Protokoll der Sitzung vom 27.03.2014

Ich besuchte kürzlich ein Gymnasium in meiner Heimatstadt und konnte hier feststellen: Die Sprachenklasse besteht zu 70 % aus Mädchen, eine MINT-Klasse besteht sogar zu 100 % aus männlichen Schülern. Dies beweist wieder einmal sehr deutlich: Mädchen und Jungen sind zwei paar Schuhe bzw. Geschlechter und die altbekannten Rollenklischees gibt es nach wie vor. Um diese Rollenklischees aufzubrechen, müssen wir viel früher als bisher Talente identifizieren und unterstützen.

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, uns Liberalen im Landtag von Nordrhein-Westfalen ist es wichtig, die Kinder in unserem Land individuell zu fördern. Wir wollen ihre Begabungen fördern und sie nicht, weil irgendwelche Quoten erfüllt werden sollen, in irgendwelche Bereiche zwingen, die ihnen nicht liegen.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Von daher findet die FDP-Landtagsfraktion es großartig, dass sich Unternehmen wie das vorhin erwähnte in solchem Maße engagieren. Wir hoffen, dass solche beispielhaften Projekte viele Nachahmer finden. Zusätzlich sind Aktionstage wie Girls’Day und Boys’Day durchaus sinnvoll.

Sinnvoll sind auch manche Punkte in Ihrem Antrag.

Nun komme ich aber zu einem nicht tragbaren Bestandteil Ihres Antrages. Ich habe wirklich den Eindruck, dass Sie den in weiten Teilen guten Antrag

absichtlich mit einigen absolut ungenießbaren Elementen versehen haben.

Mein Zustimmungsgen war schon fast aktiviert, da tauchten sie wieder auf: die Kompetenzzentren Frau und Beruf! Sie missbrauchen Ihren Antrag dazu, die Existenz der 16 Kompetenzzentren Frau und Beruf zu rechtfertigen. Voller Stolz erwähnen Sie, dass diese völlig überflüssigen Zentren vom Land gefördert werden.

(Josefine Paul [GRÜNE]: Besuchen Sie doch mal ein Kompetenzzentrum!)

Dabei kommunizieren Sie aber nicht, dass Sie hierfür jährlich mehrere Millionen Euro ausgeben. Es ist für mich immer noch unfassbar, dass der Fördertopf, aus dem die Kompetenzzentren finanziert werden, jährlich 5 Millionen € umfasst.

(Beifall von der FDP – Ministerin Barbara Steffens: Dass Sie das nicht verstehen, ist klar!)

Selbstverständlich stehen solche Summen für die Förderung von männlichen Jugendlichen in diesem Land nicht zur Verfügung.

(Josefine Paul [GRÜNE]: Na ja, das können wir noch mal diskutieren!)

Ich finde es ausgesprochen schade, werte Kollegen von Rot-Grün, dass Sie sich offensichtlich nicht ernsthaft mit dem Thema „Ausbildung und Berufswahl von Mädchen“ auseinandersetzen wollen. Sie schneiden viele Themen an, und dabei bleibt es. Eine konstruktive Erarbeitung in den Ausschüssen: Fehlanzeige!

Und als besondere Showeinlage am heutigen Girls’Day soll über den Antrag auch noch direkt abgestimmt werden.

Frau Kollegin Schneider, wenn ich einmal unterbrechen darf: Die Kollegin Kopp-Herr würde Ihnen gern eine Zwischenfrage stellen. Möchten Sie sie zulassen?

Gern, klar.

Dann machen wir das so. – Frau Kollegin, bitte schön.

Vielen Dank, Herr Präsident. – Vielen Dank, Frau Schneider, dass ich eine Zwischenfrage stellen darf.

Die Kollegin Milz hat in ihrer Rede vorhin über Unternehmensgründungen gesprochen, über Selbstständigkeit von Frauen, auch von Frauen mit Kindern. Ich hatte in meinem Redebeitrag eine Teilzeitausbildung für junge Mütter erwähnt. All dies sind Dinge, die über das Kompetenzzentrum Frau und

Beruf vorangetrieben werden, wo entsprechende Vernetzungen stattfinden.

