Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Berufliche Bildung im digitalen Zeitalter – das ist ohne jeden Zweifel eine ganz zentrale Herausforderung.
Wie verändern sich Arbeitsverhältnisse? Wie verändern sich Qualifikationsnotwendigkeiten im digitalen Zeitalter? – Solche Fragen treiben uns als SPDFraktion so sehr um, dass wir eine Enquetekommission ins Leben gerufen haben, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigt. Dass uns heute ein Vorschlag vorliegt, der sich mit einer Fachoberschule für Informatik befasst, ist mit Sicherheit ein wichtiges Zeichen dafür, dass sich auch die Regierung mit diesem Thema auseinandersetzt.
Zunächst einmal halten wir es für sehr positiv, dass diese Zielgruppe in den Blick genommen wird, weil es tatsächlich so ist, dass junge Menschen mit Mittleren Schulabschlüssen Schwierigkeiten haben, einen Platz in dieser neuen Arbeitswelt zu finden. Die Jugendlichen müssen sich in einer Arbeitswelt orientieren, welche die Jobs, die sie früher vielleicht mal ganz fantastisch fanden, nicht mehr in ausreichendem Maße bietet. Die Enquetekommission hat gezeigt, dass genau diese Ausbildungs- und Arbeitsplätze verloren gehen werden. Es ist also eine gute Zielgruppe.
Gut finden wir auch, dass es eine Anschlussmöglichkeit geben soll; denn die Hoffnung ist ja, dass in solchen Situationen auch Talente entdeckt werden, die ansonsten vielleicht nicht gefunden werden könnten. Auch das ist also positiv.
Da es sich hier nicht um eine abschließende Diskussion handelt, sondern um eine Überweisung an verschiedene Ausschüsse – was bei einem solchen Thema auch sehr sinnvoll ist –, will ich vor allen Dingen Fragen aufwerfen, die in diesem Zusammenhang aufkommen.
Wenn wir uns die Zielgruppe ansehen, dann zeigt sich, dass es sich oft um schulmüde Jugendliche handelt. Wie will man diese mit einer vollschulischen Ausbildung erreichen? Die Beachtung welcher Aspekte ist notwendig, damit gerade Jugendliche mit einer praktischen Begabung hier ihren Platz finden und zu einem erfolgreichen Abschluss kommen? Denn nur ein erfolgreicher Abschluss wird ihnen den Weg in eine weiterführende Ausbildung oder Qualifikation ermöglichen.
Wir haben von der CDU vorhin außerdem gehört, wie wichtig dieses klare Ziel ist. Sie haben es noch einmal benannt. Dann frage ich mich natürlich, warum in der letzten Legislaturperiode gerade die CDU nicht an dem von SPD, Grünen und Piraten eingebrachten Vorschlag beteiligt war, das Fach Informatik an den Schulen zu stärken. Genau da haben Sie nicht mitgemacht, und das erstaunt uns immer noch sehr.
Problematisch ist auch: Warum wurde jetzt in der APO-S I nur für die Gymnasien das Fach Informatik eingeführt – und das auch nur als Wahlpflichtfach?
Ein Wahlpflichtfach schließt selbst an den Gymnasien, die ausgewählt worden sind, noch die meisten Schülerinnen und Schüler aus. Es handelt sich also um eine ganz klare Engführung der informatorischen Grundbildung. Diese Grundbildung ist aber absolut notwendig.
Das verstehen wir nicht; denn zumindest in die APOBK hätte es auch gemusst – und eigentlich auch in die für alle anderen Schulformen, weil eine Grundbildung in Informatik für alle Schülerinnen und Schüler ein absolutes Muss ist.
Eine weitere Frage, die wir selbstverständlich beantworten müssen, lautet: Wer soll denn an diesen Fachoberschulen unterrichten? Wir haben schon jetzt deutlich zu wenige Informatiklehrerinnen und lehrer. Leider kann uns das Wissenschaftsministerium keine Auskunft auf unsere Anfragen dazu geben, wie viele Lehrerinnen und Lehrer demnächst zur Verfügung stehen werden bzw. wie viele jetzt an den Hochschulen für genau diese Fächer ausgebildet werden.
Übrigens ist gestern bei der Anhörung von 6.000 Lehrerinnen und Lehrern gesprochen worden, die wir für eine vernünftige Ausbildung brauchen. Wie soll das denn passieren? Dazu haben wir leider keine Informationen.
Zum Schluss noch einmal eine Frage, die uns immer wieder umtreibt: Warum können wir bei diesem wichtigen Thema, das deutlich über eine Legislaturperiode hinausgeht, nicht zusammenarbeiten? Die meisten Fraktionen hier – mit Ausnahme einer Fraktion – sind doch bereit, sich diesen Zukunftsfragen zu stellen, und sie wollen Antworten für das 21. Jahrhundert. Das sollten wir doch gemeinsam machen.
