Protokoll der Sitzung vom 19.10.2000

(Beifall bei der F.D.P. und des Abgeordneten Dr. Ulf von Hielmcrone [SPD])

Das Wort hat Frau Abgeordnete Birk.

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich möchte zu Beginn aus einem Artikel zitieren, der vor wenigen Wochen in der „Woche“ eine Grundschule in Dortmund hervorhebt, die in einem so genannten Problemstadtteil liegt. Als dieser Stadtteil eine neue Schule bekam, haben die Lehrerinnen und Lehrer und die Schulleiterin - ich zitiere! - „nicht darüber gesprochen, welche Bücher wir kaufen, sondern welche Schule die Kinder hier brauchen, nämlich eine mit festen Ritualen für Kinder, deren Leben ziemlich unübersichtlich ist. Viel Teamwork, damit die Lehrerinnen und Lehrer Luft haben, sich um einzelne schwierige Kinder zu kümmern, und es soll weniger Faktenwissen vermittelt werden, sondern das Lernen lernen. Wir können den Kindern heute keinen Rucksack mehr schnüren, mit dem sie durchs Leben kommen. Das Wissen verändert sich rasend schnell.“

Es wird dann geschildert, dass diese Schule das Thema Jugendhilfe und Schule hervorragend in die Praxis umsetzt und tatsächlich eine lebendige Kommunikation in den Stadtteil hineinträgt, sodass auch Eltern gern in die Schule kommen, um sich Rat zu holen, und viele Dinge mehr, die wir glücklicherweise zunehmend auch in Schleswig-Holstein an Grundschulen vorfinden.

(Dr. Ulf von Hielmcrone [SPD]: Sehr gut!)

Weshalb gehe ich hier auf dieses Thema ein? - Weil das die Lösung für das Absentismusproblem ist. Ich kann die pharisäerhafte Klage von der Opposition nicht mehr hören, zu sagen, ja es gibt Probleme, es gibt Probleme, es gibt Probleme, und die Ministerin macht alles verkehrt. Sie sind mit dem Festhalten an alten Zöpfen von Beamtenprivilegien,

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

mit dem Festhalten an einem veralteten Bild von Leistung und Ordnung das Problem; Sie verhindern die Schulreformen, die wir brauchen, um vorhandene Probleme tatsächlich lösen zu können.

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und des Abgeordneten Dr. Ulf von Hielmcro- ne [SPD] - Herlich Marie Todsen-Reese [CDU]: Wer hat hier denn die Mehrheit?)

Die Lösung ist doch nicht darin zu suchen, dass irgendjemand das Thema mit mehr Ordnungsstrafen, mit mehr Geldstrafen - es gibt sie übrigens vereinzelt; ich habe mich selbst davon überzeugt; es gibt Briefe, in denen Eltern oder ältere Schülerinnen oder Schüler tatsächlich zu Zahlungen aufgefordert werden - oder mit Polizei in Verbindung bringt.

(Wortmeldung der Abgeordneten Roswitha Strauß [CDU] - Glocke der Präsidentin)

Das Problem wird vielmehr nur zu lösen sein, wenn wir zu einer anderen Form von Schule kommen.

Ich habe mich sehr darüber gefreut -

(Glocke der Präsidentin)

Frau Abgeordnete, gestatten Sie eine Zwischenfrage der Frau Abgeordneten Strauß?

Nein, ich habe nur wenig Zeit und ich gestatte hier keine Zwischenfrage.

Ich habe mich sehr gefreut, dass wir in diesem Abschnitt „Jugendhilfe und Schule“ tatsächlich sehr konkrete Verabredungen finden. Ich freue mich auf die Fachkonferenzen in der Region, die angekündigt werden, sodass hier endlich Bewegung in die Sache kommt. Die Kooperation von Jugendhilfe und Schule ist etwas, was wir nicht deswegen, weil die Ministerien es nicht wollen, nicht so schnell vorantreiben können, sondern weil es viele Leute vor Ort mit Angst belegen. Es mag auch den einen oder anderen bürokratischen Menschen in den Ministerien geben, der das nicht will. Aber gerade wenn das so ist, dann müssen wir uns als Parlamentarierinnen und Parlamentarier doch alle anfassen und die Sache voranbringen.

Sie mussten ja auch auf voller Linie zugeben, Herr de Jager, dass Sie sich sehr schwer geirrt haben. Sie haben einen Bericht einfach nicht genau gelesen, haben damit in unverantwortlicher Weise der Hauptschule, den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern geschadet. Sie haben einen Prozess angehalten, anstatt ihn zu befördern.

