Im Haushalt 2020 passiert dies ebenfalls nicht. Deswegen sind das verlorene Jahre für die Studierenden gerade am unteren Ende der Sozialskala.
Werden Sie endlich aktiv. Werden Sie endlich aktiv, und helfen Sie, hier pragmatische Lösungen herbeizuführen. Sonst scheitern Sie in dieser Frage gänzlich.
Am Ende Ihrer Legislaturperiode werden wir einen Schnitt machen, Herr Déus. Dann werden wir sehr genau sehen, was bis dahin passiert ist.
Nächstes Jahr ist ein verlorenes Jahr. Sie haben jetzt noch die Chance, im Haushalt Mittel einzustellen. Sie haben auch als Parlamentarier die Chance, hier wirklich etwas für die jungen Menschen in diesem Land zu tun. Werden Sie Ihrer Verantwortung gerecht. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Bell. – Weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Daher schließe ich die Aktuelle Stunde.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich leite vom Wohnen zur Schule über, bei der es ähnlich weitergeht.
Im Jahr 2004 bin ich mit meinem CDU-Kollegen in einem Kölner Stadtteil unterwegs gewesen, in dem es um die Frage ging, ob wir eine weitere Grundschule brauchen. Die Verwaltung hatte immer wieder vorgelegt: Nein, das ist nicht nötig; die Zahlen geben her, dass es keine weitere Schule braucht. – Ich mache es kurz: Drei Jahre später wurde die von den Eltern prognostizierte neue Grundschule in Betrieb genommen.
Denn die Zahlen, die Verwaltungssysteme vorgelegt haben – ich könnte aus meiner Erfahrung mittlerweile aus ganz Nordrhein-Westfalen, ja sogar aus Deutschland Beispiele bringen –, haben gezeigt: Es ist oft in städtischen Verwaltungen und auch in Landes- und Bundesverwaltungen schwierig, zu prognostizieren, was passiert.
Auch hier bestand bis zum Jahr 2014 die feste Überzeugung: Demografiegewinne werden zu nutzen sein. Demografiegewinne können die Schule stärken, weil wir weniger Kinder haben werden. – Auch das waren offizielle Zahlen nicht einer Landesregierung, sondern in dem Fall von vielen in NordrheinWestfalen und sogar von der Kultusministerkonferenz.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir befinden uns seit 200 Jahren in der Situation – egal, welches politische System auf dem Boden, auf dem wir stehen, gewirkt hat –, dass es über alle Systeme hinweg die Schweinezyklen beim Lehrermangel gab. Erstaunlicherweise ist es über 200 Jahre hinweg nicht gelungen, das vernünftig in den Griff zu bekommen. Immer wieder befinden wir uns in Situationen, in denen sich Phasen von Lehrerüberversorgung und Lehrermangel abwechseln. Das ist traurig genug. Aber umso wichtiger ist es, dass wir uns überlegen, wie wir mit einer solchen Situation umgehen.
Wir haben geschrieben, dass die Bewältigung des Lehrermangels eine Herkulesaufgabe ist. Wenn wir im Jahr 2025 etwa 1 Million Schülerinnen und Schüler mehr in Deutschland haben werden und wenn wir
von der Bertelsmann Stiftung gehört haben, dass man davon ausgehen kann, dass nicht die bisher prognostizierten 15.300 Lehrkräfte im Jahr 2025 an Grundschulen fehlen werden, sondern 26.000 Lehrerinnen und Lehrer, dann müssen wir uns zusammenraufen und schnell zu Lösungen kommen.
An den Berufsschulen sieht es nicht anders aus. Bis zum Jahr 2030 fehlen an unseren Berufsschulen 60.000 Lehrkräfte. Allein bis zum Jahr 2020 rechnet man mit etwa 4.000 zu besetzenden Lehrerinnen- und Lehrerstellen – so die Klemm-Studie aus dem Jahr 2018.
In Gelsenkirchen gibt es 39 Grundschulen und 35 freie Grundschullehrerstellen, die nicht besetzt werden können.