Denn die berufliche Bildung all unserer Jugendlichen und jungen Erwachsenen treibt uns doch alle um …
… und muss uns auch alle umtreiben. Deshalb noch einmal die Bitte: Lassen Sie uns das gemeinsam machen!
Vielen Dank, Frau Kollegin Hammelrath. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht Frau Kollegin Beer.
Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ja, berufliche Bildung stärken, Potenziale heben – ich glaube, darin sind wir sehr einig. Das ist richtig, auch die Idee einer Fachoberschule für Informatik ist richtig. Das hat man als Idee auch aus der Landschaft gehört. Ich finde auch gut, das Projekt aufsetzen und uns darüber zu unterhalten. Die Fragen, die gestellt werden, werden wir noch im Ausschuss behandeln, vielleicht mittels einer Anhörung.
Nur, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch liebe Ministerin: Wenn man berufliche Bildung stärken will, dann muss man früher anfangen. Das haben wir auch gestern bei der Anhörung deutlich gehört.
Es ist doch nicht nachzuvollziehen, dass das, was hinsichtlich der Informatik gemacht wird, in der APOS I lediglich beim Gymnasium vorgesehen ist. Das hat die Kollegin Hammelrath gerade schon angesprochen. Deswegen haben wir ja die Anhörung durchgeführt: weil es eben nicht nur um das Gymnasium geht, wo ein Wahlpflichtfach Informatik eingeführt werden soll – die Gesamtschulen können das vielleicht machen –, sondern darum, dass gerade die Schulformen der S I – nämlich die Sekundarschule, die Realschule, die Hauptschule, über die Sie gerade geredet haben – nach der Novelle der APO-S I überhaupt keinen Informatikunterricht anbieten können.
Das ist doch ein Unding. Wenn man vorbereiten will, dann muss man das in der Sekundarstufe I implementieren.
Deswegen will ich hier noch einmal den deutlichen Appell aus der Anhörung gestern an Sie richten: Frau Ministerin, legen Sie uns einen überarbeiteten Entwurf zur APO-S I vor, in der mindestens die KannFormulierung – dass Informatikunterricht angeboten werden kann – auch für die Schulen der Sekundarstufe I enthalten ist.
Wir sollten uns auch noch einmal gemeinsam anschauen, was Professor Brinda gestern dazu vorgeschlagen hat, wie wir Ausbildung von Lehrkräften für diesen Bereich forcieren können, nämlich indem wir uns perspektivisch gemeinsam politisch vornehmen, die Kann-Formulierung in eine Muss-Formulierung umzuwandeln, damit Zertifikatskurse, Weiterqualifikationen an den Standorten der Lehrerausbildung für Informatik angeboten werden. Das ist zielgerichtet. In anderen Bundesländern ist das entsprechend geschehen. Deswegen sollten wir auch das gemeinsam politisch vereinbaren.
Ich bitte also dringend um eine Überarbeitung der APO-S I als Ergebnis der gestrigen Anhörung. Alles
Denn wie sollen die berühmte, von der Kollegin Düker heute früh erwähnte Digitalisierungsstrategie und die Digitalisierungsdividende eigentlich von der Wurzel auf erarbeitet werden in diesem Land, wenn Sie noch nicht einmal eine konsistente Politik machen? Dann fangen Sie irgendwann in der beruflichen Bildung an, aber die Schritte vorher versäumen Sie und setzen sie nicht um.
Das ist unser Ansatz; und so auch die in dem entsprechenden Antrag, der morgen ohne Debatte überwiesen wird, enthaltene Bitte, das Ganze im Ausschuss zusammenzuführen.
Wir würden gerne ein Konzept gemeinsam mit Ihnen und den Akteuren beraten. Wir haben es im Bereich der beruflichen Bildung und der Berufskollegs immer so gehalten, dass wir überfraktionell miteinander arbeiten. Leider muss ich beklagen, dass von Ihnen die Anträge im Bereich der beruflichen Bildung immer nur stückchenweise im Sinne einer Salamitaktik kommen.
Wir haben etwas zum regionalen Berufsbildungszentrum, wir haben etwas zur Informatik an den Fachoberschulen – aber wir haben kein Konzept. Die Frage der Lehrergewinnung ist nicht thematisiert. Die letzte Ausschusssitzung war doch wirklich – so hoffe ich – ein Erkenntnisprozess für alle Beteiligten, wie wenig über die Wirklichkeit der Werkstattlehrkräfte und der technischen Lehrkräfte an Berufskollegs hier im Land, in der Politik und offensichtlich auch im Haus tatsächlich angekommen ist. Denn das ist doch ganz deutlich geworden: Über die Arbeitszeitbelastung und den Einsatz der Kollegen und Kolleginnen brauchen wir noch mehr Erkenntnisse.
Ich finde es schon erstaunlich, dass zwei Tage nach der Ausschusssitzung eine Abfrage aus dem Schulministerium an die Berufskollegs im Land gegangen ist, um den Einsatz der Werkstattlehrkräfte zu erheben. Nur haben Sie nicht danach gefragt, wie viel Theorieunterricht von ihnen erteilt wird. Das wollten Sie offensichtlich nicht wissen. Aber das ist genau die Grauzone, die wir ja auch miteinander behandelt haben.
Also noch einmal mein Petitum: konsistente Politik von Anfang an. Das wird der Bedeutung der Informatik für eine zukunftsfeste Bildung für die Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen gerecht. Das heißt, in der Sek. I anfangen, das dann in der beruflichen Bildung in der Sek. II konsistent fortsetzen, und das bitte im gemeinsamen Dialog hier im Haus. Dann haben Sie unsere Unterstützung.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! In den vergangenen Monaten debattierten wir bereits mehrfach im Plenum und in den Ausschüssen über die richtige Ausrichtung unserer Betriebe, unserer Behörden und unserer Schulen hinsichtlich der Herausforderungen, vor welche die Digitalisierung Produktions- und Dienstleistungsbereiche stellt.
Überall in diesem Hohen Hause verkündigen Sie Ihre guten Absichten und Ihre wilde Entschlossenheit, die Digitalisierungsentwicklung proaktiv voranzutreiben und als Treibriemen zu nutzen, dieses heruntergewirtschaftete Land NRW nach vorne zu bringen. Ich nehme Ihnen Ihre guten Absichten ab, und die AfDFraktion begrüßt ausdrücklich auch das Vorhaben, in den Berufskollegs Fachoberschulklassen für Informatik einzurichten.
Die Berufskollegs verdienen Respekt für ihre Arbeit. Denn sie müssen vieles, was in den vorgeschalteten Schulen nicht geleistet worden ist oder geleistet werden konnte, auffangen und die Schülerinnen und Schüler so weit bringen, dass die meisten von ihnen einen Berufsabschluss oder sogar das Abitur machen, und die Berufskollegs ermöglichen es auch den Schülern, welche die Regelschule ohne Abschluss verlassen mussten, noch einen Schulabschluss nachzuholen.
Nun wird den Berufskollegs mit Ihrem Antrag voraussichtlich eine neue Aufgabe übertragen, nämlich die Fachoberschule für Informatik einzurichten. Über die vorhandenen Schwierigkeiten sagt Ihr Antrag nichts aus. Ich bin gespannt, welche Hilfen und Ressourcen die Regierung den Berufskollegs zur Verfügung stellt. Wir werden das im Ausschuss diskutieren. Möglicherweise wird es eine Anhörung geben, in der wir die Fachleute dazu befragen können.
Die Fragen, die Frau Hammelrath und Frau Beer aufgeworfen haben, berühren uns in der AfD-Fraktion genauso. Allerdings gehen wir weit darüber hinaus. Wir hatten in der Hauptschule und in der Realschule immer auch die Möglichkeit, im Differenzierungsbereich das Fach Technik anzubieten. Es stellt sich die Frage, warum das nicht für Informatik gehen soll.
Das ist wohl zu kurz gesprungen, Frau Hammelrath und Frau Beer. Eine wichtige Maßnahme müsste darüber hinausgehen. Sonst sind alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt.
Wenn Sie es als neue Regierungskoalition nicht mal schaffen, den Müll wegzuräumen, der sich auch auf diesen Schulen durch die Politik der letzten Jahre abgelagert hat, wenn Sie es nicht schaffen, den Leistungsgedanken und damit das Streben nach Lernerfolg als ein wichtiges Element in die Mentalität aller an der Schule und in der pädagogischen Arbeit der Lehrkräfte stärker zu verankern, dann werden all Ihre strukturellen Maßnahmen nicht fruchten.
Dazu gehört es, in der Öffentlichkeit endlich wieder ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass grundlegendes Wissen über Natur, Gesellschaft und Kultur – dazu gehört auch das Verstehen – sowie die intensive Ausbildung von Kulturtechniken eine unverzichtbare Voraussetzung für den persönlichen Erfolg in der eigenen Lebensgestaltung ist und darüber hinaus eine unverzichtbare Voraussetzung für den Wohlstand einer Gesellschaft bedeutet. Dieses Bewusstsein ist in den letzten Jahren offensichtlich in der Öffentlichkeit nicht mehr so verbreitet.