Wenn sich hier eine Kollegin hinstellt, eine Exponentin dieser Überreste der Sozialdemokratie, und wegen einiger Zwischenrufe sich selbst ernsthaft in eine Reihe mit Otto Wels stellt, besudelt sie das Ansehen dieses Mannes.
Wenn sich allen Ernstes eine Vizepräsidentin dieses Hauses nach einem regelwidrigen, aber auch völlig harmlosen Protest von der Zuschauertribüne, der übrigens auch noch alles andere als einzigartig in der bundesdeutschen Parlamentsgeschichte ist, mit tränenerstickter Stimme an Weimar erinnert fühlt, kann ich nur fragen: Geht es nicht noch eine Nummer größer?
Nein, meine Damen und Herren, niemand hier ist ein Widerstandskämpfer. Die allermeisten sind Mitläufer, immer dabei, wenn sich mal wieder alle einig sind, und immer mutig, wenn es nichts kostet.
Da helfen auch all die Lippenbekenntnisse und das Maulheldentum nichts, und ganz sicher nicht der Antrag, den Sie jetzt noch schnell hinterher geschoben haben.
Schlimm genug, dass man Sie daran erinnern muss, wo hier doch sonst jeder noch so abwegige Gedenktag begangen wird.
Schlimm ist vor allem aber auch, dass Sie nicht einmal bei so einem Andenken die Größe haben, die Parteipolitik stecken zu lassen. Meine Damen und Herren, das sind politische Krämerseelen.
Stattdessen wechseln Sie politisches Kleingeld und schieben Ihren gegenderten Antrag noch schnell hinterher, den Sie aus lauter Einfallslosigkeit auch noch größtenteils aus Zitaten gebaut haben.
Da wir ja alle wissen, was gleich passiert, und die üblichen Spielchen kennen, bitte ich Sie jetzt gar nicht um Stimmen für unseren Antrag.
Ich bitte Sie nur um eins: Berufen Sie sich bitte nicht auf die Widerstandskämpfer. Stellen Sie sich nicht in diese Tradition, denn das haben diese Männer wirklich nicht verdient.
Das war für die AfD-Fraktion Herr Abgeordneter Tritschler. – Für die CDU-Fraktion hat jetzt Herr Dr. Bergmann das Wort.
Frau Präsidentin! Meine Damen, meine Herren! Auch wenn es mir etwas schwerfällt, mich jetzt zusammenzureißen, will ich zumindest dem Hohen Hause deutlich machen, dass sich auch ein Bergmann in diesem Haus ans Rednerpult stellen kann, sich ordentlich benehmen kann und nicht von anderen missbraucht wird.
Wir haben ohne Zweifel ein wichtiges Thema. Wir haben ohne Zweifel mit dem 20. Juli einen Gedenktag, der sich nähert.
Ich hätte es schön gefunden, wenn die angeblich ja so geschichtsbewusste Partei sich diesem Thema mit mehr als nur einem anscheinend fast von Wikipedia abgeschriebenen Antrag genähert hätte.
Dort steht alles nur in Beschreibungen, kein Beschlussvorschlag und besonders – und das ist etwas, was ich ganz merkwürdig finde – überhaupt nichts über Folgen und Konsequenzen für das heutige Handeln, sondern nur das Deskriptive, das in der Vergangenheit stattfindet.
Herr Seifen, dass Sie als ehemaliger Geschichtslehrer so etwas durchgehen lassen – nur in der rückblickenden Warte, keine Folgen für heute ableitend –, ist pädagogisch nicht richtig.
Dabei spüren wir doch alle – und ich denke, das gilt für das ganze Haus –, dass es gerade jetzt so wichtig ist, die Dinge, die 1933 bis 1945 passiert sind, äußerst kritisch auch vor dem Hintergrund der heutigen Geschehnisse zu reflektieren und vielleicht sogar zu vergleichen, denn leider gibt es wieder viele Parallelen.
So sprechen Sie, die Sie so passend ganz rechts außen sitzen, immer von „Altparteien“. Das tun Sie ganz bewusst.
Sie wissen natürlich, dass das die Diktion von Adolf Hitler ist, die er in den Jahren der Weimarer Republik gegenüber den Parteien benutzt hat. Das ist nicht nur unverschämt, sondern desavouiert Sie natürlich vor dem Hintergrund Ihres jetzigen Antrages.
Lassen Sie uns noch weiter gehen. Ich weiß ja, dass ich bei Ihren Mitschnitten nicht stattfinden werde; ich habe damit gar kein Problem. Sie sind ja auch bildfüllend.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg und alle anderen – ich finde so schade, dass das in Ihrer Rede auch nicht vorkam – militärischen Oppositions- und Widerstandskämpfer sind natürlich Helden aus der heutigen Sicht, und das völlig zu Recht.