In Duisburg war Ende 2018/Anfang 2019 die Situation folgende: 112 nicht besetzte Stellen an Grundschulen; von 17 im Februar 2019 ausgeschriebenen Stellen konnten sechs mit Lehrkräften besetzt werden. Das ist noch nicht einmal die Hälfte aller ausgeschriebenen Stellen und mit Blick auf die Gesamtlage nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Ein Gegenbeispiel aus derselben Stadt für denselben Zeitraum für eine andere Schulform, das Gymnasium: fünf nicht besetzte Stelle an allen Duisburger Gymnasien Ende des Jahres, sechs Stellen ausgeschrieben, im Februar alle besetzt.
Man könnte sagen: Angesichts eines Lehrerüberhangs von geschätzten 16.000 Gymnasiallehrkräften in den nächsten zehn Jahren sind das paradiesisch anmutende Zeiten für die Gymnasien.
Fest steht: Der Lehrkräftemangel trifft insbesondere die Sekundarstufe I, die Grundschulen und die Berufsschulen. Das verdeutlichte die stellvertretende VBE-Landesvorsitzende Anne Deimel am Dienstagabend im ZDF. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten:
Wir versündigen uns an einer ganzen Kindergeneration. Wir brauchen wesentlich mehr Mittel für die Grundschulen, um der Förderung gerecht werden zu können. In NRW gibt es 5.100 Euro pro Grundschulkind. Damit sind wir Schlusslicht in Deutschland. In Bayern sind es 6.900, in Hamburg 9.800 Euro. – Zitat Ende. So äußerte sie sich in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz.
Wir wissen alle, dass Hamburg ein Stadtstaat ist und man die kommunalen und die Landesmittel zusammenrechnen muss. Da sind wir wieder bei der Frage: Wer finanziert eigentlich Bildung wie? Dazu werden wir im Dezember dieses Jahres eine große Anhörung anlässlich unseres Antrags zum New Deal und zur neuen Verantwortungsgemeinschaft der Ebenen haben. Eines bleibt aber: Wir investieren zu wenig.
Alle Kinder unserer Gesellschaft sind in der Grundschule. Die Grundschule hat eine Schlüsselfunktion. Umso wichtiger ist es, dass in der Grundschule eine gute Arbeit gemacht wird. – Zitat Ende.
Was der eine oder andere immer noch nicht verstanden hat und immer noch wegdrückt, will ich mit Erlaubnis des Präsidenten auch noch zitieren. Frau Deimel sagte nämlich:
Unser Begriff von Schule hat sich geändert. Früher mussten Kinder im Schulsystem funktionieren. Heute steht die individuelle Entwicklung im Mittelpunkt und seit 2006 auch im Gesetz. Kinder haben heute einen Anspruch darauf, dass man ihrer Individualität gerecht wird, dass sie in ihrer Individualität wahrgenommen werden. Sonst ist Lernen gar nicht möglich. Auf der anderen Seite haben wir das Problem, dass wir die Lehrkräfte nicht im System haben. Und was passiert, wenn eine Schule nicht ausreichend Personal hat? Es gibt Mangelverwaltung. Die einzige Lehrkraft in der Klasse ist in der Situation, dass sie den Kindern nicht mehr gerecht werden kann. – Zitat Ende.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, nicht nur der VBE, sondern auch die GEW und viele Elternverbände haben sich in den letzten Wochen und Monaten geäußert. Gerade an Schulen mit besonderen Herausforderungen, die oftmals Brennpunktschulen genannt werden, ist der Druck besonders hoch.
Wir haben hier die kleine Ida im Saal. Wie oft wird sie in den nächsten Jahren hinfallen, um laufen zu lernen? Wir werden sie immer wieder motivieren. Alle werden sagen: Macht nichts; steh auf; lauf weiter!
In unseren Schulen, insbesondere da, wo die Herausforderungen vielleicht etwas größer sind als in anderen Schulen, weil die sozioökonomischen Verhältnisse so sind, wie sie sind, brauchen wir viel mehr Menschen, die sagen: Komm; steh wieder auf; lauf; mach etwas aus deinem Leben! – Nicht nur aus humanistischen, sondern letztlich auch aus volkswirtschaftlichen Gründen können wir uns alles andere überhaupt nicht leisten.
