neun Jahre Zeit zu lassen. Das war das Modell von SPD und Grünen. Das zu verdeutlichen, ist mir wichtig.
Sie haben es aber nicht getan, sondern Sie haben mit der Brechstange eine andere Reform umgesetzt. Für diesen Scherbenhaufen tragen Sie die Verantwortung. Das will ich noch einmal sehr deutlich sagen.
Er hat mir vorgehalten, wir würden nichts tun. – Ich habe eben vorgetragen, dass wir genau zwei Dinge tun, um die missliche Situation zu optimieren.
Die erste und wichtigste Baustelle in diesem Zusammenhang ist die Optimierung des G8, damit es den Kindern und Jugendlichen in diesem System besser geht. Das betrachte ich als meinen Hauptauftrag. Dazu habe ich die Verbände eingeladen. Ich ziehe Herrn Prof. Bos zur Beratung hinzu, damit er bei den Eltern für den Gedanken wirbt: Was kann man noch tun, um Druck aus dem G8 herauszunehmen, damit die Akzeptanz für G8 wächst?
Sie müssten auch ein Interesse daran haben, dass die Akzeptanz für diesen verkürzten Bildungsgang wächst und wir nicht dauerhaft Eltern in Unmut und dauerhaft deshalb gestresste Kinder und Jugendliche haben. Das ist mein Hauptinteresse. Das habe ich eben bereits betont.
Nun noch einmal zum Schulversuch: Es gibt Eltern, die den neunjährigen Bildungsgang am Gymnasium wollen.
Diese Tatsache entzieht im Grunde dem Vorwurf den Boden, ich wollte den Gymnasien irgendetwas tun, wenn ich ihnen die von ihnen zum Teil gewünschte Möglichkeit einräume
und sie in ihren Gremien unter möglichst breiter Beteiligung der Elternschaft diese Entscheidung für ihre Schule treffen. Wir betrachten es als demokratisch, diese Entscheidung dorthin zu verlagern, wo sie hingehört, nämlich in die Schulkonferenz.
Herr Witzel, ich will Ihnen gern noch einmal erklären, warum wir es als vernünftig erachten, das als Schulversuch zu machen. Es geht, wie zumindest Herr Sternberg erkannt hat, nämlich nicht darum, einfach zum alten G9 zurückzukehren. Das begründet den Schulversuch.
Es geht um eine langjährige, fundierte Erprobung in einem kompletten Durchgang an einer begrenzten Zahl von Schulen.
Angesichts des Schulversuchs geht um höchstens 10 % der Gymnasien. Ersatzschulen können sich an der Erprobung beteiligen, wenn ihr Träger dies beantragt. Ziel des Modellvorhabens ist es, zu erproben, ob es Unterschiede bezüglich des Lern- und Schulerfolgs von Schülerinnen und Schülern in einem G9-Bildungsgang im Vergleich zum G8Bildungsgang am Gymnasium gibt und welche unterschiedlichen Wirkungen das auf die Eltern, die Schülerinnen und Schüler und die unterrichtenden Lehrkräfte in beiden Bildungsgängen hat. Das herauszufinden, ist es allemal wert.
Herr Bos, den Sie so gerne zitieren, hat auch gesagt: Wie Sie das G8 eingeführt haben, war es falsch. Es wäre besser gewesen, so einen massiven Umbau des Systems erst in einem Schulversuch zu erproben, bevor man das für alle Kinder unvorbereitet exekutiert, wie Sie es gemacht haben.
Auf den Erfahrungen des G8-Gymnasium aufbauend Kindern und Jugendlichen mehr Lernzeit und zugleich mehr Unterrichtsstunden für individuelle Förderung zuzubilligen, ist ein zweiter Punkt, der erprobt wird.
Liebe Frau Pieper-von Heiden, was hätten Sie mir denn vorgeworfen, wenn ich die fünf Stunden, die Sie zusätzlich bereitgestellt haben, den Gymnasien abgezogen hätte? Daraus hätten Sie genauso einen Vorwurf entwickelt und mir unterstellt, ich würde, um den Gymnasien zu schaden, ihnen diese Förderstunden wieder abziehen.
Wir wollen die Förderstunden im System lassen, um herauszufinden, wie sich zusätzliche Lernzeit auf den Lernerfolg von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Damit können Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien mehr Zeit für die Schülerinnen und Schüler aufwenden, um sie auf den Umgang mit Heterogenität, die auch an den Gymnasien Platz greift, vorzubereiten.
Sollte sich, meine Damen und Herren, im Verlauf des Anmeldeverfahrens zum Schulversuch zeigen, dass sich mehr als 10 % der Gymnasien in Richtung G 8/G 9 verändern wollen, ist es natürlich aus Sicht der Landesregierung erforderlich, das Thema grundsätzlich im Landtag zu behandeln, weil dies die Dimension eines Schulversuchs sprengen würde. Es geht nämlich ausdrücklich nicht darum, am Parlament vorbei Fakten zu schaffen, die über die Dimension eines Schulversuchs hinausgehen würden. Wenn sich dann aber mehr als 10 % der Gymnasien melden und zurück möchten, müssen Sie daran mitwirken, dass wir dafür die Voraussetzungen in diesem Parlament schaffen, weil das dann erneut eine Abstimmung der Eltern über Ihre verfehlte Schulpolitik ist. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Frau Ministerin Löhrmann. – Weitere Wortmeldungen liegen im Rahmen der Aktuellen Stunde nicht vor. Hiermit schließe ich die Aktuelle Stunde.
Ich eröffne die Beratung. – Für die antragstellende Fraktion der CDU hat Herr Kollege Klaus Kaiser das Wort.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Es ist schon ein großes Ärgernis, dass die rot-grüne Minderheitsregierung plant,
durch die Einführung der Gemeinschaftsschule die größte Strukturveränderung in unserem Schulsystem eben nicht durch ein Gesetz zu beginnen, sondern durch einen Schulversuch. Das ist unsäglich.
Frau Kraft hat in ihrer Regierungserklärung noch davon gesprochen, sie wolle für mehr politische Bildung sorgen. Das heute ist die erste Lektion, die uns erteilt wird: Wie lerne ich, eine Strukturveränderung des Schulsystems einzuleiten, ohne das Parlament daran zu beteiligen? – Das ist ein Lehrstück zur Erhöhung der Politikverdrossenheit und ein Stück zur Entleerung unseres parlamentarischen Systems.
Eines steht ganz sicher fest: Wenn die Koalitionsvereinbarung, die Sie geschlossen haben, heute noch gilt, nach der Sie beabsichtigen, 30 % der Schulen in den nächsten fünf Jahren zu Gemeinschaftsschulen umzuwandeln, ist das eindeutig kein Schulversuch mehr, sondern ein massiver Strukturwandel. Dadurch wird die kritische Größe erreicht, die den Weg zur Einheitsschule unumkehrbar macht. Das wollen wir von der CDU eindeutig nicht.
Weiterhin fällt bei diesem angeblichen Schulversuch auf: Die Anzahl der teilnehmenden Schulen ist nicht begrenzt. Dies ist jedoch zwingende Voraussetzung für einen Schulversuch nach § 25. Aber natürlich wissen wir genau, warum Sie keine Gesetzesänderung wollen. Reiner Burger von der „FAZ“ hat Sie in einem Artikel unter dem Titel „Im Spinnennetz gefangen“ in beeindruckender Weise in Ihrer Strategie entlarvt. Sein richtiges Resümee – ich zitiere –:
Wir werden den Weg zur Einheitsschule nicht mitgehen. Dessen können Sie ganz sicher sein. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel.