Weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Ich schließe die Beratung. Ich stelle fest, dass der Berichtsantrag Drucksache 17/127 durch die Berichterstattung der Landesregierung seine Erledigung gefunden hat. Der Tagesordnungspunkt ist damit erledigt.
Die Fraktionen haben sich darauf verständigt, Tagesordnungspunkt 22 abzusetzen und in der JanuarTagung zu beraten.
Wird das Wort zur Begründung gewünscht? - Das ist nicht der Fall. Dann eröffne ich die Grundsatzberatung und erteile der Frau Abgeordneten Heike Franzen das Wort.
In der letzten Legislaturperiode wurde eine umfassende Schulreform auf den Weg gebracht. Reformen bringen gelegentlich auch Probleme bei der Umsetzung mit sich. Mit einigen dieser Probleme wollen wir uns heute befassen.
Der Antrag des Kollegen Höppner weist zu Recht auf Probleme bei der Umsetzung des achtjährigen Bildungsganges an den Gymnasien hin. Festzu
stellen ist, nicht G8 ist falsch, sondern an der Umsetzung muss gearbeitet werden. Es freut uns daher sehr, dass sich die SPD mit diesem Thema beschäftigt. Das Verwaltungshandeln des SPD-geführten Ministeriums hat in der letzten Legislaturperiode durchaus auch zur Verschärfung der Arbeitsbelastung innerhalb der Gymnasien beigetragen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn die SPDFraktion jetzt zu Korrekturen kommen will, ist das auch ein richtiger Schritt. Andere Bundesländer sind bei der Umsetzung von G8 durchaus anders mit den Vorgaben der Kulturministerkonferenz umgegangen als Schleswig-Holstein. Richtig ist, dass die Kultusministerkonferenz von der Jahrgangsstufe fünf bis zur allgemeinen Hochschulreife 265 Jahreswochenstunden festgelegt hat. Die Verteilung dieser Jahreswochenstunden hat in den einzelnen Bundesländern auf höchst unterschiedliche Weise stattgefunden.
So hat Hessen die Unterrichtsbelastung im Rahmen der Kontingentstundentafel auf 30 Wochenstunden in der Orientierungsstufe begrenzt. So könnte der Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium erleichtert werden, um gerade den jüngeren Schülerinnen und Schülern nicht zwangsläufig Nachmittagsunterricht aufzudrücken. In Bayern sind in den Jahreswochenstunden sogenannte Intensivierungsstunden enthalten, in denen die Klassen von zwei Lehrkräften unterrichtet werden. So reduziert sich die Unterrichtsbelastung für die Schülerinnen und Schüler auf 255 Jahreswochenstunden. Ich finde, das ist eine pfiffige Idee, an der sich auch Schleswig-Holstein orientieren könnte.
Diese Beispiele zeigen, dass es für uns in Schleswig-Holstein bereits jetzt Möglichkeiten gibt, Entlastungen für die Unterrichtssituation am achtjährigen Gymnasium zu schaffen. Das ist doch unser Ziel; denn CDU und FDP haben ein gemeinsames Interesse an einem erfolgreichen Bildungsgang G8. Die Koalition hat es sich überdies auf die Fahnen geschrieben, die Gymnasien im Rahmen des G8Bildungsganges besser auszustatten und auch den G9-Bildungsgang wieder zu ermöglichen. Darüber hinaus muss sich allerdings auch die Kultusministerkonferenz mit G8 befassen und einen breiteren Rahmen für Erleichterungen hinsichtlich der Unterrichtsbelastungen ermöglichen.
Was aber gar nicht geht, ist die Forderung des SSW, G8 wieder abzuschaffen. Wir wären das einzige Bundesland, das einen solchen Schritt gehen würde. Damit wären schleswig-holsteinische Kin
der im Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze benachteiligt. Das können wir uns nicht leisten.