Halten Sie es nach wie vor für sinnlos, dass es diese Kompetenzzentren gibt, wenn schon diese wenigen positiven Beispiele eindeutig für die Kompetenzzentren Frau und Beruf stehen?

Frau Kopp-Herr, ich danke Ihnen. Sie haben es gerade eben wortwörtlich gesagt: „Diese wenigen positiven Beispiele“ sind mir und meiner Fraktion keine 5 Millionen € im Jahr wert.

(Beifall von der FDP – Zuruf von Josefine Paul [GRÜNE])

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, uns Liberalen ist eine individuelle Förderung unserer Kinder und Jugendlichen zu wichtig, um Schönwetterpolitik zu machen. Sie haben mit dem vorliegenden Antrag Schönfärberei betrieben, und dafür bekommen Sie von der FDP-Fraktion die rote Karte. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der FDP)

Vielen Dank, Frau Kollegin Schneider. – Die nächste Rednerin ist Frau Kollegin Rydlewski für die Piratenfraktion.

Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Damen und Herren! Im letzten Jahrzehnt haben Ministerien, Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften, Arbeitsagentur und Bildungsträger eine Vielzahl von Aktivitäten und Projekten entwickelt, um das Berufswahlspektrum von Mädchen auszuweiten.

In Realbegegnungen zum Beispiel am Girls’Day sowie in zahlreichen Initiativen zur Gewinnung von Mädchen für die MINT-Fächer bietet sich Gelegenheit, Neigungen, Interessen, Rollenmuster und Lebensperspektiven zu reflektieren und eigene Handlungsoptionen zu entwickeln. In Praktika und arbeitsweltbezogenen Unterrichtssituationen werden Schülerinnen und Schüler zu interessen- und kompetenzorientierten Berufswahlentscheidungen angeregt. Auf diese Weise sollen geschlechtsstereotype Entscheidungen vermieden werden. So weit, so gut.

Ich frage mich jedoch oftmals: Stehen hier wirklich die Interessen der Frauen und Mädchen im Vordergrund? Oder ist es nicht vielmehr so, dass viele Unternehmen in der Zielgruppe „Mädchen und Frauen“ vor allem eine verschiebbare Personalressource sehen, die nun nur deshalb für sie interessant wird, weil der deutschen Wirtschaft zunehmend Facharbeiter und Facharbeiterinnen fehlen?

Qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in technischen Berufen sind mittlerweile rar und werden es voraussichtlich auch zukünftig sein. Al

lerdings ist dies auch eine Folge von Bildungspolitik sowie einer schlechten Familienpolitik im Zusammenhang mit den Unternehmensphilosophien. Es geht also ganz simpel mitunter um das Geld der Unternehmen und um Steuereinnahmen für den Staat. Der Girls’Day soll auch der deutschen Wirtschaft die Facharbeiterinnen sichern. Das Argument der Gleichstellung wirkt deshalb oftmals vorgeschoben.

In Deutschland muss ein generelles Umdenken stattfinden, und das vor allem in den Unternehmen. Gezielte Aus- und Weiterbildung mit einer langfristigen Ausrichtung ist unumgänglich.

Schulische Berufsorientierung muss in einer geschlechterbewussten Pädagogik die unterschiedliche weibliche und männliche Lebensplanung berücksichtigen. Das Bewusstsein der doppelten Lebensplanung, das Nachdenken über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzt bei Mädchen sehr viel früher als bei Jungen ein. Sie antizipieren sehr früh Behinderungen und Erschwernisse auf dem Arbeitsmarkt und im Erwerbsleben, insbesondere in technischen Berufen. Weil sie sich von den sogenannten Frauenberufen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf versprechen, greifen viele nach wie vor auf ein eingeschränktes Berufsspektrum mit weniger Aufstiegschancen und oftmals geringerer Entlohnung zurück. Hier ist dringend gegenzusteuern.

Was aber brauchen wir, um Frauen den Weg in ein gleichberechtigtes Berufsleben zu ermöglichen? Wir benötigen gleichen Lohn für gleiche Arbeit, angepasste Kinderbetreuung, zum Beispiel 24-StundenKitas, gesellschaftliche Anerkennung, ausreichendes Elterngeld, ein deutlich größeres Angebot an Teilzeitstellen – um nur einige der unabdingbaren Voraussetzungen zu nennen.

