Besonders fürchten die Schulen den großen Zeitdruck und das Hauruckverfahren. Dem stimmen wir zu. Deshalb haben wir nach der Anhörung schweren Herzens auf unseren ursprünglich eingebrachten Vorschlag verzichtet, auch die Kinder einzubeziehen, die heute in den Klassen 5, 6 und 7 sind; denn wir haben den Expertinnen und Experten zugehört. Es wäre schön, wenn die Regierung dies gelegentlich auch täte.
Darüber hinaus wünschen sich die Expertinnen und Experten sowie die Schülerinnen und Schüler, dass die neu gewonnene Zeit zur Vertiefung und zur individuellen Entfaltung genutzt werden kann. Darum dürfen die Stundentafeln jetzt nicht wieder vollgepackt werden. Dies machen auch Caroline Lensing und Hanna Tuszynki in der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung „nds“ deutlich. Die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen wünschen sich mehr Zeit zur Vertiefung, heißt es da sehr eindringlich.
Dieses Anliegen haben wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in zahlreichen Gesprächen mit Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern immer wieder gehört. Das nehmen wir ernst. Daher ist das auch einer der Hauptpunkte in unserem Antrag. Mehr Zeit für Persönlichkeitsentwicklung, nicht mehr Fächer, sondern sorgfältig prüfen, worauf es ankommt. Ich gebe hier auch ein ganz klares Bekenntnis dazu ab: Mehr Theater spielen, mehr politische Bildung in ganz Nordrhein-Westfalen würde der Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder guttun.
Daher haben wir bereits in unserem Wahlprogramm festgeschrieben, dass wir die Wahlfreiheit für Eltern und Schülerinnen und Schüler einfordern, um eine Flexibilisierung der Schule und des Abiturs zu ermöglichen. Wir brauchen neue und innovative Ideen, die dem Bild des einzelnen Menschen gerecht werden.
Deshalb sage ich, auch was die Wahlmöglichkeit angeht: Das Überspringen einer Klasse ist heute schon möglich für diejenigen, die schneller sind, die gut drauf sind, die es können, und es wird auch weiter möglich sein.
Aber wir brauchen darüber hinausgehende grundsätzliche Regelungen und Möglichkeiten den individuellen Bildungsweg betreffend.
Daher werben wir für eine Flexibilisierung der Oberstufe in einem Modulverfahren, ähnlich wie wir es von Hochschulen und Unis kennen. Die Schule soll dem einzelnen Menschen die Möglichkeit eröffnen, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen und die Entwicklung des eigenen Lebenslaufes in den Blick zu nehmen. Freiräume und individuelle Gestaltung müssen wichtiger werden, und das muss im Schulsystem aufgegriffen werden.
Durch die Möglichkeit, das Abitur erst im 13. Schuljahr zu absolvieren, bekommen die Schülerinnen und Schüler ein Jahr mehr Zeit für die persönliche Entwicklung, aber es muss auch möglich sein, diese Zeit vernünftig zu nutzen. Die neue Oberstufe muss Möglichkeiten für eine berufliche Orientierung, für soziales Engagement, für einen internationalen Austausch von Schülerinnen und Schülern und für Praktika bieten.
Auf der anderen Seite müssen die Schülerinnen und Schüler unterstützt werden, die ihr Abitur möglichst schnell absolvieren wollen, um ihren individuellen Lebensweg zu realisieren. Am Ende entscheiden die Schülerinnen und Schüler selbst, ob sie ihr Abitur in zwei, drei oder vier Jahren absolvieren. In diesem Zusammenhang besteht Wahlfreiheit, wann welche Prüfung abgelegt wird oder ob noch ein Auslandsaufenthalt eingeschoben werden soll.
Ein kompetenzbasiertes Schulsystem bietet diese Möglichkeit bei einem flexiblen Stundenplan. In Baden-Württemberg gibt es Beispiele dafür: Das Projekt „Abitur im eigenen Takt“ hat gezeigt, dass es geht.
Die Vorteile sind das Fördern von selbstständigem Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung. Häufig wird kritisiert, dass Jugendliche heutzutage nicht mehr selbstständig sind, die Verantwortung für ihr Leben an Pädagogen und Eltern abgeben und eigenständiges Denken verlernen. Wo, wenn nicht in der Schule, sollen Kinder und Jugendliche Eigenverantwortung und vor allen Dingen Selbstkompetenz erlernen?
„Zukunft mitgestalten“ heißt auch, dass Verantwortung ganz am Anfang beginnt. Bei der Recherche zur heutigen Rede habe ich festgestellt, dass die Jugendorganisationen der regierungstragenden Parteien ungefähr so denken wie ich, jedenfalls, wenn man dem Beschluss der Jungen Liberalen – die Bildungsakteure der FDP-Fraktion gehören sicherlich in
In einem Positionspapier der Jungen Liberalen aus dem Jahr 2017 – ich zitiere mit Genehmigung der Präsidentin – heißt es:
„Langfristig stellen wir uns vor, dass die Oberstufe in einer Art modularem System organisiert wird. Analog zum universitären System könnten Schülerinnen und Schüler dann selbst entscheiden, wie lange sie für die Ableistung aller Module brauchen.“
Wir sollten das tatsächlich voranbringen. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass die regierungstragenden Fraktionen diese Vorschläge mit eingebracht hätten; denn wenn wir sorgfältig arbeiten wollten, hätten wir ab jetzt sechs Jahre Zeit, um systematisch einen solchen gemeinsamen Weg zu gehen.
Vielleicht sollten wir auch überlegen, solche Schulreformen in einem anderen Dialog zu entwickeln. Wir haben mehrfach das Angebot zur Zusammenarbeit gemacht – zuletzt in der vergangenen Woche. Es scheint kein Bedarf zu bestehen, in solch wichtigen Fragen zusammenzuarbeiten.
Ich halte das für falsch. Ein Schulsystem ist bei allem Streit in der Sache immer ein Wert an sich. Da darf es kein ständiges „Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln“ geben, sondern da muss man auch zusammenarbeiten. Wir bedauern deshalb, dass dieser Diskussionsprozess mit uns nicht gewünscht war.
Wir halten es auch für falsch, den Konflikt über die Frage „G8 oder G9?“ in die Schulen zu tragen und jede einzeln entscheiden zu lassen – ganz abgesehen davon, dass das für die Schulträger und die Schulentwicklungsplanung extrem komplex ist.
Das ist der Grund, warum wir diesem Antrag heute nicht zustimmen werden. Wir werden uns aber enthalten, weil wir grundsätzlich der Meinung sind, dass er auch viele gute Aspekte enthält, und es vernünftig ist, G9 einzuführen. Wir halten es nach wie vor für falsch, vor Ort eine Wahlmöglichkeit zu geben. Individuelle Bildungsgänge wären der richtige Weg.
Last but not least: Wir haben oft von der Konnexität gesprochen. Es ist richtig, dass Sie den Gesetzentwurf zur Konnexität eingebracht haben; aber wir halten für heute fest: Das wird vorne und hinten nicht ausreichen.
Ich will mit folgenden Worten schließen: Alles Geld, das wir für G9 einstellen, müssen wir als verantwortlicher Gesetzgeber anschließend auch für die anderen Schulformen bereithalten. Wir diskutieren wieder monatelang über das Gymnasium – das ist wichtig
und richtig –, aber viele Kinder in Nordrhein-Westfalen besuchen andere Schulformen. Diese Kinder dürfen wir bei der Debatte nicht vergessen. – Herzlichen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Heute beschließen wir die Leitentscheidung für die Gymnasien zur Rückkehr zu G9. Wir sorgen damit endlich für Ruhe an den Gymnasien. Den Schulträgern und Schulleitern Planungssicherheit geben, Lehrerinnen und Lehrer entlasten und den Druck von den Schülerinnen und Schülern nehmen, all das schaffen wir heute und halten dabei auch den selbstgesteckten Zeitplan ein. Auch in der Anhörung bekamen wir überwiegend ein positives Feedback zu dem Gesetzentwurf.
Erstens. Neben der Leitentscheidung zur Rückkehr zu G9 halten wir auch an der Entscheidung fest, dass Gymnasien G8 fortführen dürfen, wenn sie dies so wollen und sich die Schulkonferenz mit großer Mehrheit dafür ausspricht.
Die SPD beantragt jedoch, dass alle Gymnasien unseres Landes zu G9 zurückkehren sollen. Während der Anhörung kamen auch Sachverständige zu Wort, die die Fortführung von G8 an einzelnen Schulen nachvollziehen können und die Wahlmöglichkeit in der Schulkonferenz begrüßen, wie zum Beispiel Dr. Herbert Herrmann, Landesvorsitzender der Katholischen Elternschaft Deutschlands.
„Die KED in NRW begrüßt es ausdrücklich, dass die Alternative Abitur nach acht Jahren erhalten bleibt, so, wie es der Gesetzentwurf ermöglicht. Er berücksichtigt damit auch die Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte, die G8 positiv gegenüberstehen und beibehalten wollen.
Wir befürworten daher ausdrücklich, dass vor Ort in den jeweiligen Gymnasien frei entschieden werden darf, und keine pauschale und einseitige Kehrtwende vollzogen wurde. Die Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerkollegien können nämlich am besten beurteilen, was für sie und ihre jeweilige Schule der richtige Weg zum Abitur ist.“
Wir Freien Demokraten sehen das genauso und stehen nach wie vor für mehr Schulfreiheit ein. Die Wahlmöglichkeit ist ein erster wichtiger Schritt in
Zweitens. Das Gruppenspringen. Auch hier läuft die Kritik der SPD völlig ins Leere. Gerade das Springerkonzept stieß auf große Befürwortung bei den Experten.
Aber als Gruppe ist das soziologisch viel angenehmer für die Kinder, wenn sie halt altersgleich schneller voranschreiten und dann vielleicht auch die gleichen Fragen stellen, die gleichen Probleme haben, …“
Wir wollen mit diesem Konzept den einzelnen Schüler in den Fokus nehmen und es ermöglichen, in zwölf Jahren zum Abitur zu kommen – unter der Voraussetzung, dass die Schülerin oder der Schüler die entsprechenden Zensuren, die persönliche Eignung und das Engagement mitbringt. Dass man sich mit Leistung und Engagement für etwas qualifizieren kann, liebe SPD, ist nichts Empörendes, sondern gerade ein Element von Chancengerechtigkeit.
Es steht in Ihrem Antrag, dass Sie es kritisieren. Vielleicht ging das jetzt so schnell, dass Sie ihn selber noch nicht ganz gelesen haben.
Drittens. Ein Kritikpunkt der SPD-Fraktion im Ursprungsantrag war die Nichtmitnahme der Klassen 7 bis 9. Allerdings haben sich alle Experten gegen die Mitnahme der Klassen 7 bis 9 ausgesprochen.
Der Vertreter der Westfälisch-Lippischen Rektorenvereinigung bezeichnete die Idee sogar als Katastrophe.