Die regierungstragenden Fraktionen bringen heute einen Gesetzentwurf ein, der es den Schulen und den Schulträgern, die sich noch nicht für eine der Schulformen Regional- oder Gemeinschaftsschule entschieden haben, ermöglichen soll, eine Fristverlängerung von einem Jahr zu erhalten, um sich umzuwandeln.
Zum einen setzen wir damit die im Koalitionsvertrag getroffene Vereinbarung zu einer eventuellen Fortführung einzelner Realschulen um, zum anderen wollen wir der Landesregierung die Möglichkeit geben, an den Schulstandorten, an denen sich die Meinungsbildung für die künftige Schulsituation schwierig gestaltet und wo der Fortbestand einzelner Schulen infrage steht, gemeinsam mit den Schulen und den Schulträger noch offene Fragen zu klären.
Wir brauchen ein schnelles Verfahren; denn im Februar laufen bereits die Anmeldeverfahren an den Schulen. Bis dahin brauchen die Schulen Rechtssicherheit und müssen wissen, was sie den Eltern sagen.
CDU und FDP wollen Korrekturen im Schulsystem vornehmen, die unsere Schulen und damit auch unsere Kinder erfolgreicher machen. Wir stehen für mehr Eigenverantwortung, für mehr Selbstbestimmung und für eine selbstbestimmte Schule in Zusammenarbeit von Schulträgern und Schulen.
Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass unserer Debatte heute die Vorsitzende des Landeselternbeirats der Gymnasien, Frau Krüger-Krapoth, folgt. Sie sitzt auf der Tribüne.
Ich beantrage für die CDU-Fraktion, den Gesetzentwurf an den Bildungsausschuss federführend und an den Rechtsausschuss mitberatend sowie die beiden Anträge von SPD und SSW an den Bildungsausschuss zu überweisen.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Frau Kollegin Franzen, ich freue mich, dass es Ihrerseits positive Signale gibt, unserem Antrag auf Entlastung der Schülerinnen und Schüler im Rahmen des G8-Gymnasiums folgen zu wollen. Zunächst möchte ich auch zu diesem Antrag sprechen.
Wir haben in den vergangenen Wochen vielerlei Proteste erleben dürfen. Dazu zählten der Bereich Hochschule, die Frage der Organisation der Bachelor- und Master-Studiengänge und vielleicht auch die unzureichende Finanzierung der Hochschulen. Dazu zählten aber auch Proteste gegen die Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium von neun auf acht Jahre.
Wir als SPD wollen uns nicht wegducken. Wir haben 2005 eine Entscheidung getroffen und G8 als verpflichtend eingesetzt. Wir haben das mitgetragen und mitverantwortet, weil es nach unserer Ansicht auf Dauer nicht verantwortbar gewesen wäre, dass junge Menschen in Schleswig-Holstein grundsätzlich ein Jahr älter sind als die Abiturienten aus anderen Bundesländern, wenn sie ein Studium oder eine Berufausbildung aufnehmen.
Die Verkürzung der gesamten Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre fand sich im Jahr 2005 auch in dem nicht realisierten Koalitionsvertrag mit den Grünen. Ich sage das einmal ganz deutlich als Signal an den SSW. Auch dort war unser Koalitionsvertrag vor dem 17. März durchaus auf Zustimmung gestoßen. Der SSW hat seinerzeit auch die Entscheidung mitgetragen, auf zwölf Jahre zurückzugehen, auch wenn sie das heute inzwischen wieder völlig anders sehen. Wir wollen auch nicht mit ausgestreckten Fingern auf andere zeigen. Wir üben hier Selbstkritik. Ich sage für meine Fraktion an dieser Stelle, dass wir die Belastungen für die Schülerinnen und Schüler unterschätzt haben und nicht den Mut hatten, eine Diskussion in die ständige Kultusministerkonferenz hereinzutragen.
Wir haben jetzt die ersten beiden Schuljahrgänge fünf und sechs. Bei uns haben sich die Befürchtungen und Erfahrungen bewahrheitet, die wir aus anderen Ländern kennen, die schon länger bei G8 sind. G8 erwischt die jungen Menschen in der Pubertät, was - wie wir uns alle hoffentlich noch erinnern können - eine nicht ganz einfache Lebensphase ist.