(Zurufe von der CDU)

Nun geloben Sie ja Besserung. Wir haben verabredet, dass wir uns über das Thema „Hauptschule“ im Bildungsausschuss in einer neuen Form informieren und versuchen werden, die Fachleute zum Dialog in den Fachausschuss zu holen, um damit der Sache wirklich zu dienen, anstatt sie anzuprangern.

(Angelika Birk)

Ich freue mich auf den Dialog und hoffe, dass die Besserung, die Sie in dem Punkt gelobt haben, anhält und wir nicht mit neuen fürchterlichen Parolen in den Herbstferien überfallen werden. Ich kann Ihnen nur empfehlen: Führen Sie Reisen durch, sehen Sie sich unsere vorbildlichen Schulen an, verstärken Sie die positiven Effekte!

(Martin Kayenburg [CDU]: Ich dachte, Sie haben in Düsseldorf studiert! - Weitere Zu- rufe von der CDU)

- Das bezieht sich auch auf Schleswig-Holstein. Es gibt auch hier Schulen, über die wir so Ähnliches berichten können, wie ich vorgelesen habe.

(Martin Kayenburg [CDU]: Ja dann machen Sie doch mal! Wir haben ja kein Beispiel! - Unruhe bei der CDU)

Ich fände es gar nicht schlecht, wenn der Bildungsausschuss unsere Schulen einmal besuchen würde, damit Sie wissen, wie modernes Lernen tatsächlich funktioniert. Dann können wir uns über die tatsächlich verbleibenden Probleme sachlich unterhalten, aber mit dem Ziel, nach vorn zu gehen, und nicht mit dem Ziel, schwarze Peter zuzuschieben.

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und des Abgeordneten Dr. Ulf von Hielmcro- ne [SPD])

Das Wort hat Frau Abgeordnete Spoorendonk.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Genau genommen zeugt die Sorge der CDU über den angeblich explodierenden Absentismus von einem erheblichen Misstrauen gegenüber den Lehrkräften des Landes.

(Widerspruch des Abgeordneten Jost de Jager [CDU])

Wenn das Fernbleiben vom Schulunterricht wirklich ein so katastrophales Problem wäre, wie es die unkritische Nutzung der Pfeiffer-Studie unterstellt, dann hätten die Schulen schon längst Alarm schlagen müssen. Es dürfte wohl kaum der Aufmerksamkeit der Lehrerinnen und Lehrer entgehen, wenn so viele Schüler abwesend sind. Aber wer die Wirklichkeit der Schule kennt, weiß, dass Lehrerinnen und Lehrer Tag für Tag viel Kraft, Phantasie und Zeit dafür verwenden, mögliche Schulverweigerer in die Schule zurückzuholen. Die CDU-Landtagsfraktion hat es aber vorgezogen, allein aufgrund einer unzulässigen Interpretation der Pfeiffer-Daten Alarm zu schlagen. Hier ist

Zahlenfetischismus betrieben worden, ohne die Qualität der Daten zu hinterfragen.

(Beifall bei SSW, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Landesregierung legt in ihrem Bericht überzeugend dar, dass dies allein nicht ausreicht. Zwar sind auch die dort angegebenen Daten überwiegend wenig aussagekräftig; entscheidend ist aber die Nachuntersuchung des Kieler Schulamts an den vom Pfeiffer-Team besuchten Schulen für den Tag der Datenerhebung. Dabei hat sich im Nachhinein ergeben, dass nur 3 % der von Pfeiffer als abwesend erhobenen 15,1 % wirklich unentschuldigt dem Unterricht fernblieben. Damit wird die Dramatik der Lage dementiert. Wer immer noch eine drastische Entwicklung des Schwänzens postuliert, muss dies durch neue, valide Daten belegen können und die habe ich bisher nicht gefunden.

Die vorgelegten Zahlen haben mich nicht überzeugen können, dass wir in diesem Bereich extreme Probleme haben. Das heißt nicht, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, wie wir mit dem Problem Schuleschwänzen umgehen sollen. Wenn wir uns aber darauf verständigen können, dass es keinen Grund für Aktionismus gibt, dann kommen wir vermutlich zu anderen Lösungsansätzen.

Es besteht also kein Anlass dazu, die Polizei durch die Innenstädte zu schicken, um Schulschwänzer aufzugreifen, Stempelautomaten für Schüler einzuführen oder ähnliche drakonische Maßnahmen zu ergreifen. Das Ordnungsrecht oder technische Kontrollen sind nicht besonders geeignete Mittel, um das Problem des Fernbleibens vom Unterricht zu lösen.