Noch immer sind Frauen am Arbeitsplatz sexueller Belästigung und Diskriminierung ausgesetzt, und dies vor allem in von Männern dominierten Unternehmen und in technischen Berufen. Es reicht also nicht, Mädchen für technische Berufe zu begeistern; der Umgang miteinander in Unternehmen muss sich ebenfalls ändern.

(Beifall von den PIRATEN)

Weiterhin wird nach dem Eintritt in das Erwerbsleben und im Verlauf der Berufskarriere eine geschlechtsspezifische Differenzierung aufgebaut,

wonach im unteren Segment der Arbeitsplätze mit niedriger betrieblicher Position und niedrigem Einkommen hauptsächlich Frauen zu finden sind. Dies relativiert sich erst bei den mittleren Positionen und den mittleren Einkommen. Erst hier findet eine Angleichung der Erwerbschancen von männlichen und weiblichen Angestellten statt.

Ziel aller unserer Aktivitäten soll vor allem sein, die Bedingungen und das Selbstbewusstsein junger Frauen so zu verändern und zu stärken, dass junge Frauen sagen: Meinen Beruf suche ich mir selbst.

Insofern sollte der Girls’Day vorrangig Mädchen darauf vorbereiten, nicht nur einen für sie passenden Beruf zu wählen, sondern sich im Arbeitsleben gegen männliche Kollegen zu behaupten, Gehaltsverhandlungen zu führen und ihre Interessen auch durchzusetzen.

Dies lässt sich natürlich nicht mit einer Veranstaltung erreichen, die nur einmal im Jahr stattfindet. Ich begrüße durchaus die vielfältigen Ansätze der Landesregierung bei der Unterstützung junger Mädchen und Frauen, halte aber den Girls’Day selbst für eine oftmals eher von Wirtschaftsinteressen geleitete Veranstaltung.

Auch bei Programmen wie „Kein Abschluss ohne Anschluss“ stehen für mich in vielen Darstellungen zu sehr die Funktionalität von Menschen als Ressource und der lückenlose Lebenslauf im Vordergrund, nicht aber die Frage, was wir tun müssen, damit Menschen mit ihrer Berufswahl und ihrer Lebensgestaltung auch glücklich sind.

Entsprechend empfehle ich meiner Fraktion eine Enthaltung. – Danke schön.

(Beifall von den PIRATEN)

Vielen Dank, Frau Kollegin Rydlewski. – Für die Landesregierung hat jetzt Herr Minister Schneider das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach wie vor wählen junge Frauen trotz einer guten Schulbildung und guter Noten in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern selten Berufe aus diesem Spektrum aus. Sie bleiben eigentlich seit Jahrzehnten bei den zehn beliebtesten Berufen. Zu den Topberufen gehören bei jungen Frauen die Medizinische Fachangestellte – früher Arzthelferin –, die Bürokauffrau, die Industriekauffrau und natürlich nach wie vor die Friseurin.

Wir haben mit dem eben schon angesprochenen Konzept „Kein Abschluss ohne Anschluss“ eine gendersensible Berufsorientierung eingeführt. Daneben stellen wir Angebote zur Unterstützung junger Frauen mit und ohne Migrationshintergrund zur Verfügung.

Wir wissen um die Notwendigkeit, Eltern, Lehrkräfte und Beratungskräfte für dieses Thema zu sensibilisieren und anzusprechen. Deshalb gibt es auch zusätzliche Angebote wie das Programm „Zukunft durch Innovation“, kurz zdi.

Dieses Programm zeigt, dass eine besondere Art der Ansprache bei Mädchen besonders gut ankommt. Mehr als 40 % der Teilnehmenden sind Mädchen. Erst vor einigen Wochen konnten meine Kollegin Schulze und ich ein Berufskolleg in Datteln besuchen, in dem ein zdi-Projekt in einer ganz hervorragenden Art und Weise durchgeführt wird.

Dort sind sogar über 60 % der Teilnehmenden Mädchen.