Protokoll der Sitzung vom 08.11.2012

(Beifall von den PIRATEN)

Vielen Dank, Herr Kollege Bayer. – Für die Landesregierung erhält nun das Wort Herr Minister Groschek.

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete!

Ich beginne mit Ihnen, Herr Bayer. Ja, ich möchte – ich möchte noch viel mehr als Sie qua Antrag vorschlagen, aber so ist das. In Zeiten der Schuldenbremse muss man sehen, was praktisch möglich und realisierbar ist. Deshalb habe ich sehr wohl einen eigenen landespolitischen Gestaltungsan

spruch, den wir auch Haushalt für Haushalt intensiver ablesbar machen.

Bei diesem Haushalt war das leider im Wesentlichen noch nicht möglich, weil die Einbringung des Haushaltes – auch des 09er-Haushaltes – quasi

schon seine Vollzugsmeldung war. Grund dafür war die Neuwahl. Die wiederum ist ja hier im Haus unterschiedlich glücklich oder unglücklich aufgenommen worden – in Ihrem Fall wahrscheinlich mit hohem Glück, Herr Kollege Bayer.

(Beifall von den GRÜNEN)

Jetzt zur Frage Teilhabe und Wohnen. – Ja, Sie haben recht: Teilhabe ist wichtiger als Eigentum, wird tendenziell wichtiger. Wir kommen gleich beim Verkehr darauf zu sprechen.

Ich finde einen Hinweis ganz wichtig. Hier muss eine breite Mehrheit davon überzeugt sein, dass Wohnen ein soziales Grundrecht ist und bleibt und dass Wohnen nicht zur Ware verkommen darf, erst recht nicht zur Ramschware.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Das ist meine felsenfeste Überzeugung, die sich auch dem Koalitionsvertrag entnehmen lässt.

„Soziale Stadt“ ist für mich mehr als ein Programmausschnitt. „Soziale Stadt“ ist für mich die auch geistige Fortsetzung des europäischen Stadtideals, im Grunde der Kern unserer Struktur-, Bevölkerungs- und Kulturgeschichte in Europa. Ich glaube, dass sich „Soziale Stadt“ auch ausdrückt in einer aufgeklärten Stadt von mündigen Bürgern. In einer solchen Stadt darf es keine Stadtmauern geben. Da muss Platz sein für Reiche und Arme, für hier Geborene und Zugezogene. Ghettoisierung – weder im Elend noch im Luxus – kommt als Perspektive der „Sozialen Stadt“ nicht infrage. Da sind wir ganz nah beieinander.

(Beifall von der SPD und den PIRATEN)

Jetzt möchte ich mit Ihnen beginnen, Herr Voussem. Eigentlich hatten wir sehr gute Diskussionsansätze. – Wo ist er gerade? Ich sehe ihn nicht.

(Jochen Ott [SPD]: Er schwänzt!)

Ach so. Ich glaube wirklich, dass es eine Reihe von Ansatzpunkten gibt, bei denen Sie im Grunde bei sich selbst und ihren Diskussionsbeiträgen im Ausschuss bleiben können und sollten und nicht in eine Rhetorik „Schemmer light“ verfallen sollten. Sie im Original sind doch besser!

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Sie haben vom Kahlschlag bei der Eigentumsförderung gesprochen. Das, was Sie Kahlschlag nennen, kommt erst noch, weil meine Akzentuierung hier noch gar nicht ablesbar ist. Meine Akzentuierung ist eine deutlich andere bei der Eigentumsförderung als die Ihre oder auch als die meines Amtsvorgängers.

Ich will das auch begründen. Ich finde es auch im Nachhinein noch unverantwortlich, wie im Grunde Gemeinschaftsvermögen verschleudert wurde, als in einem Jahr 600 Millionen € an Krediten für Eigentumsförderung ausgegeben wurden.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Das war nachhaltig falsch. Warum? – Weil in niedrigen Zinsphasen, die es schon damals gab, natürlich auch die Vermögensfrage problematisch wird!

Herr Ellerbrock, Sie wissen doch wie ich, dass es auch im ländlichen Raum im Grunde eine Phobie gibt, nämlich bei vielen Handwerksmeistern, bei vielen kleinen Gewerbetreibenden, bei Landwirten. Die haben sich ihr Häuschen abgespart, haben es jetzt durchfinanziert und erleben aufgrund des demografischen Wandels, der Landflucht, dass auf einmal ihre vermeintliche Altersversorgung in der Sonne schmilzt – wie die Immobilienblase in den USA.

(Vereinzelt Beifall von der SPD)

Denen muss man doch ein Stück Sicherheit geben, aber nicht dadurch, dass man ihnen in der Nachbarschaft Reihenhaussiedlungen aufs Feld setzt, sondern dadurch, dass man Kerne im ländlichen Raum konzentriert und verhindert, dass unsinnigerweise noch mehr Eigentum an falschen Stellen gefördert wird. Das ist doch die plausible Perspektive.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Ja, wir werden weiter fördern – in einer gemeinsamen Tradition; wenn das nur eine sozialdemokratische wäre, wäre es mir auch recht. Aber wir müssen neben dem Fördern auch fordern.

(Beifall von Christof Rasche [FDP])

Das heißt übersetzt: das Ordnungsrecht einsetzen gegen die, die sich nicht an die sozialen Spielregeln unserer sozialen Marktwirtschaft halten.

(Beifall von der SPD)

Ich entschuldige mich, vielleicht an der Enquetekommission vorbei gehandelt zu haben. Ich will Sie ja gerne im Boot behalten, mich in das Boot der Enquetekommission setzen. Wir werden noch gemeinsam einiges auf den Weg bringen.

Aber alleine das neue, verschärfte politische Anspracheklima hat dazu geführt, dass sowohl die eine große Heuschrecke wie die andere große Heuschrecke gesagt haben: Lieber Minister, wir sind gar nicht so, wir würden herzlich gerne mit Ihnen reden und Sie vom Gegenteil überzeugen. – Da sage ich: Herzlich eingeladen! Ich rede mit jedem, auch mit Ihnen, wenn das der sozialen Wirklichkeit vielleicht einen Verbesserungssprung verschafft. Also: Auch mit denen gibt es einen Dialog; denn ich bin daran interessiert, dass die betroffenen Menschen in eine bessere Lage versetzt werden, und veranstalte hier keine ideologischen Schattenboxkämpfe.

(Beifall von Jochen Ott [SPD])

Meine Redezeit ist zu Ende. Aber, Herr Ellerbrock – ein paar Anmerkungen habe ich zu Ihren kritischen oder sachdienlichen Hinweisen gemacht –, eines noch: Wir leben in Nordrhein-Westfalen bezogen auf den Wohnungsmarkt ein bisschen wie in Trizo

nesien. Wir haben Boomregionen, wo unterschiedliches Engagement da ist. Es gibt Großstädte, die packen richtig an, weil sie innerlich vom sozialen Wohnungsbau überzeugt sind. Und es gibt Großstädte, da hat man eher das Gefühl: Wohlhabende schonen den Kämmerer, man kann als Kämmerer die Wohlhabenden melken, sozial Bedürftige dagegen melken den Kämmerer, die will man als Kämmerer nicht haben. Bei einer solchen Geisteshaltung gibt es eben Verwerfungen. Deshalb sollten wir gemeinsam dafür sorgen, dass in allen nordrheinwestfälischen Städten sozialer Wohnungsbau mental gewollt ist. Dann kommen wir nämlich ein ganzes Stück weiter.

Es gibt noch zwei weitere Bereiche.

Der eine ist der ländliche Raum. Wir müssen uns darüber austauschen, wo wir Knotenpunkte setzen und was das für die Wohnbauförderung und die Stadtentwicklungsförderung im ländlichen Raum heißt.

Der andere Bereich ist das Ruhrgebiet. Wir müssen überlegen, wie wir das Problem dort und anderswo in den Griff kriegen – außerhalb von Dortmund, einer wachsenden Metropole –, nämlich die Überhänge aufgrund des demografischen Wandels und aufgrund anderer strukturpolitischer Phänomene. Da muss dann eben differenziert werden: nicht nur Neubau für die bürgerliche Klientel, um eine bestimmte Struktur zu stabilisieren, sondern vor allen Dingen auch Rückbau, um Entwicklungen überhaupt erst möglich zu machen und keine sozialen Leerstände auf Halde zu schaffen.

Ich lade Sie herzlich ein: Machen Sie mit! Wir werden einen differenzierten Instrumentenkasten entwickeln.

Eines bleibt richtig: Die Politik des „Weiter so und mehr!“ ist ein für alle Mal vorbei. Es wird auf Sicht nur noch eine Politik des „Weniger und anders!“ geben, jedenfalls voraussichtlich so lange, solange ich hier Minister bleiben darf und Sie Abgeordneter in diesem Parlament.

(Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN und den PIRATEN)

Vielen Dank, Herr Minister Groschek. – Ich darf das Parlament darüber informieren, dass die Landesregierung die Redezeit um 2 Minuten 40 Sekunden überzogen hat.

(Christof Rasche [FDP]: Gegen jede Abspra- che!)

Mir liegen allerdings keine weiteren Wortmeldungen vor, sodass ich die Beratung zu diesem Teilbereich schließen kann.

Wir kommen zum

Teilbereich Stadtentwicklung und Verkehr

Der erste Redner für diesen Bereich stammt aus der CDU-Fraktion. Herr Kollege Moritz hat das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Landesregierung missachtet, wie auch schon in den vergangenen zwei Jahren, den nordrhein-westfälischen Landtag als Haushaltsgesetzgeber. Das hat der Verfassungsgerichtshof in seiner letzten Entscheidung zur verspäteten Einbringung des Haushaltsentwurfs 2012 eindrucksvoll bestätigt. Damit zeigt die Landesregierung ebenso eindrucksvoll ihr mangelndes Demokratieverständnis.

(Jochen Ott [SPD]: Das ist ein Scherz, oder?)

Schließlich ist das Budgetrecht das Königsrecht des Parlamentes. Anders ausgedrückt: Die Verfassung geht davon aus, dass sich der Landtag eine Landesregierung zur Ausführung des politischen Programms leistet, und nicht umgekehrt.

(Beifall von der CDU und der FDP)