Aber, Herr Tritschler, das passt überhaupt nicht zum Rest Ihres Verhaltens. Wenn Sie das nämlich wirklich so meinten, würde Ihr Herr Gauland nicht – ich
zitiere; leider, Frau Präsidentin – „von einem Vogelschiss in der Deutschen Geschichte sprechen“, wenn er die Jahre 1933 bis 1945 zusammenfasst.
Herr Tritschler, noch viel schlimmer ist, wenn Herr Höcke mit Blick auf das Denkmal im Herzen unserer Bundeshauptstadt für die ermordeten Juden von einem „Denkmal der Schande“ spricht.
Das ist genau der Grund gewesen, warum Stauffenberg von seiner Sympathie am Anfang für diese Bewegung umschwenkte, weil er die Judenermordung und die Verfolgung der Menschen im Osten mitbekommen hatte.
Das jetzt dazu zu benutzen, auf der einen Seite schönzuspielen – Denkmal der Schande, Mahnmal der Schande –, und auf der anderen Seite zu sagen, dass diese Leute Helden sind, ist nicht nur scheinheilig; das ist schäbig.
Wissen Sie, ich habe im Geschichtsstudium ganz oft diese Thematik gehabt: Welche Bedeutung hatten die Widerstandskämpfer? Warum sind die Widerstandskämpfer erst zu dem und dem Zeitpunkt überhaupt in die Strümpfe gekommen und haben sich vorher sogar an Menschenrechtsverletzungen im Osten beteiligt? Warum ist das so passiert?
Damit werden Sie sich mit Sicherheit intensiv beschäftigt haben; zumindest wäre es für diesen Antrag sinnfällig gewesen.
Wenn Sie hier derartig einseitig auf einen abheben, es sich so zurechtbiegen und nachher auch medial für sich verarbeiten wollen, finde ich das unglaublich.
Sie erwähnen nämlich in Ihrem Antrag noch nicht einmal – deswegen ist der Antrag völlig unzustimmungsfähig –, dass es viel früher und viel breiter gestreut in unserem Land Widerstandskämpfer gegeben hat.
Das ist etwas, was Sie so gern tun: Sie picken Rosinen heraus und haben immer nur einseitige Blickrichtungen.
Aber Sie können den 20. Juli nicht verstehen – da müsste Herr Seifen sogar eigentlich mit Schamesröte im Boden versinken –, wenn Sie nicht die Widerstandsbewegungen im Dritten Reich davor auch mit in Betracht ziehen. Das geht nicht.
gegangen sind, wenn Sie darüber wüssten, welche verwandtschaftlichen Beziehungen es aus der „Weißen Rose“ und aus den anderen Widerstandsbereichen gegeben hat, hätten Sie es zumindest mal in einem Nebensatz erwähnt.
Ich erwarte gar keinen Beschlussvorschlag von Ihnen, weil Sie gerade schon selbst gesagt haben, dass Sie gar keine Chance haben, dass der Antrag durchkommt. Aber zumindest historisch ordentlich argumentieren sollten Sie, wenn Sie sich so einem Thema nähern, doch.
Das Fazit: Es ist eine verquere Einäugigkeit, die hier noch einmal von Ihnen ausgelebt wird. Dem können wir natürlich nicht folgen. Das geht überhaupt nicht.
Sie werden es nicht schaffen, in Ihrer Partei – Sie haben letzte Woche ein wunderbares Beispiel dafür gegeben – die Geister, die Sie selbst gerufen haben in Ihrem Laden, wieder loszuwerden.
Die Unterwanderung bei Ihnen mit diesem Gedankengut in der Bereitschaft, ganz bewusst historisch zu separieren, ist so weit ausgeprägt, dass ich inzwischen verstehen kann, dass sich die Henkels, die Petris und die Pretzells von Ihnen schon verabschiedet haben. Das werden nicht die Letzten bleiben, denn es wird immer mehr Leuten deutlich, wofür Sie eigentlich stehen.
Wenn Sie ehrlich zu uns und zu sich selbst sind, merken Sie doch auch, dass Sie selbst – Herr Seifen und die Gruppe – inzwischen in dieser, Ihrer Partei eigentlich gar nicht mehr richtig unterwegs sind.
In dieser Gemengelage ist so ein Antrag der Retrospektive vielleicht der Versuch der Vercremung irgendwelcher parteipolitischer Wunden bei Ihnen.