Die Lehrerinnen und Lehrer dort sind manchmal in der Situation, dass 30 % des Kollegiums fehlen – gerade dort, wo die Lehrkräfte so dringend gebraucht werden. Was diese Schulen hält, sind nur Engagement, Enthusiasmus und Kreativität. Diese Kolleginnen und Kollegen mehr zu unterstützen, muss unsere vordringlichste Aufgabe sein, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Diese Schulen sind aber oft für Bewerber besonders unattraktiv. Jedenfalls ist es dort sehr schwierig, Lehrkräfte zu finden. Deshalb müssen wir gerade die Schulen der Standorttypen 5 und wahrscheinlich auch 4 deutlich stärker stützen. Dazu gab es letzte Woche eine Anhörung.
Studienplatzangebot: In Münster konnte nur jeder zehnte Bewerber für das Grundschullehramt angenommen werden – und das in diesen Zeiten. Die Studienplätze sind um ein paar Plätze aufgestockt worden. Aber das reicht vorne und hinten nicht. Vom NC will ich hier gar nicht sprechen.
A13: Wir hatten zigmal die Diskussion, dass man zwar die gleiche Ausbildung hat, aber in der Grundschule A12 verdient und am Gymnasium A13.
Berufsschullehrer: Wir wundern uns, dass wir keine Berufsschullehrer haben. Wer Berufsschullehrer werden will, muss ein Jahr länger arbeiten, um in den Lehrerberuf zu kommen, als am Gymnasium. Wer macht das freiwillig? Ein Jahr Unterschied, bis man vollständig nach A13 bezahlt wird!
Ein anderes Thema: Wir haben die Situation, dass die Arbeitszeit in den Schulen, in denen die Lehrer neben der Aufgabe der Wissensvermittlung auch die Aufgabe haben, sich intensiver um die Kinder zu kümmern, völlig falsch berechnet ist.
Wir haben die Frage zu beantworten: Wie sorgen wir dafür, multiprofessionelle Teams in den Schulen zu stärken?
Wir haben die Aufgabe – die Ministerin hat das in der letzten Ausschusssitzung angesprochen –, die Qualität zu sichern. Aber niemand hier wird annehmen, dass beispielsweise Werkstattlehrer oder Heilpädagogen nicht qualitätsvoll sind. Das ist vielleicht eine andere Qualität; aber Qualität ist da auch vorhanden.
Es stellen sich also folgende Fragen: Wie gehen wir mit Quereinsteigern um? Wie sorgen wir für entsprechende Qualifizierungen? Wie sorgen wir für Aufstiegsmöglichkeiten, wenn wir an die Tausenden von Sozialarbeitern denken? Das sind übrigens die Stellen, wie wir der „Rheinischen Post“ entnehmen konnten, die vom Finanzminister aus dem Haushalt wieder herausgestrichen worden sind.
Fazit: Das Problem des Lehrermangels ist nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch darüber hinaus ein Thema. Wir haben im Gegensatz zu anderen Ländern eine geringe Versorgungsquote und sind in der Situation, dass vielen Schulen das Wasser bis zum Hals steht.
Was machen wir? Ich weiß, was gleich kommt. Wir weisen uns gegenseitig die Schuld zu. Da wird wieder gesagt: Das habt ihr früher gemacht; das macht ihr heute. – Das Problem ist, dass die Menschen dessen müde sind. Sie wollen das nicht mehr hören, sondern sie wollen, dass wir das Problem analysieren und überlegen: Wie können wir es lösen?
Der New Deal über die Ebenen ist die eine Frage. Die andere Frage ist – und dazu bieten wir Ihnen die Hand –: Wollen wir diese Situation nicht nutzen, um gemeinsam am runden Tisch zusammenzukommen und zu versuchen, dies zu lösen? Das ist eben schon einmal Thema gewesen und war auch gestern Thema.
Der stellvertretende Ministerpräsident hat gestern im Rahmen des Gedenkens an 30 Jahre runde Tische und 30 Jahre Aufbruch in Ostdeutschland gesagt – ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten –, wichtig sei die Frage,