen. Wir brauchen sie, und zwar wie die anderen Wissenschaften auch auf einem international sichtbaren Niveau. Wir wollen, dass unsere Philosophen, Literaturwissenschaftler und Sozialwissenschaftler das internationale Parkett erreichen und mitbestimmen und damit für unseren Kulturraum – ob in deutscher oder englischer Sprache oder anderer Sprache – auf dem jeweiligen Fachkongress die Zeichen setzen können, die wir uns von diesen Wissenschaftlern erwarten.

Sie haben auf das Wissenschaftszentrum abgehoben. Das Kulturwissenschaftliche Institut, das vom Wissenschaftsrat exzellent bewertet worden ist und unter Ihrer Regierungsverantwortung Mittelkürzungen hat hinnehmen müssen, haben wir jetzt erst in eine Position hineingebracht, in der seine Arbeit in den nächsten Jahren sehr zur Freude der dort Tätigen erfolgreich durchgeführt werden kann.

Die Geisteswissenschaften sehe ich hier also nicht im Nachteil, sondern, ganz im Gegenteil, sie stehen wie die anderen Wissenschaften für uns im Mittelpunkt unserer Arbeit.

Herr Minister.

Ich verstehe den Antrag auch nicht so, dass wir nur die Geisteswissenschaften bewegen wollen, sich verständlich bzw. in deutscher Sprache auszudrücken, sondern genau so die Technikwissenschaften, die Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften. Wenn uns das gelingt – ich wäre dankbar dafür –, dann hätten wir noch mehr Begeisterung in der Bevölkerung für Wissenschaft und Forschung und damit noch mehr Unterstützung. Das kann einem Wissenschaftsstandort nur guttun.

Herr Minister, es gibt eine Zwischenfrage von Herrn Groth. Würden Sie die zulassen?

Ja.

Herr Minister, Sie haben meinem Redebeitrag zugehört und deshalb auch gehört, dass ich von „Übersetzung“ gesprochen habe. Wir brauchen auf jeden Fall Übersetzungen aus der englischen Sprache und der hochkomplexen deutschen Wissenschaftssprache für die Menschen. Darüber sind wir uns doch klar. Vor dem Hintergrund sind wir nicht auseinander.

Dann aber müsste der Antrag der Koalitionsfraktionen nach Ihrem Redebeitrag – wenn ich Sie richtig verstanden habe – heißen: Förderung der Übersetzung in eine einfache, verständliche deutsche Sprache, die man auch auf der Straße verstehen kann. Es geht doch um die Übersetzung von hochkomplexer Wissenschaftssprache – egal ob englisch oder deutsch – in eine Populärsprache, und zwar nicht im Sinne von Ungenauigkeit, sondern im Sinne von Allgemeinverständlichkeit. Könnten wir uns darauf einigen, wären wir beim Förderpreis gar nicht so weit auseinander.

Herr Groth, die Anträge werden von Fraktionen gestellt, nicht von der Landesregierung.

(Ewald Groth [GRÜNE]: Aber Sie haben ge- rade in eine Richtung gesprochen!)

Ich habe beide Antragsteller – Michael Solf und Christian Lindner – so verstanden, dass es das Anliegen der Fraktionen, die diesen Antrag eingebracht haben, ist, dass sich Wissenschaftler in stärkerem Maße darum bemühen, in deutscher Sprache zu veröffentlichen, wo immer ihnen das möglich ist, und zwar so verständlich wie möglich. Das waren die beiden Wortbeiträge, denen ich hier mit großer Freude habe zuhören dürfen.

(Beifall von CDU und FDP)