Die Evaluation der bisherigen Erfahrungen ergibt ein klares Bild: Die Schülerinnen und Schüler sind überfordert; sie haben zu wenig Freizeit. Aktivitä
ten, die nicht unmittelbar mit der Schule zu tun haben, fallen flach. Das ist nicht der Sinn der Reform gewesen.
Wir wollen nicht zurück zu G9. Es ist sinnvoll, dass wir zwei Schularten haben, die zum Abitur führen: das Gymnasium nach acht Jahren und die Gemeinschaftsschule nach neun Jahren. Auch die Verbände, die G8 frühzeitig kritisiert haben, wollen die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Sie treten aber für Veränderungen bei G8 ein. Was wir erreichen wollen, ist eine Entlastung der Schülerinnen und Schüler, indem wir die Stundentafel verschlanken. Es darf aber keinen Alleingang geben, der die Anerkennung des schleswig-holsteinischen Abiturs in anderen Bundesländern gefährden würde. Dies ist und war auch das Kernproblem. Kernproblem ist nämlich die bundesweite Festlegung des Unterrichtsumfanges auf 265 Wochenstunden.
Wenn man nun die Lehrpläne an den Gymnasien und die Curricula an den Hochschulen abgleicht, dann stellt man fest, dass die Hochschulen keineswegs nahtlos an das anschließen, was leistungsstarke Abiturienten nach dem Ende des 12. Jahrgangs erreicht haben, sondern vielfach darunter ansetzen. Das gilt insbesondere für die sogenannten MINTFächer. Der Bildungsausschuss hatte Studierende eingeladen. Gestern habe ich in der Diskussion mit ihnen erfahren, dass das zutreffend ist. Mathematik am Gymnasium und Mathematik als Studienfach haben ausgesprochen wenig gemeinsam. Es gibt Studienfächer in den Geisteswissenschaften, bei denen die Abiturienten kaum Vorkenntnisse mitbringen. Da ist also jede Menge möglich.
Die Senkung des Umfangs von 265 Jahreswochenstunden lediglich um 10 Wochenstunden halten wir nicht unbedingt für den wahren Schlüssel, verehrte Frau Kollegin Franzen.
Das würde bedeuten, dass man pro Woche lediglich eine Stunde und fünfzehn Minuten weniger Unterricht erteilt.
Ich glaube schon, dass wir deutlich an Werte herankommen müssen, die unter 250 liegen. Ich glaube, das sind auch leistbare Größen.
Lassen Sie mich noch ganz kurz einige Worte zur Schulgesetzänderung sagen. Wir werden diesen Antrag nicht mittragen. Wir halten es nicht für sinn
Es gibt keine Notwendigkeit dazu, weil es ausreichend Diskussionen unter den Schulträgern gegeben hat, Entscheidungen getroffen wurden und pädagogische Konzepte erstellt worden sind. Es ist nicht sinnvoll, wieder einen anderen Weg zurückzugehen. Ich kann nur dem Landesrechnungshof beipflichten, der der Auffassung war, dass wir in Schleswig-Holstein ein zweigliedriges Schulsystem entwickeln sollten. Das sollte insgesamt auch unser Ziel sein.
Natürlich werden wir diesen Gesetzentwurf in den Ausschuss überweisen. Ich würde mich freuen, wenn alle hier im Parlament zum Wohle der Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein, insbesondere der Gymnasiasten, eine Entscheidung treffen würden, die den Kultusminister beauftragt, für die Schülerinnen und Schüler etwas zu verhandeln, was auf eine - so glaube ich - etwas menschlichere und verträglichere Lösung für das Gymnasium und für die jungen Menschen hinführt, die zumeist im Alter von zehn oder elf Jahren als Fünftklässler davon betroffen waren. Ich würde mich über eine breite Zustimmung freuen.