(Beifall bei SSW und SPD)

Das wird auch dadurch bestätigt, dass das Schwänzen vielleicht eher ein Problem sozial belasteter Kinder und Jugendlicher ist. Überraschend an den vorliegenden spärlichen Daten ist ja, dass das Schuleschwänzen in den Hauptschulen und sozial belasteten Stadtteilen scheinbar am stärksten ist. Dies widerspricht den Erfahrungen aus anderen Ländern. Dort ist der Absentismus vor allem in Gymnasien verbreitet, wo die Autonomie der Schüler am größten ist oder - um es anders zu formulieren - wo wir es mit jungen Erwachsenen zu tun haben, von denen erwartet wird, dass sie wissen, warum sie weiter zur Schule gehen. Ich bin bereit, jede Wette einzugehen, dass das auch bei uns ein Problem ist, das heißt, dass Schuleschwänzen in den Oberstufen der Gymnasien ein Problem darstellt, über das auch einmal gesprochen werden sollte.

(Beifall der Abgeordneten Silke Hinrichsen [SSW] und Irene Fröhlich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

(Anke Spoorendonk)

Nochmals: Die Angaben im Bericht der Landesregierung sind mit größter Vorsicht zu genießen und eigentlich nicht verallgemeinerbar. Sie geben aber einen Hinweis auf soziale Probleme, denen wir nachgehen müssen. Daher teile ich auch die Einschätzung der Landesregierung, dass die Lösung des Problems eine Aufgabe für Schule, Sozialarbeit und Eltern ist. Die Folgerungen aus diesem Bericht müssen sein, dass wir erstens bessere Informationen über den Absentismus brauchen - eine entsprechende Studie hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen bereits angekündigt - und uns zweitens darüber Gedanken machen, wie wir Schule und Jugendhilfe auch im Sinne der Problemintervention besser verzahnen können.

Wir werden im Ausschuss genug Zeit haben, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Ich werde mich an dieser Debatte gern beteiligen.

(Beifall bei SSW, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich erteile das Wort Frau Ministerin Erdsiek-Rave.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Insbesondere nach den Äußerungen von Herrn Dr. Klug muss ich hier noch eine kleine Ergänzung machen, die in der Richtung mit dem übereinstimmt, was Frau Spoorendonk zum Schluss gesagt hat. Herr Pfeiffer hat aus der Diskussion seiner ersten Studie gelernt und eine neue Studie vorgelegt, die „Gewalterfahrungen und Delinquenz Jugendlicher in Delmenhorst“ heißt er fokussiert das wieder auf einen Ort - und vom März 2000 stammt. In dieser Studie hat er die Befunde aus der Lehrersicht, sozusagen aus der Klassenbuchsicht durch anonymisierte Selbstberichte von Jugendlichen ergänzt. Die Ergebnisse, zu denen er da kommt, sind auch in Bezug auf die Schularten interessant. 53 % der Hauptschüler sagten, sie hätten schon einmal, gelegentlich oder länger geschwänzt, 43 % der Realschüler und immerhin 48 % der Gymnasiasten. Aus solchen Befunden den Schluss zu ziehen, es handele sich um ein Hauptschulproblem, ist fahrlässig.

(Beifall bei SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN und SSW)

Meine Damen und Herren, es scheint wohl so zu sein, dass Gymnasiasten, besonders in der Oberstufe, erst recht wenn sie mündig sind, mit diesem Phänomen sozusagen geschickter umgehen, es besser erklären können und ihnen die Lehrer wahrscheinlich eher glauben. Das ist wohl einfach so.

In dieser Diskussion muss man alle Tendenzen - Herr de Jager, das sage ich mit vollem Ernst, ohne dass Sie uns vorhalten, wir nähmen die Probleme der Hauptschule nicht ernst - abwehren, dass hier immer wieder Niedermachendes in Bezug auf Hauptschüler gesagt wird. Das möchte ich so einfach nicht stehen lassen.

(Beifall bei SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN und SSW - Zuruf der Abgeordneten Roswitha Strauß [CDU])

Mit Erlaubnis der Frau Präsidentin möchte ich aus der eben von mir genannten Studie folgende interessante Passage zitieren:

„In einer älteren bundesdeutschen Studie aus dem Jahre 1972, in der 889 Schülerinnen und Schüler der sechsten, siebenten und achten Hauptschulklassen in Schleswig-Holstein untersucht wurden, konnte festgestellt werden, dass 41 % irgendwann einmal unentschuldigt dem Unterricht ferngeblieben waren.“