Ja. – Immer wieder muss man darauf hinweisen, dass diese Situation die Kolleginnen und Kollegen überfordert, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Frau Vogt eine Reihe von Brandbriefen bekam. Selbst in der „WN“ konnte man im Jahr 2014 die Hilferufe der Grundschullehrer veröffentlicht lesen. Aber seitdem schweigt alles wieder darüber.
Hinzu kommt, dass die Inklusion mit einer Situation zusammenfiel, die in besonderer Weise ungünstig war, nämlich mit der Demontage des Lehrers als Erzieher und Autoritätsperson. Nach den Vorstellungen einiger Bildungsforscher soll er ja nur noch Moderator sein. Erziehungsmaßnahmen wurden immer mehr zurückgefahren, Sanktionierungen nach den Vorstellungen einiger Pädagogen als kontraproduktiv verbannt.
Das Ergebnis kann man leider heute feststellen: Im Jahr 2018 sind an den NRW-Schulen 283 Lehrer Opfer von Körperverletzungen geworden. Zu Schulbeginn nach den Sommerferien wurde ein Schulleiter aus Duisburg von einem Vierzehnjährigen geschlagen und schwer verletzt. Die Gewalt unter den Schülerinnen und Schülern ist leider Gottes an einigen Schulen sehr groß.
Noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Schulleiter in NRW im vergangenen Jahr in einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung angab, es habe an ihrer Schule in den zurückliegenden fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt gegeben: Es wird geschimpft, bedroht, beleidigt, belästigt und nicht zuletzt zugeschlagen.
Wann begreifen Sie endlich, dass jungen Tätern zu wenig Grenzen gesetzt und kaum Konsequenzen gezeigt werden? Das klappt nämlich wunderbar, und man muss keinen großen Aufwand betreiben, wenn man sofort und konsequent einschreitet.
Nehmen Sie die Signale endlich wahr. 70,1 % der Lehrkräfte betrachtet die hohe psychische Belastung als die größte Herausforderung ihres Berufs – und nicht das geringe Gehalt. Dieses Ergebnis einer Umfrage steht in einer neuen Veröffentlichung des Verbandes der Bildungswirtschaft.
Das ist auch kein Wunder, denn ihr besonderes Gewicht erhalten diese speziellen Herausforderungen doch dadurch, dass sie mit den untauglichen Unterrichtsformen des offenen Unterrichts bewältigt werden sollen.
Zwei Jahrzehnte lang haben Sie den Eltern suggeriert, Schule sei ein Spaßraum, quasi ein ständiger Kindergeburtstag, von dem die Kinder immer glückselig nach Hause kommen müssten.
Die Propagierung dieser infantilen Wohlfühlpädagogik gerade von Linksideologen auf bestimmten pädagogischen Lehrstühlen hat die Arbeit der Lehrkräfte ungemein erschwert.
Unter anderem sind auch diese offenen Unterrichtsformen verantwortlich für das schlechte Abschneiden von NRW-Schülern bei den verschiedenen Tests.
Die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Sabine Gruehn nennt folgende Bedingungen für gelingenden Unterricht – Frau Beer, hören Sie jetzt mal zu; da können Sie noch etwas lernen –:
Das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat eine Studie mit dem Namen „Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter“ erstellt. Darin ist ausdrücklich festgehalten – ich zitiere –:
In den Positivklassen wird eine deutlich geringere Schülerpartizipation und ein geringerer Individualisierungsgrad wahrgenommen als in den Negativklassen. Es wird weniger Zeit vergeudet für nichtfachliche Aktivitäten, was mit einer höheren Disziplin einhergeht. Der Unterricht ist weniger sprunghaft und klarer strukturiert. Trotzdem sind die Schüler mit ihren Lehrerinnen bzw. Lehrern insgesamt wesentlich zufriedener. – Zitatende.
Dieser Unterrichtsführung bedürfen besonders diejenigen Schülerinnen und Schüler, die zu Hause oder in ihrem sonstigen Umfeld nicht gelernt haben, sich strukturiert und diszipliniert einer Aufgabe zuzuwenden.
Die Tatsache, dass diese Form des offenen Unterrichts, der für viele Schüler geeignet ist, die aus geordneten Verhältnissen kommen, in einer Zeit praktiziert wird, in der wir Inklusion sowie Schüler und Schülerinnen aus Kulturen, die diesen Schulunterricht nicht gewohnt sind, haben, verschlimmert das Ganze noch.
Ich bitte Sie und auch die Ministerin, dringend an dieser Stellschraube zu drehen und innerschulisch zu einer Reform – einer wirklichen Reform – zu kommen, die den Namen auch verdient. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Seifen. – Für die Landesregierung hat jetzt Frau Ministerin Gebauer das Wort.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Frau Beer, ich habe mal gelernt: Wer schreit, hat nicht grundsätzlich recht.
Ich blicke mal in die Vergangenheit: Vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren gab es eine Studie des VBE zur Situation der Grundschulen hier bei uns in Nordrhein-Westfalen. Diese war folgendermaßen übertitelt: Die Grundschule ist das Stiefkind der rot-grünen Landesregierung. – Und das bei einer Studie, die vom VBE in Auftrag gegeben worden ist und am 1. Juni veröffentlicht wurde.
Diese Studie hatte gravierende Mängel zum Inhalt, nämlich: weniger Lehrerinnen und Lehrer als nach dem Stellenschlüssel vorgesehen, keine personellen Reserven, häufiger Unterrichtsausfall und flächendeckend unbesetzte Leitungsstellen.
Die Schulen wiesen darauf hin, dass unter diesen Rahmenbedingungen eine individuelle Förderung der Schüler, die Umsetzung der Inklusion und die Beschulung von Flüchtlingskindern verantwortungsvoll nicht möglich sei.
Die Lehrkräfte schilderten damals in der Umfrage, dass sie sich von der Landesregierung schamlos ausgenutzt und abgehängt fühlten.
Frau Voigt-Küppers, Sie sprachen davon, ich solle Ihre Fehler, die Sie damals unter Rot-Grün gemacht haben, nicht als Entschuldigung nutzen. Nein, ich nutze sie nicht als Entschuldigung. Vielmehr muss ich aufgrund Ihrer Fehler handeln; das ist meine tägliche Arbeit.